Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 62 (21.3.1919)
- Date
- 1919-03-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gßryere»M«Plü»r Drels 30 gelier Bl**; Wt Kuslellu»- M -surr Jf so!— Lqlbfsiirl» . . .1 40,- »«n,kah«rs . . . ., 80.— Mit Vopversand: Zvmrat r^. . . .rr V.8V |l»rtfl}ttlif{8 m SS.— IdlbirthtiR . . . „ 44.- akmjfoijris . . . u 88.— «!rl«ph»»»»r Admlolstr«. Hm 44088, Ötebitbtiott 43819, ab 6 »4* abtttfc» 9t» 16301 im iener f&njtltrtmplmr; Breis SO Hell« pvrtf* fßr b«* M»»atttch . . .» NieotelfShrlg. S4-— A»lbföh»ta . » . 4 48l— «aiqsStzrks. . . » S6»-> gcbektiox st. AbMsDb«, men, 3X Sabsoft»«-» ltr.i-3 v*KN»*»i»ass*»-A««t» 3t*. 150.698 Nr. «2 Wien, Freitag, den 21. März 1919 1. Zahrgang Der Generalstreik in England. -—7 Wien. 21. Marz. Morgen soll in ganz England der Generalstreik bet Eisenbahn-, Transport- und Bergarbeiter einsetzen. Die Führer der Arbeiterschaft steilen dieselben Forderungen auf, wie sie seit einer Reihe von Monaten in fast sämtlichen europäischen Staaten seit dem Ausbruch der russischen RevolMion und unter ihrer Einwirkung gestellt worden sind : Sechs stundentag, dreißigprozentige Lohnerhöhung, Verstaatlichung der Eisenbahnen und Bergwerke und Verbesserung der Lebensverhältnisse. Die letztere Forderung steht im Widerspruch zu dm bisher über den Aermelkanal gekommenen Meldungen und beweist, das; die allgemeine Weltnot vor England nicht Halt macht. Da der Generalstreik in dem' Augenblick angedroht wird, wo sich England anschickt, von der Kriegswirtschaft gür^ Friedenswirtschaft überzugehen, ist er doppelt gefährlich, weil die wirtschaftlichen Forderungen leicht in politische Umschlägen können. Es sind genug Anzeichen vorhanden, aus denen man folgern kann, daß auch die englische Arbeiterschaft die Herrschaft über das Land an sich ziehen will. Wenn man bedenkt, daß in England ebenso wie in Deutschland das Bürgertum außerordentlich straff gegliedert ist, so kann man von einem politischen Genercüstreik in England so ungefähr die gleichen Wirkungen erwarten wie in Deutschland» wo gerade durch den Widerstand des Bürgertums die Revolution unter den schwersten, Erschütterungen der gesamten Wirtschaft sich vollzieht. Vorläufig kämpft in England die Regierung allem. Lloyd, George ist trotz der dringenden Bftten Wilsons, Clemenceaus und Orlandos, die ihn in Paris zurückhalten wollten, nach London geeilt, um persönlich m die Verhandlungen einzugreifen. Seme Autorität ist, wie bekanntz außerordewllichgroß: und stützt W-Mdas-Verttauen, das gerade, die arbeitenden Klgfsm 'Lloyd. George als' dem Vorkämpfer der fozialM Reform in der Zeit vor dem Kriege allenthalben entgegenbringen. Schon im Jänner dieses Jahres, als die großen Streiks in Glasgow und Belfast, die nach Bonar Laws Erklärung im Unterhaus stuf „ansehnliche revolutionäre Strömungen in der Arbeiterschaft" 'zurückzuführen waren, verhinderte Lloyd- George ein Weitergreifen dieser Bewegung, deren Herde er damals mit Waffengewalt zerstörte. Ob ihrwdies auch heute, gelingen wird, wo die politische Elüwicklung des ganzen europäischen Festlandes dem Abgründ zutreibt, ist eine Frage, die davon abhüngt, ob die englischen Truppen auf dem Festlande von dem Bazillus des Bolschewikentums verschont bleiben und ob die Widerstandskraft her englischen Wirtschaft stark genug sein wird, ein Wellenbrecher gegen die aus dem Osten kommende Brandung der Proletariatsdiktatur zu fein. Der soziale Kampf, der morgen in dem dreieinigen Königreich beginnen soll, hat einen tiefen, welthistorischen Sinn, der die Angelegenheit weit über die Bedeutung eines inneren englischen Problems hinaushebt. Er beginnt in einem Zeitpunkt, wo England auf der Höhe des Triumphes über das Zerschlagene und gedemütigte Deutschland steht. Er bereitet sich vor. während dieenglischen Staatsmänner Zusammen mit ihren Freunden aus der übrigen Entente sich anschicken, in der tiefsten Stille und unberührt vym Lärm des Tages das Werk her Niederlage Mitteleuropas Zu vollenden.. Sie haben sich angeschickt, die Karte der West neu zu zeichnen und die ganze wirtschaftliche und politische Zukunft Europas auf Jahrhunderte hinaus festzulegen. In die . vornehme Abgeschlossenheit des Uhrensäals im Pariser Ministerium des Außer» scheint kein Ruf. hinemzudringen, der von der Not der Besiegten kündet, und es ist ein Zug von. grausamer Ironie, daß die Pariser Friedenskonferenz, die eine so' ungeheure militärische Macht besitzt, bisher nicht imstande war, ihrer Warnung an die Kleinen Staaten, mit dem Blutvergießen aufzuhören, Gehör zu verschaffen. Polen und Ukrainer, Ukrainer und Bolschewiken, Tschechen und Polen, Tschechen und Magyaren raufen weiter, als ob überhaupt nichts geschehen wäre. Unterdessen schwillt der Hunger in den Zentralstaaten immer weiter und bedroht nicht nur die heutige - und die nächste Generation, sondern das ganze Leben überhaupt. Wir hören, daß man die Blockade ausheben will, daß aus New-Pork Schiffe mit Lebensmitteltransporten auslausen sollen, das; man die Eisenbahnverbindung Zwischen Triest und Wien wiederh erstellen und sichern will» aber wir lellen keine Tat. Daraus ergibt sich Der große Rat der Friedenskonferenz gegen de« Anschluß. Paris, 20. März. (Funkspruch des Korr.-Bur.) Mittwoch nachmittags vsrsammette sich abermals der große Nat unter dem Vorsitz des Präsidenten Wilson. Die engere Kommission für Territorialangelegenheiten schlug eine Formel vor, der gemäß Deutschland ver* pflichtet werden soll, die An abhängig keitDentschSsterreichs zu respektiere». Die Zuckernersorgung DenLschSsterreichs.;; Tschechien liefert 10.800 Waggons Zucker. Wie uns mitgeteilt wird, sind irr den letzten Tagen die Abkommen über die Lieferung von Zucker und Melasse, sowie ein Aebereinkommrn über den im KowpensaLionswege abznwickelnÄsn Ware na» st an sch zwischen den Regierungen in Wien und Prag zustande gekommen. Insgesamt betragt die vertragsmäßig für die Zeit bis Ende September abgeschlossene Lieferungsmenge eiend 10.800 W ag gorrs Zucker. Das neue Znckerübereinkommen wird die Ausgabe einer erhöhten Zuckerqnote ermöglichen, jedoch wird sich der Preis des HaushalLUngszuckers pro Kilogramm um 2 Kronen erhöhen. Die neuen Zuckerpreise treten Ende März in Kraft. ’ _ Der EiseKbahN- und PssLverkehr mit Pole« wieder offen. Krakau» 20. März. (Poln.-Tel.-Agentur.) Die polnisch-tschechischen Verhandlungen betreffend dieWiederaufnahme eines regelmäßigen Ei senbahnvsrkehres in Schlesien haben zu einem günstigen Resultat geführt. Der Perkehr wird Ln den nächsten Tagen Wied er a u fg e n o m m en. - Me panischest EisenWhnzMe -werden- - hi's - D'd e r b4r g; veAHren/.. da ckietfchscho-sLowaLLfchen Vertreter siG gstgen die DrrrchLaffung der polnischen Züge, von Polen direkt nach Wien widersetzt haben. Zn den nächsten Tagen wird auch der feit Zännerl. Z. eingestellte Po st verkehr wieder ausgenommen werden. - Die Aufhebung der BlsckKde. Deutschlands Verssegung durch, die NenLraLen. Amsterdam, 20. März. (Korr.-Bur.) In der gestrigen Sitzung des englischen Unterhauses erklärte, Austen Ehamberlain während der Debatte über die Finanzlage, je eher die Blockade aufgehoben werden könne, eine ungeheure politische Gefahr für Mitteleuropa, und wenn auch die Bevölkerung Deutschösterreichs oder vielmehr Wiens, die nicht nur durch die Blockade der Ententestaaten, sondem auch durch die Blockade der niederösterreichischen Bauern erschöpft ist, bisher in ihrer krankhaften Erstarrung verblieben ist, so kann doch niemand eine sichere Berechnung dafür aufstellen, wie lange diese Ruhe noch andauern wird. Die Weltsremdheit unserer Regierung braucht man in ihren Wirkungen nicht Zu unterschätzen, aber man darf sie auch nicht überschätzen. Wäre die SLaatsleitung der Republik aus den besten, kenntnisreichsten und schöpferischesten Geistern zusammengesetzt, so würde fic mit all ihrer Anstrengung auch Nicht mehr erzielen, wenn nicht aus der Gegenseite ein Verständnis für die schreckliche Lage dieses Landes und ein gewisses Menschlichkeitsgefühl vorhanden wäre. Wir haben gehört, daß englische Soldaten sich dagegen wehrten, Frauen und Kinder verhungern sehen zu müssen. Aber die Politiker, die während des ganzen Krieges fern vom Schlachtfeld gelebt haben und sich jetzt in Paris gegen die Hilferv.se der Unterworfenen verbarrikadieren, behandeln die ganze Frage in kühlster Gelassenheit und ohne jede Eile. Es fft möglich, daß die Wendung der Dinge mit England eine weitere Verzögerung des Friedenswerkes mit sich bringen wird, aber das wäre dänn weniger eine Gefahr für den Frieden, als vielmehr eine Gefahr für die leitenden Politiker der Entente, die den Sinn und die Bedeutung der Arbeiterkrise in ganz Europa . nicht erfassen können oder wollen. Es geht um l mehr als um Lohnerhöhung und Staatsrrm so angenehmer sei es für die denen es willkommen wäre, wen» Deutschland einen Teil seiner Versorgung ans den neutralen Ländern beziehen Könnte. Allgemeine Mobilisierung in Rußland. ÄeÄrohMg PeteeZbrirgs durch Weihe ,, . ■ Garden. . Berlin, 20. März. Das „8 Ähr-Äberrdh&iU" meldet ausSto ckho lmr DieErfötge der Weiße« Garden Estlands und Livlands LeunrühLgen die Sowietregierung, da Petersburg gegenwärtig von Süden und Norden gleich stark b e d r oh t ist. S i n o W j c w verweist in der „Prawda" auf die moralische Wirkung, die der Fall Petersburgs Hervorrufen würde und fordert die Negierung zur schleunigen Hilfeleistung auf. Die in Petersburg lebenden 360.000 bewaffneten Arbeiter wüßten zu militärischen Aebungen herangezogen werden, damit sie im Falle dev Rot in den Kamps geworfe» werden Wune». T r o tz k i hat die a l l g e m e i u e M ob i l i s ie r u n g aller Klaffen bis zum 46. Lebensjahre angeorduet. sozialismus. Durch den viereinhalbjährigen Krieg hat sich eine Wandlung der Gehime bei den breiten Massen der Völker vollzogen, die sich nicht mehr mit Zugeständnissen abspeisen lassen wollen. Sie wollen die politische Macht, sie wollen das Bürgertum, dessen schmachvolle Feig-eit das Verbrechen dieses Krieges hat geschehen taffen, überhchUt zurückdrängen und es vernichten. Wenn die Staatsmänner der Entente sich weigern, dieses Streben zu verstehen, dann werden nicht sie den Frieden schließen, der ein Gewaltfriede sein soll, sondern das arbeitende Volk der ganzen Welt. Und das wird dann ein Friede der Versöhnung und der Menschlichkeit sein Es liegt viel mehr in Lloyd Georges Hand, als man glaubt. Es handelt sich jetzt um das Prinzip Macht oder Recht. Am Beginn der Pariser Verhandlungen hat Poincarö von einem .Gerichtshof gesprochen der über „die verbrecherischen Zentralstaaten" sein Urtell fällen soll. Aber während noch die Angeklagten hinter" denn verschlossenen Gittern der Blockade auf den Augenblick warten, wo sie zur Urteilsverkündung vorgesührt' werden sollen, scheint es, als ob das Tribunal zur Szene werden soll, aus der die Unterdrückten aus allen Völkern einander die Hand reichen und der ewigen sittlichen Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen wollen. Wir wollen hoffen, daß die Friedenskonferenz dieses Zeichen der Zeit verstehen und trotz der Abwesenheit Lloyd Georges zu einem raschen Ende ihrer Arbeiten kommen wird, um der Menschheit die Ge«' legenheit zu geben, die Wunden, die der Krieg geschlagen, zu Hellen.