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Wiener Morgenzeitung · 1919-03-02 · Heft 43 (2.3.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 43 (2.3.1919)
Date
1919-03-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Giryelevemplar: Mreks 30 Hrüsr 9tinnmttatlou*pv»ift t Biest Mt Zustellung tu» Hau»: Monatlich. ...» V.— ViröteliSkris . . .« 80^- Kalbfäis^ks ..... 4oH- V«»;fLhrt» ..... 80.— Mit Postverfand: Monat-rch. . . .IC ».80 gürttimvl* . . * 2».— . . . i 44.- VaerTfSyris. . . „ 88.— CtiifMMt }feMfoHfos> Ihm 44088, Kebsfcti«« E^L'.KS-^' Giryel»»r«rvlar: Urrls 30 Keller PvLnnvuratt»»»- Vvok5» fN» d«rs A«s!a«d» KtonatUch . , .L 8.— Kli-vt-rfsr,rka. ... 24.- KaldfShvig . . . „ 48.— ®«mff3f>ri0 . . . „ 96.— Sodaktto« «. Administva» tioar Wir«, H. eatwfitaß* Jte> 1—3 Nostsparkassru-Iüwt» ' at*. 1501098 Nr. 43 Wien, Sonntag, den 2. März ISIS mm Die alte Schale nur ist fern, geblieben ist uns doch der Kern. —V W i c n, 2. März 1919. Unsere Republik ist in den Fehler der alten österreichischen Monarchie verfallen: Es wird viel zu piel Politik. gemacht und darüber die Wirtschaft vergessen. Man sieht, lvie die Tüaffesche Politik des Fortwmstelns sich zum Regierungsprinzip der Republik entwickelt. Diese Passivität unserer Republik ist besonders gefährlich in Bezug auf unsere wirtschaftlichen Fragen und für unser Geldwesen, das bereits in der international«! Wertung einen solchen Tiefstand etteicht hat, daß zum Bankerott nicht mehr viel fehlt. Niemand hat je allzu große Hoffnungen auf Professor Dr. Steinwender gesetzt. Er war immer als Flskälist verrufen. Die Steuerschraube konnte für ihn nie scharf genug angezogen werden. Seine Kritik des Budgets war immer nur eine technische, kleinliche, und erschöpfte sich in einer Besprechung des Ziffernmaterials, ohne auf die Verhältnisse zurückzugehen, deren Ausdruck die Ziffern find. Nun, da Steinwender durch die Oktoberumwülzung in die Lage gekommen ist, zu zeigen, was er vermag, hat es sich herausgestellt, daß auch er sich einfach auf das Sprichwort verlassen hat: „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand." Aber dieses Sprichwort Konnte vielleicht für den asten Dureaukratenstaat neuen, im. demokratischen Volksstaat . muß her gesunde Menschenverstand auch an den höchsten Regierungsstellen herrschen. Man muß sich an den. Kopf greifen, wenn man sieht, daß unsere Finanz» Politik-jeden Zieles entbehrt, gar nicht zu reden von emUrsicheren, plmchewußten MMode-zur Erreichung StaatsiveKm MWWMt'WMWMWNTMsiMfchNDi^ Geldwesens seiw DidGründe hierfür liegen auf der-Hand. Zunächst ist em sicheret-Geldstand - eme wesentliche Grundlage für den Abbau der Warenpreise. Dann müßte auch die Ftgae des Anschlusses an Deutschland ein mächtiger ' Antrieb sein, die Finanzen zu ordnen, damit datz Deutsche Reich ebenso wie wir wissen, welche Lasten und Guthaben wir iitvbie neue Gemeinschaft mitbringen. Der Eifer, mit dem von politischer Seite diese Frage betrieben wird, ist vielleicht begreiflich angesichts des Ausfalles der Wahlen^ Bei dem Zusammenbruch. aller staatlichen Ideale, der den armen deutschösterreichischen Staatsbürgern über Nacht betroffen hat, war es unbedingt notwendig, ihm ein neues Ideal zu geben. Der an Wahgfinn grenzende Chauvinismus der Nationalstaaten, der die noch vorhandenen Brücken zu Deutschösterreich vollkommen sprengt, hat viel dazu beigetragen, alle politischen und wirtschaftlichen Bedenken gegen den Anschluß znrückzüdrängen. Aber stärker als die Politik ist die Wirtschaft. Und das .wirtschaftliche Moment, der Unterbau für olle politischen und ideellen Konstruktionen, läßt sich nicht auf die Dauer zürückhalten. Man hat es vergessen und übersehen, aber es meldet sich schließlich von selbst zum Wort und jede Vernachlässigung findet ihre bittere Strafe. Wie jeder Kaufmann, der nach einem Zusammenbruch neu aufbauen will, den Stand seines Vermögens überprüfen muß. um festzustellen, worauf er seine neue Existenz gründen kann, hätte auch die deutschösterreichische Republik zunächst feststellen rnüfsen, was sie hat, was sie schuldet und auf welchen Kredit sie rechnen kann. Das ist nicht geschehen. Wir verkennen sicherlich nicht die Zwangslage der Regierung. Ohne Eisenbahnen, ohne Kohlen, ohne Arbeitsgelegenheit, ohne Lebensmittel, in allem und jedem von dem schadenfrohen Mitleid der Entente und der Nationalstaaten abhängig — was bleibt ihr anderes übrig als von einem Tag zum anderen zu leben? Aber diese Entschuldigung kann niemals die Passivität der Politik rechtfertigen. Die Folgen der Vernachlässigung-des wirtschaftlichen Moments zeigen sich auf Schritt und Tritt. Und das, was unsere Regierungsstellen als eine Lebensfrage, als ein Herzensbedürfnis hingestellt Haben, der Anschluß an Deutschland, scheint am toten Punkt angelangt zu sein. In dem Augenblick, wo sich Dr. Bauer und Scheidemann an den Beratungstisch setzen, um die Grundlinien für die Verwirklichung dieser Idee festzulegen, stellt es sich heraus, daß das ganze Problem h&h** mir nnnv G-lüblsittmiwunkt aus behandelt W a sh % n g ton, 1. März. (Funkfpr. des Tel.--Korr.-Bur.) Gestern hat Präsident W rlfo n seine AnLerschrift der Urkunde beigesetzt, durch die die Vereinigten Staaten einen Kredit von einer halben Milliarde Franken für die Verstroviantrerung der hungernden Bevölkerung Mitteleuropas eröffnen. Diese Summe, die bereits in den ersten Tagen des Monats Immer von Mr. Hoover zu dem erwähnten Zweck dringendst angefordert worden ist/wird nun feiner Person zur Verfügung gestellt. Zürich, 1. März. (Tel.-Komp.) Wie die Schweizerische Telegraphen-Information erfahrt, wird das Ex-Königreich Jerusalem den Titel Republik Palästina erhalten. (Eine Bestätigung dieser Meldung ist uns bis zur Stunde nicht zugegangen. — Die Red.) H MM wurden die elektrischen Kabel zerschnittenso daß die Stadt ohne Beleuchtung ist. Die Amtsräume der Regierung wurden von ungefähr 3690 Personen e r st ü r m t. Die Kämpfe darterrr an. Roch am Samstag früh wurden die Verbirzhurrgen mit Portugal unterbrochen. __ * MeMeneeau tritt zurück. Vom Posten des Kriegsmirnsters. Sturm au? die NegieruWsgeSäLde. Amsterdam, 1. März. „Morniug aus Madrid * ' Aus LiMbPu troffen? ' "PÄföusÄ '' -MOEMtzL'.. seit Samstag v o n d o l s ch e w i k i s ch e r Barbarei beherrscht ist. Die Bolschewiken stellten der Regierung ein Ultimatum, worin sie die Auflösung des Parlaments, die Dezentralisierung der VerwjMung sowie die Abschaffung dev Polizei und dWPrivatbanken forderten. Die Regierung erklärte, daß sie das Parka m e n t auflösen werde, alle übrigen Forderungen aber zurückweise. Daraufhin begännen S t r a ß e nkämpfe.Es wurden B arrikaden errichtet und Geschütze aus dem Märinearsenal g e h o l t. Zugleich Zürich, 1. März. (Tel.-Komp.) Nach Pariser Meldungen schweizerischer Blätter macht der Gesundheitszustand C l e m e n e e a u s eine Erleichterung seiner Tätigkeit notwendig. Für die nächste Zeit wird daher sein Rücktritt als K r i e gsm i n i st e r erwartet. Leber MWrmWMtzn. Paris, 1. März. (Tel.-Komp.) Nach einer Meldung des „Temps" s cheint es sich er, daß die Kommission für die Festsetzung der Grenzen der Tfchecho-Slowakei für die Aufrechterhaltung der historischen Grenzen Böhmens und für die Einverleibung Deutschböh mens in die Tfchecho- Slowakei eintrete «werde. worden ist. Man hat sich in Men mach dem Wort: „Was man will, das glaubt man gern", einem schrankenlosen Optimismus hingegeben und hat aeglaubt, daß die wirtschaftlichen und materiellen Schwierigkeiten ohne weiters überwunden werden können. Nah beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raum stoßen sich die Dinge. Es klappt nicht. Wir Horen, daß die Berliner Besprechungen nur vorläufige Verhandlungen unverbindlicher Natur sind, die nur dem Zweck dienen sollen, eine Grundlage für weitere künftige Besprechungen zu finden. Das ist dieselbe Phrase, die wir gehört haben, so oft Kaiser Karl und Kaiser Wilhelm zusammentrafen, so oft man über den Ausbau und die Vertiefung des Bündnisses gesprochen hat; wir haben sie gehört, so oft in, den Zeiten des'seligen Dreibundes die Diplomaten zusammenkamen und. wir haben sie das letztemal bei den Salzburger Verhandlungen gehört, aus denen nichts geworden ist. Wir fürchten, daß das auch diesmal der Fall sein wird. In Berlin hat man von allem Anfang an mit dem Bleistift gerechnet, das Urteil der gesamten Oeffentlichkeit angerufen und die Meinung der maßgebenden Faktoren der Finanz- und Wirtschaftskreise gehört. Hier hat man die Türen und Fenster ängstlich verschlossen. Dort ist Sachlichkeit, hier Sentimentalität. Ganz so wie in der Finanz frage: Niemandem wehe tun, Gott wird schon helfen; und ‘ vielleicht werden die Nationalstaaten doch nicht immer so böse sein, als sie es jetzt zeigen. Dr. Raschin hatte aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht.' Er hatte offenherzig seine Pläne, soweit dies in so heiklen Fragen möglich ist, enthüllt. Steinwender und - der ganze Kabinettsrat wollten aber nichts glauben. Sie redeten ihm zu, ob es nicht doch noch möglich wäre, von diesen Maßnahmen abzugehen. Als das Zureden nichts genützt hat, hat man uns in einer Mitteilung des Kabinettsrates erzählt, alle Maßnahmen feien bereits getroffen. Untv was ist . wirklich geschehen? In der vorgestrigen Mitteilung heißt es nur, daß die Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, und zwar durch zwei Vollzugsanweisungen. Was besagen diese? Daß auch bei uns abgestempelt werden wird. Wer man weiß noch nicht, wann, und man weiß nicht, wo. Wir haben nur erfahren, wie der Stempel ausschauen wird. Die Regierung meint offenbar, die Geldabstempelung werde sich so gemütlich vollziehen wie ein Wiener Walzer. Es werden vor allem die Gehalte in abgestempelten Noten ausgezahlt werden, das Publikum wird verpflichtet fein, neben den ungestempelten Noten auch die gestempelten anzunehmen und alles andere wird dann Gott und die Nationalversammlung machen. Dieses schwächliche Verhalten unserer Finanz« Verwaltung, diese Angst vor jedem Schritt, dieses Zagen und Zögern birgt die größten Gefahren für unsere Volkswirtschaft. An der Gesundung unserer Geldverhältnisse und an der Regulierung der Kriegsschulden ist das ganze Volk auf das lebhafteste inter« effiert. Aber, hauptsächlich muß sich das Bürgertum, sägen, daßWs jetzt um seine Sache geht. Für das er« werbende Bürgertum handelt es sich hier tatsächlich um Sein oder Nichtsein. Noch nie hatte ein Finanzminister eine so günstige Gelegenheit, zu Zeigen, ob er etwas zu leisten vermag. Dr. Steinwender hat jämmerlich versagt und mit ihm die Methode des alter. Oesterreich, das immer um eine Idee, eine Stunde und eine Armee zu spät kam. Aber diese Unterlassungen können sich an unserer Volkswirtschaft schwer räche» und sie auf ein solches Niveau herabsenken, daß wii für Deutschland schließlich entweder garmcht oder uui als der verarmte Verwandte in Betracht kommen dm man gnadenweise ins Haus ausnimmt. aber be' der Türe sitzen läßt. ■.

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