Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 77 (5.4.1919)
- Date
- 1919-04-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einen Lichchunkt in diesem Mster bildet die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und uns, sowie die Bereitwilligkeit Amerikas und Englands, den Wen Handel mit Deutschösterreich aufzurichten. Zunächst haben diese Erklärungen fteilich nur platonische Bedeutung. Ihre praktische Wirksamkeit werden wir erst/erfahren, wenn die ersten Rohstofftransporte ein- Sen werden und wenn die Lebensmittellieferungen t mehr als Hilfsaktion für eine verhungernde Bevölkerung einlangen werden, sondern im fteien Austausch von Staat zu Staat, wie es den Grundsätzen des freien Handels entspricht. Denn der Handel läßt sich nicht yon Mitleid oder Humanität leiten, als vielmehr von dem wohlverstandenen Interesse, Gewinn zu erzielen. , Ein wesentliches Element des Handels ist aber der Kredit, und solange wir nicht hören, daß die Hindernisse für die Kreditgewährung des Auslandes an unsere Republik beseitigt sind, läßt sich von einer Wiederaufnahme des fteien Handels nicht sprechen, zumal wir mit unserer vollkommen derouten Valuta «»'.Ausland nichts beginnen können. Es ist zu hoffen, daß in Amerikas und Englands Bereitwillig- LWzum Wen Handel mit uns auch das Versprechen -MMm ist; uns jene Krediterleichterungen^ einzu- WWn. welche die Voraussetzung dafür sind, daß die Versprechungen der Entente' prakttsch wirksam Herden. Deutschösterreich ist momentan in einer prekären Lage. Sicher ist, daß bei entsprechend energischer Führung der Geschäfte im Inland vieles hätte besser sein können. Bedeutend aber hätte sich unsere Lage auch jetzt nicht gebessert. Hauptschuld an unserem Elend ist außer dem vollständigen Versagen unserer Verwaltung das ,Verhalten unserer früheren Staatsgenossen, die sich Är Haß und Feindschaft gegen,uns abgeschlossen haben. Schuld trifft auch die Entente selbst, welche es erst fünf Monate nach Abschluß des Waffenstillstandes für gut befunden hat, uns den Brotkorb etwas tiefer M. hängen. Schuld tragen aber auch unsere Agrarier, deren staatliches Solidaritätsgefühl auf einem fo Liefen Niveau steht, daß sie jede im Interesse der Gesamtheit ergriffene Maßnahme zum Anlaß nehmen, um mit Selbständigkeitserklänmg zu drohen. Dtzse Politik der Agrarier, die uns heute zu erwürgen droht, hat aber viele Gefahren für sie selbst. Der Zustand der Abhängigkeit der städtischen Bevölkerung von den Bauern wird nicht ewig währen und es wird . nach Wiederaufnahme des fteien Verkehres und nach Erlangung halbwegs normaler Valutaverhältniffe eine - Zeit kommen, wo die Agrarier in größter Sorge um ihre Grundrente Zeter und Mordio gegen die Ein- . fuhr von ausländischem Vieh, Fleisch und Getreide schreien werden. Ihr heutiger Egoismus wird sich dann bitter rächen, da sich dann niemand finden wird, . der für sie das Wort führen wird, ftir eine. Kaste von Menschen, die in blindem Eigennutz den Städter brandschatzen und nackt ausziehen. . Wenn einmal die, internationalen Beziehungen wieder ausgenommen fein werden, können wir doch mit einenr gewissen Optimismus in die Zukunft schauen und der Finanzsekretär Dr. Schumpeter ist dann sicherlich zu der Hoffnung berechtigt, daß: sich in drei oder vier Jahren die Verhältnisse konsolidieren werden, vorausgesetzt, daß die Vermögensabgabe ihren Zweck erfüllen wird, dem Abbau der Kriegsschulden und der Sozialisierung zu dienen. Es wird natürlich die härteste Kraftanspannung und die intensivste Arbeit aller Verufsstände notwendig sein, . ftm das Leben der Republik zu sichern. Was vielleicht dem Staate als solchen nicht gelingen wird, kann einzelnen seiner Bürger gelingen. Oesterreich- Ungarn verfügte einstmals über sehr starke Sympathien im Auslande. Durch feine Wahnsinnspolitik im Kriege hat es sich diese Sympathien verscherzt. Um so mehr muß heute als Bornussetzkng füt den freien Handel und für die iun-nmtionalen Handels- und Kreditbeziehungen gejbr!>'/!t werden, daß sich Deutschösterreich in moralischer Die Entente gibt Eisenbahnmaterial. Der Chef der alliierten Eisenbahnmission, Oberst Sarrsey, hat gestern der deutschösterreichischen Regierung mitgeteilt, daß die Entente den Sukzessionsstaaten Oesterreichs zur leichteren Lebensmittelzufuhr Eisenbahnmaterial zur Verfügung stellt. Ententekompensationen im Falle deutschösterreichischer Neutralisierung. n V ern, 4. April. (Tel. der „Wr. Morgenztg.) In Kreisen der hiesigen dentfchösterreichischeck Gesandtschaft wird ernstlich behauptet, die Entente wolle im Falle einer Neutralisierung Deutschösterreichs, diesem Südtirol, Südmahren und Deutschböhmen zngestehe«. Das Anbot sei von sehr seriöser Seite gemacht worden. Pernichtende Niederlage der Sowietarmee im Kaukasus. London, 4. April. (Funkspr. der Tel.-Komp.) Das Freiwilligenheer des Generals S ch k u r o s im Kaukasus hat Wladißawkas im Kaukasus genommen. Von dem Bolschewikenheer, das ungefähr 160.000 Mann zählte, wurde die Hälfte zu Kriegsgefangenen gemacht und der Rest vernichtet. Die Bolschewiken Pud ans dem nördlichen Kaukasus vollständig vertrieben. Dagegen veranlaßt die Lage der alliierten Truppen im Murmangebiet ernste Sorgen. Sie muffen entweder befreit oder verstärkt werden. Eine amerikanische Abteilung ist bereits nach dem Murmangebiet unterwegs und eine britische Streitmacht ist gleichfalls auf dem Wege dorthin. Man erwartet, daß die Bolschewiken setzt versuchen werden, die Alliierten an die Küste zu treibe». Die Entente sendet Lebensmittel -nach Rußland. London, 4. April (Funkspr. der Tel.-Komp.) Nach Mitteilungen aus der Negierung nahestehenden Kreisen, sind die Alliierten entschlossen, den Hunderten von Millionen Hungernden in Rußland Hilfe zu bringen. Es wird aber betont, daß diese in Lebensmittelsendungen bestehende Hilfe keineswegs mit einer Anerkennungder RegierungLenins verbunden ist. Es wurde ein scharf umriffener Plan der wirtschaftlichen Versorgung Rußlands entworfen. Wer dessen endgültige Form die Regierungsstellen derzeit noch beraten. Amerika bat zu dieser Versorgung Rußlands seine Zustimmung erteilt, während die Antwort Frankreichs noch aus fte h t. Sicher ist, daß die Hauptlast bei der Versorgung Rußlands, England und Amerika tragen werden. Man hofft aber in London, daß auch die Neutralen an dieser Versorgung Rußlands teilnehmen werden. Für eine richtige Verteilung der von den Alliierte» zu sendenden Lebensmittel werden russischerseits Garantien verlangt werden. Zwangsarbeit der Bergarbeiter in Ungarn. Budapest, 4. April. (Ung. Tel.-Korr.°Bur.) Eine Verordnung des Volkskommifsärs für soziale Produktion verfügt r Bergwerksarbeiter dÜrfenihre Arbei tsstellen nicht verlassen und in die Rote Armee nicht eintrete n. Arlaub darf Bergwerks arbeite»« nur zur Verrichtung von landwirtschaftlichen Arb eiten oder in besonders berüÄsichtignngswnrdigenFälle» durch den den Betrieb kontrollierenden Arbeiterrat, beziehungsweise durch den Produktionskommiffär erteilt werde«. Zuwiderhandelnde werden vor das N e-r volntionstribnnal gestellt. und politischer Beziehung die Achtung der Welt erwirbt. Und da muß laut und deutlich gesagt werden: Es ist eine Schande für einen Staat, der sich in einer so verzweifelten Lage befindet, daß ein Teil seiner Volksvertreter nichts Besseres zu tun weiß, als in der Nationalversammlung eine öde Schimpforgie gegen die Juden aufzuführen. Die Weltgeltung des jüdischen Volkes ist heute eine andere als noch vor vier Jahren. Das jüdische Volk kommt langsam zum Bewußtsein seiner moralischen und politischen Kraft, i Und deshalb kann es über das Geschrei der Herren Stöcker, Mayr, Tanner und wie sie sonst heißen mögen, lächeln, deren Anwürfe durchaus nicht die stolze Höhe der jüdischen Ethik erreichen, die die Ahnen jener Schreier für sich abgeschrieben haben. Aber es ist nicht nur eine Schande, sondern es ist auch ein schwerer Schaden für den Staat, wenn solche Volksvertreter ganz übersehen, daß keine Körperschaft so unter der Kontrolle der Welt steht wie unsere Nationalversammlung. Und es läßt sich auch nicht die Tatsache aus der Welt schaffen, daß das Judentum ein mächtiges, kulturelles und wirtschaftliches Element darftellt. War> schon zn Lebzeiten der Monarchie ihr amtlicher Antisemitismus eine Ur-- * suche für ihre mindere Internationale Geltuilg, und war der Antisemitismus mit eine Todesursache dieses Staates, so wäre es heute einfach lächerlich, wenn das kleine Deutschösterreich, das auf die »Mitarbeit jedes einzelnen Gutgesinnten angewiesen ist, Konfessions¬ oder Raffenpolitik betreiben wollte. Die junge polnische Republik hat es durch ihre Pogrome dazu gebracht, daß sie bei allen menschlich und gerecht Denkenden geächtet wurde, und daß sie heute fast einem wirtschaftlichen Boykott gegenübersteht. Will Deutschösterreich dieses Schicksal teilen? 1 Die Mitglieder der NaLionalverfarnnmmg haben nach unserer Verfassung jetzt eine ganz andere Stellung als früher. Sie sind als Repräsentanten des Volkes die Träger der Staatsgewalt selbst. Es gibt eigentlich keinen Unterschied mehr zwischen Volk und Staat. Dessen scheinen sich aber nicht alle Abgeordneten bewußt zu sein. Die Politik droht in Demagogie zu versanden.. Wenn diese Gefahr nicht rechtzeitig erkannt wird, wenn sich die Republik Deutschösterreich von den Prinzipien der wahren Demokratie und der Rechtsgleichheit entfernt, dann wird sie, um ein Wort des Staatssekretärs Loewenfeld-Rnß zn gebrauchen, „verdorft" werden. In ihrer Metropole Wien werden Kühe und Ziegen meiden.