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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-27 · Heft 68 (27.3.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 68 (27.3.1919)
Date
1919-03-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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M. zwischen den Bergarbeitern und der Regierung geführten Verhandlungen geht hervor, daß B o nur Law die Forderung der Bergarbeiter auf einige Abänderungen der von derÄntersuchungs« Kommission gemachten Vorschläge, für deren Annahme sich die Regierung verbürgt hatte, inr Namen der Regierung zurückgewresen hat. Die FriedensLonserenz träumt weiter. Studium der Probleme. — Ausschluß der Presse. — Die Gssamtforderrmtzerr an Deutschland. — Gegen die Ausbreitung des Bolschewismus. — Die deutschfranzösische Grenze. — Der VölKerbundvertrag. Lenins Umkehr. ' . F. io> t e n, 26. März. Unter den verschiedenen Funksprüchen, welche die bolschewikische Sowietregierung üus Moskau in die Welt geschickt hat, ist der der interessanteste, welcher gegenwärtig den Weg durch die deutsche Presse nimmt. Am 18. Marz ist in Moskau der achte Kongreß der russischen kommunistischen Partei eröffnet worden. Auf diesem hielt Lenin eine Rede, in der er sich gegen die Non Bucharin, einem der Theoretiker des bolschelinkischen Kommunismus, vorgeschlagene Formel der „Selbstbestimmung der arbeitenden Klassen" aussprach. Lenin befürchtet, mit der Ännahme dieser Formel Könnten die Arbeiterklassen des Auslandes vom Bolschewismus abgestoßen werden, da sie zur Meinung kämen, daß die Bolschewiken ihr System mittels der Gewalt der Bajonette ihrer Roten Armee einzuführen beabsichtigten. Lenin bekannte sich offen zu dem Grundsätze, daß der Kommunismus nicht mit Gewalt verbreitet werden könne. Das Selbstbestimmungsrecht der arbeitenden Klaffen könne nur gefördert werden, wenn jede Nation das Recht auf Selbstbestimmung erhalte. Er legte dar, daß die Politik der Bolschewiken bezüglich der Bauern darauf geratet sei, diese allmählich und planmäßig an dem Aufbau des Sozialismus teilnehmen zu lassen. Nur wenn die ganze Bevölkerung an der Verwaltung teilnehme, könnte der Kampf mit der Vureaukratie zu einem. guten Ende geführt werden. Es sei niemand eingefallen, die Bourgeoisie aus den Sowiets auszufAlietzen, sondern diese hahe ihre Mitwirkung selbst verweigert. ..Wenn die hier auszugsweise mitgeteilten Ausführungen Lenins richtig sindIffomüß. man sagen,, daß aw'einem MscheiöenM WtzUestuMI angetangv sei, ' ünh nicht zu Unrecht bringt, der Perliner „Vorwärts" diese Nachricht unter dem bezeichnenden Titel „Lenin üerbürgerlicht". Die Politik der Sowiets, welche eine grundsätzliche Abkehr von der Hemokrati: bedeutete und die ganze Macht in den - Händen bestimmter Klaffen, der Arbeiter, Bauern und Soldaten konzentrieren wollte, scheint auf einem toten Punkt angelangt zu sein und zur Dernoktatie zurückkHreN zu wollen. Trotz einer Fülle von -züiA Teil.abenteuerlicher, zum Teil einander widersprech enden Meldungen ist man im Westen Europas über die Mittel und die Erfolge der bolfchewikischen Politik bis heute nicht zuverlässig uyterrichtet. Aber man kann sich leicht denken, daß der doktrinäre Radikalismus eines Lenin, Trotzki und Genossen vor Hindemissen stehst über die er nicht hinaus kann. Das russische Proletariat bildet nur einen sehr geringen Prozentsatz des Reiches, die Bauernschaft befindet sich auf einer noch niedrigen Zivilisationsstufe Und von einem Soldatenstande als ökonomischem Gebilde Kann. wohl nicht gut die Rede sein. Außerdem ist auch Rußland, das ein wenig entwickeltes und daher die Aufrechthaltung einer neuen Ordnung erschwerendes Verkehrsnetz hat, durch' den langen Krieg derart zerrüttet, daß die Experimente einer radikalen Umgestaltung, wie sie die Bolschewiken predigen, von v'örneherein zum Mißlingen verurteilt sind. »Aber wie sehr die Verhältnisse in den Ländern Westeuropas bezüglich der wirtschaftlichen Gliederung, der entwickelteren Industrie und des Kultmniveaus von denen Rußlands verschieden sein mögen, auch hier würde die Aktivierung der kommunistischen Lehren einen entsetzlichen Sprung ins Dunkle bedeuten. Die begreifliche Ungeduld einer gepeinigten und durch dön Krieg ausgesogenen Masse, die durch das beständige Anhören der Lehren vom Klassenkampf in einer geistigen Richtung politisch erzogen wurde, welche rmr einen Kampf zwischen ausgebeutetem Proletariat und ausbeuterischer Bourgeo isie kennt und sich nun umMre durch den plötzlichen Zusammenbruch der alten Gewalten entflammten Hoffnungen betrogen sieht, drängt auch in den Ländern des Westens zu einer Nachahmung des russischen Beispiels. .Wie sehr>der Imperialismus der Pariser Machthaber, und ihr Unvermögen, die Forderungen des Augenblicks zu begreifen, und andererseits die Sünden einer verknöcherten und politisch kompromittierten Sozialistenpartet in Deutschland «n diesen Erscheinungen die Schuld tragen, ist von uns wiederholt dargetau worden. Aber so sehr es not tut, daß man in Paris raschest zur Einsicht komme und in den Staaten Mitteleuropas dem ungeduldigen Drängen der Masse nachHebe, so wichtig ist es auch, zur Klarheit zu kommen, daß die Revolution nur ein Paris, 26. März. (Havas.) Die führenden Staatsmänner setzten am Dienstag ihre Beratungen nach dem neuen Verfahren fort. Präsident Wilson, L l o y d G e o r g e, Clemeneeau und O t l a n d o fanden sich um 11 Uhr vormittags bei Wilson und um 3 Uhr nachmittags im Kriegsministerium bei Clemeneeau zu Besprechungen ein, die je eineinhalb bis zwei Stunden dauerten. Diese Zusammenkünfte werden in dieser Weise fortgesetzt werden bis zur Lösung der großen Probleme, die einem raschen F r i e d e n s s ch l u ß entgegenstehen. Die Staatsmänner werden sich abwechselnd bei Wilson, Clemeneeau und Orlando treffen. t : / ' Me-ammkamsHen unh --MglMezr..Kr.e.ist glauben,- daß? di^ BWechu^gm '^-vorD-HMHr"Metkiheiw- Charakter, an deneir sich ausschließlich die öerctnLwürL^- lichen Führer der Delegationen der Großmächte beteiligen, eine raschere Lösung der schwebenden Fragen ermöglichen werden. Die verschiedenen Regierungen - b eabsichtigen, während der Dauer dieser Beratungen die M i 1t e i l u n g e n an die Presse einzuschränken. Am Dienstag wurde kein amtlicher Bericht ausgegeben. Es ist ' aber Grund zu der Annahme vorhanden, daß die führenden Staatsmänner auf einen baldigen Abschluß desPräliminarf r i e d e n s hinarbeiten. Die Frage d e r Kriegsschmierigfte der der Lösung harrenden Probleme. Die Ansichten der Vertreter der verschiedenen Großmächte, die sich in dieser Frage zu äußern haben, wurden nach allen Seiten erwogen. Es ergab sich in den meisten Punkten Uebereinstimmung außer in der Frage der ' G es amts o rd'erung en^ an Deutschland, überderen Höhe die Sachverständigen sich noch nicht geeinigt haben. Der Oberste Rat der Konscrenz wird sich mit der ungarischen Revolution befassen und mit den ' Künsequenzeu« . d'ie sich wegen der Ausbreitung d c S Bol s ch r- ' w'ismus nb e r Mitt el eur o p a ergeben. Es wurde für diese Erörterungen eine besondere Karte hergestAlt!Dre öe- Irächtlichen Fortschritte' des Bolschewismus erstrecken, sich faktisch über'dw/Hälste Europas.- - -- - ' 1; Die Führer 8'er wlcr^Delegationen - nahmen Kchntniö" von rlrwrBxrichren,' dre den z n,n e h ur r n den , .D I Südost-Eurüpch insbesondere-in der Oege niiww nfO'Kes-f-S e'mcn ernsteren Charakter beimcsien. - Nach Erledigung der Frage der Entschndigüirgcn regelten die Ministerpräsidenten das. Problem ' der den tfch-französischen Grenze, ,'E^ wird auf einen baldigen Abschluß des Friedensverträges hingearbeitet. Indessen bleibt nach der grundsätzlichen Regelung der Hauptfragen noch die bedeutende Ärbeit der endgültigen Fassung zu erledigen. Gleichzeitig wird die Ausarbeitung der ' Artikel des Völkerbundvertrages fortgesetzt. Da zu dem Entwürfe verschiedene Zusatzantrage vorliegen, ist.- die I Aufstellung eines neuen Textes erforderlich/ ' e n t s ch ä d i g u n g e n ist das wichtigste und Das Riitesystem in der deutschen Verfassung. Berlin, 26. Mürz. (Korr. - Bur.) Die „Deutsche AKgemeine Zeitung" meldet aus Weimar: Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, wird dem Versassungsausschust in allernächster Zeit ein Antrag der Reichsregiermrg unterbreitet werden, der die Verankerung des Rätesystems in der Verfassung vorsieht. Gelangt dieser folgenschwere Entschluk zur Durchführung» so würde dies die Schaffung einer Anfang sein, aber sich nicht zu einem dauernden Zustand auswachsen kann, und dies , heute, weniger denn je, da die geistigen, politischen und ökonomischen Verhältnisse des hungernden, materialarmen und schuldenreichen Europas einer raschen, durchgreifenden Sanierung dringendst bedürfen. Lenins Bekehrung müßte allen ein Wegweiser sein. Nicht um die restlose Durchsetzung irgend welcher Theorien kann es sich handeln, sondern um die Zusammenfassung aller produktiven Kräfte. - Der große Kladderadatsch ist ganz anders gefcomutcn, als ihn. die durch Marxens Brillen blickenden Svzialtheoretiker erwartet haben. Der totale Zusammenbruch des mitteleuropäischen Machtgedankens ist in einem Zeitpunkte erfolgt, da die Welt für eine durchgreifende Sozialisierung int Sinne Marxens keineswegs reif. ist. Noch ist es nicht so weit. Was heute schon geschehen kann, ist, daß alle Politik eine entschiedene Wendung nach links nehme und daß restlos Schluß gemacht werde mit dem verstaubten romantischen Schwindel, der der Vergangenheit angehört. Mit dem Sturze des Gottesgnadentums müssen auch glle Trabanten des Monarchismus verschwinden. Für Art Dreikammersystem bedeuten. Denn diese uns den Vertretern der perschiedenen Räteorganisatronen (Arbeiterräte, Bauernräte, Betriebsräte, Beamtenräte und Angestellteuräte) zusammenaefetzte Zentralinstanz würde mit eigenen Initiativrechten ausaestattsL fein, also die Fähigkeit besitzen, Gesetze selbständig auszuarbeiten und einzubringen. Schranzen, Säbelraßler u. dgl., für das ganze militaristische Getue hat die Gesellschaft der Zukunft Keinen Platz mehr, so wenig in Berlin wie in Paris oder London. Eine entschiedene Sozialisierung im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten muß einsetzen und verhütet werden, das; sich in den allergrößten Betrieben ein kontrolloses Plusmachertum am Mark des VulKes sattsreffe. Die restlose politische Demokratie wird dem Proletariat die Möglichkeit geben, seinen Eistfbrß geltend zu machen, seine Sache mit kraftvoller Hand zu führen. Aber für das Werk des Atffbaües -der künftigen Ordnung darf auch das Büraertum nicht ausgeschaltet werden, das nicht nur Besitzer und Steuerträger ist sondern aus seinen bis heute-mne gehabten 'wirtschaftlichen Funktionen dienotige praktische - Erfahrung -und Kenntnis zieht, die .'stir den Aufbau einer - neuen Welt nötig sind. Woran es dem Bürgertum bisher gefehlt hat,- das ist Einsicht und soziale Einstellung. - Eine völlige geistige Umorientierung auch des Bürgertums tut not! Eswird sich zu erwe'ssn haben, ob der künftige Aufbau einer neuen Ordnung mit Hilfe des Bürgertums oder . : - : gegen dieses geschehen kann.

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