Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 66 (25.3.1919)
- Date
- 1919-03-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Präsident hofft, hierdurch nicht nur die Ordnung aufrechterhalten zu können, sondern auch dem deutschen Volke zu beweisen, daß die Alliierten alles mögliche tun, um ihre Versprechungen zu erfüllen. Magyarischer Bolschewismus. —st. W i e n, 25. März. Die Methode, dem siegreich vorrückenden Feinds nur Trümmerhaufen und verwüstetes Gelände zu übertaffen, ist absolut nicht «originell. Sie ist ein uralter Bestand der Lehre vom Kriegsütjren. Wer sich ihrer gedient, ist deshalb noch kein schöpferischer Kopf und es steht auch nirgends geschrieben, daß sie immer zum Erfolge führen muß. Die Ungarn'haben sich nun entschlossen, diese alte Methode in Anwendung zu bringen, und zwar, was das Experiment noch gewagter erscheinen lHt, nicht im Zuge der Kriegführung, sondern im Zuge der Friedensverhandlungen. Weil diese Verhandlungen einen für sie vorläufig ungünstigen Verlauf nehmen, haben sie sich dafür entschiedene ihr Land und ihre Gesellschaft'von Grund aus zu verwüsten, zu bolschelvisieren.'Die siegende Entente hat die'Än^arn hart an- Igesaßt, hat ihren tschechischen, serbischeu und rumänischen Aachbarn gestattet, alle nichtnragyarischen Gebiete zu besetzen und dabei auch mÄnches Mftgyarifch'e' ' Stück lNitgehen zu lassen. Die Ungarn -haihtznprotestiert, nnd Weil ihre Pvoteste nicht gleich, beAlcksicht.igt wurden, wollen sie alles kurz und klein schlagen. Der bolschewistische Krach als der magyarischen Negiernngsweisheit letzter Schluß! \'v' ' Die magyarischen Machthaber?haben sich immer der rohesten Mittel bedient und ihre ^Politik war immer durchaus barbarisch. Brutale Gewaltherrschaft und darüber dick aufgetragene weltbürgerliche Freiheitsschminke! feilten noch hat es die Herrenkaste eines Volkes gewagt, fremde Nationen so zu schinden und au'znfaugen, wie gerade diese Führer i ec „ritterlichen Nation". Mit beispielloser Skrupellosigkeit haben die feudalen Grundherren und prasserischen und schlönrn.e nischen Großstadtaristokraten ein Jahrtausend hindurch die ihsteü auf GMtze und Ungnade auSgÄMWl^SEakelk,."Drüt--''' schen, Rumänen und K-roaten Mißhandelt, in die tiefste Niedrigkeit getreten. Dabei haben 'sie es verstanden, draußen in den Geruch der FrelseitZhelden zn kommen und die von ihnen Mißhandelten als wilde, schniutzige Tiere hinzustellen. Die Ausländer, welche nach Budapest kamen, wurden in Gastlichkeit erstickt; Wein, Weiber und Zigeuner haben dafür gesorgt, daß die Fremden sich auf den gemütlichsten Teil des Globus' versetzt glaubten und eine gutgesütterte, gutdressierte Journalistenkliqne, leider eine stark verjudete, hat den Rühm des magyarischen Freiheit^- und Hell easinne's in alte Welt geschrieen. Die Herrenkaste hat es auch verstanden, die magyarische Volksseele zu vergiften, sie hat die Massen chauvinistisch verseucht und den Geist k er Unduldsamkeit, der Verachtung ftemden Rechtes bis in die tiefsten Schichten des Volkes verpflanzt. Sie hat alles auf Gewalt gegründet, und schließlich auch dem eigenen. Ddlke beigebracht, daß die Gewalt ein dein magyarischen' Stamme von der Natur verliehenes Recht ist. ' - Nun ist die feudale Gewaltherrschaft zusnmmeugebrochen. Die übermütigen Tyrannen liegen anr Boden und die Gewaltmenschen sehen sich von der Gewalt bedroht. Es ist nur selbstverständlich, daß sie am endlichen Siege ihres eigenen Rechtes verzweifeln. Wie sollen denn Menschen, die immer des Rechtes gespottet traben und nie den Weg des Rechtes gegangen sind, daran glauben, daß ihr Heil im Rechte ge.'egen ist und das eigene Recht schließlich stk er fremde Gewalt obsiegen muß? Dieser Gedanke ist für ein Hirn, welches unter dem Drucke des magyarischen Chauvinismus verkrüppelt itnd verkümmert ist, einfach nicht faßbar. Der in die Enge getriebene, aller Gewaltmittel beraubte magyarische Gewaltmensch muß verzweifeln und der Ausdruck dieser Verzweiflung' ist eben das sonderbare, über Nacht erblühte Gewächs des magyarischen Bolschwismus! Es ist notwendig, daß alle wirklichen, ehrlichen Freunde der uneingeschränkten. Volksherrschaft diesen. Werdegang des magyarischen Bolschewismus im Auge behalten und alles, was an dieser in Budapest geborenen Freiheitsbewegung unharmonisch und faul ist, sorgsam herausheben. Es könnte sonst zu heillosen Enttäuschungen kommen. Insbesondere darf man die verdächtigen Geburtshelfer der transleithanischen Volksherrschaft nicht aus dem Auge verlieren. Nicht im Kampfe gegen die KarolyiS, Esterhazys, Apponys und Konsorten hat dieser Bolschewismus b-cii Boden gewonnen, sondern die feudalen Herren haben ihm freundlichst das Feld geräumt, haben ihm liebenswürdig ihre Sitze angeboten. Er erfreut sich ihrer Förderung und ist beliebter Gesprächsstoff in allen adeligen Kasinos. Ja, es hat den Anschein,, als wollten dicy'e Leute ein Volk mißbrauchen. Ein Wischer Nationnlrat in Konstantinopel. Oberste jüdische Behörde für die Türkei. Konstantinopel, 23. Marz. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Vor einigen Tugen hat sich hier ein jüdischer NsrLionalrat als oberste Behörde der Inden in den türkischen Gebieten konstituiert. Der Sitzung wohnte auch der Führer der russischen Zionisten, Ingenieur Assischkin, bei. der kürzlich von dem Zehnmännerrat der Friedenskonferenz über die Forderungen des jüdischen Volkes einvernommen worden war. Der neue Na- LionaLrat hat einen Vertreter zur Pariser Konferenz der jüdischen Nativnalrate entsendet. '110100« M1III iHHIIIFreMMMBBffi Das sterbende PetersbMg. Im Februar 11 Prozent -er Beuölkerrmg gestorben. N s w - D o r k, 24. März. (Tel.-Kornp.) „Affseiated Prek" berichtet, daß laut amtlichen Anaäden in Petersburg während des Monates Februar 130.00V Personendas sind 11 Prozent der gesamten Bevölkerung, gestorben sind. In Moskau herrschen ähnliche Zustände. Beide Städte werden von Blattern, Typhus und ähnlichen Epidemien heimgesucht. Es wurden auch mehrere choleraähnliche Fälle festgeftellt. In Moskau sind Anfang Februar wiederholt über 4009 Personen täglich gestorben. Zn den Opfern gehört auch der Präsident des Vollzugsrates des allrussischen Sowietkongreffes W e r d l o w. wie es schändlicher nicht mißbraucht werden kann, und seine ehrliche Begeisterung und redlichen Drang zur Freiheit in den Dienst-ihrer Herxschgelüste pressen, als wollten sie das Volk als. Hetzhund.. Men an die ' Gürgek^i jagen, All die fatalen Begleiterscheinungen sind geeignet, den Demokraten, mag er nun Anhänger oder Gegner des Bolschewismus sein, mit tiefstem Mißtrauen^ zu erfüllen. Das Budapester Spektakel mit seiner theatralischen Mache, die lachenden, applaudierenden adeligen Zuschauer, die neugebackenen Bolschewisten, deren chauvinistische Züge noch unter der roten Schminke deutlich zu erkennen sind,, kurz alles, was da drum und dran, ist, ist verdächtig. Alter Budapester Stil! Das neueste Husarenstück kann schlecht ausgehen, viel Menschen ins Unglück bringen und die Sache der Freiheit schwer schädigen. Eme jüdische Mittelschule. In diesen, sieberhaft bewegten Tagen, da aus einem . Meer von Blut und Tränen-die Umrisse einer neuen Welt aufzutauchen beginnen, hebt auch für unser Volk die große Entscheidung an und Möglichkeiten, vor kurzem, noch als ferne Zukunftsbilder erträumt, schicken sich an, greifbare Wirklichkeit zu werden. Die neue Weltära, in der die Souveränität aller nationalen Bildungen allen Widerständen zum Trotz realisiert werden will, muß auch unserem Volk seine nationalen Lebensmöglichkeiten gewährleisten. In dieser neuen Epoche, in die wir eintreten, beginnen alle innerjüdischen Kämpfe um Ziel mrd Wesen unseres Judentums allmählich ihren Sinn zu verlieren. Der nationale Wille unserer Gemeinschaft tritt zu deutlich in Erscheinung, als daß wir noch erst Bestehen und Berechtigung unseres nationalen Seins erweisen ncüßten. Groß und vielfältig wie nie zuvor ist der Aufgabenkreis, der uns nunmehr erwächst. Der künftige jüdische Aufgabenkreis umfaßt schöpferische Arbeit in Palästina und in der Diaspora. Diese beiden Arbeitsarten, wenngleich äußerlich geschieden, sollen innerlich iueinandergreifen: das künftige Gemeinwesen in Palästina muß auf das Galuth seine Wirkungen ausstrahlen, die Diasporaarbeit muß ihrem inneren Geiste nach sich an Zion orientieren, andererseits muß aber unser nationalkultnrelles Galuthniveau ein solches tverden, daß es überhaupt mit dem geistigen Mutterland in seelischen Kontakt treten und die nötige Auslese für Palästina erziehen kann. Aus dieser fundamentalen Erkenntnis erhellt die Wichtigkeit unserer Erziehungsarbeit von selbst. Unser ganzes nationales Tun müßte in der Luft hängen bleiben, wenn wir nicht , begännen, mit wirklich jüdischer Erziehung Ernst zu machen. Eine unserer wichtigsten Galuthaufgaben, soweit sie nicht unmittelbar dein erstehenden palästiuensischen Gemeinwesen dienen, bildet daS nationale Erziehungsproblem. Nur wenn tvir die geistigen Güter deS Judentums erhalten und eure wahrhaft jüdische Generation schaffen, jüdisch nicht dem ■ Programm nnd Bekenntnis nach, sondernin ihrer innersten Gcistesrichimig und u,«a- Emste.'lnng zur europäischen Kultur, können wir unserem Wer? Dauer verleihen uitb den Zusammenhang zwischen Palästina und Galuth gewährleisten. Unsexe-bisherige Periode kann man als Vorbereitung^- zeit chisehen, in bey unser hauptsächlichstes Lund, sich nn Heute, 'da wir Von der großen Welt -in rrnserer nqtionaleii Besonderheit anerkannt sind und nationale SelÜstSehaupÄtng auch für die kleinste Gruppe zur Selbstverständlichkeit lvitd, treten wir in die Aera der schaffenden Arbeit.' Diei Hriutdlagen für ein ausgedehntes jüdisches Schul- und Erziehüngs" werk sind nunmehr zu legen, das alle -Stufen umfassen, soll. Der Augenblick ist günstig wie nie zuvor. Die Menschheit, die mnlernen 'und mit mancher lang und treu gehegten Lüge brechen will, wird auch das fteche Lugwort vom „Jahrhundert des Kindes" zur Wahrheit machen müssen, wenn überhaupt mit der Erziehung' Ernst gemacht urch->ein neuer Typus Mensch gestaltet werden soll. Dem preußischen Schulmeister wird der Gewinn so und so vieler Schlachten nächgerühmt, nun, die Schulmeister waren es nicht zuletzt. . die dieses Weltmorden ermöglicht haben. Man wird aufhörcn müssen, sich an die bisherigen Normen staatlich approbierter Unterrichtssysteme zu klammern. Wohl weiß man noch nichts Konkretes über die staatliche Schule der Zukunft zusagen, aber es ist wohl sicher, daß wir auf diesem Gebiet vor einschneidenden Reformen stehen. Die ganze Entwickluirg wird. es unausftrltsarn mit sich bringen, daß wir pädagogisches Neuland betreten. Dies aber kann nur in möglichster Freiheit, nicht unter dem Zwang kalter, bureankratischer Norruen geschehen. Alle diese Umstände können unserer Sache nur zruu Vorteil gereichen nnd wir müssen ohne Zögern ans Werk gehen. , Was am ehesten zu leisten sein wird, ist die-Schaffung eines jüdischen M i t t e l s ch u l Wesens^ Das ist eine Arbeit, die in n.ächster Zeit in Angriff genonrmen werden'' kaün. Mit einer Mittelschule in der judenrc i.chslie-n Gemeinde des einstigen Oesterreich, in Wie-n, wollen wir den Anfang machen. Eine Musteranstält soll es werden, die als Modell für künftig erstehende ähnliche Schulen dienen soll. Wir wollen eine jüdische Mittelschule begründen, deren jüdischer Charakter nicht bloß durch die . Tatsache gegeben erscheint, daß sie von ausschließlich jü-i > schen Schülern besucht wird. Wir wollen unsere Jugend 'jüdisch erziehen, indem wir ihr die Möglichkeit geben/durch gründlichen Unterricht in Sprache. Geschichte nnd Wesen, ihres Volkes einzudringeu, und nicht nur das, auch in . den allgeineinen UnterrichtSgegenständcu muß Misere Jn-gend in. jüdischem Sinn beeinflußt werden: Das Studium der -klassischen Literaturen soll vom jüdischen Standpunkt ans seine Wertung empfangen, der Unterricht in Mctiersprgche, Literatur und Geschichte von jüdischer Gesinnung getragen sein, kurz, jüdische Geistigkeit soll dein Ganzen ihre Note; aufprägen. Wie erzieherisch und gesinnuugsbildend eine, solche Unterweisung wirken inuß, wird unsicher einlenchten, auch ohne Darlegung von Einzelheiten, die den.' Rahirren dieses Aufsatzes sprengen müssten. > Ein geistiges u u d phhsifches Milien soll unsere Schule schasicn. eine neue?.-oriu der '.dnaendgenieiuschafl soll aus