Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 44 (3.3.1919)
- Date
- 1919-03-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Einer Reutermeldung aus Paris Zufolge gab Balfour in einer Unteredung mit englischen Journalisten die Erklärung ab, er hoffe, daß man vor Ende dieses Monats in Sicht eines Präliminarfriedens sein werde, der einen guten Schritt näher zum allgemeinen Frieden bedeuten würde. Es sei das Bestreben der Pariser Konferenz, mit der Herstellung, des FriedenszustandeS nicht zu' warten, bis der allgemeine Friede möglich.und die Landkarte der ganzen Welt neu gezeichnet sei, sondern um den Eörfrieden mit dem unter allen Feinden am schwersten mit Schuld beladenen Deutschland zn beschleusen, da die mit diesem zu ordnenden Fragen immerhin einfacher seien als etwa jene hinsichtlich des früheren Oesterreich-Ungarn. V Eine der wichtigsten Fragest sei, welchen Anteil Hie Vereinigten Staaten an der weiteren Weltentwicklstng nehmen werden. Ihre so außerordentlich wirksame Teilnahme am Kriege würde ihre. verantwortungsvolle Aufgabe nur halb gelöst' haben, wenn sie ihren Anteil an den noch größeren Aufgaben des Friedens nicht übernehmen. Die jetzigen Vorgänge in Amerika seien schließlich für den -ErfMg der Pariser Konferenz ebenso maßgebend wie jeneParis, unh die neue Welt werde in der künftigen Gliederung der Völker eine ebenso wichtige' Rolle spielen, wie die europäischen Staaten mit ihrer-, alten Geschichte und der nahe Osten. Jedenfalls werde eine vollständige, tvenn auch vielleicht nicht vollkommene Lösung der großen Aufgabe angestrebt, an -welcher ein jeder auf seine Weise mitarbeite. > , Ztlilie« nach dem Krieg. Eine Kammerrede Orlandos. Rasche Demobilisierung. — Die soziale Gefahr. — Der Völkerbund. — Internationales Finanzreglement. — Vereinigung aller italienischen Gebiete. — Anspruch auf Fiume. Nom, 2. März. (Agmzia Stefani.) Jü der Kammer hielt gestern Ministerpräsident O r l a n d o eine große Rede, der er einleitend betonte, daß nach der Beendigung; Kopenhagen, 2. März. (Pmv.-Ter^)' „Politiken" be? .AdMet^MLE..H^stiWntheit- .tda^^t Beding ungen...des Hyaliminarfriedens RonWToMEwnstag^Mt^'dlännt gegeben werden würden. ' ' Die jüdischen Forderungen vor dem Friedenskongreß. Palästina unter dem Schutz Englands. -] Stockholm, 3. März. (Tel. der „Wr. Moraenztg.") Aus London wird telegraphiert: Offiziell wird von der Friedenskonferenz gemeldet: Am 28. Februar wurden die Herren Är. W eizmann und S o k o l o w als Vertreter der zionistischen Organisation, der Professor am College de France Silvain Levy und das Mitglied des Palästinakomitees Andre Spire in Vertretung der zionistischen Organisation Frankreichs, M. Assischkin iy Vertretung der russischen Judenschaft empfangen. Die Verhandlungen dauerten Knapp zwei Stunden. Die Herren Weizmann und Sokolow schlugen vor, daß Palästina für d i e nach st e Feit vom Völkerbund verwaltet werden soll, wobei Grotzbritaunieu als Mandatar des Völkerbundes die Aufgabe erhalten solle, Palästina in ein jüdisches Gemeinwesen umzuwandeln. Sie vertraten die Ansicht, das; bei guter Verwaltung, und wenn den Juden Gelegen eit gegeben wird, die Hilfsquellen des Landes z« erschließen, das Land in 25 Jahre« .eine jüdische Bevölkerung von fünf bis s e ch s M i l l i o n en Juden an sw eisen werde. Die nicht jüdischen Gemeinden sollen in ihren Rechten nicht beeinträchtigt werden und unter dem Schutze Englands stehen. U s s i s ch k i n sprach h e b r ä i f ch. Keine dänische Staatsanleihe. Demission des Kabinetts. Kopenhagen, 2. März. (RitzaufcheS Bureau.) ©<*■ daß Landsting den vomFvlketing bereits angenommenen Gesetzentwurf betreffend die sofortige Aufnahme einer Staatsanl e i h e ab g el eh n t hat, gab das ..Mmisterinm Zah l e seine ^Demission. Der König bat sich die.Entscheidung voichMM, m des Krieges die innere' Lage das meiste Interesse mete, insbesondere in wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht, da das italienische Volk wie alle anderen Völker die Härte der Entbehrungen und Opfer um so deutlicher empfinde, als der Anlaß;cschwunden sei, der den unbeugsamen und heldenmütigen Widertand der Nation bewirkt habe. Italien habe im Verhältnis zu seinen Mitteln mehr verausgabt und in seinen öffentlichen und privaten Wirtchaftslebcn mehr Einbußen erlitten als jedes an d e r e L a n d. Die Regierung tue ihr Möglichstes.' Die Demobilisierung chreiterascher vorwärts als anderswo. Was die Demobiliserung in der Industrie betrifft, so volludustriellm w.ie auch die Arbeiterorganisationen seien säm'lich »erufen, den Staatsorganen die Mitarbeit ihrer privaten Jnitative zu leihen. Der Ministerpräsident appellierte sodann an das Ausammenrvirken von Kapital und Arbeit, zu dem in'Italien mehr Geneigtheit bestehe als in den Industrien anderer Länder. In ganz Europa fühle man eine dunkle Gefahr, die nicht bloß einzelnen Institutionen gelte, sondern, die allensozialen Klassen drohe. Gegenüber dieser Gefahr sei nicht ein ePolitikdes Zwanges und dev Unterdrückung angezeigt, sondern es gelte, den Völkern die schweren Verantwortlichkeiten der gegenwärtigen mrde. deutlich Lu mqchnu. Das italienische Volk, verstehe „HMe, eisrüher'diesen Appem alseins im Kern gesundd Natioü. ■ "'1‘ Im weiteren Verlaufe seiner Rede kam der Ministerpräsident auf die Arbeiten der Friedenskonferenz zu sprechen und sagte, die Tätigkeit der Diplomaten werde von der öffentlichen Meinung kontrolliert. Ein neuer Geist leite die. Verhandlungen. Man sei endgültig davon abgekommen, die territorialen Veränderungen nur unter dem Gesichtspunkte der politischen Opportunität zu behandeln und man entscheide über das Schicksal der Völker nicht mehr ohne oder gegen deren Willen. Jnsolgcdeffen werden alle diesbezüglichen Wünsche auf das aufmerksamste und sorgfältigste geprüft. Auf die erste Periode, die der Organisation der Arbeiten gewidmet war, folgte die gegenwärtige zweite, in der die Schlußfolgerungen in Uebereinstimmung gebracht werden. In der dritten Periode, die nach den letzten Pariser Meldungen nahe bevorsteht, werde der FriedensverLrag in seinen Grundlagen festgesetzt werden können. Ministerpräsident Orlando hob die Wichtigkeit der Tatsache hervor, daß neun Staaten über den Völkerbnndvertrag einig wären, und fuhr fort: Der Vertrag hat einen vollständig neuen Charakter dadurch, daß die Passivität eines nicht obligatorischen Gerichtshofes durch eine positive und fortdauernde Aktivität ersetzt wird, die alle Völker und Staaten verpflichtet, a l l tinternationalen Fragen einer kritischen Besprechung und der Kontrolle der öffentlichen Meinung zu unterbreiten. Italien ist sehr glücklich, daß es bei der Festsetzung dieses uenen Geistes rnitgcarbeitet hat. Es schätzt sich nur so glücklicher, als es weiß,-daß alle seine Ansprüche den Grundsätzen strengster Gerechtigkeit genau entsprechen. Von wirtschaftlichem Standpunkt aus verlangt Italien, obwohl es die schwersten Lasten des Krieges hatte, nm zu wagen ersätzen und nur einen gerechten Anteil an den Schadenein internationales Finanzreglement. Diese Forderungen wurden in den Beschlüssen, die bis jetzt vor. der diese Fragen prüfenden Sonderkommission gefaßt wurden ■ bereits berücksichtigt. Was die Völker betrifft, die noch n i ch t s ä h i g sind, s i ch s e l b st z u r e g i e r e n, so haben wir gerne das. System der Unterwerfung und Knechtschaft durch ein anderes ersetzt, wonach die Fürsorge für diese Völker den zivilisiertesten Völkern über-" wiesen worden und die Aufträge dazu vom Völkerbünde ausgehei, sollen. Italien wurde das Recht zugestanden, bei diesem Wer' internationalen Fortschrittes mitzuwirken. Ueber die nationalen Ansprüche erklärt« Orlando, daß Italien nach wie vor an das Recht seiner Ansprüche glaube, denn folgende Forderung könne weder verkleinert iwch vergrößert werden: Bereinigung aller Länder und Völker der italienischen Tradition mit Italien und Zusammenschluß innerhalb der Grenzen, die dieNatur selbst entworfen hat, und wodurch Italien zu dem Lande,, das am dvntlichstei' Umrissen ist, und das Volk zur ethnographisch, einheitlichsten Nation aller Völker Europas wurde. Dieser Zusammenschluß sichert die Integrität und die Verteidigung des Landes. Italien ist. sich seines Rechtes bewußt, weiß aber auch, daß jedes Rech' durch das Recht des anderen begrenzt ist. Italien, das nicht durch selbstsüchtigeBerechmmgen angetrieben wurde,und das jetzt nicht durch Auflehnung gegen unvernünftige Forderungen beunruhigt wird, hat immer von selbst die Notwendigkeit erkannt, durch ein gerechtes in Uebereinstimmung zu bringen und nicht sein eigenes Jnteress» mit Hintansetzung der wichtigsten Bedürfnisse'anderer Volker in den Vordergrund zu schieben. Der beim Eintritt Italiens in dev Krieg bestehende . Vertrag, der einzig den Zweck hatte, feierlich durch die Verbündeten anerkennen zu lassen, welche Ausdehnung dem nationalen Rechte Italiens gegeben werden müsse, hatte schon seit Anfang Kompromißcharakler, ■ was -durch die in diesem Vertrag enthaltenen Verzrchtleistungen deutlich hervorgehoben wird. Wir bleiben dem Geiste der Versöhnung, wie er sich in diesem Vortrag ausspricht, treu. Anspruch auf Fiume. ' - Aber das bedeutet nicht, daß Italien gegenüber dem Rul einer durchaus italienischen Stadt, des Schmuckes des.Golfes von Quarnero, unempfindlich bleiben kann, da diese Stadt seit Jahrhunderten ihren italienischen Charakter und ihre politische Unabhängigkeit zu verteidigen wußte und jetzt der Gefahr mlsgesetzt wäre, ihre Nationalität und Unabhängigkeit-zugleich zu verlieren. Wir glauben nicht, daß dies möglich ist, gerade in dem Augenblick, wo man die Welt von der Erinnerung an die Verletzungen des Völkerrechtes erlösen will- Inmitten der Schwierigkeiten bestchen wir auf der vollen Verteidigung unseres Rechtes mit fester Entschloffenheit, aber durchaus nicht starrsinnig. Dieses Recht wird durch unsere unberechenbaren Opfer Md durch die Leiden des ganzen Volkes -geheiligt. Es wurde geheiligt durch die Hunderttausende von Italienern, die ihr Leben ftltvMe Sache der Gerechtigkeit gelassen haben. Sie wollten die GOechtigkeit für die Welt, aber auch für Italien, und diese beiden Ideale stimmen harmonisch zrr sammen in der klaren und unerschütterlichen Behauptung des Rechtes Italiens. "SHB3SBSSR9ES Stratzentumulte in Prag. Gegen Deutsche und Juden. Prag^ 2. März. (Privatl.) "Nach den Ereignissen von Donnerstag, an dem deutschsprechende Passanten auf dem Graben und in den anderen Prager Strassen von Legionären angehalten und insultiert wurden, stand der heutige Nachmittag im Zeichen weit ausgedehnterer Dmtschenverfolgungen. In sämtlichen deutschen Lokalen schritt Militär gegen die dort anwesenden Gäste ein. Im Eafä „Elektra" erschien gegen 6 Uhr abends eine Patrouille mit der Motivierung, daß.dort eine Protestversammlung gegen die- Einstellung der „Bohemia" und die Ausweisung des deutschen Konsuls stattfinde. Die Gäste wurden zur Ausweisleistung verhalten. Während dieser Zeit sammelte sich vor dem Kaffeehaus eine nach Hunderten zählende Menge an, die sich in Schmähungen gegen die Deutsche n. u n d Juden erging. -Gegen 8 Uhr . abends demonstrierte eine riesige 'Menschenmasse vordem Deutschen H ause und drohte johlend mit den Fäusten gegen die Fenster. Militärpollzei drang in die Restauration der Bereinslokajitäten, cin/ent- Mnte M chrr Md wieder, nachdem sie sich iitaeuot halte, daß keine Spur von einer politischen Versammlung zu sehen sei. ' In den Lokalitäten des Deutschen Kasinos fand abends ein Kränz ch e n statt, zu dem viele Damen und Herren erschienen waren. Um 9 Uhr wurde das Haus von einer 60 bis 80 Mann starken Abteilung von Legionären besetzt, welche mit aufge- Pflanzten Bajonneten in die Lokale eindrang und die Gäste der Restauration und die Ballbesncher aufforderte, sich sofort zu entfernen. Die Räumunc scheint ihnen nicht schnell genug vor sich gegangen zu sein, denn sie drohten, von der Straße auZ Handgranaten gegen 'das Kasino zu sch l e' u d e r n. Alle Anwesenden nmsstev stch einer Leibesdurchsuchung nach Waffen^ unterziehen. Auch die weiblichen Ballgäste wurden nicht ausgenommen, sondern mußten sich von Tschechinnen durchsuchen lassen. Auf der Straße wurden die Ballgaste vor einer zahlreichen Menge mit wüsten Schmähungen emp^ .fangen und mußten förmlich Spießruten laufen, wob« piele von ihnen . an gespuckt und durch Beinstellen zu Falle gebracht wurden. ‘