Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 31 (18.2.1919)
- Date
- 1919-02-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nach elfjährigem Kampf der Jüdischnationülen Partei .ist endlich eines ihrer wichtigsten Ziele erreicht: das Wie.ier Judentum wird nicht mehr durch afsimiawrifche „deutsch freiheitliche" Israeliten, sondern durch einen bewußten Juden im Wiener Partarient vertreten sein. Und da die'üdischen Abgeordneten in der Sozialdemokratie keine jüdischen Vertreter sind und auch nicht sein wollen, so wird das jüdische Volk einzig und allein im Robert Stricker seinen Wortführer im Parlament haben. Mit diesem Ve.-treten kann die jüdische Welt zufrieden sein! Robert Stricker ist nicht nur ein Kämpfer für das jüdische Volk seit seiner frühen Jugend gewesen, wie viele andere, er hat durch seine eminente Begabung, seine Unermüdlichkeit, seine zähe Energie sich nicht nur in der eigenen Partei, sondern auch bis Lies hinein in die Reihen der Gegner ein derartiges Ansehen erworben, daß sein Name den besten'Klang hat. Mit seiner überragenden politischen Klugheit, seiner Rednergabe, seinem unbeirrbaren Mut wird er eine Zierde des Parlaments sein, das wahrlich nicht viel solche politische Talente aufweifen wird, wie es Stricker ist. Schwere Arbeit steht unserem Abgeordneten bevor. Die Stellung der Juden in unserem neuen Staate MUß endgültig im Sinne der nationaljüdischen Forderungen: AneMnnung der jüdischen Nation und Gewährung. der Selbstverwaltung iw aillen Angeegen- W Setrsssem -V^Dgememd'en als Organe össeMichiejr Rechtes gesichert ^werden. Daneben wird der Kampf gegen die,'Benachteiligung der Juden durch die Gesetzgebung, Verwaltung usw., die Verteidigung der jüdischen Ehre die volle Kraft unseres Abgeordneten in Anspruch nehmen. Was darin zu leisten ist, erscheint übermenschlich, doch wird die Macht der Wahrheit, die Kraft der Ueterzeugung, die glänzende Beredsamkeit Strickers, die Resonanz, die seine Worte bei dem 14 Millioneuvolk der Juden in aller Welt und bei allen ehrlichen Nich juden finden werden, sicherlich so stark wirken, als ob nicht nur ein Mann, sondern als ob die Stimme unseres ganzen Volkes spreche. Als Abgeordneter deusch österreichischer Juden wird Stricker'aber nicht nur jüdische Interessen zu vertreten, sondern, auch in allen Angelegenheiten unseres Staates mitzusprechen haben. Und seine Haltung wird dartun, daß die alberne Behauptung der Assimilanten, daß die Jüdischnationalen nicht als Vollbürger dieses, Staates anzufehen sind, eine Lüge ist. Es wird sich vielmehr zeigen, daß der eine Jüdischnationale im. Parlament, sowohl in der sachlichen Arbeit, als in dem Streben,; das Ansehen unseres Staates nicht durch rückschrittliche und chauvinistische Gesetze'gefährdest zu lassen, wie sie trotz des starken Einflusses der Sozialdemokraten bi)her öfters produziert wur. en, mehr leisten wird, als ein Dutzend seiner nichtjüdischen Kollegen. Er wird den Volksvertretern Nachweisen können, daß insbesondere' ihre Haltung in der Juden frage für alle Welt ein Prüfstein dafür sein wird, ob unser Staat den Geist der, neuen Zeit begriffen hat. Eine seiner ersten Aufgaben wird es sein, gegen die Ausweisung der armen jüdischen Flüchtlinge mitten im Winter Stellung zu nehmen und die Lernfreiheit für die jüdischen Studenten an den deutschösterreichischen Hochschulen zu sichern. Ein wichtiges Moment für unser Parlament ist es, daß der leiste nationaljüdische Abgeordnete ein Volk vertritt, das überall in der Welt «von politischem Einfluß ist. In alle Parlamente der einzelnen österreichischen Nationalstaaten, werden Jüdischnationale einziehen — in Polen ist dies schon geschehen — und'die Jüdisch nationalen werden die einzigen Vertreter sein, welche überall im selben Sinne versöhnend wirken werden. Auch für die internationale Stellung unseres Staates wird die Anwesenheit eines jüdisch nationalen Abgeordneten im Parlament von größtem Werte sein. Der große Einfluß beispielsweise der amerikanischen Juden auf die Politik ihres Landes ist bekannt und wird durch unseren Abgeordneten nur dann für Deutschöfterreich mobil zu machen sein, wenn hierzulande die berechtigten Forderungen des jüdischen Volkes Erfüllung finden werden. Ein gutes Beispiel für das Ansehen der Jüdischnationalen bei den amerikanischen Juden war ein Vorfall aus den jüngsten Tagen, wo die .Komitees, der amerilanMeu Hi,ljsgelberfammlang das \ An die jüdische WShleeschaft int ien-Noedost! Durch die Wahl des von den Unterzeichneten Korporationen empfohlenen jüdlschnatto» nalen Kandidaten Robert Stricker hat die jüdische Wählerschaft des vierten Wahlkreises ihr Vertrauen zu der von nns vertretenen Sache kundgegeben. Die Wählerschaft hat gezeigt, daß sie für unsere große nationale Idee, für die Zdee der Freiheit des jüdischen Volkes, volles Verständnis hat. Zum ersten Mal wird als Euer Mandatar ein Jude, der nichts als Jude sein will und all seines Kraft der Sache seines Volkes widmet, ins Wiener Parlament einziehen. Ihr habt die Möglichkeit geschaffen, daß in aller Oeffentlichkeit, weithin hörbar, der feindlichen Lüge und der Entstellung des Judentums, die sonst bei Iudendebatten das Wort hatten, der reine und unverfälschte jüdische Gedanke entgegengestellt wird; es ist Euer Verdienst, wenn die Juden in diesem Staate nicht stumm sein werden, wenn ihre gerechten Forderungen einen mannhaften Der» treter finden werden. * Die Unterzeichneten fühlen stch verpflichtet, der jüdischen Wahlerschaft deS vierten Wahlkreises für diesen Beweis ihres Verständnisses nnd ihres Vertrauens herzlich zu danken Die Zudischnationale Partei, deren Führer in der Nationalversammlung der Vertreter der Inden fein wird, weiß, welche Verantwortung allen Juden gegenüber auf ihr ruht. Wir danken auch allen jenen Freunden, die durch ihre Mitarbeit an dev Agitation und Aufklärung den, Erfolg herbeizuführen geholfen haben. Wien, 17. Februar 1919. Jüdischer Nationalverein für DeutschöftEreich^ Zionistisches Landeskomitee für Deutschösterreich. F öl Verlangen stellten, daß die Verteilung nur unter voller Kontrolle und Mitwirkung der jüdischen Nationalräte geschehen dürfe. Aehnliches gilt für alle anderen Staaten. Die Lebensmittelsammlung der Schweizer Juden für die Juden Wiens, veranlaßt vom Wiener Jüdischen Nationalrat, ist eines der Beis,ie'e dafür. Viel bedeutsamer wird aber die'Verbindung werden, die wir Nationaljuden mit dem werdenden jüdischen. Staate in Palästina haben. So sehen wir, daß die „Jnterterritorialität" (nicht: Inter Nationalität) der Juden, von der die Antisemiten so viel Böses zu sazen wissen, sich als' ein starker Faktor erweisen wird, wenn, es gilt, unserem Staate aus seiner schweren Not zu helfen, allerdings nur dann, wenn den Juden hier eine gerechte Behandlung zuteil^ wird. .. Die größte und wichtigste Frage, die gleich' zu Beginn her Parlamentsverhandlungen - zu. entscheiden sein wird: die des Anschlusses an Deutschland, wird unserem Vertreter aus hem ' Standpunkt finden, daß sie" durchwein Referendum gelost' werben muß. Insoweit sie eine nationale.Frage ist, das heißt, insoweit die Deutschen Oesterreichs, anders als im alten Staate ' und die Deutschen der Schweiz einmütig der. Ansicht sein werden, ihr nationales und-kulturelles Leben könne nur durch den Anschluß ^gesichert werden, werden die Jüdischnationalen dies als innere nationale Angelegenheit des deutschen Volkes, 'respektieren. Wenn aber der Anschluß vornehmlich aus wirtschaftlichen Gründen gefordert wird, so werden sie das Für und Wider genau abwägen und keinesfalls sich mit einer Lösung zufrieden geben, die einen mehr oder minder offenen, Bruch mit den übrigen Nationalstaaten zur Folge hätte, mit denen wir im wirtschaftlichen Bereiche durch alte Beziehungen verbunden sind. Nicht nur in dieser. Frage, sondern ebenso in der viel weiter reichenden, der Beziehungen zu allen Staaten der Welt, tvird der jüdisch nationale Vertreter seine Stimme erheben für die großen Gedanken des Völkerbundes und der Schie^sgerichtsidee. Er wird die uralte Tradition des jüdischen Geistes: die Gedanken, der Völkerverbrüderung, des Friedens, der Verdammung aller Gewalt als Ideale des geeinten jüdischen Volkes von heute proklamieren und im selben Sinne ein glühender Anwalt für die soziale Ge.echtigkeit sein, unter deren Walten es keine Klassenherrschaft, weder die der Bourgeoifie, noch die des Proletariats geben darf. So wird nun endlich einmal von der Tribüne des Wiener Parlaments, die so oft entweiht wurde durch die rüdesten Kämpfe der Vertreter der Nationen, Klassen, Konfessionen usw. die Stimme des jüdischen Volkes durch den Mund eines seiner berufensten Söhne der Welt verkünden, welches die wahren Ideale des jüdischen Volkes, sind, «Von heute und hier geht eine neue Epoche an" — so wird man auch im jüdischen; Volke über das. Ergebnis, der Wahl vom 16. Februav sagen können. Die Menschenverluste ÄerI Monarchie im Weltkrieg. ~ —y Wien, 18. Februar.- Der Ministerialsekretär im Staatsamt für Heerwesen Dr. Wilhelm Winkler hat im Auftrag des Amtes die Totenverluste der alten Monarchie in einer übersichtlich geordneten Schrift, die im Verlag von L. W. Seidl & Sohn in Wien erschienen ist, zusammengestellt und nach Nationalitäten sowie nach Altersgliederung ausgewiesen. Die Lektüre dieser fleißigen Arbeit wirkt geradezu aufreizend und erschütternd, und dies um so mehr, als sich heute die Nutzlosigkeit dieser Opfer herausstellt. Eindringlicher als alle ethischen Einwendungen sprechen diese Ziffern zu uns, denen der Autor noch hinzufügt, daß sie noch immer nicht als endgültig anzusehen sind. Bis Ende September 1918 zahlte man für die Monarchie 687.534 Tote. 855.283 Vermißte und 1.229.289 Kriegsgefangene. Auf je 1000 Personen entfallen an Toten bis Ende 1917 auf Oesterreich 23 3, auf Ungarn 257, auf Kroatien und Slawonien 20*2, auf Bosnien und Herzegowina 19*1, im ganzen also 23 9. Die schwersten Blutverluste sind bei den Jahrgängen 1895 bis 1897 zu verzeichnen, die bis Ende Dezember 1917 fast ein Fünftel verloren haben. Im Durchschnitt hat sich die wehrhafte männliche Bevölkerung (Jahrgang 1900 bis 1865) bis zu diesem Zeitpunkte um ein Zehntel vermindert. Die Verluste des jüdischen Volksstammes der alten Monarchie sind aus den Tabellen nicht ersichtlich. Wir bedauern dies und wünschen, daß wir darüber bald Aufklärung erhalten. Es würde sich dann, wie wir als sicher annehmen können, eine entsetzliche Ausblutung des jüdischen Volkskörpers zeigen. Schon die bisherigen, durch die Zensur aber bald unterbundenen Publikationen des jüdischen Kriegsarchivs redeten eine fürchterlich klare Sprache. In allen Armeen, die gegeneinander aufgeboten worden sind, haben die Juden ihren Pflicht gemäßen Anteil an Tod und Leid gehabt. Eine Auf Klärung über ihre Verluste auf allen Kriegsschauplätzen würde dartun, einen wie großen und berechtigten Anspruch auf seine endliche Befreiung das jüdische Volk, sich erworben hat. , ' Der Autor bemerkt zu seinen Ziffern: :Sf?K „Mit den militärischen Verlusten sind die Kriegsverluste noÄ weitaus nicht erledigt; es kommen noch Verluste der allgemeine»! Bevölkerung durch die gesteigerte Sterblichkeit, der Geburten-! ausfalt während der Kriegszeit, hcrbeigeführt durch die Ab-l vekenbcrt der Männer und der GeburtenauLfüll