Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 29 (16.2.1919)
- Date
- 1919-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nach tausendjähriger Knechtschaft, nach hündischen Demütigungen hat sich das jüdische Volk in ganz Europa UUd „Amerika, in Südafrika und Japan erhoben, vor dem Forum der Weltgeschichte das Recht auf die eigene Nation gefordert, und hat dies es Rech t zu gesprochen erhalten. Und nur die Iudenschaft Deutschösterreichs soll sich nicht dort melden, wo ihr Gelegenheit geboten ist zu sagen: auch wir sind ein Volk wie alle anderen; laßt uns als Volk leben neben euch anderen Völkern. Wir befreien euch von eurer häßlichsten Schmach, von eurem barbarischen Judenhaß, wir werden leben neben euch und mit euch, die Welt wird von einer ihrer schrecklichsten Krankheiten gesunden und wir werden uns aufrichten! Dies ist der Sinn dieses Tages für uns deutschösterreichische Juden; daß wir unser Recht in diesem Staate anmelden und dadurch nicht nur uns dienen und dem jüdischen Gesamtvolke, sondern auch dieser neuen Republik, die noch immer nicht befreit ist von dem Wahn, daß ein ganzes, lebensvolles und hochkultiviertes Volk zerstückt und aufgeleilt werden kann * — zwischen Parteien anderer Völker. Kein Chauvinismus, keine lächerliche hurranationalistische Geste, kein aufgeblähter reaktionärer Rassenwahn ist es, der den nationalen Bekenntnis' der Iudenheit in diesem Jahre der größten Entscheidungen die überragende Bedeutung gibt. Wenn wir dieses primäre Recht nicht haben, sind wir wertlos für unsere Brüder und wertlos als Glieder eines Staates, der den Anspruch verliert, ein neues, freies und gerechtes Gemeinwesen zu sein, wenn er die Minorität eines Zehntels seiner Bevölkerung namenlos läßt, wenn eiye ansehnliche ^Minderheit, von der die ganze Welt schreit, daß sie eines Volkes ist, national entrechtet bleibt. Das Schicksal hat es gefügt, daß die Wähler und Wählerinnen des Wahlbezirkes Nordost die Entscheidung darüber haben, ob der unleidliche Zustand auch weiterhin währen wird. Und eines sei noch bedacht: Die Iudenheit dieses Staates, wird durch den Jüdischen Nationalrat vertreten sein, der längst alle Fragen des jüdischen Volkes hierzulande zu seiner Sache gemacht hat. Erfüllen nun die jüdischen Stimmberechtigten dieses einen Wahlbezirkes ihre Pflicht, so sind wir um ein großes Stück weitergekommen, weil neben der völkischen Vertretung die parlamentarische Vertretung des Judentums wirken wird und mit raschein, energischem Zugreifen unsere Rechte diesem Staate gegenüber sichern, aber auch unsere Arbeit f ü r diesen Staat beschleunigen kann. Dies möge jeder Mann und jede Frau in dieser Stunde erwägen, dann wird er mithelsen, die jüdische Schande der Namenlosigkeit zu beseitigen, die jüdische Würde wieder aufzurichten, das Zusammenleben der Iudenschaft mit den nichtjüdischen Mitbürgern dieses Staates endlich normal zu gestalten und gegenüber der allweltlichen Judenfrage seine Pflicht zu erfüllen. Wenn die Juden des Wahlbezirkes Nordost es wollen, beginnt mit dem heutigen Tage eine neue Aera für das jüdische Volk in Deutschösterreich. Der Bund der Sieger. tsed. Wien, 16. Februar. ' Der Völkerbund, der jetzt in Paris befchlosien werden soll, wird nicht ein Bund aller Völker sein. Der Entwurf, der heute veröffentlicht wird, muß nach allen vorangegangenen Verheißungen als Enttäuschung wirken. Die beunruhigenden Gerüchte über denGegensatz zwischen Wilson und seinen Verbündeten finden jetzt ihre Erklärung: das Pathos seiner Menschheitsideale ist den realen Interessen des französischen und wohl auch des britischen Imperialismus unterlegen. Aus dem Entwurf geht hervor, daß zunächst nicht die Bahn einer völlig neuen, von der bisherigen im Wesen unterschiedenen Politik beschritten werden soll. Das deutsche Wort,, Völkerbund", welches überdies gerade bei uns geeignet war, durch die Assoziation mit den idealsten Konzeptionen große Hoffnungen zu erwecken, entspricht nicht der englischen »Gesellschaft der Natlonerr^^Diefe Gesellschaftler Nationen ist nichts anderes als ein Vertrag mehrerer Staaten zur Sicherung des Friedens, eine Art gegenseitigen Garantie- und Bündnisverttages, der sich von den bisher dagewesenen Bündnissen höchstens dadurch unterscheidet, daß er mehr Staaten umfaßt, als dies früher jemals der Fall war. Der Unterschied ist also nur ein quantitativer und kein qualitativer. Wilson hat in seiner großen Pariser Rede gesagt: »Wir haben die heilige Pflicht, dauerhafte Abmachungen zu treffen, die verbürgen, daß Gerechtigkeit, geschehe und der Friede gesichert werde". Diesen Zwecken sollte der Völkerbund dienen, welcher allezeit tätig sein muß, gewissermaßen das Auge der Nationen, das über ihren gemeinsamen Interessen wacht. Kann das nun so aufgesaßt werden, daß ein Teil der Völker sich zusammentut, um diese Gerechtigkeit zu verwirklichen, und der andere Teil der Völker gewissermaßen nur das Objekt der Rechtssprechung ist, der ewige Angeklagte, dem die Mauer seiner Richter starr gegenübersteht? Wäre dieser neue-Gerichtshof nicht um ein Haar dasselbe wie eine Vereinigung zur Durchsetzung gemeinsamer Interessen, ob diese nun als Recht öder als Gewalt erscheinen? Sind nicht auch frühere Bündnisse, ist nicht etwa die heilige Allianz mit viel salbungsvolleren Reden zustandegekommen, haben wir es nicht unzählige Male erlebt, daß für die mit den Worten höchster Sittlichkeit geschmückten Proklamationen »christlicher" Ideale Tausende von Menschen am Scheiterhaufen oder durch das Schwert umgebracht wurden? Wir zweifeln Leinen Augenblick und haben niemals gezweifelt, daß Wilsons Worte aus - tiefster Ueberzeugung und vollster Ehrlichkeit gesprochen waren. Aber von bleibender Wirkung sind -schließlich doch nur die Institutionen, die aus der schöpferischen Wirksamkeit des Staatsmannes hervorgehen. Wehe der Welt, wenn der Geist, in dem Wilsons Idee des Völkerbundes verwirklicht wird, nicht der Geist Wilsons wäre! Cs liegt im Begriff des Völkerbundes, daß er alle Völker umfassen muß. Sollte es wirklich ein Volk in der Welt geben, das so barbarisch und so überhebend ist, daß es den Eintritt in den Bund verweigert, dann zwänge allerdings diese Tatsache dazu, diesem Volk gegenüber Sonderbestimmungen zu treffen. Aber daß ein Volk, welches gerade unter den gewalttgsten Erschütterungen all seine besten Kräfte an den Wiederaufbau seiner Kultur wenden will, gewissermaßen strafweise ausgeschlossen werden soll, das ist ein innerer Widerspruch. Es mag richtig sein, daß die früheren Machthaber Deutschlands die gejährlichsten Bedroher des Weltfriedens gewesen find. Deutschland war es auch, das sich dem Zustandekommen der inkernationalen Abrüstungsvereinbarungen im Haag stets unzugänglich gezeigt hat. Auch an dem gegenwärtigen Krieg trifft Deutschland und Oesterreich zweifellos die Hauptschuld. In der Wiener Wochenschrift »Der Friede" zeigt Dr. Friedrich Hertz soeben dokumentarisch, daß die Zentralmächte die Schuld am Kriege haben. Aber ist es wirklich möglich, daß die westlichen Demokratien kein Verständnis dafür haben, wie schwer dir Völker Deutschlands und Oesterreichs selbst unter dem Druck eines verrotteten Systems gelitten haben? Die Völker der Zentralmächte sind durch die Niederlage des Habsburger- und Hohenzollern-Reiches, durch den Sieg der Entente befreit worden. Sie sind vier Jahre lang durch ein teuflisches System von Lügen und Intrigen betrogen worden. Sie waren in eine Zwangsjacke gesteckt und wurden in einen verhaßten Kampf getrieben, sie selbst trugen die Bajonette, die das Mitte! ihrer Vergewaltigung waren; e'm unheilvoller Zirkel, aus dem es kein Entrinnen gab. Nun aber, da sie endlich vom Druck befreit stndx da sie nach unbeschreiblichen Qualen tastend versuchten, zur Freiheit zurückzufinden, da sie ihre verschütteten und gefesselten Kräfte entfalten wollen, um aus der fürchterlichen Katastrophe herauszukommen, jetzt, wo die Völker mündig geworden sind und alle Schauer der Abgründe sehen, an die man sie geführt hat, jetzt sollen diese Völker nicht als Freie, sondern bestenfalö als Freigelassene betrachtet werden? Der Vertrag bestimmt zwar, daß auch andere als die gegenwärtig unterzeichnenden Staaten ausgenommen werden können, jedoch ist die Exekutive bereits eingesetzt und über Neuaufnahme wird unter gewissen Kautelen mit Zweidrittelmehrheit entschieden. Das demokratische Deutschland ist zu den Verhandlungen nicht herangezogrn worden. So sehr wir das Mißtrauen „ verstehen, das nach allem Vorangegangenen gegen Deutschland besteht, können wir doch vom objektiven Gesichtspunkt aus die Uebergehung Deutschlands nicht billigen. Andererseits wäre es aber verfehlt, jetzt schon Pessimist sein zu wollen. Es ist klar, daß die juristische Formulierung der Grundsätze eines Völkerbundes ein schier unlösbares Problem ist. Daher kommt es nicht so sehr auf die einzelnen Paragraphen und Bestimmungen an. als vielmehr auf den entschlossene« Willen aller Völker, die Gemeinschaft immer enger zu gestalten. Pazu ist allerdings eine grundlegende Reform auch der inneren Politik und der Verwaltung notwendig. Der Entwurf geht trotz aller Erfahrungen an der Tatsache vorbei, daß die innere Einrichtung der Staaten auch für ihre Stellung in der Völkergemeinschaft von ausschlaggebender Bedeutung ist. Nirgends ist bisher ausgesprochen, daß das Prinzip der »Nichteinmischung in innere Angelegenheiten" aufgegeben ist. Und doch ist es unerläßlich, daß der Völkerbund auch den Schutz der Minoritäten in sein Programm aufnimmt, daß er jede verhetzende Tätigkeit, sei es in der Preffe oder in der Schule, verhindert. Gerade wir Juden haben das stärkste Interesse daran, daß wir nicht wie bisher in allen halbbarbarischen Staaten vogelfrei der Gewalt preisgegeben sind. Nur wenn alle Völker auch in der Einrichtung ihres inneren Lebens aktiv Zusammenwirken, kann der Weltsriede gesichert werden. Die veröffentlichten Bestimmungen beziehen sich auf die Abrüstung, die Austragung von Streitfällen und von Interessengegensätzen zwischen den Mitgliedem des Bundes sowie auf die Abwehr von Angriffen seitens eines Nichtmitgliedes auf ein Mitglied des Bundes. Für das jüdische Volk ist von besonderem Interesse der Artikel, welcher die Stellung der bkher