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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-30 · Heft 71 (30.3.1919) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 71 (30.3.1919)
Date
1919-03-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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6 t’ue 4 LViLil, (sonntag Wiener ÄLorgenzettmrg öO. März i9i9 V Deutsche Bergarbeiter fordern Aufnahme der Beziehungen zu Rußland. z E ss e n, 29. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der DernarbeiLerstreik im RuhrgebreL erstreckt sich auf 30 Zechrn. 32.060 Bergarbeiter steten «och im Streik. Aus den von der Arbeiterschaft gestellten Forderungen: Entwaffnung und Auflösung dev Negierungstruppen und der Polizei sowie Aufnahme der Beziebungen zur S owiet regier ung in Rußland, ergibt sich der politisch e Charakter der von Kommunisten geschürten Bewegung. DerrtschlanÄ zahlt Gold für Lebensmittel. , Brüne!, 29. Marz, l^unksvr. des Tel.-Korr.-B:n.'> Soeben fft hier ein Svcziolzug ans Berlin ernqetroffen, der 175 Millionen Marl in Gold zur Bezahlung der an Deutschland zu liefernden Lebensmittel überbracht hat. Kommunistischer Ausstand im Ruhrrevier. Egen a. L. Ruhr, 29. Matz. (Wolff-Bur.) Die AuSsiaudsbcwsgung har sich heute weiter ausgedehnt. Im Dortmunder Bezirk sind 11» im Wittener Bezirk 12 und im Bochunier Bezirk 7 Zechen am Ansstand beteiligt. Der politische Hintergrund der Bewegmrg ergibt sich aus wlgenden Forderungen an die Negierung, die gestern in einer Versammlung in "angmdreer beschlossen worden sind: 1. A nerkennung der Arbeiter- und SoldatenriUt, L. sofortige Durchführung der Hamburger. Punkte betreffend die Komurandogewalt. 3. Freilassung aller politischen Gefangenen, L sofortige Bildung einer revolutronarenA r beiterwehr, ö. sofortrgeAnknüpfunapollti sch er und wirtschaftlicher Beziehungen zur Sowretregierung Rußlands, 6. sofortige Einführung des Achtstlmdentagcs, 7. Entwaffnung der Polizei im Ruhrgrbute und in ganz Deutschland. v Heimkehr der Deutsche« aus Ostafrika. Rotterdam, 28. März. (Tel.-Kon§>.) Gestern abends ist der Dampfer ,,Borga" mit 289 Kmdem, 911 Frauen und 79 Männern hrer emgetroffen. Die Passagiere kommen aus D e u t s ch o st a f r i k a und reisen nach Deutschland weiter. rrn /^ARiAMiüTRSTRASSE N’48 Belgier besetzen den Hafen von Düsseldorf. Düsseldorf, 29. Marz. (Tel.-Komd.) Eine Abteilung von 50 Belgiern hat den Düsseldorfer Hafen besetzt. Diese Besetzung ist der Stadtverwaltung früher angekündiat worden. Die Entente begründet die Maßnahme damit, daß ne nur durch Besetzung der rechtsrheinischen Häfen den Schutz des Rheinverkchrrs gewährleisten könne. Englisches Ausfuhrverbot für Gold. London, 28. Marz. (Tel.-Komp9 Es wurde ein allgemeines Ausfuhrverbot für Gold und Goldmünzen vom 1. April an erlassen; die Emfuhr von Gold und Goldmünzen wurde gestattet. Rubel rmd russische Banknoten, unt Ausnahme derjenigen, die dre vorläufige Regierung in Archangrlsr auSgibt, dürfen eingeführt werden. Amerika und England verhandeln mit T chitscheriv. s , 2 Frankfurt, 29. May. (Tel. der „Wr. Morgeuztg".) Wie die „Frankfurter Zeitung" meldet, leitet Amerika und England Verhandlungen mit der russischen Negierung zwecks Verständigung auf der Grundlage von Tschitscherins Note ein. Daraus erklärt sich die Zurückhaltung in der Note TschitfcherinS an Ungarn. Fleischlose Woche in der Schweiz.; Zürich» 28. März. (Tel. der „Wr. Morg enztg."l Die „Neue Zürcher Zeitung" meldet, daß die Woche vom 31. bis 18. April! in der Schweiz fleischlos sem wird. Patzzwaug im jugoslawische« Reiseverkehr. , Agram, 29. März. Das Amtsblatt „Narodni No- * vinh* veröffentlicht eine Kundmachung, wonach für den g esamten Verkehr nn Gebiet des Königreiches d.e E i nführnng von Nerselegitimatronen ütiQforbnct p'ird. «■RWCN au. m Der Eisenbahnerstreih endgültig beendet. Eine Stockung im Südbahnverkehr. , - A Seit gestern mittag § erst konnte mit Gewißheit behauptet werden, daß der Eisenbahnerstreik in seiner Gänze beendigt und der Verkehr auf allen Linien wieder aufgerwmmen ist. Während nämlich der Verkehr auf der Ostbahn, West bahn, Franz JosefS-Bahn und Nordbahn entsprechend dam Kompromiß zwischen Regierung und den Vertretern der Eisenbahner, gestern früh sich ganz normal abwickelte, haben die Eisenbahner von Wiener-Neust a d t d e n B e t r i e b auf der Südbahn, und zwar auf der Strecke Atzgersdorf—Wiener-Neustadt bis gestern mittags teilweise verhindert. Es gab wieder eine kurze Zeit in allen verantwortlichen Kreis-:n große Erregung und das Telephon zwischen Wien und Wiener- Neustadt war ln ständiger Funktion. Schtvere Sorge kehrte wieder ein, denn das Anrollen der Lebensmittelzüge war wieder ins Stocken geraten. Bis 2/4I2 Uhr waren in Wien nur Züge eingelangi, die aus Abfahrtsorten vor Wiener-Neustadt kamen, sämtliche Fernzüge wurden dort aufgehalten. Endlich um 12 Uhr traf in Wien die telephonische Meldung aus Wiener-Neustadt ein, daß die dortigen Eisenbahner auf Grund der mit den Wiener Delegierten des Streikkvmitees gepflogenen Verhandlungen sich den Wiener Beschlüssen anschließen und den Betrieb wieder voll ausnehmen. In letzter Stunde noch und im Bewußtsein der gemeinsamen großen Not, haben die Eisenbahner von Wiener-Neustadt und die Delegierten des Wiener Streikkomitees den Weg des gegenseitigen Entgegenkommens gefunden. Erst seit gestern mittags konnte Wien aufatmen, erst seit gestern mittags hat das verhungerte Wien wieder die Hoffnung aus das Eintreffen der Lebensmittelzüge und somit auch die Hoffnung, daß die infolge des Eisenbahnerstretks befürchtete Verkürzung der Brotquote unterbleiben wird. Die Ursachen der Stockung im Südbahnverkehr. Ueber die Ursachen, welche für kurze Zeit zur Stockung im Südbahnverkehr geführt haben, wird uns von unterrichteter Seite folgendes mitgeteilt: Die an der Lokal st recke bis zum Semmering wohnhaften Eisenbahnbebiensteten verlangen mit Rücksicht auf die doppelt so hohen Lebensmittelpreise in den niederösterreichischen Stationen dieser Strecke gegenüber den Lebensverhält'nissen in drr Steiermark doppelt so hohe L0hnung als die steirischen Eisenbahner haben. Sie erklärten, daß sie über das' Kompromiß einerseits nicht genügend informiert, an«; dererleits bei der Abstimmung zum Teil nicht anwesend' waren. Unter dem Einfluß des populären Lokomotivführers Ruschitzka wurde nun in einer Eisenbahn.'rversammlurrg in Mener-Neustadt gestern um 8 Uhr' vormittags beschlossen, den Streik aufrechtz nerhalten, wenn ihre Forderungen nicht ersilllt würden. . Den Wiener-Neustädte rn schlossen sich die. Bahnbediensteten der ganzeen Lvkalstrecke' bis Payerbach an, so daß die im Wiener-Neustädter' Bahnhof haltenden Züge, und zwar der Schnellzug ' und der steirische Personenzug nicht weiter fahren! konnten, wenigstens so lange nicht, als die Verhandlungen mit den versammelten Eisenbahnern andauer-- ten. Um 12 Uhr endlich, nach langwierigen Beratungen und telephonischen Verhandlungen mit Wien, faßte die Versammlung den Beschluß, den Betrieb wieder aufzunehmen, nachdem es auch hier zu einem Kompromiß gekommen war. Die in Wiener-Neustadt' haltenden Züge konnten weiterfahren unb ebenso wurden sämtliche im Laufe des Tages dort einlangende,t, Züge, besonders die Lebensmittelztige, fahrplanmäßig ab ge fertigt. Der Beschluß zur Wiederaufnahme des Verkehrs. ~ Gegen Mittag wurde folgendes Telegramm an die vom Streik berührte Strecke abgeschickt: „Die Streik-, leitung Wiener-Neustadt für Verkehr und Bahnerhal-' tung hat mit Rücksicht auf die allgemeine Lage der Bevölkerung beschlossen, die Arbeit in vollem Umfange aufzunehmen, beziehungsweise den Streik zu unterbrechen. Die Streikleitung behält sich jedoch vor» daß ihre Vertrauensleute mit dem. Staatsamte fürVerkeh ^bezüglich der noch auS stehenden Forder un gen in Fühlung treten. Streikleitung Wiener-Neustadt." Der Z^rkehr auf der Süd bahn ist mm seit gestern mittags 12 Uhr auf allen Linien wieder normal, ebenso, wie schon. eingangs erwähnt, auf alle« anderen Bahnen. Der Streik der Eisenbahner ist endgültig und restlos beendigt. Tagesbericht. Die Not der Kinder. Von De. '^Sanel Beer. Die größte Verheerung und die nachteiligsten Folgen für bi« Lebenskraft hat die fast fünfjährige Hungerblockade bei den kleinen Kindern und der schulpflichtigen Jugend verursacht. Habe» schon die Erwachsenen infolge der Unterernährung stark zu leiden und sind selbst 20 Prozent Gewichtsabnahmen keine Seltenheit, so hat die Art und der Umfang der Aushungerung der Heranwachsenden Jugend deren Elend in erschreckendem Maße gezeigt. Braucht der Erwachsene eine bestimmte quantitative und qualitative Nahrung bloß zur Erhaltung des Gleichgewichtes im Haushalte des Körpers, benötigt die Wachstumsperiode eine ausreichende Ernährung außerdem zum notwendigen Aufbau und Wachstum des Körpers, ansonsten die Jugend in ihrer normalen Entwicklung gehemmt wird, auf niedriger, kindlicher Stufe stehen bleibt, die körperlichen und geistigen Leistungen schon für die Schule und später für den Beruf herabgesetzt werden, so daß aus einem minderentwickelten Kinde nie ein vollwertiger Bürger wird. In einer vom Amte für Dvlksgesundheit verfaßten lesenswerten Denkschrift kann man erschreckende Zahlen über KindeSnot und Kindertod hören. Wohl kennen Lehrer und Kinderärzte in den Ambulatorien die verheerende Einwirkung der Unterernährung, sie sehen mit Schaudern die ab gemagerten, blassen, meist tuberkuloseinfizierten, oft verwahrlosten Kinder» von jenen geht auch immer wieder der Ruf nach Hilfe und Rettung unserer zukünftigen Generation aus — doch daß die Zahl der Todesfälle der Fünf- bis Fünfzehnjährigen für Deutschösterreich um 50 Prozent, in Wien allein sogar um 60 Prozent angestiegen ist, ist zwar nach neuen Berechnungen wahr, eS übersteigt aber jede Vermutung. An erster Stelle steht die Tuberkulose als typische Wohnungs- und Ernährungskrankheit unter den Todesursachen. Die Zunahme dieser sogenannten „Wiener Krankheit ist geradezu katastrophal. Der Zuwachs der Todesfälle an Tuberkulose beträgt für die jugendlichen Altersstufen beider Geschlechter seit Kriegsbeginn bis zu 120 Prozent. Eine eindringliche, beredte Sprache sprechen die Zahlen über die Abnahme des Körpergewichtes bei den die unentgeltlichen Ambulatorien aufsuchenden Kindern. Es fehlten beispielsweise auf das richtige, dem Alter entsprechende Gewicht 6jährige n Knaben 3.9, Mädchen 3.7, 9järigen Knaben 6.3. Mädchen 5.0, 11jährigen Knaben ,4.7, Mädchen 3.3, 14jährigen Knaben 10.7, Mädchen 7bis 8 Kilogramm. Außerdem zeigt sich ein vermehrtes Auftreten.von schweren Formen der Rhachitis infolge ungünstiger Ernährung und ein beängstigendes Ueberhandnehmen der Blutarmut bei Kindern. Auch da fehlt zur Heilung der im Ausland erzeugte, altbewährte Lebertran, von dem sich aber Deutschland trotz der Absperrung eine genügende Menge zu verschaffen wußte. Angesichts dieser erschreckenden Tatsachen muß für unsere ausgehungerten, unterernährten Kinder im Frühling und kommenden Sommer etwas geschehen. Das wichtigste Heilmittel ist und bleibt: reichliche Lebensmittelzufuhreu durch die Entente, aber nicht so viel, oder besser, gesagt, so wenig, um gerade das Harde Leben fristen zu können. Damit hat eS leider noch weite Wege. Mit der besonderen Fürsorge für schwangere und stillende Frauen, mit der geringen Zubuße an Lebensmitteln für Säuglinge und Kleinkinder, mit der schönen Aktion »Mannes Frühstück für die Kinder" — deren etwa 17.000 in Wien teilhaftig werden —, mit der Auf-, fütterungsstelle im KriegSspital Grinzing, mit den Tagesheimstätten der „Bereitschaft" allein, mit der Förderung des Ausbaues der Schrebergärten — derer: es etwa schon 15.000 in der Umgebung Wiens gibt und deren Ernteerträgnis im vergangenen Jahre allein 12.000 Waggons Gemüse und Erdäpfel beträgt mit all diesen dankenswerten Bestrebungen ist für die. Krregsverhältnisse vielleicht viel, in Wirllichkeit aber, bei dem Elend der Kinder viel;y.t wenig geschehen. Das wichtigste wäre für den Augenblick die weiteste Förderung der Aktion „Wiener, Kinder aufs Land". Ist es voriges Jahr größtenteils der privaten Initiative gelungen, fast 100.000. Kinder einer geregelten Ferienfürsorge teilhaftig werde::. zu lassen, sie teils in Heimen, teils bei Familien in- Holland, der Schweiz, Ungarn, Ober- und Niederösterreich unterzubringen, so müssen heuer fast alle, bedürftigen, unterernährten Prvletarierkinder für wenigstens acht Wochen zu Landaufenthalt und guter Verpflegung — und somit zu guter Erholung — kommen. Alle maßgebenden Faktoren, die privaten Kreise .Gemeinde, Land und Staat müssen ihre organisatorischen Kräfte und Mittel vereinigen, um das angestrebtc Ziel zu erreichen und unserer armen Jugend zu helfen: Jeder einzelne möge sich an seine glücklich verlebte, genußfrohe Jugendzeit erinnern, um das Elend der jetzt leidenden Minder zu verstehen und freudig sein Schcrs-. lein zu dem Glück der Kleinen beizutragen. Die Denkschrift berichtet auch, dcU schon bewährte Hände mit den Vorarbeiten begönnen haben, um den-. Kindern eine Erholung zu ermöglichen. Der katholische Frauenverein, der von 4000 Schtveizee.Familien die Zusicherung zur Aufnahme deutschösterreichischer Kinder hat, hat bereits im Februar dieses Jahres zwei Transporte zu 500 Kindern in die Schweiz geschickt, Frau von Einen: hat 500 Kinder ins Börner Oberland gebracht und tuitb ihre Aktion weiter aus gestalten. Frnmeiu

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