Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29 (16.2.1919)
- Date
- 1919-02-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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'Seite 6 Wim, Svmukg" stadiums nntf; den Anfang einer Regelung und Sicherung des politischen und auch des Wirtschaftslebens bedeuten. Wir werden endlich festen Boden unter unseren Fußen gewinnen und den Wiederaufbau! beginnen können. j Die Hauptfragen, die uns wirtschaftlich' beschäf-! Ligen, sind: 1. die Aushebung der Blockade, 2. das I Währungsproblem und 3. der Anschluß an Deutschland. Es wäre übertrieben zu behaupten, daß im der!Frage der Blockadeaufhebung eine Aenderung zu verzeichnen sei. Frankreich beharrt in der Ausführung feiner Rachepläne Deutschland gegenüber; in England beginnt sich die öffentliche Meinung stark f ü r. die Aufhebung einzusetzen. Nur durch das Fallenlassen dieser ganz zwecklos gewordenen Maßnahme kann unser wirtschaftliches Elend, besonders die Ernährung pnd Kohlenversorgung, eine Besserung erfahren. Vielleicht ist ein Hoffnungsschimmer darin zu erblicken, daß die „Times" die sofortige Milderung der ^Blockade für Deutsch österreich fordert. Wien müsse, so fährt das Blatt fort, wieder normale Lebensbedingungen erhalten. Zu diesem Zwecke werde für Zentraleuropa (mit Ausnahme Deutschlands) eine interalliierte Kommission eingesetzt werden, die ihren Sitz in Wien haben sott. Sie wird die Bedürfnisse Deutschösterreichs und Ungarns zu prüfen haben und sott auch aus Vertretern Tschechiens, Polens. Jugoslawiens und Rumäniens bestehen. In der „Times" wird ferner die Ueberzeugung ausgesprochen, daß bindende Abmachungen über die geregelte Kohlenversorgung Wiens unerläßlich sind, da die jetzige Situation der Donaustadt nach jeder Richtung hin unhaltbar sei. Diese Einsicht des führenden englischen Blattes ist zu begrüßen. Andererseits arbeiten die Ententevertreter in Paris überaus langsam und schwerfällig. Gerüchten aus der Schweiz zufolge soll die Aufhebung der Blockade für die ftckiheren Staaten Oesterreichs in den nächsten Wochen bevorstehen. Hoffentlich gelingt es unseren Vertretern Dr. v. Adler und Doktor Schüller, bei den jetzt stattfindenden. Verhandlungen in Paris Erleichterungen zu erwirken. Sie werden gewiß auch nicht verfehlen, das Valutaproblem zur Sprache zu bringen. In enger Verbindung damit steht die Frage her Noten ab stempelung, die uns fast die ganze abgelausene Woche hindurch außer Atem hielt und noch immer nicht definitiv geregelt ist. Nachdem die Jugoslawen die Währungseinheit durch die Abstempelung durchbrochen haben, folgen nunmehr die Tschechen. Der tschechische Finanzminister Doktor Raschln ließ eine ganze Reihe jeden geschäftlichen Verehr hemmender Erschwerungen vorangehen. Die Kronenguthaben der Prager Banken wurden gesperrt, Kronen durften nicht 'mehr aus Deutschösterreich übertragen werden, die Tschecho-Slowakei schloß sich gegen jeden Zufluß unserer Kronennoten hermetisch ab. Das führte zur Unterbindung, zur Lahmlegung der Beziehungen zwischen Deutschösterreich und Böhmen. Völlige unhaltbar gestaltete sich für uns die Lage, als in Tschechien noch die Notenabstempelung verlaütöart wurde. In Prag versucht man krampfhaft (und alle übrigen Nationalstaaten werden so rasch wie möglich folgen, Ungarn sott bereits damit angefangen haben, Goldmünzen zu prägen) die Goldwährung zu schaffen. Der Export von Zucker, der in der Tschecho- Slowakei massenhaft aufgestapelt liegt, von Kohle, zahlreicher Jndustrieprodukte, soll Gold ins Land bringen, eine aktive Handelsbilanz schaffen. Der Verkehr zwischen Tschechien und Großbritannien ist von der englischen Regierung bereits freigegeben worden^ Vom tschechischen Standpunkt scheint es begreiflich, daß man das Gold der zahlungskräftigen Staaten, nicht aber unser entwertetes Papiergeld benötigt. Daher die Blockade der Tschechen uns gegenüber und ihr Bedürfnis, den Export nach Deutschösterreich zu drosseln. Die Prager Regierung hat nun ohne Verhandlungen mit uns zu der Maßnahme der Notenabstempelung gegriffen. Uns bleibt nichts anderes übrig, als Gegenmaßnahmen zu treffen, sonst droht uns die Ueberschwemmung durch ungestempelte Noten aus der Tschecho- Slowakei und damit eine weitere Devalvation unseres Geldes, das im neutralen Ausland auf einen unerhört niedrigen Kursstand gesunken ist (es notiert bereits unter einem Viertel seines Wertes vor Kriegsausbruch). Unsere Finanzverwaltung mag den Währungskrieg gegen Prag nicht beginnen und wartet vorerst die definitiven Anordnungen des tschechischen Finanzministers ab. Ob es zweckmäßig ist, auf solche Art viel kostbare Zeit' zu verlieren und inzwischen die Noten aus Böhmen hereinzubekommen, bleibt dahingestellt. Die Tschechen stoßen das Zettelgeld auch mit Vorteil ab, indem sie aus der Wiener Börse umfangreiche Effektenkäufe vornehmen und sich so in den Besitz wertvoller Papiere setzen.Jeder verlorene Tag bedeutet ein Wachstum des Banknotenumlaufes, während unsere Interessen gebieterisch erheischen, die Vermehrung des Papiergeldes mit allen Mitteln hintenzuhalten. Unsere Banknotenzirkulation hat die traurige Summe von 36*4 Milliarden im Jnlande erreicht, ejn sehr hoher Betrag — man spricht von fast einepr Drittel der obigen Summe, wir möchten jedoch unvorsichtig sein und keine Ziffer nennen, denn eS handelt si ch möglicherweise um einen wett, höheren Betrag — sott, abgesehen von den Nationalstaaten, im Auslande im Umlauf sein. Sotten die Maßnahmen von deutschösterreichischer Seite wirksam werden,. dann Müssen, wir eine strenge^ wenn auch, nur Wiener Morgenzeitung 16. Februar 1919 Nr. 29 - -.--«■----- -- - . -— , -. vorübergehende Grenzsperre, eine scharfe Ueberwachung des Reiseverkehrs und der Postsendungen in eine gründliche Kontrolle des Effektengeschäftes durchführen. Abgesehen von Lebensmittel-und Kohlentransporten wird ein völliger Stillstand des geschäftlichen Verkehrs, der einige Wochen dauern kann, kaum zu vermeiden fein. Die Abstempelung dürfte sowohl in der Tfchecho- S'o.ra ei wie auch be! uns tech ni fch mt. wett g oße e» Schwierigkeiten verbunden sein und sich bedeutend länger hinziehen, als von den maßgebenden Kreisen und Behörden angenommen wird. Unsere Ausgabe muß eS fein, nicht die Fehler der tschechischen Finanzverwaltung nachzuahmen, die bei der Stempelung ein Prozent vom Notenwert als Steuer einheben will, den Notenbesitzern nur die Hälfte in abgestempelte.m Gelbe zurückzuerstatten und für den Rest eine Art Zwangsanleihe durchzufühven gedenkt. Tausende und Abertausende werden durch diese drakonischen Verordnungen zurückgeschreckt werden, besonders die Bauern in ihrer Schwerfälligkeit unh ihrem Mißtrauen werden zögern, ihre thesaurierten Vorräte zur Abstempelung vorzulegen. Bei uns soll nur die Steuerabgabe geplant sein, aber auch das dünkt uns verfehlt, denn es könnte viele Leute davon abhalten, ihr Geld zur Abstempelung zu bringen und zur Ursache eines regelrechten Schleichhandels in.' ungestempelten Zetteln, werden. Schon jetzt bemerken wir eine gesteigerte Flucht vor der Banknote, die sich in großen Effektenkäufen äußert und zu einer Hausse an der Wiener Börse führte, die in krassem Widerspruch zu unserer desolaten Wirtschaft steht. Auch in der Erwerbung von Wertgegenständen und Immobilien gibt sich die Angst vor dem devalvierten Papiergeld kund, dessen Besitz jetzt noch besteuert werden soll. Nicht eindringlich genug kann davor gewarnt werden,, die kleinen Leute, die so entsetzlich durch den Krieg gelitten haben und die noch immer in unverantwortlicher Weise mit der Fatamorgana. des Preisabbaues vertröstet werden, noch weiter' zu schädigen. Als bemerkenswertes Novum ist hervorzuheben, daß sich Ungarn an unsere Finanzverwaltung gewendet hat, um in der Frage der Abstempelung ein ein hei tl i ch e s Borgehe n zu erzielen. Nach langer Zeit ist man in Budapest endlich zur Erkenntnis gelangt, daß aus dem Zusammengehen mit uns Vorteile erwachsen könnten. Ungarn wird durch die Maßnahmen Raschins ebenso schwer -getroffen wie wir, und es ist nicht ausgeschlossen,, daß wir uns, sobald die Tschechen mit der Durchführung der Abstempelung' beginnen, gemeinsam zur Wehr setzen werden, indem wir mit Budapest einheitlich Vorgehen. Das würde das bevorstehende N o t en cha o s jedenfalls etwas ' eindämmen, möglicherweise die täglich ^ortschreWnde Inflation hintanhalten. Kommt es tatsächlich zur Mstempelürig, so dürften Polen, die'Ukraine'und Rumänien bald folgen unddann sechs odev sieben verschiedene Arten österreichische Noten ins Leben treten und auf den Börsen der betreffenden Staaten je sechs oder sieben verschiedene Kronendevisrn notiert werdsnein'Zustand, der auf die'Dauer unhaltbar und wirtschaftlich schlimmer als die schlimmste politische Balkanisierung wäre. Wenn nicht die Zeichen trügen, so scheinen die los- Zgelösten Nationalstaaten der F ra n cs Währung zuzustreben und darin von Paris aus unterstützt zu werden. Jugoslawien, ging mit der Einführung des Dinars, der dem Francs gleichwertig ist, voran. Nun folgt die Tschecho-Slowakei, die ja bereits Zollzahlungen in Franks einfordert und auch fönst auf alle mögliche Art und Weise den Franks, einzubürgern versucht. Nicht ausgeschlossen ist es, daß Polen der nächste Staat sein wird, der zum Frank greift. Nur die Unterstützung von Paris , aus vermögen die Gewaltmaßregeln Raschins, der noch vor wenigen Tagen die Stempelung vin Abrede'stellte, stichhaltig zu erklären^ ' . Ange'ichls dieser Tatsachen verblaßt die Idee eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses der Teilstaaten immer mehr und der Plan des An sch lu sses Deutschösterreichs an Deutschland drängt sich naturgemäß in den Vordergrund. Durch den Anschluß würde die Währungsfrage infolge Umwandlung der Kronen in Mark eine endgültige Regelung erfahren, und man brauchte vor keinen noch so komplizierten, unerwarteten und aggressiven Maßnahmen gegen die total ruinierte Krone zu bangen. Verhehlen wir uns andererseits nicht die bedeutenden Schwierigkeiten. Die K r o ne ist der auf dem neutralen Geldmarkt beträchtlich unter dieHälftede v a l viert enMark gegenüber ihrerseits um fünfzig Prozent entwertet und die Entwertung ist augenscheinlich noch nicht zum Stillstände gekommen. Auch die Frage der Regelung der Kriegsanleihen und der Staatsschulden dürfte-sich sehr verwickelt gestalten .Ueberhaupt könnte man erst dann an eine Regelung schreiten, nachdem festgestellt ist, äuf welcher Quote Deutschösterreich, mit welcher die übrigen Nationalstaaten an den Lasten des ehemaligen Oesterreich-Ungarn beteiligt sind. Diese schwerwiegende Frage, über die sich die Teilstaaten nur unter großen Schwierigkeiten einigen dürsten, wird vielleicht erst von der Friedenskonferenz entschieden werden. Bis. dahin müssen noch viele Wochen verstreichen und in-, zwischen werden unsere Nöte wachsen. L. L. Die Notenabstempelung in Ungarn. Budapest, 15. Februar. (Tel. der,MienerMorgenzeitung".) In dem heute nachts stattgefundenen Ministerrate machte der Finanzminister Paul Szende den Vorschlag, daß die Abstempelung der ungarischen Banknoten im Einvernehmen mit Deutschösterreich geschehen sollte. Der Vorschlag wurde angenommen. Er kann als der Anfang eines wirtschaftlichen Zusammengehens zwischen Budapest und Wien angesehen werden. Der Finanzminister reist morgen in Begleitung zweier höherer Beanlten nach Wien ab. Die Abstempelung sott in den ersten Wochen des März erfolgen. Die Noten werden mit Stempelmarken überklebt; durch einen Stempelüberdruck sollen Fälschungen hintangehalten werden. Zur Vermeidung einer ne »erlichen Devalvation werden die von den a uslänb is chen Staaten abgestempelten Noten, ungültig erklärt und deren Annahme sott verweigert werden. Ebenso wird der Verkauf von Wertpapieren und Waren an die Tschecho- Slowakei und Jugoslawien bis nach Abstempelung der Noten verboten sein. Zur Abstempelung werden die Postämter, bt$ Postsparkassen und hie verschiedenen Finanzämter herangezogen werden. Zwischen Ungarn und Deutschösterreich ist ein Gegenseitigkeitsverhältnis geplant: Ungarn sott sofort in Deutsch österreich und Deutschösterreich in Ungarn hohe Summen deponieren, die zur Deckung der gegenseitigen Zahlungen verwendet werden.? * t ,; s Englische Wirtschaftssorgen. Die »Times" verweist auf die ungünstige englische Wirtschafts- und soziale Lage, besonders die hohen Warenpreise und die kommende B a h n v e r st a a t l i ch u n g. Ein vom englischen Wiederherstellungsminister eingesetztes Komitee empfiehlt Maßnahmen gegen d a hohe Preisniveau und Steuererleichterungen sowie Maßnahmen gegen übermäßige Gewinne. Die bekannte Wochenschrift „Economist* fordert eine V e r b e s s e r u n g der englischen Steuergesetzgebung, um so mehr» als die kleinen Einkommen prozentuell höher belastet werden, als die großen; ferner fordert er eine bessere Kontrolle der Regierungsausgaben. Neuerliche Anleihe Amerikas an Frankreich. London, 14. Februar. Wie berichtet, dürste die Firma I. P. Morgan & Co. im April l. I. mit F r a n k r e i ch eine Anleihe im , Betrage von 100 Millionen Dollars mii zweijähriger Laufzeit und einem Zinsfuß von 51/, Prozent zwecks Ablösung der den Vereinigten Staaten als Unterpfand übergebenen Effekten, abschließen. Oer Jüdische Nationalcat für Ostgallzlen In Lemterg ertönt 61traurige Pflicht, Nachricht zu geben vom Ableben seines Mitgliedes, des Herrn Dr. Max Rosenfeld (Przemysl) welcher am 13. Februar verschieden ist. Wir beklagen den unersetzlichen Verlust eines der treuesten und besten Mitarbeiter, eines führenden jüdischen Politikers Ostgaliziens, dessen Verdienste für unser Volk unvergessen bleiben. Die in Wien weilenden ostgalizischen Juden werden aufgefordert, bei dem Sonntag den 16. d. M., */? 10 Uhr vormittags, auf dem Zentralfriedhof (l. Tor) stattfindenden Begräbnis teilzunehmen. Wien, 15.'Februar 1919. Für das Präsidium: Dr. M. Ringel Dr. L. Reich.