Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 71 (30.3.1919)
- Date
- 1919-03-30
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979148--00622-2985934- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10 Mm, Sonntag Wiener Morgenzeitung SO. März 1919 Nr. 71 Die jüdische Mutter und die In letzter Zeit können wir in jüdischen Blättern öfters Artikel und Neben lesen, die sich mit der Neuorientierung im jüdischen Schul- und Er.iehungswesen befass?». Immer und immer wieder taucht die Forderung nach der jüdischen Schule auf, die als das Kernproblem unseres Erziehungswesens bezeichnet wird. Beim „Jüdischen Jugendfürsorge- und Erzieh nngstag". wo diese Fragen auch aufgeworfen wurde», war Rabbiner Dr. Taglicht der erste, der auf die Rolle der Frau im Hause hinwies und auf die Anforderungen, die wir hier an sie stellen müssen. Wenn auch der Einfluß der Schule nicht zu unterschätzen ist. so'reicht er für sich ebensowenig aus, wie der des Hauses allein, um Juden, wie wir sie wünschen, die Mensch und Jude in gleich hohem Maste sind, heranzubilden. Auch dient die Schule, wie-sie jetzt ist, mehr dem Unterricht als der Erziehung. Das Kind ist dort erst vom 6. Lebensjahre an und auch dannnur einige Stunden des Tages. Die Mutter aber ist vom ersten Atemzug um das Kind, beschäftigt sich mit ihm, und erzieht es unausgesetzt, bewußt oder unbewußt. Don Erziehung, von wirklicher Erziehung im hohen Sinne des Wortes, kann aber nur die Rede sein, wenn drei Forderurigen erfüllt werden. Der Erzieher muß sein klar bewußtes Ziel vor Augen haben, er muß die entsprechende Kenntnis über die Psyche im!) Physis des Kindes besitzen und er darf sich nur solcher Methoden bedienen,-von denen er überzeugt ist, daß sie wirklich das leisten, was er von ihnen verlangt/ daß sie ihn zürn Ziele führen. Wie steht es nun damit bei unseren - natürlichen Erziehern, den Eltern? Die jüdische Familie hatte bis. zur Emanzipation des Judentums ein Erziehungsziels' das ihr klar vor Augen stand, denn es war. ihr durch die nationale Religion gegeben. Heute ist das anderst Während die Eltern einerseits die Erhaltung des Judentums fordern, verlangen' sie andererseits eine sehr weitgehende Ungleichung an d.ie Völker, unter denen wir leben, da sie glauben, ihren Kindern aus diese Weise eine bessere Eristenzmöglichkeit zu bieten. Aus diesem Grunde schon kann die jüdische Erziehung heute keine einheitliche und konsequente sein. Dadurch Ämmt aber auch das Kind in immerwährende seelische Konflikte, deren Größe und Tragweite nur zu oft durch Unkenntnis derselben unterschätzt werden. Damit' berühren wir aber schon,die zweite Forderung. Eltern haben unbestreitbar eine ziemlich bedeutende Kenntnis über gewisse einfache Voraussetzungen des jüdischen Lebens. Sie haben Eindrücke, nicht nur von ihrem Kindern, sondern auch von denen ihrer Umgebung. Aber diese Kenntnis ist laienhaft. Die Besonderheiten, die ihrem Kinde zukoinmen. kennen sie besser als irgendein anderer, aber zu entscheiden, was normale Entwicklung ist und was abnormale ist, sind sie nicht imstande, solange sie ihre Einzetersahrungen nicht an'den Erfahrungen der Wissenschaft korrigieren können. Für den Erzieher ist aber gerade die wissenschaftliche Kenntnis des Objektes unerläßlich. Den Eltern ist es daher auch nicht möglich, wissenschaftlich erprobte Methoden, so weit wir solche heute haben, zweckdienlich anzuwenden. Es fehlt ihnen die Möglichkeit, nachzusehen, ob die von ihnen gewählten Mittel, und nur sie aller», am besten und sichersten dazu führenj ihre Zwecks zu erreichen. ' Während tvir es sonst nie wagen würben, einen B'eruf zu ergreifen, ohne ihn vorher genau ins Auge zu fassen und uns gründlich für denselben vorzubilden, findet die natürlichste und wichtigste Aufgabe der Frau diese meist gänzlich unvorbereitet. Es wäre in erster Reihe ihre Pflicht, sich mit all dem zu befassen, was sie heute von citter tüchtigen Erzieherin verlangt, der sie für Geld das anvertrauen muß, was ihr das Höchste, sein sollte, nur weit sie selbst nichts davon versteht. Jedes jüdische Mädchen und jede, jüdische Frau sollte sich mit den Ergebnissen der modernen Forschung in allen einschlägigen Wissensgebieten, vornehmlich der Psychologie und Pädagogik, eingehend beschäftige», damit sie dort, wo ihr Platz ist, mit Vollkraft mithelfe an dem Wiederaufbau des Volkes. Von allen Seiten wird die Forderung nach jüdischen Inhalten tat der Erziehung aufgestellt. Es genügt aber nicht, daß die Mutter hebräisch spricht, die Bibel, die Sagen und Mythen unseres Volkes ihr ebenso geläufig sind wie seine Geschichte. Dieses Wissen wird tot bleiben, wenn sie nicht die schöpferische Begabung und wissenschaftliche Schulung besitzt. Nur die Mutter, dis das Denken und. Fühlen ihres Kindes vevsteht, dir seine Freuden und Leiden miterlebt, wird auch imstande sein, all das lebendig umzngestalten und so ohne Vernachlässigung des Körpers und der Seele wahrhaft jüdjfck) zu erziehen. s Das soll aber ja nicht heißen, daß die Mutter von i früh bis abends ständig um das Kind ist, alle seine i Schritte ängstlich bewacht, all sein Tun beobachtet und! unausgesetzt kritisiert! Im Gegenteil: das Kind muß! volle Freiheit haben, damit sich seine Phantasie aus- . leben kann. Die Erziehung soll nur die Leitung drr-! stellen, die möglichst unbemerkt den Wisiens- und Taten- ■ drang des Kindes in die Bahnen lenkt, die uns zur | Erreichung unseres Zieles die richtigen scheinen. Hem- - mend eingreisen oder gar Abwehrmaßnahmen tress-n ° soll der Erzieher nur, wenn die Handlung dem Kinde ■ selbst ober anderen Pe so neu in irgcn einer Weise znm i Schaden gereichen könnte. So zeigt sich uns deutlich, wie unermeßlich groß - der Einfluß der Mutter auf die Erziehung der Kindes sein kann, wenn ihre Pädagogik keine rein ersahrungs- ' gemäße, sondern eine wissenschaftliche ist. Nur wenn; die Mutter bewußt/erzieht und wi's.'ntlich ihr ganzes - Können in den Dienst des Volkes stellt, wird es uns gelingen, eine Jugend heranzubilden, in der das Ideal des Menschen und Juden, wie es in uns allen lebt, seiner; Verwirklichung nahe kommt. Margarete K o h n. Der Streik der Frauen. Die Wiener Jüdische KulltNaei»ieni'->e Hit anks! neue ihr wahres Judentum dokumentiert, ihr fort-; schriftliches Niveau der staunenden Mitwelt erwies.'n.!'Durch den Mn.:d ihres Vorstandes hat sie gesprochen! hat sie ausgesprochen, was alle die Herren des Vor-! standes jeden Morgen nach der Weise ihrer Väter inbrünstig und mit erständnjs beten: „Gelobt seiest Du, o Gott, der Du mich nicht zum Weibe geschaffen hast!" Manche, die es in deutscher Sprache beten müssen, weil ihre hebräischen Kenntnisse nicht einmal so weit s reichen, daß sie ihre heißesten Dankgesühle in traditioneller Weise ausdrücken können, lassen ihrer Seele k die Zügel locker und setzen in Gedanken hinzu: „Denn « wenn Du mich, Gott behüte, zum Weibe geschaffen chattest, so hätte ich nicht Kultusvorstand werden können; wenn ich es aber doch geworden wäre, dann hätten alle Weiber der heiligen Gemeinde' Wien geglaubt, sie seien auch Menschen undhätte» verlangt, gleiche Rechte Hu haben, wie die Männer — man denke! Gott behüte mich und meine Kollegen im Vorstand der heiligen Gemeinde Wie» auch weiterhin davor, daß auch die Weiber ihrh Stimmen erheben, um mit- .zuarbeiten am Wähle der Gemeinde. Denn siehe, o Herr (so fährt, der Kultusvorstand in deutscher Sprache zu. beten fort) die Männer haben wir mit jahrzehntelanger Mühe endlichso weit bearbeitet, daß sie nicht reden, wo sie nicht gefragt werden (und sie werden nie gefragt!), daß sie mit allem einverstanden sind, was wir Vorschlägen (und wir schlagen nie etwas vor!) und daß sie alles gut finden, was wir tun (und wir tun nie etwas!). Und ferner, Herr. Israels, haben wir den Frauen der heiligen Gemeinde Wien beigebracht, daß sie zu schweigen haben im Rate der Männer, daß sie in die Küche gehören und nicht in die Settenstettengasse, daß die Erziehung ihrer Kinder sie garnichts angehe nnd daß sie alles, was sie Überhaupt nur betrifft, n»s Männern zu überlassen Haben. Denn da wir nie etwas für uns selbst tun '(wenn es uns keinen besonderen Ehrenposten einträgt), wozu muß man für die Frauen und gar für die Kinder einen Finger rühren? Leider, haben sich, o Herr im Himmel, in der letzten, - allzu - gottlosen Zeit Männer erhoben, die meinten, es rnü&te; vieles in unseren Institutionen geändert werden.' Die' Waisenpflege müsse von Grund aus reformiert, - die .Krankenfürsorge erweitert, das Erziehungswesen einer völligen Reorganisierung unterzögen, ja sogar das allgemeine gleiche Wahlrecht, das in der ganzen Welt herrscht, auch bei uns eingesührt werden. Bei uns! Höre, o Herr, diesen Frevel! Wozu das alles?-Sind wir vielleicht modern? Sind wir demokratisch? Sind wir, 'Gott behüte, gar national? Aber diese Lästerer, o Herr, haben frevelhaft gewagt, auch unsere heiligsten Gefühle zu verletzen — sie verlangen, daß die Frauen gleichberechtigt sein sollen, gleich und gleich mit uns, der Krone -der Schöpfung, den Männern! Sende Deinen Blitz und zerschmettere sie in Deinem Zorne, o Herr! Was unZ seit Jahrhunderten zur lieben Gewohnheit war — die Frau als Hausgerät, als Schmuck des Heimes zu betrachten, den Sitzungssaal als das Heiligtum der Männer zu respektieren, die Khille als ein geduldiges Pferd zu zügeln nach unserem Willen, das nur zu wiehern hat und nicht zu reden — all das soll aufhören, denn das wissen wir schon, jeder einzelne von sich auS: wenn die Frauen erst ihre Stimmen gebrauchen dürfen, dann fangen sie auch an zu reden, und wenn sie rede», werden sie nicht aufhören, bis alles in Ordnung geht tote bei ihnen im Hans, bis lein Rannt mehr ohne j frische Luft bleibt und kein verstaubter Winkel unaus-! gekehrt; sie werden einen großen Kehraus machen und i Gott behüte, manchen von uns Vorstehern hinaus-; fegen — die Zeilen der Sündflut werden wieder-, kommen! \ Lieler Gott, verhüte dieses Unglück! Laß die Frauen bleiben, wie sie sind und stumm im Sitzungs-; saale der heiligen Gemeinde Wien! Und ich werde Dir weiter täglich danken, daß Du mich nicht zum Weibe geschaffen hast!"! Tägsich hatte der Vorstand der Kultusgemeinde : dieses Gebet gesprochen mit Erfolg. Mer in einer Nacht, kurz vor den Neuwahlen, hatte er einen für»,.erlichen Traum. Er mußte zu einer Sitzung der Kultusgemeinde gehen, und als er sich ankleiden wollte, fand er seine Kleider nicht. Erst nach langem Suchen entdeckte er sie dort, wohin er sie ge- - tvorfen hatte — ungeordnet, das Bitgelhemd schmutzig, die Strümpfe durchlöchert, die Stiefel kotbespritzt, der Pelz ungebürstet. Fluchend zog er sich an, und ohne i Frühstück (denn weder Frau, noch Tochter, noch Köchin! war zu sehen) ging er. Mer als er wieder heimkam — das gleiche Bild: alles öde, leer, kalt, unaufgcräumt, ' und kein Mittag duftete lieblich aus dem kalten Herd. Das war selbst für die Geduld eines Kisitusvorstandes zu viel! Fast hätte er, seine Frömmigkeit verleugnend, einen Fluch ausgestoßen. „Diese verwünschte Weiberwirtschaft! Was ist denn los? Warum ist nichts gekocht? Wo stecken denn die Weiber alle?" Zorn schnaubend -stürzte er in das Zimmer seiner Frau. Richtig, da saß sie, die allzeit Ruhige, ganz ruhig am Fenster und las ein Buch: „Ueber die Gleichberechtigung der Frau." „Was soll das heißen?" schrie der Kultusvorftand empört. „Du bist im Haus und es ist nichts getan worden? Wo ist das Essen? Wie sehen meine Sachen aus? Wie sieht die Wohnung aus? Was ist los?" Lächelnd und gelassen erwiderte die Frau: ,,Rege Dich nicht auf, lieber Mann. Es ist alles ganz einfach! Ihr habt es so gewollt. Ihr habt als einzige Institution in der ganzen Welt uns Frauen das Stimmrecht versagt und uns damit zu Menschen niederen Grades gestempelt. Mer wir sind nicht mehr die Frauen von vorgestern. Wir lassen uns das nicht gefallen. Du siehst, was wir euren reaktionären Beschlüssen entgegensetzen: Den Streik der jüdischen Frauen von Wien!" Wachsbleich stand der Kultusvorstand da. ,,Jhr streikt? Und was soll aus uns Männern Werdens?,/ Wer soll uns verpflegen, wer soll für uns sorgen? Was sollen wir ohne euch anfangen?"! .„Siehst du," sagte die Frau, „das hättet ihr euch! nur vorher überlegen sollen. Wir sind nicht mehr wehrlos — wir helfen uns selbst. Von heute ab wird keine jüdische Hausfrau ein Mittagessen kochen, keine Näherin'eure Hemden flicken, keine Wäscherin, eure Wäsche waschen, keine Lehrerin eine Klasse unterrichten, keine Stenotypistin einen Brief schreiben, bis ihr uns unsere primitivsten Menschenrechte gegeben habt; noch mehr, kein hübsches Mädchen wird euch anlächeln, keine sorgende Gattin die Falten von der Stirn streichen, keine " m hörte nichts mehr; vor seinen Ohren sauste es, vor seinen Augen flimmerte es, er murmelte nur dumpf: „Der Streik der Frauen —- das Ende der Welt" — dann stürzte er zu Boden. j In Schweiß gebadet, erwachte der Kttltusvorstaitd. — Nie wieder dankte er seinem Schöpfer, daß er ihn nicht zum Weibe erschaffen. Nanny Margulies-Auerbach. r Jüdische Frauenversammlung. Am 26. d. M. fand im Cafö Colosseum eine Frauenversammlung des „Zionistischen Frauen Verb an des" statt. Frau Erna Patak, die den Vorsitz 'führte, begrüßte die Frauen des 9. Be-, zirkes.. ,j ■ Als erster Redner führte D'r. Fritz Löhner aus, d.ie Errungenschaften auf allen Gebieten könnten öergessen, überholt werden, nur die edelste Errungenschaft, - das: Selbstbestimmungsrecht der Völker, wird immer J bleiben. Den jüdischnationalen Gedanken, die Sehnsucht nach einer eigenen Heimstätte, trug das jüdische Volk seit jeher in sich. Es liegt vor allem an der jüdischen Frau, die immer den jüdischen Geist intensiver bewahrt hat als der Mann, ihr Kind im jüdischen Geiste zu erziehen; die Frau mujf aber ßuch ihren Mann wieder seinem jüdischen Volke znsühren können.' Wieder stehen wir vor Wahlen, wieder müssen wir Stimmzettel abgeben, es kommt aus jeden einzelnett an. Wir hoffen. MM MUMM