Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 71 (30.3.1919)
- Date
- 1919-03-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Es muß nun rcchtzeittg vorgebaut Herden, damit nicht in Bälde ein anderer» ebenso Wichtiger Berufszweig die Notlage des Staates benützt, um für sich Forderungen zu erzwingen, die, wie Han anerkennen muß, selbstverständlich berechtigt sind. Denn es gibt heute keinen einzigen Beruf, Wett Forderungen nicht berechtigt wären. Nun ist die Regierung für vieles verantwortlich, aber allein verantwortlich ist sie nicht. Die Regierung kann nur die großen Grundsätze, nach welchen die Staatsverwaltung und die Politik des Staates zu führen sind, festsetzen. Pie Einzelheiten der Verwaltung werden nur zum Wringen Teil von der Regierung selbst durchgeführt, Mdern von den Körperschaften der Selbstver- Mltung, von den Ländern und Gemeinden. Welchen Schaden diese durch ihr Tun und noch mehr Huch ihr Unterlassen für die Gesamtheit eines Gemeinwesens stiften können, hat die Gemeinde Dien bewiesen, deren Nahrungspolitik während des ganzen Krieges versagt hat und versagen mußte wegen des in der Wiener Gemeindestube herrschenden Geistes. Pis zu der, im Dezember durchgeführten Erneuerung htzsMemeinderates und des Stadtrates und damit zur Zufuhr sozialen Oeles führten in der Gemeinde die Hausherren, die Greisler und die Bauinteresienten das' große Wort und konsiten damit das Schicksal einer' Zweimilliönenbevölkemng nach ihrem Willen lenMn, der mehr, dem Wohl des kleinen Mannes ich; christlichsozialen Sinn des Wortes galt, als der Versorgung cher Konsumenten. Daß dieser kleine Mann während des Krieges ein großer Mann geworden ist, der infolgeder Rayonierung der Lebensmittel usw. die Hrnsumenten direkt in seine Untertänigkeit gebracht hüt, der sich durch Schiebergeschäfte aller Art und durch Schleichhandel bereichert hat. ist ein anderes Kapitel. Run stehen wir vor der Tatsache, daß dieser bürgerliche Egoismus, dssr sich nicht nur in Wien, sondem M vielen anderen Städten in der brutalsten Weise gezeigt hat, sich bankerott erklärt und daß die Tage der Herrschaft dieser Klasse gezählt sind. Aber die begangenen Fehler wirken sort und die schönsten politischen. Grundsätze können nicht das gut machen, was in vier Jahren einer kontrollofen Wirtschaft bis in die geringsten Einzelheiten -vernachlässigt worden ist. Das Bürgertum kann also sehen, wohin die krasse Verfolgung einseittger Klasseninteressen führt. Ein etwas weiteres, aber noch immer nahe genug liegendes Beispiel ist Ungarn. Kein Staat hat eine so rücksichtslose Klassenpolitik getrieben, wie Ungarn, lrein Volk eine solche nationale Intoleranz an dm Tag gelegt, wie das ungarische. Und heute regiert Genosse Kuhn im Namen des Kommunismus, der nur die Klasse des internationalen Proletariats kennt. Und noch weiter weg: Die Pariser Friedenskonferenz, die sich einem geradezu perversen Chauvinismus und Imperialismus hingibt. Die vierzehn Punkte Wilsons sind längst vergessen. Wilson muß heute ebenso gegen Clemeneeau kämpfen wie die Sprecher der französischen Arbeiterschaft gegen diesen typischen Vertreter des bürgerlichen Egoismus. Hs liegt im Wesen des Egoismus, daß er durch Ueberfpannung sich selbst aushebt. Der Egoismus ist sicherlich die Grundlage alles Tuns und Lassens der Menschen; selbst das Mttleid fließt aus der Selbstsucht. Aber es gibt einen krankhaften und einen gesunden Egoismus. Der krankhafte Egoismus ganzer Klassen fuhrt zur Erschütterung des Wirtschaftsbau.s und damit des Staates selbst. Der gesunde Egoismus sucht einen Ausgleich zwischen den eigenen JnteresserAnd denen der Allgemeinheit herbeizuführen. Gegen Mesen gesunden Egoismus versündigen sich die französischen istaatsmäimer und berauben so die Welt der Möglichkeit, zur Ruhe und zum Wiederaufbau der Kultur zu gelangen. In viereinhalb Jahren ist so viel zerstört worden, daß es, selbst wenn die Friedenskonferenz in Paris jetzt zu einem Abschluß gelangt, noch sehr fraglich ist, ob man innerhalb der einzelnen Länder wohl wird daran gehen können, das normale Leben wieder aufznnehmen. Unabhängig von den äußeren Gegensätzen und j doch im MWllMhange mit ihnen stehen die inneren ' Graf Michael Karachi in Wien. Wie wir erfahren, ist Graf Michael Karolyi vorgestern im Automobil aus Budapest hier eingetvoffen. Er nahm im Hotel Klomser in der Herrengaffe Aufenthalt und verhandelte den ganzen Tag über mit den verschiedensten politischen Persönlichkeiten. Abends kehrte Graf Karolyi im Flugzeug nach Budapest zurÜÄ. Eine Botschaft Lloyd Georges über den Völkerbund. Die Völker müssen Opfer bringen. — Die Abrüstung als Zeugnis des Vertraue«^ Amsterdam, 29. März. Einer Reutermeldung zufolge enthalt die heute erscheinende „Völkerbnnd"-AuSgabe deS „Manchester Guardian" eine Botschaft Lloyd Georges über den Völkerbund, worin er sagt, daß alle Hoffnungen, der Welt eine Wiederholung der unermeßlichen Sintflut vom Jahre 1914 zu ersparen, sich auf die Ausarbeitung praktischer MtttÄ vereinen, wodurch die Rationen der Erde in den Stand gesetzt werden, die gemeinsame« Attgelegenheiten der Welt in friedlicher Zusammenarbeit ohne eifersüchtig« Nebenbuhlerschaft zu führen. Ein Völkerbund Ware erfolglos, wenn er nichts anderes wäre als ein neuer Friede auf Grund internationaler Organisation. Es komme Poe allem darauf an, daß die Glieder dieser Organisation wahrhaft entschlossen find, in wahrer Gemeins ch a ft für eine bessereFreiheitderMen sch e « zi» arbeiten. Die Rationen müßten jetzt dafür sorgen, daß der Völkerbund zu einem W i r k» s a m e n W e r k z e u g für die Lösung allerinternationa-tenProbleme gemacht werde, indem sie sich bereithalten, für den Völkerbund Opfer zu bringe«^ Amerika und England müßten den praktischen Beweis liefern, daß sie an den Völkerbund glauben. Die Abrüstung sei eine wesentliche Bedingung für den Erfolg deS VötteMydeH Man könne nicht erwarten, daß die durch den Krieg verwüsteten Nationen ihre verheerte« Länder dem Schutz des Völkerbundes anvertrauen, wenn die Verfechter des Bundes seklU zögerten^ Vertrauen in seinen Schutz zu setzen. Wenn man die Gesellschaft der Nationen evj richte, um die Bruderschaft unter den Völkern der Erde zu verbürgen, zugleich aber Heer «nH Flotte vergrößere, «m einen wirksamen Brudermord z« gewährleisten, dann mache «a» dieses große Ideal zu einem Gespött. T Sowjetrepublik Detzarabien. Krieg gegen Rumänien. — Für eine direkte Verbindung Moskau-Budapest. — Sadagora besetzt? Zürich, 29. März. „Corriere della Sera" gibt eine Warschauer Information des „Daily Telegraph" wieder, wonach in BeßarabiendieSowjetregierung aus gerufen wurde. Die Proklamation erfolgte in Chotin auf Grund eines Abkommens mit den russischen und ukrainischen Bolschewiken. Das bezweckte, in Rumänien einzudringen und zwischen Moskau und Budapest eine direkte Verbindung hödzustellen. Der Leiter der beßarabischen Sowietrepublik LiSkin hat ein Manifest veröffentlicht, worin er die Befreiung BeßarabienS vom rumänifchen Ioch als erste Aufgabe verkündet. Die militärischen Operationen gegen daS rumänische B esatz ung s h eer wurden sofort eingeleitet. DaS republikanische Heer steht unter dem Befehl von Filipezuk. Einem von Oberst Kunieky geführten Regiment soll eS gelungen fein, die Rumänien in der Richtung von Larga zurückzuwerfen, während ein anderes Regiment Sadagora besetzthaben soll. Die Frage der polnischen Truppenlandung in Danzig? Foch will verhandeln. Weimar, 29. März. In der Angelegenheit der Landung polnischer Truppen W Danzig sandte am 27. d. M. Marsch all Foch folgendes Telegramm an General Roudantr „Da ich n o ch k ei tt c A tt t» wort erhalten habe betreffend de» Transport der polnisch e» Truppe« durch Danzig, beauftrage ich Sie, um die Lösung der Frag« zu beschleunigen, die deutsche Regierung ein» zuladen, einen Bevoilmächtig11tt nach SPaa zu entsenden, wohin ich «ich in Person zu begeben geneigt bin. General v. Hammerstein wird gebeten, so schnell wie möglich den Namen des deutschen Bevollmächtigten mitzuteilen sowie das Datum, a« welchem er sich nach Spaa begeben wird." \ Diese neue Note der Alliierten lief bei der deutschen Regierung ein, ehe die Antwort auf die erste Note an die Entente abgesendet wurde. Infolgedessen wird eine Beantwortung dieser zweiten Rote nicht erfolgen, vielmehr steht die Regierung auf dem Standpunkt, daß diese durch die deutsche Erwiderung bereits üVerholt ist. 1 Klassengegensätze, die jetzt infolge der Verelendung der breiten Massen so unverhüllt heraustreten wie nie zuvor. Es liegt deshalb im wohlverstandenen Interesse jener Kreise, die bei einem Sieg des Bolschewismus ihre wirtschaftliche und polittsche Geltung automatisch verlieren würden, alles zu tun, was geeignet ist, einen Ausgleich herbeizufiihren. Hat sich die intoleranteste Theologie, die protestantische, mit dem Darwinismus versöhnt, so kann sich auch das Bürgertum mit dem Gedanken der Sozialisierung befreunden. Die Klassengegensätze werden zwar dadurch nicht'aufgehoben, aber dem Kampf kann damit viel von seiner brutalen Schärfe genommen worden. Nicht aus Humanität,. nicht aus Philanthropie, sondem aus gesundem Egoismus muß das Bürgertum, soweit es noch nicht durch seine wirtschaftliche Lage sozialistisch mmmmmmmmmmmmmaammmmmmammmmBmmsmmmamm' geworden ist, sich den Anfordemngen der neuen Zeit anpassen. Der Repräsentant der noch in voller Geltung stehenden bürgerlichen Ideen und Interessen ist heute die Pariser Konferenz. Denn dort sind die Vertreter Der Demokratie des Westens versammelt. Sie haben, eine geschichtliche Ausgabe. Bei ihnen steht die Entscheidung über das Schicksal der bürgerlichen Welt. Wenn sie ihren imperialisttschen Trieben ohne jede Hemmung und ohne Rücksicht nachgeben, wenn sie die Besiegen für Jahrhunderte zu Lohnsklaven machen wollen, dann werden sie wohl von den Boulevardblättern gefeiert werden, aber die Geschichte wird ganz anders üb« sie urteilen. Sie wird sie die Vorkämpfer des ÄeÜbollchewismus nennen. *