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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-12 · Heft 53 (12.3.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 53 (12.3.1919)
Date
1919-03-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Bewaffnete Aufstände des Proletariats hat es genug gegeben: von Spartakus in Rom angefangen bis zur Kommune in Paris. Aber dort hatte der Kampf Sinn und Bedeutung. Die Entrechteten wolltendasJoch sprengen oder siewollten ihren Anteil an der Herrschaft haben. Alle diese Kämpfe nahmen den gleichen Verlauf und das gleiche Ende. Sie «Wanden unter der betäubenden Wirkung des Augenblicks, verzehrten sich selbst und mußten schließlich der organisierten Macht der herrschenden Gewalt unterliegen. Das wird offenbar auch das Schicksal der Berliner Spartakisten sein. Noske wird siegen, wenn auch die Kämpfe noch Hunderte und Hunderte Menschenleben mehr fordem werden, wenn auch die Schäden an Hab und Gut ms Tausendfache wachsen werden Es wird einst Aufgabe der geschichtlichen Forschung sein, diese Erscheinung der geistigen Entartung einer ganzen Beyölkerungsschichte in ihren Ursprüngen aufzuhellen. Sie wird dann Nachweisen, daß wir es mit einem jener Fälle der menschlichen Hagikorirödie zu tun haben, die bereits in der Psychopathologie der Massen ihren Platz, finden. Was die Spartakisten gewollt haben, ist ganz Lfm. Das russische Vorbild schwebt ihnen vor Augen: EyrfühvM. des < Ptztesystems: Das bedeutÄ. abÄ nichts aicheres als die Ausschaltung der Demokratie und ihre. Ersetzung durch ein Herrschaftssystem, das sich gründet auf die Autorität her Räte, b.ei deren Auswahl der reinste Zufall waltet. Es ist richtig: das allgemeine Wahlrecht niit dem Verhältnissystem und mit allen Kautelen der Demokratie hat gewisse Mängel. Der Gedanke, daß die freigewählte Volksvertretung ein Spiegelbild .des Willens der Bevölkerung gibt, ist eine reine Fiktion Die Volksvertretung kann wohl, ein Spiegelbild geben der verschiedene!: Willensströmungen innerhalb der Bevölkerung, aber das allgemeine Wahlrecht kann nicht die Intensität des Wollens gewisser Klaffen ausdrücken. Der Wille des Bürgers und der Wille des. Proletariers ist für das allgemeine Wahlrecht vollständig gleich. Daß aber unter den heutigen Verhältnissen hinter dem Willen des Proletariers ganz andere und stärkere Energien stehen als hinter dem des Hausherrn, das ist der Hauptmangel des Repräsentativsystems. Hier liegt vielleicht eine der elementarsten Tatsachen, welche zur Erklärung des Berliner.Aufstandes beitragen, können. Diese Erscheinung ist aber international. Sie zeigt sich ebenso in Berlin wie in Paris und London — überall dort, wo ein seiner Zahl und seiner Klaffenlage bewußtes Proletariat den anderen Klaffen gegenübertritt. Daß aber gerade in Berlin diese allgemeine Erscheinung zu solchen entsetzlichen Ausartungen geführt hat, laßt sich nur erklären aus der mangelnden Widerstandsfähigkeit der Massen gegen jene Agitationen, welche diesen Mangel des Repräsentativsystems mit allen möglichen anarchistischen uud zerstörenden Tendenzen, wie sie der russische Bolschewismus erzeugt hat, verknüpft. Der Boden für diese Massenerkrankung ist vorbereitet worden durch den viereinhalbjährigen Krieg mit all seinen Grausamkeiten und Scheußlichkeiten. Der Berliner Zustand ist die Reaktion aller anarchistischen und individualistischen Elemente auf die gänzliche Unterbindung des freien Willens während des Krieges. Sie spotten aller Organisationsöestrebungen, vergessen alle Errungenschaften, welche der Gedanke der Organisation für die Arbeiterschaft gebracht hat und greifen zur Selbsthilfe, wobei sie selbst 'wieder das Orgamfationsprinzip anwenden. Organisation des Anarchismus — das konnte bisher als ein Widerspruch in sich selbst gelten. In Berlin ist dies zur Tatsache geworden. Manches in den heutigen Verhältnissen Berlins und Deutschlands überhaupt liegt begründet in der merkwürdigen Haltung der deutschen Mehrheitssozialisten, die in den Stunden der Gefahr für ihr Daterlarck ück. mebr. als. Patrioten denn als inter- Freigabe des Welthandels im April. Eine Erklärung Balfours. Bafel, 11. März. (Korr.-Bur.) Die „Basler Nachrichten" melden aus London: Balfpnr habe in der Londoner Börse die WiederaufnahMe des freien Handels für den Monat April angekündigt. _ '_ Die Ententetrnppen räumen Odessa. SLeatzenkLmpfe in Cherson. — Hungersnot in Witebsk und in der Krim. Hetfingfors, 11. Marz. (Korr.-Bur.) In Cherson haben Straßenkämpfe zwischen Noten Gardisten und EnterrteLruppen stattgefunden. Der Abfchub der Ententetrnppen ans Odessa dauert fort. Unter dep Truppen herrscht mit Ausnahme der polnischen Legionäre große Disziplinlosigkeit. Infolge des Anmarsches der Roten Armee fliehen die Einwohner von Odessa nach der Krim. Im Gouvernement Witebsk und in der Krim herrscht Hungersnot. Die deutsche Armee 100.000 Mann. Paris, 11. März. (Havas.) Der Oberste Kriegsrat setzte gestern nachmittags das d efinitibe Statut über die Entwaffnung Deutschlands nach dem von Marschall Foch eingereichten Bericht fest. Deutschland darf nur zirka 100.009 Mann, die für eine Periode von 12 Jahren auf Grund des Freiwilligenfystems rekrutiert werden, mit den entsprechenden Kaders, Geschützen, Maschinengewehren und Gewehren, deren Zahl angegeben wird/ Tunnel Dover—Calais. Der Bau beschlossen. Amsterdam, 11. März. Einer Meldung des Neuterschen Bureaus zufolge herrscht im englischen Unterhaus allgemein die Ansicht, daß der Beschluß der Negierung, einen Tunnel unter dem Aermelkgnal zu Sauen, so gut wie f e st st e h t. Dem „Daily Mail" zufolge werde von einer Kommission in Paris auch der Plan erwogen, unter den Meerengen des Bosporus und von Gibraltar Tpnnels zu bauen. tv>: v.. nattoitole Arbeiter fühlten. Sie haben damit nicht anders gehandelt als ihre Genoffen in Frankreich, in England und in Amerika. Aber, sie haben bedenkenlos die Phrasen von dem . überfallenen und schuldlosen Deutschland hingenommen, ohne auf eine Prüfung. bet ^atfa^^cngu dringen. Diese ihre Schuld wird noch dadurch erhöht, daß sie jetzt, nachdem sie zur Macht gekommen sind, an der Macht bleiben wollen. Dies ist nur möglich, indem sie den bürgerlichen Parteien Konzessionen machen. Aber das, was dem Berufspolitiker in den Couloirs und in den Sälen des. Parlamentes verständlich ist, das versteht das Volk nicht. Das Volk will Ja oder Nein, Schwarz oder Rotzaber nicht Rot-Weiß-Rot oder andere ähnliche Kompromisse. So unangenehm das für die Politik sein mag, die gezwungen ist, die mittlere Linie zu suchen und einen Zustand erträglicher Wzusriedenheit zu schaffen, so kommt bod> darin die Aufrichtigkeit des Volkes zum Ausdruck, dessen gesunder Sinn sich gegen alle Kompromisse sträubt, in denen immer eine' gewisse Lüge liegt. Für das Volk grenzt Kompromiß immer an Kompromittieren. Abgesehen von all diesen inneren Schwierigkeiten, mit welchen die jetzigen deutschen Machthaber bei ihren sicherlich ehrlichen Bemühungen zu kämpfen haben, die deutsche Wirtschaft wieder aufzurichten, die Ernährung des Volkes in geordneten Bahnen zu erhalten, steht vor ihnen als unübersteigliche eherne Wand die Blockade, die, wie ja jetzt erst die Staatsi männer der Entente erkannt haben, jeden Zweck verloren hat. Wenn sie noch aufrecht erhalten wurde, nachdem Deutschland ' und Deutschösterreich vollkommen entwaffnet worden sind, so liegt darin nichts anderes, als die Grausamkeit des Säbels. Der Militarismus, der in Deutschland bankerott geworden ist, hat sein Quartier nunmehr in Paris und inSpaa ausgeschlagen. Ec hat nur die Farbe der Nation gewechselt, aber ec zeigt unter Foch dieselben vom Haß verzerrten Züge, wie früher unter Tirpitz. Aber die Zeiten haben sich doch ein wenig geändert. So wie jedes Handelsschiff, das durch die Torpedos der deutschen 0-Boote aus den Meeresgrund geschickt worden ist, jetzt dem Emährungsdienst der Völker fehlt, so wird heute jeder weitere Tag der Blockade bei den Völkern der Entente selbst als Qual und Pein empfunden. Lloyd George hat in seiner wuchtigen Rede im Zehnmännerrat am Samstag das stärkste Argument für die Aushebung der Blockade auf den Tisch geworfen: die Menschlichkeit der englischen Soldaten, die lieber meutern als Frauen und Kinder verhungern sehest wollen. Die Zeiten sind sehr traurig, aber solche kleine Züge der Menschlichkeit bieten einen großen Trost für jeden Menschen, der daraus die Hoffnung schöpft, si»atz sich die Zeichen der erdumfassenden Solidarität vermehren und der-Welt, neuen Charakter, neue Gesittung und neue Kultur bringen werden. Das wird die beste Bürgschaft für den aufzurichtenden Völkerbund sein. Dann wird das Blut auf den Schlachtfeldern wenigstens nicht ganz umsonst geflossen sein und dann wird es zu solchen psychischen Verwüstungen wie in Berlin nicht mehr kommen können. Die Aushebung der Blockade ist beschlossen werden. Die Ausführung dieses Beschlusses wird mehr sein, als die Oeffnung .der Grenzen. Sie wird den neuen Kosmos der freien Menschheit schaffen. _ Die unvollständige Revolution. ' Der Bürgermeister von Wien hat letztens in einer Rede gesagt, wenn ein künftiger -Geschichtsschreiber die Zeit dieses Weltkrieges überblicken werde, müsse er zu der Frage kommen, ob denn die Menschheit nicht wahnsinnig war. Man muß sich hüten, diese Worte des Dr. Weiskirchner als ein Zeichen beginnchcher Umkehr zu werten. Es gibt bei uns wie drüben im Reiche viele rechts stehende Politiker und breite SchichteAihrer Anhänger, für die der Krieg nur darum eipe tolle Unternehmung war,. weil der erwartete Erfolg aüsgeblieben ist. Die Revolution soll sogar, wie es in jenen Kreisen heißt, an der deutschen Niederlage die Schuld tragen. Aber man irrt, tvenn man meint, daß bloß jene Unverbesserlichen, die sich in den neuen . Geist der Zeit nicht finden wollen, von dem wahren Sinn der Revolution unberührt geblieben sinh. JA deutschen Reichstag ist das treffende Wort ^fallen, die Mvolution werde ohne Erfolg bleiben, tvenn sie nicht die Gesinnung ändern werde. Und in der Tat, mit dem Abschütteln der alten Gewalten iftkanm die. halbe Arbeitz vollbracht und ohne eine radikale Umkehr der Gesinnung versumpft das Werk der Revolution, ohne daß sie ihre Mission erfüllt hafte. Die Menschheit hat ihre äußere Freiheit errungen, nun muß sie sich besinnen, wie sie die innere Knechtschaft überwinde. Vorläufig merkt man wenig von? wirklicher Umkehr. Was in Berlin gegenwärtig geschieht, muß jeden Menscher: mit Schmerz erfüllen, gleichgültig, nach welcher Seite seine politischen Sympathien neigen. Die Bestialität, mit der dort politische Gegnerschaft ausgetragen wird, die Greneltaten, die dort geschehen, was sind sie denn anderes als die Fortsetzung der

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