Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 37 (24.2.1919)
- Date
- 1919-02-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Als die Teilnehmer an der Versammlung in der G ö st i n g e r Au in die Stadt zurückgekehrt waren, zerstreuten sie sich unter die an verschiedenen Stellen angesammelten Demonstranten, die wiederholt g.gen die von Wien hierher beorderte Gendarmerie sowie gegen die ausgerückte Grazer Studentenwehr abfällige Rufe ausbrachten. Die auf dem Murplatz in großer Anzahl angesammelte, aus verschiedenen Elementen bestehende Menge nahm gegen die Gendarmerie, welche dort einen Kordon gezogenhatte, Stellung. In einem kritischen Augenblick erschien eine Abteilung des.Arbeiterhilfsko rp s, um Ordnung zu machen. Die Gendarmen und die mittlerweile zur Verstärkung herangerückte Studentenwehr glaubten irrtümlicherweise beim Herannahen des Arbeiterhilfskorps, daß dasselbe einen Angriff ausführen wolle. Die Gendarmen und Studenten zogen sich etwas zurück, während die Volksmenge ihnen nachdrängte. Eine Frau aus der Menge schleuderte ein eHandgranate, die zum Glück nicht explodierte. Plötzlich sielen einige Schüsse, worauf sich ein etwa zwei Minuten währendes Feuergefecht entspann. Wie bereits gemeldet, wurden hierbei vier P e r s o me n getötet und sechs schwer verwundet. Der Mllitärbevollmächttgte Nationalrat R e s e I suchte auf die überaus erregte Menschenmenge beruhigend einzuwirken. Die Vorwürfe, daß er die Entsendung mv Wiener Gendarmen nach Graz, veranlaßt habe, wies er in einer kurzen Ansprache zurück. In der Meinung, es sei aus einem Geschäftshaus am Murplatz auf die Demonstranten' geschossen worden, stürmten diese das Haus, welches vom Arbeiterhilfskorps rasch in Schutz genommen wurde. Im weiteren Verlauf des Abends sammelten sich vor dein Rathaus etwa 400 Leute.an, darunter auch Mitglieder der Volkswehr und des Arbeiterhilfskorps. Sie verlangten, daß die im Rathaus befindliche Studentenwehr die Waffen abliefere und heimziehe. Hierüber wurden sowohl mit der Studentenwehr wie auch mit dem im Rathaus befindlichen Landeshauptmann Dr. v. Kaan und dem Bürgermeister Fizia Verhandlungen gepflogen. Die Studenten erklärten sich bereit, die Waffen im Rathaus zu lassen und abzuziehen, indem sie erklärten, daß sie nicht Hegen die Bevölkerung ausgerückt seien, sondem zu dem Zweck, um für den Schutz von Person und Eigentum einzutreten. Während diese Verhandlungen gepflogen wurden, fielen plötzlich aus der Menge zahlreiche Schüsse gegen das Rathaus. Daraufhin schoß die Studentenwehr aus einem Maschinengewehr gegen die Demonstranten, die sich fluchtartig zerstreuten. An Opfern sind einToter und drei Schwerverwundete zu beklagen. Gendarmerie und das Arbeiterhilfskorps machten nun rasch Ordnung. D i e Studenten verließen sodann das Rathaus. Landeshauptmann Dr. v. Kaan und Bürgermeister Fizia trafen während des ganzen Nachmittags und der Abendstunden die notwendigen Anordnungen. Um 11 Uhr nachts herrschte in der Stadt vollkommene Ruhe. Graz, 23. Februar. Die Stadt ist v o l lkommen ruhig. Nur zahlreiche Neugierige stehen auf dem Hauptplatze und besprechen die gestrigen Ereigniffe. Das militärische und das Gendarmerieaufgebot wurde zurückgezogen. Durch die gegen das Rathaus abgefeuerten Schüße wurden nur das Mauerwerk und einige Gesimsfiguren unwesentlich beschädigt. Nachdem die Menge gegen 10 Uhr nachts vom Hauptplatz und den Straßen der inneren Stadt vertrieben worden war, wurde der im Rathaus befindliche Teil der Studentenwehr nach Zurückhaltung der Waffen, welche die Gendarmerie in Verwahrung nahm, von Mitgliedern des Arbeiterhilfskorps noch Hause gebracht. Bevor die Schießerei gegen das Rathaus begann, hielt der Kommunistenführer Brodnig an die MevLL ein- Ansprache,, worin er die Studentenwehr riedenskouferenz und die Mische» FordemW». Die Palästinafrage. — England als Mandatar des Völkerbundes. — Das englische Protektorat. — Balfour über de« Zionismus. — Sine Erklärung der englischen Zionisten. Rotterdam, 23. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.*) Laut einer Pariser Meldung des Hollandsch Nieuwsbureau ist der zionistische Plan in Bezug auf Palästina am Montag den 10. Februar der Friedenskonferenz vorgel»zt worden. Das Dokument ist von Vertretern der zionistischen Weltorganisation, namens der amerikanischen Zionistenorganisation von Jakob de Haas und Bernhard Flexner, ferner von de« Vertretern der russischen Zionistenföderation und der palästinensischen Juden unterzeichnet worden. Haag, 23. Febmar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.*) Der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Chron i e l e" meldet, daß die Friedenskonferenz vermutlich beschließen werde, die Herrschaft übet Palästina Großbritannien zu übertragen. Die Juden hätten sehr mäßige Ansprüche wegen der Grenzen des \nfcuen Sküäles ^g^tellt." Sie sind ^durchaus nicht von dem Verlangen erfüllt, die wohlerworbenen Rechte der Nachbarn anzugreifen Das Gebiet Palästinas dene sich unter britischer Flagge an den beiden Usern des Jordans aus» schließt aber kein Wüstengebiet in sich. Es grenzt an den Lauf der Hedschasbahn Damaskus wird als Hauptstadt Arabiens anerkannt. Was die Juden fordern, ist also das alte historische Palästina mit bestimmten Aenderungen wirtschaftlicher Art sowie der vollständige Besitz der wichttgsten Wasserwege. Man kann daher annehmen daß nördlich von Damaskus das französische Protektorat von Syrien in Uebereinsttmmung mit den geschichtliches Fyrdemngen der Franzosen beginnen soll, die diese Schutzherrschaft auf die Kreuzzüge zurückführen was in mooerner Anwendung den Schutz der Christen bedeutet. Haag, 23. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg/) Die „Time s" schreibt in Besprechung der arabischen Forderungen des E m i r s F a i f o l, des Sohnes des Königs von Hedschas, im Leitartikel, daß Juden und Araber nicht allein eine starke Blutsverwandtschaft haben, sondem auch große Gleichnisse in ihrer Geschichte besitzen und eine enge Verwandtschaft zwischen diesen beiden Völkem herrscht. Die Zukunft des nahen Orients hängt im großen Maße von dem Abkommen der Araber, Juden und Armenier ab, die bald ihre nationale Heimstätte haben werden: D ieJud en müss enPalästina ganz besitzen, es darf kein irredentisttsches Palästina bestehen Die Juden müffen Gelegenheit haben, »eine eigene koloniale MusterzivUisatton nicht allein im Lande, sondem auch des Landes zw schaffen.; Haag, 23. Febmar. (Tel. der „Wr. Morgenztg/) Der englische Außenminister Balfour hat eine Einleitung zu Nahum S o k d l o w s Buch über die Geschichte des Zionismus in Frankreich und England geschrieben Die „Times" vom 12. Februar publizierte einige Auszüge aus diesem Vorwort und bemerkte, daß die Interessen der palästinensischen Iudenheit auf der Friedenskonferenz in Balfours Hand liegen. In diesem Vorwort schreibt Balfour unter anderem: „Es scheint deutlich zu sein, daß der Zionismus das Los der jüdischen Rasse mildern wird. Die Juden, die nach P a l ä st i n a gehen, werden nicht denen gleichen, die nach London oder New-Bork kommen. Sie werden nach Palästina gehen, um sich einer bürgerlichen Gemeinschaft anzuschließen, die vollkommen mit den historischen und religiösen Gefühlen der jüdischen Rasse harmoniert. Diese Gemeinschaft wird mit dem Lande, daß sie bewohnt, verwurzelt sein Der materielle Gewinn wird wahrscheinlich groß sein, aber größer wird sicher der mistige Gewinn sein" (Wir werden in unserer morgigen Ausgabe einen dieser Auszüge aus der „Times* publizieren — Die Red.) Haag, 23. Febmar. (Tel. der „Wr. Morgenztg?) Das Londoner Bureau der zionistischen Organisation veröffentlicht in der englischen Preffe folgende Erklämng: Die zionisttsche Organisatton stellt fest, daß der Beschluß der Friedenskonferenz, die Ober-, Herrschaft über Palästina dem Völkerbund zu Übergeben im Einklänge steht mit den zionistischen Zielen In Osteuropa herrscht unter den Juden eine besonders aufgeregte Stimmung, je naher der Zeitpunkt der Bestimmung des Loses des jüdischen Volkes heranrückt und der zweitausendjährige Traum seiner Erfüllung entgegengeht. Die zionistische Organisation sieht mit Vertrauen dem Beschlüsse der Friedenskonferenz über die Bestimmungen, die eine gesunde Basis für die Schaffung einer jüdischnationalen H e i mstätte in Palästina garantieren, entgegen, j Die Jahreskonferenz der südafrikanischen Zionisten, die anfangs Februar in M ui z e nb erg abgehalten wurde, nahm folgende Resolutton an: „Die; Jahreskonferenz verlangt von der Friedenskonferenz,! daß das nattonale Verlangen und die historischen An-j spräche des jüdischenVolkes ausPa-; l ä st i n a anerkannt werden, und verlangt, daß Palästina unter solche politische, administrative und. ökonomische Bedingungen gestellt werde, damtt unter! der Sachwalterschaft Englands, vas im Namen des Völkerbundes aufttitt, die Errichtung Palästinas als jüdische Ge-, m e i n s ch a f t garantiert wird." beschuldigte, daß sie an der Schießerei auf dem Murplatze schuldig sei und ihre Entwaffnung forderte. Diesem Begehren stimmten auch die Mitglieder des Arbeiter- Hilfskorps zu. Ueüer die genaue Zahl der Toten und Verwundeten findet zurzeit die amtliche Erhebung in den Spitälern statt. Im „Arbeiterwille" teilt der militärische Bevollmächtigte Resel mit, daß er in dieser Eigenschaft demissioniert habe, weil er beschuldigt wurde, die gestrigen Vorgänge mitveranlaßt. die Gendarmerie aus Wien beordert sowie den Volkswehrmännern und den Heimkehrern Gebühren und Kleider vorenthalten zu haben. Diese Beschuldigungen seien vollkommen ungerechtst r t i g t. Er habe seine Stelle bisher gewissenhaft im Interesse der Arbeiterschaft und der Revolutton selbstlos versehen. Er habe sie nicht gewünscht und halte nicht an ihr fest. Die Entscheidung über diese Erklämng wird der Verttetung der sozialdemokratischen Arbeiterschaft und dem Soldatenrat anheimgegebe werden. Die Kommunisten in Linz. Linz» 23. Februar. (Tel. der „Wr. Morgmzta.") 2 provisorische Landesregierung wendet sich in einer Kundmachw gegen die Gerüchte, daß in Linz und Urfahr neue Unruhen bevi stünden. In der Kundmachung heißt es, daß nach dm ein« leiteten Untersuchungen kein Zweifel bestehe, daß diese Gerüo mit der Absicht in Umlauf gesetzt werden, die Bevölkerung dauernder Unruhe zu erhaltm. Es sind.von den Behörden u den Organm der Landesregierung alle Maßnahmen getroffen, l dm Schutz der persönlichen Sicherheit und des Eigentums ( wahrleisten und auch geeignet sind, Ausschreitungen im Keil zu ersticken. Nach einer Meldung aus St. Florian habm geste 15 Räuber das Bauerngut Eder in Ruprechtshofen a u geplündert. Diese kämm bewaffnet heranaewgen, umstellt, das Gut und 6 von ihnen verlangten mit vorgehaltenem Revolv vom Besitzer die tzerausaahe von 100 Kilogramm Selchfleis, etliche Kilogramm schmalz und andere Nahrunsmittel. Außerd, nahmen sie noch 600 Kronen Bargeld nut. Dann zogen ' Plünderer, von denen die Mehrzahl Militäruniform trug, das nahegelegene Wäldchen, wo sie die Beute verteilten. X