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Wiener Morgenzeitung · 1919-04-10 · Heft 82 (10.4.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 82 (10.4.1919)
Date
1919-04-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Man denkt in diesen Kreisen EM Ausnützung der natürlichen Rivalität zwischen Amerika und England und will mit England zusMmett einen neuen Dreibund bilden, der den vok! Wilsoy geplanten Völkerbund zu einem Schattendasein herabdrücken und lediglich als Gegenstand für schöne Trinksprüche gelten lassen würde. Wilson wird isoliert und der Friede, der uns in''Men Pariser Telegrammen als unmittelbar bevorstehend bezeichnet wurde, füll wieder hinausgeschoben werden. Wenn aber die siegreichen Mächte, die mit so stolzen Hoffnungen sich zur Ausarbeitung eines DMatfriedens. in Paris züsammengefunden hatten, jetzt'unverrichteter Dinge ausemandergehen und ihre Beratungen aufheben, dann ist es sicher, daß sie oder ihre heutigen Wortführer den Frieden überhaupt nicht mehrabschließen werden. . . Wilsons Kampf gegen Clemenceau ist das Ringen depidealistischen JnternationalitA mit dem materia- Wfchen Nationalismus, der Völkerversöhnung mit der..Völkeroersklavung, der Menschheitsidee mit dem MÜLtarismus. Es 'drückt sich aber in diesem Kampf auch das weniger idealistische Bestreben Amerikas aus, das im Kriege erlangte politische uttd finanzielle Uebergewicht zu behatten und das verarntte, vom G^penst Der PrAimLnarfriede. Paris, 9. April. (Tel.-Komp.) O r l a n d o, L l o h d G e o r g e, C l e m e u e e a u ««dl Oberst House haben eine Einigung über die Prinzipien des Friedensabkommens erzielt.Wenn! sich Wilson, der immer noch n'chL das Zimmer.verlassen darf, gleichfalls damit eiuverstr«-? den erklärt, so ist die Festsetzung der Präliminarien nur noch eine Frage von Stunden. Große Erleichterungen für Ansländer in Nngarm Budapest, 9. April. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Der BolLsbeanftragte für Finauzmese» hat! die FinanzinstiLuLe angewiesen, fremden Staats bür gern auf Grund ihres von der! zuständigen Gesandtschaft oder dem zuständigen Konsulat vidierten NeisezerLifikats Ba«L»i noten oder Wertpapiere in der Höhe von insgesamt 3 tt SV Kronen flüssig zu machen «nd ihnen ihre Aktien, die stückweise keinen größeren Wert als 2009 Kronen repräsentieren^ ansznfolgen. Ausländer dürfen die hier erwähnten Werte mit fich nehmen. Die Erhöhung der Mehl- und Fettguote für Wien. Amtlich wird mitgeteilt r Die interalliierte Leb ensmittelkomMission in Triest hat beschlossen, wesentlich größer eMengem anLebensmiLteltt nach Wien zu liefern, um so rasch als tunlich die Erhöhung der Me hl- und FettratLonenzu ermöglichen. Tatsächlich sind auch schon in den letzten Tagen wesentlich erhöhte LebensmitLelmenge« von Triest abgegangen, so daß die Entscheidung Mer den Zeitpunkt der Erhöhung der Rationen voransfichtttch in nächster Zeit erfolge« kann. Mit den Regierungsvertretern find auch! die amerikanischen Mitglieder der Lebens-! mittelkommisfion in Triest, Kapitän Greg o * # und Oberst Corrsh, in Wien erugetroffe». Sie beabsichtigen, hier eine Ernährungs- und Trausportstelle einzurichten, um die Orgauisatrön der LebensmiLtelfenduugeu nach Deutsch« Äfi erreich mit größerem Nachdrucke durchfiihreui zu können. . lMopa ganz unter seine Kontrolle zu zwingen. Denn mcm^von der Persönlichkeit Wilsons absieht, so kommt nWM ,dem Schluß, daß in Paris die Finanzgruppen derWestmachte geMtt^KlrMkänischen Kapitalist müs im Kanchfe stehen und daß alle die Parolen vom Völkerbund, vom Neberrvinden des Kaisertumsvon der Befteiung und Verbrüderung in Vergesienhett geraten. Hinter diesen glänzend angestrichenen Fassaden birgt sich, die nackte Machtgier und der Goldteufel, der sich noch immer nicht am »Blut der Kriegsopfer fattgetrunken hat und die zu Boden getretenen Feinde zur Lohnsklaverei verurteilen will. ' Die Ententestaaten hatten die Absicht, in Paris aus ihrer eigener Beurteilung der Verhältnisse der Welt heraus ein Fried ensd>^'.uinent ferügzustellen und es, dann den unter sicherer Bedeckung oürzuführenden Mittelstaaten zur Unterschrift vorzulegem . Diese Absicht ist gescheitert,' mußte scheitern, west die Diplomaten der Entente es nicht getroffen haben, den ganzen Fragenkomplex, den die Entwicklung Rußlands und Zentraleuropas fast unentwirrbar verschlungen hat, zu übersehen, in seinen Zusammenhängen zu erkennen und auszulosen. Man muß nur bedenken, wie innig und fest heute das Mittelmeerproblem mtt der Orientfrage verbunden ist, welch schwereKonflikte aus dem chinesisch-mongolischen, dem japanisch-australischen Stteit für die Zukunst erwachsen können, wie die Anbahnung der Wirtschaftsreform in Mitteleuropa alle von den Ententeheeren gezogenen Absperrungslinien bedroht. Die Diplomaten der Entente entstammen einer vollständig volksfremden. BureauKratie. Sie haben ebensowenig. wie unsere Bethmann-Hollweg oder Berchtold die Kräfte gekannt, die für den Frieden wirkten. Sie haben ebenso wie Kühlmann und Czernin im Augen- Kck des Sieges die Besinnung verloren und leben in einem Blutrausch, der sie die nächsten Dinge nicht setzen läßt und ihnen vorgaukelt, daß ein Friede des ' Schwertes möglich ist. Sie tzcwen vollständig das Maß der Dinge verloren. Aber es zeigt sich auch noch, daß diese Diplomaten die politischen, nationalen und wirtschaftlichen Verhältnisse außerhalb ihrer Heimat. nicht verstehen. Es wäre sonst kaum nötig, die syrische, die deutschböhmische oder die schlesische Frage — um nur einige Herauszugreisen — erst.monatelang liegen zu lassen unb dann Kommissionen und Expeditionen zum Studium zu entsenden, die ihre Berichte wieder erst in Wochen oder Monaten erstatten können. Ueberhaupt steht die Arbeitsmethode, die die Friedenskonferenz einschlägt, in einem quälenden Gegensatz zu den Zuständen, wie sie sich heute dem Auge bieten. Die ganze europäische Welt ist in der Gefahr, zu Schlacken auszubrennen, aber die Herren ttn Pariser Uhrensaal diskutieren wochenlang über die Frage, ob zunächst ein partieller oder doch vielleicht ein totaler Friede geschlossen werden soll. Die Tscheche« i« Deutsch- ] Berlin^ 9. April. Wie die „B. Z. sru j Mittag" meldet, find gestern ans einiaen Teilen Dentschböhmens hier Mitteilungen über auffällige Maßnahmen emgetroffen. Das t s ch e ch i s ch e W a p p e n, das bisher über dem Tore des Rathauses in Reicheuberg angebracht war, ist am Sonntag entfernt und der Ehrenposten Seim Wappen eingezogen worden. Auf dem Trantenauer Rathaus ist die tschechische Fahne ei «geholt worden. Die tschechischen Besatzungen in einigen deutfchböhmischen Städten find ersichtlich verringert worden. Die Veranlassung zu allen diesen Maßnahmen steht bisher nicht fest. Die „B. Z. am Mittag" schreibt zu diesen Nachrichten: Zurzeit weilt im Aufträge der Entente General Smutsin Prag. Ob die ü b e rraschenden Maßregeln in Deutschb ö h m e n mit seiner Anwesenheit Zusammenhängen, sei es, daß er eine Entscheidung der Pariser Konferenz über den deutschböhmffcheü Gebietsstreit mitgebracht haß sei. cs -7-.. watzrschprnlich — daß er tschechische, Tmppenoerschiebungey^Men 'Ungarn, mit dem. er W nicht geeinigtA^atA verlaßgh° das kam ', zurzech W vermutet und kombiniert werden. \ Keine Sowietregierungen in . OftgaWen. . St an isla«, 9. April. (Tel. der „Wr. Mor-' gei^.tg.") Die russische Sowietregrernng vor-', breitet durch ein Radio vom 25. März dio Nachricht, daß G a l i z i e n sich im Ä u f-i ruh r befindet, daß in den Städten Galiziens! S 0 w i e t r e g i e r u n g e it errichtet wurden^' daß das Staatssetretariat in Stanislau ab^ gesetzt und die Armee auf.Seite der Sowiets! übergegangen ist. Dr. H 0 l ü b 0 w i e z, dev! Präsident " des Stastssekretariats, und alle Mitglieder desselben feien verhaftet worden^ Demgegenüber erklärt das S t a a t s s e k t e-j t a t i a t der ukrainischen Volksrepublik, daß alle diese Nachrichten in das Reich dev Phantasie gehören. Zn den westlichen Provinzen der ukrainischen Volksrepublik herrscht Ruhe und Ordnung. Mtt bitterster Enttäuschung sehen die gepeinigten Völker nicht allein der besiegten Staaten, sondern auch jene der Siegstaaten diesen Haarspattereien zu. Sie hatten ihre ganze Hoffnung auf die magische, alle Schwierigkeiten überwindende Kraft des Wortes Frieden gesetzt und sind Zeugen eines imperialijüschkapitalistischen Kulissenkampses. Es ist kein Wunder, wenn heute niemand mehr Zutrauen hegen kann, wenn alles resigniert die Hände sinken läßt und wenn sich in den breitesten Schichten der Völker dje Anschauung Bahn bricht, den Frieden könne nur die Weltrevolution mtt dem Ziele der Diktatur des Proletariats schaffen. Solche Stimmungen sind - nicht mtt militäcisch-polttischen Machtmttteln einzudämmen..Und wenn heute die Vertreter Frankreichs und Englands kra.npfhast bestrebt sind, die Machtfragen in den Vordergrund zu stellen und an das Schwert zu schlagen, so beweist das nur, daß auch bei ihren Massen das Umlemen begonnen hat. Der populärste^ englische Arbeiterführer Philipp Snowden hat dieser Stimmung klarsten Ausdruck verliehen, indem er in einer Versammlung m Blackburg sagte, daß der Frieden utcfn kommen würde, und daß' kein Friedensvertrag nutcr^tichttet werden würde. In Deuürliland. Ocster- ' reiäi und Ungarn gebe es remo Regierung, dre länger alssechs Stunden dauern würde, wenn sie zur richtigen Erkenntnis der wahren Friedcusbedmanngen käme, welche ihnen die Alli-- iertcii'cvuferenz zumuict. Der einzige Ausweg sei eine Revo-- - lution in dem größten Teil Europas. Er erwarte für die uüchstclr zwölf Monate oder zwei Jahre nichts als Chaos, in Europa Die großerr Volksarmeen in Rußland, Oesterreich, - Ungarn, Deutschland und. so sicher als die Sonne des-nächsiew Tages wieder aufgehen würde, auch m Italien und Frankreich würden sich zur endgültigen Vernichtung des kapitalistischen Systems der Tyrannei nnd Ausbeutung vereinigen und würden für alle Zeiten btc Herrschaft des Proletariats einsühren. Auf diese Weise würde erst der ewige Friede zustandekonrmdn, weil die Staaten des Proletariats auf ewigem Recht und ewigem Frieden aufgebmU sein würden. Der Weltbraud, der in Rußland, in Deutschland, in Ungarn dem Kampf aller gegen alle zutreiüt, kann nur verhütet werdet wenn die Friedenskonferenz^ zum einheitlichen Verständnis der Notwendigkeit des raschesten Versöhnnngssriedcns gelangt, wenn sie dem Hunger in Mitteleuropa mrd -all feinen tvirtschaftspolitischen Konsequenzen durch die sofortige Oeffuung aller Grenzen und durch'Mithttse an. der Lösung der Valutafragen entgegenarbeitet. Versagt aber die Friedenskonferenz, dann führt der nächste Weg zum Frieden über, einen allgemeinen Kongreß, der aber nicht rpehr - die Diplomaten, sondern "die Vertreter der Völker umfassen wird.

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