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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-16 · Heft 57 (16.3.1919) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 57 (16.3.1919)
Date
1919-03-16
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Wien, Sonntag_ Wiener Morgenzeitung 16. März 1919 9k. 57 «« RedaKiionclk Leitung: Enitta Miiller. Jüdische Frauen Wiens. Ihr habet ^Jahre hindurch das schmerzliche Joch des dkrieges rechtlos getragen. Ihr habet nicht reden dürfen, als man eure Väter, Söhne und Männer in den Mord der Schlacht gesagt hat; denn Ihr wäret rechtlos und durftet nur schweigen. Heute traget Ihr das Joch des Unfriedens, der eine Folge jener Politik ist, welcher eine Streitfrage über einen Streifen Landes wichtiger ist, als das Wohl und der Friede der Menschen: der Männerpolitik. Nie würden Frauen Kinder Hungers sterben lassen, weil politische Machtfragen für wichtiger als das vorenthaltene Glück der Leidenden gehalten werden..Es ist die Befürchtung vorhanden, unsere gesetzgebenden Körperschaften, könnten in weltabgeschiedener Volksfremd-!)eit Gesetze beraten, für die die brennende Sehnsucht des. Volkes kein Verständnis aufbringt. Wir Frauen wissen, daß die Linderung der allerärgsten Leiden auch die allerüringcndste Aufgabe ist, deren Verzögerung tägliche 'Opfer an Menschenleben krstet. Wir wissen, daß die Massen nur an der Politik mittätig ^Teil haben »vollen, - die eingestellt ist' auf die unmittelbare Linderung der schweren' Schäden der Gesamtheit. Wir halten die Mtarbeit der Frau an der Politik her« Männer auch nur dann für berechtigt, wenn es senen gelingt, diese von der unheilvollen großen Politik auf den Weg der Politik der Wohlfahrt und der Fürsorge für die namenlosen Leiden der Bevölkerung zu drängen, alle Kräfte auf das eine, gewaltige Ziel der sozialen Gerechtigkeit zu lenken und alles andere als unwichtig zurückzustellen. Die soziale Fürsorge' und die Wohlsahrtpflege/ sind das ureigenste Gebiet der Frau bei ihrer Wirrung an der Gesetzgebung; zum Großteile sogar ihr alleiniges Gebier. Bei den. kommenden? Wahlen in den Landtag, in den Gemeindierat, in d i Be z i r ks vertre tun g e n und in b.ci^Soritaub der Kultus gemeinde werden die Fronen ein mächtiges Wort mitzureden haben« ustd »vir jlreifelu nicht daran, daß. sie es getreu ihrer jYt'au:nai'r im Sinne der. so z ia.le n Gerecht i gkeil und des sozialen Wohlsahr tsp roll L‘ u m m -3 tun werden. Und je mächtiger der segensreiche Sieg ihres .Wirkens . .»verden. . wipp, ddiro gewalriger wird .auch -der - praktische Erfolg sein.. Die jüdische Frau darf daun nicht abseits stehen, soltdern sie muß eingedenk des'Bibelwortes „Oeffue, öffne deine Ha::o deinem Bruder, deinem Armen und deinem Dür?:igev.".iich den .modernen- Aufgaben dersozialen' Tätigkeit mit ganzen Kraft gewachsen zeigen, um der kranten GJckl-chast' die schiversten Erschütterungen zu ersparen. . . . . . D ' I üd i1 >h - Fr auen Wiens schließt euch z u s 2 n: m v. u int b r ü st e t euch zu sch tv er cm Kampfe. Es geht nur eine .Hauptsache: Di? Forderungen der Frauen auf dem Gebiete der so z ialen Fürsorg«e auf allen Fronten Mt r ri) z u irden. - Jüdisch/ Frauen Wiens! Tretet geschlossen dem Zionistischen Frauenverband bei, der als' eine indisch na atonale Organisation die besonderen Ausgaben der jüdischen Frauen zu verwirklichen strebt. Jahresbeitrag mindestens K. 5.—. Anmeldungen an - das Sekretariat des Zionistischen . Frauenverb andes,' Wien, 2. Bez., Große Mohrengasse 10. Fürsorgeaufgaben der Gemeinde. Die Wahlen in den Gemeinderat stehen vpr der? Tür. Die Ausgaben, die zu bewältigen sind, über- , schreiten alles Maß! Die Frauen aber kennest-nur ein Ziel, das ihnen hoch genug ist, um an dar pylitischen Arbeit mit Begeisterung teilzunehmen: die Leihen der Miline.uschen zu lindern.? In der Tat erfüllen die Fürsorgeaufgaben bep Gemeinde, das gesamte Interesse der Frauen, i Hilf es doch diesmal, an der Hand zielbetvußier Arbejt zu zeigen, wie. wir uns die Lösung -der großem 5ßrp* bleme. der sozialen Fürsorge denken. Hub »vas gibt eh liier nicht alles gutzumachen. Versäumnisse einzuholen, ' begangen' Fehler unschädlich zu machen. . . . Eines der. schwierigsten und unmittelbar leidvyllsten' Prob leine, das aitch zum Teil in den Rahmen der Fürsorgearbeit fällt, ist die Ülpprovisionierungsfrag:. Tie setzten schweren Jahre haben uns fühlen gelehrt, sie ließen uns erkennen, wie weit uns die frühere Raihausvolitit gebracht hat, die nie für die Verbraucher, sondern, unterstützt von den christlichsozialen Machte habern, nur für die Wähler gemacht tvorden ist. Die öffentlichen Ausspeisungen sind eine der wichtigsten Für? sorgeanfgaben der Gemeinde. Unb was ist hier nicht alles gesündigt tvorden! Ertvähnt sei nur der große Fehler^ daß Kindes die ja für alle äußeren EirchrM so leicht empfänglich find, -mit den Ertvachsenen zu- - sanrmen ausgespeist werden. Dem wäre dadurch abzuhelfen, daß in jeder Schule eine Kinderausspeisung eingerichtet würde. Wie der Gemeinde rat Parterpvlitik auch in den wichtigsten Angelegenheiten getrieben hat, sieht man am deutlichsten bei der Behandlung, die er der Wohnungsfrage zuteil werden ließ. Er schrieb den ttbriegsflüchtlingen die Schuld an der Wohnungsnot zu; trotzdem rrun in jüngster Zeit wieder viele Flüchtlinge in ihre Heimat zurütkkehrteu, wurde die Wohnungsnot dennoch nicht geringer. Die wirkliche Ursache ist aber der Entfall der Bautätigkeit seit dem Sommer 1914. Wie aus der Wohuungsstatt stik ersichtlich ist, wurden am Jahre 1913.. . 13.17? Wohnimgm 1917.. V. J* -- 814 „ errichtet. Wirft man die Frage aus:- „Was wurde im Rathaus bisher dagegen gelang" so ist die Antwort kläglich: cs würdest /Vorschläge -gemacht, die nie durchgeführt worden sind. Der Wohnungsnot kann nicht durch halbe, der Selbsttäuschung/dienende Maßregeln gesteuert werden; es' wäre ihr nur dann beizukommen, »venn man sich zu radikal einschneidenden Maßnahmen entschließen würde. Es müßtedie Kommunisierung des städtischen '-Baulandes, eventuell seine Vergebung in Erbpacht und als mildeste Maßnahme die Grund- »vertsteuer, die den'unbenützten städtischen Grund von seinem natürlichen Wert besteuert und in gleichem Maße die Hanszinssteuer herabsetzt/durchgeführt »verden. Die Vorschläge: Verkleinerung großer Wohnungen, Einquartierung in Palästen, .Beschränkungdes Wohnungsluxus -sind ja nur Flickwerk» geeignet, über die wirklichen Ursachen hinwegzutäuschen, nicht aber Abhilfe zu bringen. :Ans der Wohnungsnot erwächst das Dohnungselend, 'und in dessen Sumpf blühen Krankheit, Verbrechen und alle bösen Triebe der menschlichen Niederungen, ans denen es kein Entrinnen mehr gibt. , Am meisten zu leiben unter diesem Wohnungselend haben die Proletarrerkinder. Diesen armen Geschöpfen, die ihre zarteste Jugend in feuchten Kellerlöchern, so tief unterm Erdboden verbringen, daß sie pon den Sonnenstrählen nichts erreicht werden können, muß doch endlich geholfen »verden. Schon vor der'Geburt des Kindes müßte dafür gesorgt werden, daß die -Mutter,, die tvährend dieser Zeit ohnehin soviel Leiden zu ertragen hat, durch eine gut organisierte, staatliche Mutterschastsversicheruiig und eine von verständigen Frauen geleitete Beratungsstelle unterstützt wird. Wohlfahrtämter in allen Bezirken, Zentralstellen der helfenden Liebe müssen den Hilfesuchenden ün weitesten Ausmaß zur Verfügung stehen. ., Wir brauchen Mütterheime für Wöchnerinnen, Stillkrippen in allen Arbsiterbezirken, die der Arbeiterfrau die Möglichkeit Lieben, ihren Säugling tagsüber untergebracht zu wissen» ihrem Erwerb nachzugehen und gleichzeitig dennoch die Möglichkeit zu haben, alle drei Stunden ihr Kind selbst zu stillen; Kleinkinderheime (Kindergärten), wo sich vorschulpflichtige Kinder tagsüber aufhalten und ausgespeist werden, Tagesheimstatten für die aufwachsende Jugend, um sie vor den Gefahren der Straße zu schützen und sie durch anregende, praktische Betätigung zu nützlichen Gliedern dep Gesellschaft zu erziehen. Unsere allererste und größte Sorge müßte aber jenen unglücklichen Kindern gelten, die sich bereits in städtischer Pflege befinden. Kostkindern und Pfleglingen der Uebernahmsstelle. Diesen bedauernswerten Geschöpfen geht es in jeder Hinsicht so schlecht, daß die meisten von ihnen zugrunde gehen oder kranke, unbrauchbare Menschen werden. Die Tuberkulose vor allem und noch andere.furchtbare Krankheiten fordern unter ihnen ungezählte Opfer. Trotzdem bereits säst schon der Frühling angebrochen ist, hat es die Gemeinde bisher unterlassen, für unsere armen, ausgehungerten Kinder eine Aktion ins Leben zu rufen, die es auch heuer den armen Stadtkindern ermöglichen soll, einige Wochen bei guter Ernährung, Licht, Luft pnd Sonne in ausreichendem Maße zu genießen. Wer Einmal dieses furchtbare Kinderelend in seiner ganzen Größe gesehen ha.t, wird nie wieder diesen Eindruck aus seinem Bewußtsein löschen können, und es ist nur zu hoffen, daß die neue Gemeindeverwaltung den Willen, rasch zu helfen, in die Tat umsetzen wird, um aus dem verwüsteten Kinderlcmd ein srohlachendes Paradies zu schaffen. — Auch für die Verbesserung der Lage der Versorgungshäusler sollte vieles^getan werden. IDie Persorgungshäuser sollen nicht wie bis jetzt Schreckgespenster für »msere alten Leute sein, sondern Heimstätten, wo sie nach aller Plage ausruhen können. Um all diese Pläne in die Wirklichkeit umsetzen zu können, müssen wir fordern, daß die Frauen, die bei ihrer Arbeit in verschiedensten Wohlfahrtinstitutionen ihr soziales Empfinden bewiesen haben, leitende Stellungen in der Gemeindeverwaltung einnehmen, da es feststeht, daß die bei uns als „Mädchen für alles^ tätigen Juristen dieser Aufgabe in keiner Weise gerecht werden. Diesen Leiterinnen müßten eine Anzahl Fürsorgerinnen zur Seite stehen, Frauen und Mädchen aus -.s dem Mittelstände, welchen ein neuer Berufszweig zugleich mit einer Erwerb smö glichkeit eröffnet wird. Die Vertvirklichung dieser Forderung müßte sofort in Angriff genommen »verden und wenn der Staat die Arbeit der Gemeinde nach seinen Kräften fördert, wird, wenn auch nicht gleich allem Elend, so doch dem größten abgeholfen »verden. j ■■ j Allgemeines { ■■ Eine Uebergangsstatisn für gefährdete Frauen und Mädchen. Das Wohlfahrtamt der Stadt Frankfurt hat gemeinsam mit der dortigen Frauenkommission zum Studium der Sittlichkeitsfrage eine Uebergangsstation für sittlich gefährdete Frauen und Mädchen eingerichtet. Das Heim soll dazu dienen, erstmalig Auf- , gegriffene bis zur Neberweisung in ihre Heimat oder , Unterbringung in eine Anstalt aufzunehmen, damit sie; nicht in Polizeihast genommen werden müssen. Für die Einrichtung des Heimes wurden vom Magistrat; 5000 Mark bewilligt.; Der erste weibliche Verteidiger. Nach den von der provisorischen Nationalversamnllung beschlossenen Neüj bestimmungen können als Verteidiger jugendlicher An-; geklagter außer dem Rechtsanwalt auch andere geeignete ' Personen fungieren. Dieser Tage wurde von dieser Bestimmung das erste Mal Gebrauch gemacht. Dep? BezirkMchter Dr. FLala richtete, in Abwesenheit deß : Verteidigers an die astwesende Vertreterin des Kathplischest Wohltätigkeitsverbandes die Frage, ob sie die ' Verteidigung des Knaben übernehmen wolle, was ,si§ . bejahte. Wir hoffen,'.-daß bicfc neue,-Möglichkeit b$n * wirklichen Beruf l)er'Iran im öffenAilhen 'Le^n^ zu D betätigen, bald, weitere Fortschritte machen toirb w? aber hoffentlich nicht allein im Rahmen des Kathp- ‘ lischeu Wohltätigkeitsverbandes. , , Ehrentitel Frau. In München besteht seit einigen Monaten eine Werbestelle für die Einheitsanrede: Frau, . die trotz ihres kurzen Bestandes bereits eine sehr gwßi: Zahl von.Frauen aller Stände , zu ihren Mitgliedern - zählt. Es wäre wirklich an der Zeit, endlich das Wort Fräulein aus der Welt zu schaffen und der berechtigten Forderung aller Frauen ohne Unterschied des Standes tntb der Geburt den einzigen Titel, der ihre Wesenheit f-sthsilt zu gebet: und die Frau auch Fratt ztt nennen.. Merkwürdig ist nur, daß die 36 Frauetl, die in der - dänischest Nationalversainmlung sitzen, die Einheits-^ < bezeichnung Frau für sich abgelehnt haben. Dpp Fraurnüberfchuß. Es ist eine immer und - überall beobachtete Tatsache, daß mehr Knaben geboren - »verden. als.Mädchen. Auf 100 Mädchengeburtcn troffen ' nngefäht 106 dnabengeburten. Durch die Kriegsverluste . haben sich diese Verhältnisse außerordentlich verschoben; / es wurde berechnet, daß heute auf 1000 Männer. : 1159 Frauen fallen, was bedeutet, daß jede siebente Frau lediglich deshalb keinen Mann finden wird, weil; keiner für sie vorhanden ist. Dr. Prinzig berechnet in her Deutschen Medizinischen Wochenschrift, daß der Üeberschstß -an Frauen ttt den Altersklassen von 18! bis '45' Jahren erst in 27 Jahren wird ausgeglichen »verden können. Die Stellung der Frau in der Mischen Gemeinde. Kürzlich fand in Berlin eine Versammlitng des jüdi- . schen Frauenbundes statt, in welcher mehrere Redner und Rebnerinnen über die Stellung der Frau in der jüdischen Gemeinde sprachen. Die weiblichen. Redner, insbesondere Frau Josefine Le»vy-Nathenau und * Frau Siddy Wrousky forderten für die Frauen dä^ \ tmeingeschränktc aktive und passive Wahlrecht. Der Re-. i feyestt,f>Hustizvat Lilie nt ha l, der in seinem Referat \ dip PHtzutUng der Frauen für die verlchiedenen Arbeitsi gebiete der Gemeinde hervorhob, gab der Ansicht Ausdruck, daß das Frauentvablrecht gegenwärtig nicht eingeführt' »verden könne, jedoch können die weiblichen . Gemeistdemjtglieder vom 21. Lebensjahre an i»t alle; VÄwckÜikngskomntissi orten der Gemeinde gewählt wer- \ den. In der Diskussion, an der sich -zahlreiche Redner, darunter Rabbiner Dr. Baeck, Dozent Dr. Elbogen u. cu -beteiligten, setzte sich mit besonderer Warnte der; zMtstische Redner Dr. Alfred Klee für die Einfüh- " rmzg dB. Frauenstimmrechtes ein und fügte hinzu, daß? auch dieses nur dann eine Bedeutung bekomrnen könne, > wenn gleichzeitig die Bestimmungen über den Zensus j fallen, da nur die wenigsten Frauen Steuer zahlen. Stadtrat Limkiewic.z sprach die lieber,euguttg an-, daß die Regierung die Erteilung des StinmtrechEvs an hie Frauert vhneweiters bewilligen werde.

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