Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 67 (26.3.1919)
- Date
- 1919-03-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 30 Heller Hß»S»««eratimr»prers», ,»»«' m gvllellu»- tat H«r-r »«Midi. . . 7— . telfßljtiß . . 20.- »atbrSUvis . . . " 40.- “ *“ ‘ . " SO.- rener Mrt Postversand: »«t'ich. .. tliäliriß SK.— tplfcuct SJnulniJfcti- « 44038. Nrdalctt«rr Gtrrxelvmmplarr Brei- 30 Heller VrLrurvrer-rLrort»- *e*t» ftt* bo* aLttoM» NkonaMich . . .'s 8.— »i*rf*Irc»l£iß . 24.— AaWfLhVk« . . , m 48.— «««ÜiHvir . . .«» 08^» WiiV4t «7. AbrvÄristratto«: N»re«. n, i&aktfßT* f* Nr. 1-S Lir. 150.603 ' Nr. 6 7 ^=5S5 Wien, Mittwoch, den 26 März ISIS JMS 1. Jahrgang »?i: i : ,v;‘! r"r „ DU U5 ■’ V LW <• \ ■ SS:5: „V *: ■ "MM:; 'i >■ >. Frieden und Brot? ' . . —y Wien, 26. März, f-.- Telegramme, aus Paris berichten über den tiefen ^Eindruck, den die Vorgänge in Budapest aus,die Mitglieder der Friedenskonferenz gemacht haben. Die Wir- /kung mag eine ähnliche gewesen sein wie anno 10^, Ms man dem Wiener Kongreß' die Flucht Napoleons aus. Elba meldete. Ein Mitglied der Friedenskonferenz hat sofort davor gewarnt, das "Spiel mit dem Frieden angesichts der Ungeduld der ganzen Welt fortzusetzen; es sei sogar zu befürchten; daß'der Friede schon zu spät kommt. Englische Blätter, fordern kurz und bündig, man müsse Deutschland dar dem Bolschewismus retten, denn-ein bolschewikisches Deutschland bedeute das Ende her Welt. In Prag herrscht ausgesprochene Panikstimmung und die Sozialdemokraten erklären ganz offen, einen neuen Krieg mcht mehr mitmachen zu Hollen. Aber was nran einst vom Wiener Kongreß 'gesagt hat, er tanze und komme doch nicht vom Fleck, bps gilt in gewissem Sinn auch für die Pariser Konferenz, die nun .seit mehr als zwei Monaten beisammensitzt und in kernet einzigen Fr'äge zu einer Entscheidung gekommen ist. Dia Probleme, die der Krieg aufgeworfen hat> sind nicht in politische, wirtschaftliche und soziale zu. gliedern, sondern bilden ein einziges Ganzes. Die HDdenskonferenz hat Nlögticherweise den festen Willen, Meinem dauernden Frieden zü'kommen, aber es scheint, ätz obf sie eine falsche. Methode anwende. Sie hat voveM die besiegten Staaten. die ja ünmerhin auch etwas 'MM den Frieden zu sagen haben, vom Beratungstisch ^Sgeschlossem Sie Hai M düs russische Problem nicht .Mrüntrettzn wollen, -bis 'sie' durchs die Ereignisse' int Wen, durch den GrenzstreitfzMchtzNfPolen> Ukrainern und^ den'. Moskauer .Bolschewikendazu .gezwungen als' einen geschlösse n-en KömPlM/b'tzträch'tete,'sondern bald D Fragen Deutschlands, hatd).chH''des. O^ieM; . bald fast nnMöglich ist,' ein genaues? Bild'' der -Pariser -Der Handlungen''zugewinnen. 'DitzMnbrsöhMchkWFrLü-krtzichß beherrscht -die. B-ertzMdi'ützM.f. ''Hie Völkerbüüd-. frage.' die ja-überhaupt sehr voM Hebelumhüllt ist, söeht längst nicht nrehr im Vordergrund und ist einem 'Ausschuß. zugewiesen worden/' der.bisherPicht weniger als 35 eigene Abänderungsvorschläge ausgearbeitet hat. wahrend die.Neutralen und die'.Ententestaaten selbst ebenfalls eine ganze Menge von?- Modifikationen aufstellen., . Wenn nun in Ungarn eii^ neuer Brand aufflackert, wenn sich mitten in Europa, eine? neue. Kriegsfront bildet, und eine Vereinigung l et Magyareu und Russen sich ankündigt,' so kann man es begreifen, daß die Friedenskonferenz in eine gewisse 'Mißstimmung, gerat. Aber was bedeutet das gegenüber der Verzweiflung der in Europa hungernden Valksmassen? Was bedeutet die Erregung der Pariser Annexionisten und der Diplomaten überhaupt gegenüber der Gefahr, daß in Ost- und Mitteleuropa viele Millionen Menschen vom politischen Radikalismus ersaßt und in den Abgrund getrieben werden? Sicherlich, ist Ungarn, das über eine agrarische Bevölkerungsmehrheit verfügt, nicht durch eigene politische, liebe.Zeugung-zum Bolschewismus gelangt, und das Abschiedsdekret des -Grafen Karolyi erinnert stark an den letzten chine ifchen Kaiser, der in seiner Thronverzichturkunde „mit Rücksicht auf die vielen Sünden .des Monarchismus" die Umwandlung Chinas in eine Republik anordnete. Die Führer der ungarischen Räterepublik mögen gestem noch einen, geringen Anhang hinter sich gehabt haben. Heute haben sie die Macht und die Entwicklung.der kommunistischen Idee vollzieht sich, wenn sie einmal in die Massen einvringt, in einem so rasenden Tempo, daß Menschenkraft sie nicht zu hemmen vermag. Die Motite die den neuerlichen Umsturz in Ungarn herbeiführ en, mögen echt oder falsch sein. Der Umsturz ist da und wohin die Dinge treiben, zu welckea Schritten sich das in se'ner Ehre tief verletzte, ge'?emütigte ungarische Volk wird Hinreißen lassen, darüber kann man nicht einmal Vermutungen aufstellen. In den Kreisen der internationalen Kommunisten hört man viel über ein tentschmagyarisch-rusfisches Bündnis sprechen. .Menu dieser Gedanke in die Tat umgesetzt wird, dann ist das Ente der europäischen Kultur befielest. In den Abgrund, der sich da auftut, stürzt nicht nur Deutschland. .Ungarn und Rußland, sondern ganz Europa. Auch in den Ländern der Entente zeigen sich Spuren der Erfchutte- 45.00V traten ZZbeKSMiLLel für Deutsch Österreich. London, 25. März. (Furckspr. der Tel.-Komp.) Zm Antsrhause teilte der NahrurrgsmittelsekreLür mit, daß für die Versorgung D rutsch 5 st erreich s ■ 45,000 Tonnen L eb err s m itt el ihrer Bestimmung harren. ’ Noch keine AufhedNAg der Blockade? Die Entscheidung des Obersten Kriegsrmtes ausständig. London, 25. Marz. Wie das Nenterfche Bureau erfährt, ist für die ans dem Ausland kommenden Nachrichten, daß die Mächte beschlossen hätten, die Blockade Oesterreich- Ungarns aufzuheben, in London noch» keine amtliche Bestätigung eintet rossen. Tatsache aber ist, daß vom Obersten Wirtfchastsrat in Paris vor einigen Tagen derartige Vorschläge gemacht wurden. Es wurde einstimmig beschlossen, daß die Blockierung der ganzen früheren österreichisch - ungarischen Monarchie aufgehoben werden soll, falls der Oberste Krieg srat nichts dagegen habe. Die Blockade dev Tschecho-Slowaker wurde schon vor einiger Zeit aufgehoben. Dies bat aber nicht notwendig, zu bedeuten, daß Rohstoffe geschickt werden. __ Der „§LMps" für eine rasche Lösung der VeutschöstetrerchLschen Frage. Haag, 25. März. (Tel. der„Wr.Worgenztg.") Der Pariser „Temps" kommt in einem seiner letzten Artikel nochmals auf den Gedanken der Neutralisierung DeutschSsterrerchs zurück, dem er nnter gewissen Vorbehalten auch die Zngehörigkeit zum Völkerbund zugestehsn will. Man dürfe die Asterreichifchs Frage nicht provisorisch, sondern endgültig lösen und so den Frieden auf dem Kontinent sichern. Die österreichische Frage müsse eiligst erledigt werden, denn die „deutschen Annexionisten" trachten, vollendete Tatsachen zn schaffen. Warum sollten die Verbündeten vier Monats nach dem Waffenstillstand nicht ihren Willen erklären, die Lander, deren Hauptstadt Wien blieb, in einen neutralen Staat nm^rwandeln? Warum erklären sie nicht ihre B ereitwillig'-eit, die wirtschaftlichen und politischen Grundlagen dieses Abkommens zu legen rmd darüber gerecht, aber sofort mit den Beteiligten zu sprechen? Die bestürzte Friedens- , i Konferenz. , Der Friedensvertrag wird noch diese Woche fertig. — Wilsons Nnzufriedenheit über das langsame Tempo. Paris, 25. März. (FunKspr. der Tel.-Komp.^' Der Eindruck der Ereignisse in Angarn ans die Friedenskonferenz ist außerordentlich stark. Ditz Konferenz hat sich unter dem Druck der Verhältnisse veranlaßt gesehen, zu sofortigen SondsrberaLmrgen znsammeuzu» treten, um den Friedensvert r a g noch im Laufe dieser Woche fertig zu stellen. Der Oberste Kriegsrat versammelte sich im Ministerium des Aenßern« Vorher fand eine Besprechung zwischen Wilson, Lloyd George, Clemenesan und Orlando statt, in der die bolschewikischen AMwälzunge» m Angarn und im Zusammenhang damit die Frage des Abtransportes der polnischen > Truppen nach Polen zur Diskussion standen. Wilson äußerte später seine Auzufriedenheit über die fortwährende Verzögerung der Verhandlungen und verlangte nachdrücklich die Fassung endgültiger Beschlüsse. - Lieber eine LÄMion Arbeitslose in England. Darunter eine halbe Million Frauen. London, 25. März. (Tel.-Komp.) Die Zahl der Arbeitslosen, die am 7. Marz in England Anterstntznng erhielten, .9)2.232, hat aber inzwischen eine Million überschritten. Darunter Sesinden sich stwa 200.000 demobilisierte Soldaten und 445.000 Frauen. rung des gesellschaftlichen Lel e:rs. Streiks nnd Wirt- * schaftliche Rot nagen auch dort an dem Unterbau des Staates. Die Aufrechterhal^ung der Krie^armeen verhindert in den Ententestaa!en!en vollen Getreideanbau und die Möglichkeit ist nicht von der Hand zu weifen, daß die Lebensmilre'versörgüng Mitteleuropas, die ohnehin nur sehr lässig betrieben wird, in Zukunft überhaupt ausbleiben wird, weil die Einente ihre größte Sorge der eigenen L,'e ölkerung wird zuwenden müff' N. Das Gleiche gilt bezüglich der Rohstoffversorgung. Die Produktion war in den Ententestaaten e' n'o wie in Mitteleuropa ausschließlich in den Dienst de) Krieges gestellt. Wenn nunmehr - er Krieg schweigt, fo hat mau, wie ja die Bewegung in der Arbeiterschaft de,tt- GolschLElscher Umsturz w Ostgalizien. SowieLrepUbMen in Drohobyez, KaLusz und nnberen Städten. — Generalstreik in Lemberg. — Holnbowiez verhaftet. Moskau, 25. März. (Funkfpr. der russ Sowietregierung.) Galizien befindet sich, in voller revolutionärer Bewegung, Der Aufstand brach zuerst im Petroleum« gebiet von Drohobyez aus, wo ein Sawiet von Arbeiterdeputierten gebildet wurde. Der Bewegung schlossen sich die Arbeiter dev benachbarten Gruben von Kalusz an. Die Regierung verfügte die Auflösung dev Sowiets und die Verhaftung der Rädelsführer, doch schlossen sich die Truppen den A u s st 8 n b i.s ch e « an. An vielen Orte» organisterten die linken Sozialisten Versammlungen und forderten die ganze Macht für die Sowiets» so in Podhajeze, Haliez, Rohatyn, Brzezanq und Zloezow^ Am nächsten Tag erklärten sich diese Städte als Sowietrepubliken. Die Bewegung breitet sich auf die von polnifche» Truppen besetzten Gebiete aus. Zn L e m b e r g proklamiert« der im geheimen gebildete Sowiet der ArbeiterdepuLierteu Herr Generalstreik. Zm Bezirk Non Stauislau erklärten sich die vom Kabinett Holnbowiez abgesandten Truppen als Mitkämpfer der Aufständischen gegen die Natioualrada. Sodann marschierten sie<ziM den Aufständische» auf Stanis« lau nnd verhafteten Holubowiez. Die Aust ständischen richteten an die Galizier, die sich unter den Direktorimns/ruppeu befinden, ein Ultimatum mit dev Aufforderung» sofort nach Galizien heimzukehren und Len Kampf gegen die Sswietmacht einzustellen. lich zeigt, überall und ausnahmslos eine Wandlung dev Gehicne zn konstatieren. Die Menschen wollen nicht mehr in die Hürden und in die Fab'rikskasernen zurück. Das bedingt genau so tvie bei uns ein Stil.'estehen der Pwduktion und ein Anwachsen der Arbeitslosig^ keit. Gegen solche Strömungen sind Waffen wehtksZ.' Sollen sich diese Strömungen nicht zunr Unter-- gang der ganzen zivilisierten Menschheit verdichte», so muß sich die Friedenskonserenz. berilen. Nicht wie die Landla' te der Welt in Zukunft anZse en soll, ist das Wichtigste, sondern die. Reform der internationalen Arbeitsgeß'hgcöung. Das Nächste aber ist: Frieden und Brot! %