Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 50 (9.3.1919)
- Date
- 1919-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Konstatierung hat für den Augenblick eine gewisse Erregung hervorgerufen, dann aber ist man auch darüber zur Tagesordnung hinweggegangen. Eine Umfrage in . den Wiener Spitälern würde ergeben, daß die Ernährung der Kranken nicht nm viel zu wünschen Übrig läßt — das war ja auch in Friedenszeiten gewöhnlich der Fall — sondern daß sie geradezu jämmerlich ist. 'Krankheit allein ist schon ein Uebel, aber jetzt in einem Wiener Spital Kränk zu liegen, ist das allergrößte Unglück. Die berufenen Personen, die Direktoren der Spitäler, die Äerzte» die Professoren, die Ässistenten, die Wärterinnen -- alle Organe, die damit zu tun haben, wissen das genau. Sie hungern ja auch. Es berührt aber doch das menschliche Defühl überaus peinlich, zu sehen, wie im Laufe der Zeit alle diejenigen, welche berufsmäßig mit der Wohltätigkeit zu tun' Wen, einpfürdungslos werden, und ihr Herz verhärten gegen das -Leid der Alten und Kranken. Vor dieser Gefahr sind auch nicht die privaten Wohltätigkeitsinftitute geschützt. Ein Beispiel hierfür bietet Alland. Die größten medizinischen Autoritäten, Wohltäter von Beruf, bilden dort das Kuratorium und sie haben es tatsächlich durch ihre Gleichgültigkeit — um nicht' ein schärferes Wort zu gebWchendahikr gebracht.HKM.^Anstatt mitten werden mußte- Die.Fräg^DM'ttW-^b''dW, Kura«»' < Wen für ihren eigenen HaüshM Ebenso sorglos gehandelt haben und sich auf Gottes Münder verließen, wie bezüglich. der Tuberkulosen in Alland. Man kamt es mit dem Mitleid Hallen wie man will, mll Schopenhauer oder nzjt Nietzsche. Der ideale Zustand wäre sicherlich der, daß-die ganze private Wohltätigkeit Mit ihren unerfreulichen Begleiterscheinungen der Titel- und Ordenssucht, die sich aus der Monarchie herübergerettet Wen, endlich einmal verschwindet. Pflicht der Gemeind^ des Landes, des Staates ist es» Hilfe zu schaffen für diejenigen, .die sich nicht selbst helfen können. Vermag die Allgemeinhell dies nicht, so ist ihre soziale Unfähigkeit damit erwiesen und sie hat nichts anderes' zu tun,- als einer Kesseren Organisation der -Gesellschaft Platz zu machen. . Aber auch in der besten Demokratie ist es nicht zu vermeiden, daß eine gewisse Bureaukratisierung der Amtsträger eintritt und man weiß, wohin das führt: Zum Aügestumpstsein gegen die Bedürfnisse der Bevölkerung.' Diese soziale Gefahr soll nun durch die Selbstverwaltung vermindert werden. Aber gerade das Lainzer' Beispiel. zeigt, daß auch in der Selbswerrpattung oder was man bisher so genannt-hat, die Bureaukratisierung- und brnmt: die verdammte Gewöhnung am Elend und Not - eintritt. Aus einer jüngst veröffentlichten Interpellation hat man erfahren, daß in einem Wiener Spital ein Heimkehrerfest veranstaltet wurde, bei dem es nach der Schilderung der Anstage außerordentlich lustig zuMg. Die Selbstverwaltung beruht auf der Heranziehung der gesamten Bevölkerung zur Leitung und Ordnung ihrer eigenen Angelegenheiten, auf der Beschränkung des Verufsbeamtentums auf alle jene tagen, für welche rein technisches Wissen erforderlich Die unsinnige Verquickung von Politik und Verwaltung, die die Monarchie, zugrunde gerichtet hat, hat es auch mit sich gebracht, daß die bisher herrschenden Pollliker nicht in der Lage waren, die Verwaltung auszuüben. Ihre Tätigkeit beschrankt sich auf das Unterschreiben.pon Schriftstücken, die oieBeämten anfertigen, und auf die Erstattung von Referaten, die die Bemfsbeamten ausarbeiten.' So wird die Selbstverwaltung ebenso wie früher der Konstitutionalismus zur bloßen Fassade und so konnte die Phrase von her „bestverwälteten Stadt Europas" gepflegt werden. Die Selbstverwaltung aber, die es sich zum Ziel setzt, hi? Bedürfnisse der Bevölkerung zu erkennen und ihnen zu entsprechen, müßte in die einzelnen öffentlichen Organisationen, die bestquylisizierten Männer von gesundem menschlichen Empfinden, von Der- Die Blockade gegen Oesterreich wird eingestellt Beschluß desZehnmärmerrates. Paris, 8. März. (Funkspr. der Tel.-Komp.) Der Rat der Zehn beschloß heute, d r e Blockade gegen Oesterreich einzustellen, damit Nahrungsmittel zur Versorgung" der österreichischen Bevölkerung gesandt werden können. Die Lebensmittel werden ü b e r Fiume und Trieft gesendet werden. Hoover, der mit der Erledigung dieser Aufgabe beauftragt ist, teilte mit, daß er die Sendung von Nahrungsmitteln nach Oesterreich garantiere, und zwar bis zu einem Maximum von 3090 Tonnen täglich. Paris, 8. März. (Funkspr. der Tel.-Komp.) Es liegen gegenwärtig in Fiume und Trieft 89.999 Tonnen zur Verfügung. Die Italiener waren nicht sofort mit diesem Vorschlag einverftanden. Sie beantragten die Ernennung einer Kommission zur Untersuchung der Lage. Die Mehrzahl war jedoch für ein sofortiges Eingreifen. Es wurde schließlich beschloffen, die Blockade aufzuheben. Lord Robert Ereil schlug vor, eine gleiche Haltung bezüglich Deutschlands einzunehmen, damit waren Lloyd George und Oberst House einverstanden, aber Clemeneeau verlangte, daß erst im Laufe des heutigen Tages über diesen Vorschlag eine Entscheidung getroffen werde. Die Bezahlung soll dadurch geschehen, daß Deutschland Kali, Nitrate und Steinkohle an die Entente liefere und seine Handelsschiffe zum Transport der Lebensmittel zur Verfügung stelle. Meuterei kanadischer Truppen. 5 Tote, 40 Verwundete. London, 8. März. (Korr.-Bur.) Das kanadische Hauptquartier in London erläßt eine Verlautbarung über einen militärischen Aufruhr im Kimmel-Park, worin es heißt r Gegen die Aufrührer, von denen ein Teil schon verhaftet worden, ist, w vv d schar f v o r g egangen werden. An dey Anruhen hat eine Anzahl von Zivilisten Wltzenommen. Zwölf voll Hpell-.-Wd-Hhe«ertK'KeBgenoMme« ' und vchr, ZstvilbeHMe^ Verla«fe''der.ÄüMhMjw«ÄeiaHM. u früh rer und 2 W acht p o ft e n g s t ö t e 49 Mann, darunter-zwei Öfsizisre, v cito und et. Im Lager von Rhyl befanden sich 25>999 Kanadier, die auf die Einschiffung warteten. L o n d o n, 8. März; (Korr.-Bm.) Nach einer amtlichen Mitteilung ist es im Lager von R h y l jetzt wieder ruhig. Es besteht keine Gefahr, daß es zu weiteren Ruhestörungen kommen könnte. Die kanadischen Behörden stellten die Ordnung ohne Anterstützung der britischen Truppen wieder her und teilten dem Kriegsamt mit, daß sie auf den Aufruhr hin keine vermehrte Einschiffung wünschen. Der MMuhr-Mgx--. X ich unv geht nicht auf eine heit zurück. 209 altgediente Leute waren mißvergnügt darüber, daß angeblich jüngere Kameraden vor ihnen heimbefördert werden sollten, und hatten den Aufruhr angezettelt. mmm ftandnis für soziale Pflicht .entsenden. In der Rechtspflege hat man schon längst erkannt, daß die besten Berussrichter durch ihre Gewöhnung an Verbrechen und Vergehen die Fähigkeit objektiven Empfindens verlieren können. Die Geschwornenjustiz wird mit'Recht als eine der,schönsten Errungenschaften der Rechtspflege gefeiert. Nur in der sozialen Fürsorge, in den Wohlfahrtinflitu'en will man nicht davon abgehen, die Leitung den berufsmäßigen .Pflegern und Verwesern anzuvertrauen. Es wäre angezeigt, dem Laienelement, den Gefchwornen für Wohl,'ahrtwesen hier Zutritt zu schaffen. Hier könnten sich die Frauen die ersten Erfahrungen im sozialen und öffengichen Leben erwerben, um sie dann im politischen Leben zu verwerten. Welche Erfolge der gesunde Menschenverstand, verbunden mit echtem C ipsinden, für gesellschaftliches Leid zu erringen vermag, das hat , sich zum Beispiel bei dem bekannten Institut der Frau Äsiitta Müller in geradezu mustergültiger Weise gezeigt. Dort haben in schwerer Zeit hartgeprüfte Menschen nicht nur werktätige Hilfe gefunden, sondern, was weit mehr ist, Arbeit und Trost. Es müßte also, .wie wir meinen, ein Rat von sozial empfindenden Frauen und Männern, die das Vertrauen der Bevölkerung durch Wahlen zu erweisen hätten, nicht aber auf Grund von Vermögen und Protzentum, jedem Wohlsatotsinstitut beigegeben werden. Dann wäre es ausgeschlossen,' daß unsere Statistik Fälle von Hungertod in öffentlichen Wöhlsahrtsinstttnüonen zeigte. Wenn Bilder von den Italienern entführt werden, wird protestiert und an die Kulturwelt appelliert. Wenn aber'bei' uns alte' Leute, die ihr ganzes Leben der Gesellschaft geopfert haben, . verhungern, wenn Kinder infolge des ■ Milchwuchers der Großgrundbesitzer' und der Bauern zugrunde gehen ^müssen, so nimmt man das tatenlos als ein Elementarereigms hin' und sagt: „Da kann man nichts machen." Es ist leider noch unmöglich, das soziale Gewissen in der-ganzen Well wieder rege zu machen und. die alten Beziehungen der' Menschlichkeit und des Mitempfindens/ die einst die ganze Kulturwell umfaßt - haben, rasch herzustellen. War es nicht einst der Stolz Wiensdaß seine Reltungsgesellschaft nach Messina ftchr? Hat nicht die ganze Well für San Francisco gesammelt? Hat nicht einmal der deutsche Kaiser. Bergarbeiter nach Courriöres geschickt, um ihren verschütteten Kameraden Hilfe zu bringen? In der Sündflut von Blut des Weltkrieges sind diese Beziehungen ertrunken und wir können nichts anderes tun als matten. Aber in diesem Land, in unserem Gemeinwesen, hat jeder einzelne die Pflicht, das Seine dazu beizutragen, das öffentliche Gewissen wieder zu wecken und den unauslöschlichen Gedanken der menschlichen Solidarität, des Verständnisses für Leid und Schmerz wieder lebendig zu machen. Demokratie ist nichts anderes als die Solidarität aller. Die politischen IsraeWengemeillden Mährens. Von Dr. Egon Zwcig. Kürzlich wurde hier gemeldet, daß die politische Jsraelitengemeinde Boskowitz aufgelöst worden sei., Da die , gleite Maßnahme auch den anderen Gemeinden dieser Art zu drohen scheint,'ist es wohl am Platz, sich über Inhalt und Bedeutung dieser Gemeinden klar zu werden. , Sie dürfen nicht, wie dies so oft geschieht, mit den israelitischen K u l i n s g e nt ein 6 en verwechselt werden. Während nämlich diese vornehmlich einen Personalv er band darstellen, der nur'die Konfessionsjnden eines -gewissen'Territoriums umfaßt, und' zwar , um deren religiöse ^Interessen zu befriedigen, sind die PolitischenJsrae- ^litengemeind en das, was^ ihr Name sagt, nämlich politische Gemeinden, haben den Wirkungskreis gleich irgend . einer anderen Ortsgemeinde und bilden einen T e r r i t o r i a lverb and, der'alle'dort Wohnenden oFnrc UntersHied der Konfession und Nation umfaßt. -' * Die Kultusgemerndey sind" das bei weitem jüngere Gebilde, berilhen sie doch-erst ans dem NeichSgesch vom^ Jahre 1690, Die politischen Jsraelitengemcinden hingegen wurden .mit den anderen Ortsgemeindcn schon 1868, zu Beginn des i konstituionellen Lebens, konstituiert, und zwar umfassen' sie 'inden betreffenden Orten das Gebiet der alten Ghetti, 'der in die Christengemeinden gleichen Namen? cingesprtngteu '-Jildengassen. Alle diese Gemeinden zusammen, es -waren > zuletzt ihrer 31, halten kaum mehr als 15.000 Einwohner, also im Durchschnitt etwa 500, wahre Zwerggemeindenl