Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 34 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979111--00284-2985559- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Girrrrl-v-irtPIarr * Kreis 30 Heller 9 v&ttmn»r«ii<m*jrc»tr» t Wie«: WHt Zustellung lat Hau«r W-««tllch. . . .X V.- Pirrtrljätirka . . 80.— »albfäftH« . . . .. 40.— vanrjShrtg...» 80.- Mlt Postversand: Plsnarrch. . . .X 7.80 Kittel,S»,rl, . . 82 — Lalbs-r-rls . . . I 44— vanilShrlo . . . " 88.- Qtleptiw. Admlnlsti-a- Han 44088, Redaktion 48819, »k e Ukv akendo Hr. 16801 teuer föittltltvtvxplüvt Urela SO Kelle« itr&nnttuvatian«« gerotf» f8r dao Anolande Monatlich . . .X 8— pt-ot-ltLkrtg. »4.— k, Aalkjäkuig „ . . * 48.—! ffiT vanitShrig . . ■« 90W Kodaktion «. Administva^ tionr ' Mion, zz. SaboustvaAv 9*. 1-8 Wostfparkasserr-Korrto »v. 150.098 Nr. 34 Wien, Freitag» den 21. Februar ISIS 1. Jahrgang Ein Warnnngsfignal. —7 Wien, 21. Februar 1919. Nach den Zeitungsmeldungen, denen während des Krieges die französische Zensur den Weg ins Ausland s gestattet hat, konnte es immer scheinen, als ob Clemenceau, der französische Ministerpräsident, der Liebling des ganzen Volkes fei. Die französischen' illustrierten Blätter veröffentlichten rührselige Bilder, 'auf denen Poincarv, einst Clemenceaus größter Feind, ihn umarmt und küßt. Wir hörten von der beispiellosen Popularität, deren sich Clemenceau bei den Feldsoldaten erfreute. Das wäre auch ganz verständlich gewE» denn Clemenceau hat in den>Stunhen der größM - Bestürzung und Niedergeschlqgesttzeit, da die-Kanonen des Kaisers fchoHgegen Paris donnertA, mit eisemeA Entschlossenheit den Kriegswillen Husrechterhatten und! schließlich den ihm anoertrauteN Staat weniger mit ~. EjpropMion des Kaisers Karl. Me Kvongüter in MsWlS an Bauern und geistige Arbeiter verteilt. ' VBHest, 20. Februars (Ung. Tel.-Korr.-Äm.) Im Slttne des Volksgesetzes Mer die Voder» reform/ Erde heute in G ö dMl lömit der Bodenverteilung der U h e m a r i gen Krön gE t e r b F g o n n e n. Der Regierungsvertreter erklärte,, jÄufgahe der RegieWNg sÄ es, zu beED'er^Faß sie besser regieren könne als das alte Regimen »Bauern von ÄödSllS verlangen, dH ihr Besitz durchschnittlich auf 10Joch ergänzt werde. ^den der Gemeinde am nächsten Megenen Feldern der Krondomäne sowie dem königliche»! WaE HArdew.: 8VS ' Vis' 600 Joch u^Mssende Gartenwittschaften gebildet, auf die auch )g e Affige Arbeit er A ns h r « ch h Ech e n. Auch in Kerepes wurde heute Mt^er' Berteilung^er einstigen Krongüter begonnen. In erster Reihe erhielten die . Hisse militärischer ' Machtmittel als miL-^AngestMLetz der Domäne sowie die aus der Gemeinde stammenden Frontsoldaten Bodenbesitz«- den Waffen gciftiger UeMegenheit und mit einer s:Ä tisir* *«& h*«» unvergleichlichen politischen Kunst zum Siege geführt. Er^at siebzig Jahre nach dem HM Bismarcks auf dasAeutsche^Kaisertum die seltsame Friedenskonferenz in Paris eröffnet, die sich zu einem Gericht ausge-. staltet. Er hat mit die Statuten des Völkerbundes geschaffen und er diktiert den Frieden. Hart und unbeugsam, -'«Wie er sein . ganzes LBrn lang der gefürchtesite Ministerstützer dE frMosischen Kammer war, steht er heute denÄLesiWen gegenüber. W sieht sich Di Ziel seines'LWNs^ Er - hat Frankreich Me im Jahre 1870 verlorengWygenen^ Provinzen, zurückgebracht, und man sollte , glaubeD daß sein Molk' zu: bauen. Aber in den . Rausch seiner Freude fielen plötzlich Müsse, und der Mann, der ihn verwundete, ist ein Franzose. Das scheint seltsam, ist aber erklärlich durch die tatsächlichen Stimmungen und ^Strömungen in Frankreich, die nunmehr trotz aller Zensur im Ausland bekannt werden. Die heilige Einigkeit, die Viviani zu Beginn des Krieges in der Pariser Kammer proklamiert hat, ist längst verlorengegangen. Aus den Prozessen gegen Malvy, gegen Caillaux, aus den vielen Hinrichtungen von angeblichen Spionen wissen wir, daß die Unzufriedenheit der Bevölkerung während des Krieges niemals still gestanden ist. Gewiß hat der junge Anarchist Cotin mit dem rein französischen Rationalismus nichts zu tun. Er selbst bekennt sich als Propagandist der Tat, bezeichnet Clemenceau als den größten Feind der Menschheit und beschuldigt ihn, daß er einen neuen Krieg vorbereiten wollte. Es wird berichtet, daß es bei der Verhaftung des Attentäters zu schweren Zusammenstößen der Wache mit der Menge kam. Man darf daraus schließen, daß ein Teil des Publikums für den Verhafteten Stellung nahm, daß also Cotin mit seinem Rachegefühl gegen den obersten Chef aller Militaristen und Imperialisten in Frankreich nicht allein steht. Und tatsächlich spricht die Pariser Presse bereits von einer bolschewistischen Agitation. und will dafür das geknebelte und ohnmächtige Deutschland verantwortlich machen. Aber die Schuld an dem Heranbrausen des Bolschewismus trifft doch nur diejenigen, welche in ihrem Triumphgefühl die Kriegsmüdigkeit des eigenen Landes übersehen und denen es wichtiger ist, den besiegten Feind auf Jahrhunderte hinaus in Sklaverei zu stürzen und zu verelenden, als der Welt ein bißchen Frieden zu geben, um ihr die Erholung von dem körperlichen und seelischen Leid des Krieges zu gestatten. Aber die Zeichen der Zeit sind nicht nur in Frankreich zu merken. Der italienische Ministerpräsident Orlando, der ein ebenso starker Siegsriedler ist, mußte in der vorigen Woche Paris plötzlich verlassen, da seine Anwesenheit in Italien durch die Streiks und die Bewegung in der Arbeiterschaft überhaupt erforderlich schien. Lloyd George steht dem Generalstreik gegenüber. Es zeigt sich also, daß die rote Welle des Bolschewismus weder durch militärische Expanionen, noch durch Aufstachelung atavistischer, militarifticher Instinkte gebannt werden kann. Sie hat sich lisher nur über die unglücklichen Reste der einst so mächtigen Zentralstaaten ergossen, und sie staut sich jetzt an der Rheingrenze. i Das Attentat auf Clemenceau ist ein weithin sichtbares Warnungssignal für die Führer der Entente, den Bogen nicht zu überspannen. Es nützt nichts, daß Clemenceau in der von ihm kommandierten Presse Lieder der Angst vor dem Wiedererjtarken Deutschere wiMWstliche Ausrüstung und die Beschaffung des lebenden Inventars fällt der aus de» neuen ^-MeMern gebildeten Genossenschaft -zrr, die auch die KrlegSwitwe» zu untere. MGm tzWN Äv. W ’ länds anstimmen läßt. Es nützt mchts, daß er seinen Sieg übeM)eutsch!and einen Pyrrhussieg nennt. Oder vielleicht^ dieses Wort doch in einem anderen Sinn richtiger, als man ihyr sonst beilegt. Wenn Clemenceau sortfährt,. in solchD Weise zu siegen wie bisher» dann^Mnn feiw Erfolg tatsächlich 'zu einem MyrthüWg für Frankreich' werden,. für das Frankreich von heute, . das vom drn. fürchterlichsten Krisen Mdroht W Une /Grenzen^ überschreitet. FDie NMWg 'hierzu besteht. ' Dafür sind die Schüsse,!die< CotiiDtzWn das Auto Clemenceaus abfeuerte, ein fe )t laUHMndes Zeugnis. In der englischen Kammer hat^ Wser Tagt' der Sprecher der Arbeiterpartei, nachöemi'W von . der Passivität der Handelsbilanz vernommen hatte, ge-- sagt: Die soziale Krise ist ebenso gefährlich wie der Die. Rache der Entente hält die Blockade aufrecht verschärft die Waffenstillftandsbedingungen, fetzt ein Diplomatengericht ein. Täglich hören wir von neuen Plänen gegen die. Unterlegenen. Das scheint darauf hinzudeuten, daß es nötig ist, den erlöschenden Haß bei den eigenen Völkem immer von neuem zu beleben. Aber Gewalt erzeugt doch immer neue Gewalt. Cotin ist dasselbe wie Clemenceau. Nur von einer anderen Seite gesehen. Man gebe der Welt wieder die Versöhnlichkeit , und die Menschlichkeit zurück. Damit entzieht man dem politischen Mord am ehesten seine Begründung. Solange aber das unwürdige Spiel mit dem Frieden getrieben wird, solange der Krieg gegen Wehrlose sortdauert, solange es Clemenceaus gibt, — wird es auch Coüns geben. Ein neuer Kurs in Polen? Mff. Wien, 20. Februar. Das Preßburecm der polnischen Gesandtschaft in Wien verbreitet eine Anzahl von Meldungen, welche den Eindruck erwecken sollen, daß die polnische Regierung nunmehr ernstlich bemüht sei, eine Verständigung und einen Ausgleich zwischen der polnischen und der jüdischen Bevölkerung zu erzielen und endlich jenen Geist der Versöhnlichkeit zu verwirklichen, von welchem seit Wochen fast in jeder Verlautbarung der Negierung Pilsudski die Rede ist. So berichtet das Preßbureau, daß ,/nrf Veranlassung der galizischen Regierungskommission in Lemberg eine Enquete über die jüdischpolnjsche Frage stattfand", bei welcher den „Repräsentanten politischer Parteien sowie den Vertretern wissenschaftlicher Kreise" Gelegenheit gegeben wurde, ihre „Meinungen und Wünsche zu. äyßern" und .so der polnischen Negierung das Material^zu liefern „auf Grund dessen diese imstande wäre, in Zukunft auf legislatorischem Wege das jüdische Problem in Polen zu lösen." ES äußerten ihre Meinungen: Dr. Stanislaw Krzemicki im Namen des Verbandes der Polen mosaischer Konfession, Dr. S ch r e i b e r äm Namen der zionistischen Organisation, Julius Tenner, Professor Hauswald, Rektor Dr. Th.ullie als Vertreter der assimilatorischen Richtung, Samuel Blumenkranz al8 Repräsentant der Orthodoxen, Dr. S. G u t t m a n n (fortschrittlicher Rabbiner), Dr. Karl Einäugler (jüdischer Sozialist), Mauryeh Karn io l im Namen der polnisch fühlenden jüdischen Jugend, Dr. Emil Spät und Abgeordneter Dr. Msred H a l b » Man darf mit Recht fragen, was sich die polnische Negierung unter dem „legislatorischen Wege" vor^ stellt. Polen hat einen Reichstag und man muß an»' nehmen, ' daß dieser die allein „legislatorische" Instanz' repräsentiert. In diesem Reichstag sitzen neu» Abgeordnete, - welche von Juden gewählt, Kandidaten^ des jüdischen Programmes ' ausreichend legitimiert sind,) die „Meinungen und Künsche" jener „politischen Parteien stnd-WsenschafAchen^^ /vertreten, welcher die polnische' RegieruM aMühören/auf'einmal so Gilligz ist. - Nichts hätte näher gelegen und. nichts wäre iml gleichen Maße geeignet gewesen, der polnischen Versicherung vom „legislatorischen Wege" Vertrauen z» erwecken, als wenn diese jüdischen Abgeordneten be- . fragt -worden wären. Statt dessen hat man sie voll> -Händig ignoriert. Unter den Männern, die zur Enqueiq zugezogen wurden, befand sich keiner von ihnen. Da-, gegendwirb der Verband der Polen mosaischer Kon», fession an erster Stelle angeführt, der so wie die gleich-, falls erwähnte assimilatorische Richtung und ditz „polnisch fühlende jKische Jugend" bei der Wahl eine; völlige Niederlage erlitten hat und nicht einen einzige» Kandidaten durchbringen konnte. Dr. Karl Einäugler? wurde als Vertreter der jüdischen Sozialisten zugezogen^ dagegen Dr. Ignatz Schipper, der als Vertreter der? sozialistischen, nationälgesinnten Judenschaft in diez Konstituante gewählt - worben ist, blieb unbeachtet.: Kurzum, die Enquete, zn welcher sich die polnische Re», gierung so unvermittelt entschlossen hat, erweckt de» Eindruck, als ob es sich lediglich darum handle, gegen», über dem Klub der nationalen Juden im ReichstaA ein Gegengewicht zu schaffen, also den legislatorische» Weg nicht nur zu vermeiden, sondern in ganz unparla» mentarischer Weise die Tätigkeit der Legilative, syfi weit Juden an ihr beteiligt sind, auszuschalteu. Diesen Tendenzen muß mit allem Nachdruck enÄ gegengetreten werden. Das Kollegium der Enquete^ kommission sieht aus wie ein beratender Gesetzkörper,, dessen Mitglieder die Regierung ernannt hat. Di« Zeit der Ernennung ist aber in Polen vorüber. DA Juden haben gewählt und wenn die polnische Re», gierung den Geist der-Versöhnung zum Ausdruck brin-i gen will, so möge sie sich an die parlamentarische Veri tretung der polnischen Judenheit als einzig legislativ« Instanz wenden. Vorläufig erweckt die ganze Aktio» lediglich den Eindruck, als. ob sie mit dem unlängst hier? berichteten Versuch des durchgefallenen 5kandidate» Dr. Groß in Krakau Zusammenhängen würde, der diq öffentliche Meinung durch einen Zusammenschluß alle« nicht auf zionistischer Grundlage stehenden jüdische» Kreise über die tatsächlichen Kräfteverhältnisse hinweg-- täuschen wollte. Die polnische Regierung würde gÄ daran tun, offiziell. und eindeutig aller Deutlichkeit? sich von allen Kreisen abzugrenzen, welche unter Um-, gehung der parlamentarischen Vertretung eine Neben^ regierung errichten wollen. Kann man schon die hier angezogene Mitteilung des Pressebureaus nicht gerade als besonders geschickt und beweiskräftig bezeichnen, so zeigt eine zweite Mel», düng desselben PreßbureauS, wie gering es auch heuA noch die Urteilskraft des Auslandes, soweit eS sich) um polnisch-jüdische Verhältnisse handelt, einschätzt. Die jüdischen Zeitungen in Warschau haben das Zusammen^ treten des Reichstages in verschiedenen Aufsätzen ba» grüßt und .h.ierbLi, ihr« Wünsche und HoMungen