Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 48 (7.3.1919)
- Date
- 1919-03-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einen sichtbaren Erfolg-haben ihre Verhand- Mrgen bisher begreiflicherweise nicht gezeitigt, da ja M größten Schwierigkeiten prinzipieller Natur, wie sie .sich aus dem noch bestehenden Kriegszustand ergeben, noch zu überwinden sind. Die österreichische Delegation hatte den Vorschlag gemacht, einen Teil der Lebensmittelfendungen' durch Konsumentenartikel aus Deutschösterreich zu bezahlen und den Rest durch Obligattonen zu decken, die durch Me in den neutralen Staaten aufzunehmende Mleihe fundiert werden sollen. Dieser Vorschlag wurde von der interalliierten Kommission entgegengenommen und die Verhandlungen hierüber werden fortgesetzt werden. Es wurde die Versicherung erteilt, daß die Lebensmittelsendungen aus Italien inzwischen nicht unterbrochen werden. Die Delegatton hat also keinen positiven Erfolg Welt, aber' auch keine Ablehnung erfahren. Darin siegt sicherlich ein moralischer Erfolg Deutschösterreichs. Die deutschen Beamten, die das aus Belgien entführte Gold nach Frankreich zurückbringen mußten, wurden ' in Paris geradezu wie Häftlinge gehalten chjd konnten am eigenen Leibe den französischen Haß gegen Deutschland verspüren. Die 'gute Aufnahme unserer Vertreter in Paris kann uns in diesen traurigen Tagen eine tröstliche Mrheißung für die Zukunft bedeuten. Sie ergibt sich KM Teil - - aus- "den Msthlen, welche die KWzWn wist: Md nach dem Kriege derasten Monarchie gegenüber an den Tag gelegt haben. Die französische Politik war stejs bemüht, Oesterreich die Nachteile zu zeigen, die ihm aus dem Bündnis mit Deutschland erstehen. Die hochmütige und hochfahrende Art, in. der Kaiser Wilhelm nach der Konferenz von Algeciras der Monarchie für ihre „brillanten Sekundantendienste" dankte, wurde in Paris sofort dazu benützt, wieder die Monarchie zu überreden, auf die Sette der Westmächte zu treten. Wohl scheiterten alle diese Versuche an der Haltung des Kaisers Franz Josef, der von dem Bündnis nicht lassen wollte, aber die Debatten im österreichischen Parlament und in der Delegatton, in denen stets von den Sprechern der slawischen Parteien gegen das Bündnis Stellung genommen wurde, haben uns in Frankreich viel Sympathie' und Achtung eingetragen. Im Küege selbst gab es wiederholt Phasen, in welchen das Habsburger Reich sich sehr leicht hätte retten können, wenn es die namentlich von den französischen Konservativen in Paris nach Wien gesponnenen Fäden verdichtet hätte. Viel mußte geschehen, uw die alten Sympathien, die für uns in Paris, aber auch in London und in Amerika bestanden hatten, in Haß und Verachtung umzuwandeln. Das Henkerregime, das sich in Bosnien, in der Herzegowina und in . Ostgalizien austobte, die Brutalität gegen Serbien, das Stürgkhsche System, die politischen Prozesse gegen Kramarsch und feine Freunde» Kaiser Karls schwankende Politik, die bald zu Stanek, bald zu # Koroschec, bald zu Wolf hinüberneigte, die sich * äußerte bald in der Amnestierung Dr. Kramarsch' und der anderen slawischen „Hochverräter", bald in dem klägsichen Versuch eines deutschen Kurses; dazu noch der glorreiche Angriff des Grafen Czernin auf Clemenceau! Graf Czernin wird in der Geschichte überhaupt eine merkwürdige Rolle spielen. Er hat immer das Richtige erkannt und das Verkehrte getan. Er war der erste, der die Katastrophe rechtzeitig erkannte, er sah ein, daß der Krieg zum Zusammenbruch führen müsse. Das waren seine Erkenntnisse. Seine Taten aber waren Brest und Bukarest. Und dann der schmähliche Verlauf seines Duells mit Clemenceau. Wieviel Verdrehungskunst ist wohl hier in Wien damals aufgeboten worden, um die Nackte Tatsache aus der Welt zu schaffen, das; ein Brief des Kaisers Karl an den Präsidenten Poincarä vorlag, in welchem die Friedensneigung Oesterreichs ausgesprochen wurde mtter Preisgabe des Elsaß! Wie hat man damals Depeschen verstümmelt, wie hat man unsere ganze Presse dem Hohngelächter der ganzen Welt preisgegeben! Graf Czernin mußte in der Delegation erklären, Straßbmg bedeute für uns soviel Die Palästinafrage auf der Friedenskonferenz. Die zionistischen Forderungen. Stockholm, 5. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Das Jüdische Preßbnreau meldet aus Parisr Die Fortsetzung der Verhandlungen Zes Zehn-Männer- Nates mitdev zioniftischenDeleg a t i o n fand am 1. März statt. Weizmann sprach englisch, Sokolow französisch, Asfifchkin hebräisch. Dazu bemerkt „Times", daß seit Jahrtausenden die hebräische Sprache bei der Friedenskonferenz zürn erstenmal wieder im politischen Verkehr gehört wurde. Das von den Zionisten überreichte Memorandum umfaßt pierzeh,r Seiten. Das Memorandum, das eine blau-weiße Titelseite hatte und vom 3. Februar datiert ist, ist unterzeichnet von Lord Rothschild, Sokolow und Weizmann namens der zionistischen Organisation, Rosow namens der zionistischen Organisation Rußlands, Mack, Wise, Harry Frieden Wald, Robinson und de Haas namens der zionistischen Organisation Amerikas, ferner nochmals von Sokolow und Weizmann namens der paläftineufischen Juden. Das Dokument beginnt mit einer historischen Einleitung, zitierte sodann die Regierungserklärungen über die Errichtung einer jüdischen Heimstätte, die Resolutionen des amerikanischen Judenkongreffes und der Zionistenkongreffe. Hierauf folgen die zionistischen Vorschläge. 8 1 besagt: Die vertragschließenden Parteien anerkennen das historische R echt j ü d i s ch e n. Vo Pal ästinWM^ das ReM derMdöni n Palästina ein n a t i o n al e s H e i m wiederaufzubauen. S 2 behandelt die Frage der Grenzen Palästinas. 8 3 verlangt, daß die Souveränität über Palästina dem Völkerbund übertragen werden und England als Mandatar oes Völkerbundes bestellt werden soll. > 8 5 stellt die Forderung, in Palästina derartige politische administrative und ökonomische Bedingungen zu schaffen, welche die Errichtung eines nationalen Heimes für das jüdische Volk und Schaffung einer Autonomie des jüdif ch e nG e m ein Wesens ermöglichen, wobei klar verstanden wird, daß nichts getan werden soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nichtjüdischen Gemeinden oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in de «anderen Ländern beeinträchtigen könnte. Der Mandatar soll die jüdische Einwanderung und die Bildung einer geschlossenen jüdischen Siedelung fördern und die jüdische Leitung bei der Entwicklung des Planes der jüdischen Heimstätte unterstützen; er soll Konzessionen für öffentliche Arbeiten Heftige Kämpfe in Berlin. Das Polizeipräsidium von Spartakisten besetzt. Berlin, 6. März. Seit Mitternacht finden um das Polizeipräsidium schwere Kampfe statt. Eine Verbindung mit dem Polizeipräsidium ist unmöglich, da alle Zugänge von Spartakisten besetzt und die Telephonleitungen , zerstört find. Außer der Volksmarinedivision und einem Teil der republikanischen Soldatenwehr find auch ein Teil des Maikäserregiments und des 2. Garderegiments zu den Ausrüh rern übergegangen. Den nächtlichen Kämpfen find bisher acht Tote und eine erhebliche Anzahl Verwundeter zum Opfer gefallen. Aeber die Situation beim Polizeipräfidium find verschiedene Gerüchte im Umlauf. Während einerseits behauptet wird, das Gebäude sei in den Händen der Spartakisten, wird andererseits gemeldet, daß die Regierungstruppen Verstärkungen erhalten hätten und in der Lage waren, das Gebäude zu halten, beziehungsweise bereits Teile desselben wieder zu erstürmen. Bombardement des Stadtvogtergebäudes mit schweren Minen. B e r l i n, 6. März. Die Belagerung und Beschießung des Polizeipräsidiums dauert an. Rach einer Gesechtspause wurde von halb 12 Ahr ab wieder mit kurzen Anterbrechungen geschossen, zumeist mit Maschinengewehren. Das Stadtvo gteigeb äud e, das sich unmittelbar an das Polizeipräfidium anschließt,' wurde mit schweren Minen bomba rd i e r t. Es gelang den Angreifern, eine Anzahl Gefangene zu befreien, doch konnten fie wieder ergriffen und sestgehalten werden. Es verlautet, daß die Verluste beider Parteien bis gestern spät abends etwa 20 Tote und mehrere Verwundete betragen dürften. Im Lause des Vormittags dürsten die Verluste naturgemäß weiter gestiegen fein. Die Situation ist äußerst unklar. Mannschaften, die fich von der republikanischen Holdatenwehr ab gezweigt haben, erklären, daß fie keine. Spartakisten seien, sondern nach wie vor auf dem Boden der Regierung standen. Jbv ganzer Grimm gelte nur den Reinhardt-Truppen/ Ob dies der Wahrheit entspricht, bleibt dahingestellt, die Regierung hat jedenfalls energische Schritte getan und hofft, im Laufe des Nachmittags die Ruhe wieder. Herstellen zu können. wie Triest. Gerade in dieser schmählichen Affäre ist der Beweis geführt worden; daß sich die Diplomatie niemals der moralischen Mittel begeben darf. Seit damals waren alle Fäden zwischen Oesterreich und der Entente abgeschnitten. Unsere Feinde ließen uns die ganze Schwere ihrer Verachtung fühlen. Kaiser Karl und Graf Czernin mußten sich vor Berlin demütigen und die Monarchie verlor ihre politische Selbständigkeit. Steuerlos und führerlos gerieten wir in das Fahrwasser der Ludendorffschen Politik. Zu diesen Verirrungen kam noch die Wirkung der antiösterreichischen Agitation der ins Ausland geeilten Führer der Tschechen, Südslawen und Polen. Gerade in dem Moment, wo Graf Czernin vor dem Wiener Gemeinderat von dem „elenden erbärmlichen Masaryk" sprach, erreichte Masaryk die größten politischen Erfolge in Washington und London, und das Resultat der ganzen Politik des Ballplatzes war die wutschnaubende Einstimmigkeit der^ französischen Presse: der Lügenstaat an der Donau' müsse verschwinden. Seitdem ist wieder viel geschehen. Hohenzollern ist gefallen, Habsburg hat fein Schicksal geteilt und das Elend, das über Deutschösterreich hereingebrochen ist, hat vielleicht zum großen Teil den Haß, der ja kein eingeborner war, in Mitleid umgewandelt. Das Los Deutschlands ist sicherlich beklagenswert. Vom Kriege zerbrochen, von der Not ausgesogen, taumelt es von einer Revölutton. in die andere und muß sich jetzt, während die. großen Städte vom Streikbrand ergriffen sind, noch außerdem darauf gefaßt machen, daß die Ueberflutung seines Gebietes durch fremde Truppen nach dem Abbruch der Waffen-