Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-03-06 · Heft 47 (6.3.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 47 (6.3.1919)
Date
1919-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979124--00397-2985685
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

ri\‘. UM» 30 HeHrr DH»L»»«era«ov»p»-1s-: M«r Mt Zustelku», M .; <■■ Hmi»: attwiitiib. . , . k V.— jrfftvfetiiUrrig . . .. S0-— «au»,sk«rs ..... KV.— ..... 80.— Mit Pofivrrsaird: . . .* 7JS0 fiänrtrifSIrvig . . „ LS.— * M 44.— « 4 m 88.— So*Vlo«8,*{£k.!rtira GirrrrrrrEpra», Nreks 30 Keller prttifs für 'btt* A««l«rdr Mo«aüich . . .X 8.- pUvtellätjtig . . „ 34.— $albfntjvig . . . „ 48.— ««tsfiihsrrs . . . * 06»— N»dalrtts« «. £bmhtpltitj timt: 1 m*u, H. «ad-rst-sKS »r. 1-8 P-stfpark <xA*«H8*ftta Ar. 150.698 Nr. 47 Wien, Donnerstag, den 6. Miirz ISIS »»»»>WM»>WW»>«M>W> Nl> T 1. Jahrgang Bor der Katastrophe. j Bom Abgeordnetm Robert Stricker. ' Werden die Sozialdemokraten eine dauerhafte Koalitionsregierung zustande bringen? Werden die Deutschnationalen mittun? Ist der Anschlutz an Deutschland eine erledigte Sache? Wird es mit der Notenabstempelung schief gehen? Werden die Deutschböhmen und Westungam zu uns konnnen? Die Fragen setzen heute alle Federn und Zungen in Bewegung, doch uur die Zungen und Federn! Auf den Herzen und Gemütern lastet unausgesprochen die eine furchtbare Frage: Was wird das Volk tun, das arbeitslose, stierende und hungemde Volk? Neben ihr wird alles parlamentarische und politische Reden und Schreiben sinnloses, ödes Schwatzen und Schmieren. Man redet von allem Möglichen und Unmöglichen, um nur nicht das Schrecklichste sagen zu müssen! Man verbietet der zehrenden Sorge das Wort und sie frißt sich ins Herz, ins Hirn, wo sie es noch findet. Im finsteren Walde und in dunklen Stuben singen und jubeln furchtsame Kinder überlaut, um die Angst zu betäuben; in drohender Gefahr, in wahnsinnigem Schreck beginnen hilflose Schwächlinge albern zu witzeln. ... In Deutschösterreich diskutiert man fruchtlos über den Tiefstand der Krone und über die Vermögensabgabe, ob sie siebenundzwanzig oder zweiunddreißig Prozent betragen soll und wird. Und das* Volk siecht in Untätigkeit dahin, es verhungert und erfriert. Was wird dieses Volk tun, was muß es bald tun? Wird es in lautloser Entsagung hinstecben oder ivird es mit seiner, von Verzweiflung gesteigerten letzen Kraft, zerschlagen was noch besteht? Der Krieg hp^scheußliche Gestalten geformt, und es mag heute GßMen geben; in ihrex . selbstsüchtigen Angst zu SMxkeirLWvrdene Gesellen.' welche, selbst in Sicher- Yen VeMrgr, oas rl\]rc, . « menschlich fühlen und gerade denken karrst, wer M Volke noch Menschen erkennt und nicht stumpfes Schlachtvieh, sieht den Ausbruch der Volkswut unabweislich komnM, wenn nicht rasch Hilfe einsetzt. Vertrösten und beschwichtigen nützt nichts, Hilfe., muß kommen. Deutschösterreich ist bis auf den Grund cmsgeschöpft und abtzeschnürt. Es wird sich dereinst aus eigenen Mitteln erhalten können, heute geht es nicht, heute Missen Frimde rettend eingreifen. Kein Stolz und kein Trotz helfen über diese Erkenntnis hinweg. Wir müssen Lust bekommen und in den Weltverkehr eintreten. Wir haben hierbei keinen Wall des Hasses zu durchdringen, doch wir müssen über das Schweigen hinwegkommen, welches man über uns gebreitet hat und das uns zu ersticken droht. Man; haßt uns nicht, man beschimpft uns nicht, man läßt uns in Ruhe — sterben. Man redet einfach nicht von uns. Wenns hoch Koninit, schenkt man uns Mitlxid mit ironischem Beigeschmack, läßt in Bern und Basel von Schweizer Buben Schokoladestückcheu für arme Wiener Kinder sammeln, schickt uns ein Dutzend Schachteln Kakes mit herzlichen Grüßen. Und wir dürfen noch schön danken. Aber man gibt uns kein Arbettsmaterial und kein Essen, weil man nicht mit uns rechnet. Wir müsien hie AusmerksamkeiL der Welt erzwingen, unser Parlament, die Nationalversammlung muß alle ihre Kräfte Ms diese Ausgabe konzentrieren. Unser diplomatischer Llpparat hat in dieser Richtung ganz versorgt. Unsere Außenvertreter sinp. über die Bemühungen, den Anschluß an Deutschland zu fördern, und vorläufig nutzlose Proteste gegen Wider- und Bilderraub nicht hinausgekommen. Es ist ihnen m langen Monaten nicht gelungen, auch nur Ansätze für den Eintritt in den Weltverkehr zu bilden. Da muß die Nationalversammlung gründlich Wandel schaffen, sie muß mtter Heranziehung aller zur Vermittlung berufenen Elemente die Möglichkeit schaffen, die Westmächte über hie Lage und, das Wesen Deutschösterreichs aufzuklären und von der Notwendigkeit und Ersprieß-! lichkeit raschester Hilfe zu überzeugen. Gutes Recht eines Volkes verjährt nicht, und wenn Deutschösterreich heute den Ruf um Hilfe allen Protesten gegen nationale Vergewaltigung vorangehen läßt, hat es deshalb nicht auf fein gutes Recht endgültig verzichtet. Der Hunger und mit ihm die Vernichtung stürmen bereits gegen das Tor unseres Parlaments. Jetzt ist keine Zeit für Prestigepolitik, die um so leerer , ist, weil sie auchnicht überein einziges Machtmittel verfügt. ' . Ebenso unabweislich wie die Frage der Be- »schasüZung und Ernährung des Volkes ifiim jetzigen. EiilstiunmU Annahme der zionistischen V auf der Friedenskonferenz. Gratulation Balfours. E t o ck h o l m, 4. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Minister V a 1 f o u v sandte oev zionistischen Delegation in Paris eine Beglückwünschung mit der Mitteilung, daß die zionistischen Vorschläge von der Friedenskonferenz einstimmig angenommen worden seien. __ Ungarn wirbt ein Freiwilligenheer. 15 Kronen täglich ohne Siangsnnterschied. Budapest, 8. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Zur Neuerrichtung dev ungarischen Wehrmacht erlaßt die Regierung eine Proklamation, in welcher die wehrfähigen Männer im Alter von 34 bis 42 Zähren aufgefordert werden, sich in die ungarische Miliz zu melden, da das bisherige Wehrshstem aufgehört hat und nur elnFreiwilligenheer bestehen soll. Die Mannschaft des neuen Heeres, welches sechs Divisionen betragen wird, soll durch Werbung bei den Divisionskommanden in Budapest, Raab, Miskolez und Szegedin errichtet werden, wobei jeder Soldat die Verpflichtung iiöernimmt, mindestens sechs Monate in der Armes zu dienen, welche für feine! , OTe. Soldaten echaWn, eine Löhnung von V6 Kron oh ne Rü8sichi auf deu Eh arg e w grad und jedes Familienmitglied eine monatliche Auterstützung von 50 Kronen. Bolschewismus in Rumänien. Bauernaufstände und Plünderungen. Bern, 5. März. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der „Temps" erhält aus Bukarest eine Nachricht, in welcher die Lage des Landes äußerst kritisch geschildert wird. Telegraph und Telephon sind im ganzen Lande Augenblicke die Frage der möglichst wettgehenden S o z r a l i s i e r u n g u n s e r e s Wirtschaftslebens. Sie bedeutet heute keine Frage einer bestimmten Partei mehr, sie.ist für alle zur Haupt- und Staatsftage geworden. Das Volk will und wird sich nicht mehr in die alten Wirtschaftsformen pressen lassen. Der politischen Emanzipation muß die ökonomische folgen. Es gem'gt nicht, dem Volke zu zeigen, daß die einzelnen Stände für immer allen politischen Vorrechten entsagt. haben, die Nationalversammlung muß ihm in augenfälliger Form den Beweis erbringen, daß sie ehrlich gewillt ist, den ökonomischen Absolutismus zu brechen. Das kann sie nur so tun, daß sie die SoziaÜsierung aller hierzu nur halbwegs geeigneten großen Betriebe ungesäumt beschließt und durchführt. Auch hier genügen schöne Vorsicht und Versprechungen nicht mehr. Nur die Tat kann Vertrauen schaffen, und nur das Vertrauen in den ehrlichen Willen des Parlaments zür sozialen Gerechtigkett kann das Volk vor der Verzweiflung und unseren Staat vor der Vernichtung bewahren. Unsere sozialdemokratische Regierung kann sicher sein, daß ihr die Einsichtigen und Gerechten aller Parteien bei der Bewältigung dieser beiden großen Aufgaben ehrlich helfen werden. Sie kann insbesondere auf das werktätige Verständnis der volksbewußten jüdischen. Wählerschaft rechnen._ Dr. Ernest v. Koerber gestorben. ' Gestern vormittags ist in Guttenbrmm bei Wien der vormalige Ministerpräsident Dr. Ernest v. Koerber nach langer Krankheit gestorben. Er war am 26. November 1850 in Trient geboren und gehörte zuerst dem Kabinett Gautsch als Handelsminister an. 1900 wurde er zum erstenmal zum Ministerpräsidenten ernannt. Er ist, wie wir bereits vor einiger Zeit meldeten, schon seit Monateil schwerkrank darniedergelegen. gesperrt. Die Verteilung von Lebens» Mitteln ist infolge der Verkehrsstörungen unmöglich. Täglich finden Plünderungen und Bauernaufstände statt, wobei es Tote und Verwundete gibt. Der Bolschewismus auf den Dörfern nimmt überhand, Plünderungen von Gütern und Reisenden find an der Tages»! ordnung. Spandau vom Freikorps Hülsen besetzt. Stillstand der Fabriken. —AbstimimmL über den Streik. Spandau, 5. März. Das Freikorps Hülsen ist heute von Döberitz aus hier ein-! marschiert und hat alle öffentlichen Gebäude besetzt. General Hülsen hat im Rathaus sein Hauptquartier aufgeschlagen. Die Kundgebungen der Arbeiterschaft gegen' den Generalstreik dauern fort. Leberall wurde, geheim über den Streik a b g e ft i ürm t werden soll. Als die Arbeiter in die Fabriken nicht eingelassen wurden, stürmten f ic bic Eingänge und verschafften sich gewaltsam Zutritt. Zn Spandau ist durch Unterbindung des elektrischen Stromes der Betrieb in den meisten Fabriken st i l l g e l e g t. Die sparta- Mischen Arbeiter des Kreis-Kraftwerkes terrorisieren durch diese Maßnahme ganz. Spandau. Die Zeitungen können nicht erscheinen. Sie geben zum Teil nur kleine Mitteilungen heraus, die im Handbetrieb her», gestellt werden. . Mit ihm scheidet ein Marm aus dem Leben, der durchs die unselige politische Entwicklung unter der Regierungszeüs des Kaisers Karl eigentlich schon sett zwei Jahren politisch^ tot war. Dr. v. Koerber, der einer Drientiner OffizierK-! familie entstammte, war einer der besten und kenntnisreichste Minister, die Oesterreich je gehabt hat. Es war nicht mre; ein ästhetischer Genuß, feine Reben anzuhören, in denen epj ein durch Nationalismus zerfressenes Parlament zum Staats-; üewußtsein zurückführen wollte, es war auch für jeden riaci Stunde besten politischen Unterrichts, den man Lei Koerber! erhalten konnte. Er war eine Zeitlang als Ministerpräsident zugleich Justizminister, {Minister. des Innern und Handels-.^ minister. Er hat in 'zahlreichen Erlässen es versucht, die., politisierte Beamtenschaft zu einer strengeren Auffassung ihrer! Pflicht , zu erziehen. Seine erste Premierschaft siel in jene! kummervolle 'Zeit, in welcher der Pole Vadeni mit semer. berüchtigten starken Hand die deutsche Obstruktion im Par-! lament entfesselt hatte. Graf Clary Mußte nach wenigeu, Wochen vom Posten des MMisterpräsidenten scheiden, bL er der Situation nicht mehr gewachsen war, und Dokto^ v. Koerber, der sich vorher schon, als Handelsinmister da^ Vertrauen der Oefsentlichkeit erworben hatte, ergriff daE> Staatsruder. Aber schon „feilte erste Tat zeigte, daß die Erb-', schast Badenis auch von' ihm nicht mehr korrigiert werdetkonnte. Die Aufhebung der Sprachelrordoiulanzen erweckte) sofort den leidenschaftlichsten Kampf der Tschechen gegen biö Negierung. Vergebens bemühte sich Dr. v. Koerber in „leiden-! schaftsloser Beharrlichkeit", wie er selbst sein System genannt;, hat, zwischen Tschechen und Deutschen einen Ausgleich herbei-! zu führen. Auch er hat, wie feine Vorgänger und wie seine. Nächster, den Fehler begangen, das deutsch -> tschechische Problem aus dem Kvniplcx der österreichischen Fragen auszu-, scheiden ' und . anstatt zwischen allen Völkern des Staate^' die Ordnung der nationalen Differenzen aus der BasU der nationalen Antonoimc durchzuführen oder zu erzwingen^, hat er,'seine ganze wertvolle Kraft verzettelt, um cinenj TMa^WK hersteizusührep.. VerWM hat er das. Sfö-j 20

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.