Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1919-02-15 · Heft 28 (15.2.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 28 (15.2.1919)
Date
1919-02-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2979077-2979105--00234-2985503
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

E-iitsrlseernplavr Hrürr vanum«» »tiöi! «prri f»r Wien: Mit -Anstellung tnS Haus: M-natUch. . . .« 7.— ^ivrtrlialfrig ....St>.- 1-albiSh lg . . . <111.- Äa»,jLi, . .,. „ 80.— Mit Postversand: . . .K 7.5(1 . .. LS.- . . 44.- renrr Ui»"teli81»rkg SlrttbfSItrin (önttsiahrin 88.- Aptophon»: Adrntnw, »- tro» 44098. "trdnklia« 43818, ad fi |fbt abvrtd» , W. 16801 (ßimeltrsmplttiez Vrrio 30 Heller tmifr fii« m« Jtn«liu{b: äganatttift . . 8.— £U*r1elf5lf*rli» . 34.— *1 «Ibjälrrtu ..... 48.— L>an;jiih; ig » - „ 86»— Nvdaktton n. Admtnistr»« ttan: Me«. N. (Rübvvftvn’kt ■ ■ Ar. 1-3 P«ftsparkal7»n-No«tv ft». 150.688 Mr. 28 Wien, Samstag» den 15. Februar 1918 t. Jahrgang Der Anschluß an Deutschland. V erl in, 14. Februar. Aus Berlin wird gedrahtet: In der „Berliner Morgenzeitung" wird von einer mit den Verhältnissen besonders vertrauten deutschösterreichischen Persönlichkeit die Anschlußfrage vom volkswirtschaftlichen . Standpunkt einer eingehenden Erörterung unterzogen, und ausgeführt, daß das Verbleiben Deutschböhmens im tschecho-slowakischen Staat nur vorübergehenden Vorteil bieten» auf die Dauer aber die meisten deutschen Großgewerbe sich zweifellos in ungünstigen Verhältnissen! befinden würden. Nach einer Angliederung ' an das -.reiche, deutsche Wirtschaftsgebiet hätte die deutsche Industrie von Anfang an große Schwierigkeiten, aber der riesige innere Markt von 75 Millionen Menschen würde die kapitalskräftige und äußerst leistungsfähige deutschböhmische Industrie bald zu einer gesunden Spezialisierung, und einer Anteilnahme an den sonstigen Vorteilen des Großmarktstaates bringen. Die schwierige Mfgabe der Angliederung besteht nur darin, mm bodenständige Rilckllkhmk! des Industrie - durch Uebergangsabgaben z« schützen und zu schonen. Unter solchen Bedingungen wird sich die Kapitalskräftige innerösterreichische Industrie ähnlich wie die deutschböhmische dem riesigen inneren Markt anpassen.Innerösterrei ch hat über die Möglichkeit der Anpassung hinaus eine mächtige wirisch aftlich e Entwicklung vor sich, die durch den Anschluß an das Deutsche Reich ganz wesentlich gefördert werden wird. Deutschösterreichs Naturschätze liegen hauptsächlich in seinem o b e r st e i r i s ch e n E is e n, in seinen W aff e r- Kräften und in seinen W ä l d e r n. Hier ist nun sehr wichtig» daß das steirische Eisen im gesamtdeutschen Wirtschaftskörper nach dem Verlust der elsässifchen Erze eine weit größere Bedeutung und einen höheren Wert erlangt hat. Wie Deutschösterreich durch das Einströmen deutschen Kapitals und deutscher Unternehmerschaft am Anschluß gewinnt, so umgekehrt auch das Deutsche Reich durch das Hinzu kommen Deuts ch ö sterreichs und die Auflösung des altösterreichischen Wirtschafts" gebietes. gegen Die aus den Delegierten der „Sozialdemokratischen Studenten- und Äkademikewereinigung", des „Jüdischen Hochschulausschusses", der „Freien Vereinigung sozialistischer Studenten", des Vollzugsausschusses der tschecho-slowakischen und jugoslawischen Studenten sowie der durch die Maßnahmen betroffenen Kriegsteilnehmer bestehende Abordnung hat sich gestern zum Staatssekretär Pacher und zum Staatskanzler Dr. Renner begeben, um die Antwort auf das am 12. d. M. überreichte Memorandum zu holen. Staatskanzler Dr. Renner machte den Studenten die. Mitteilung, daß durch Beschluß des Kabinettsrates d i e. A u f h e b u n g d e s Erlasses über den Ausschluß der nichtdeutschen Studenten von den Hochschulen im vollen Umfang verfüg t w u r d e. Alle Studenten können ihr Studium unbehindert fortsetzen und alle, welche gegenwärtig inskribiert sind, werden im Sommersemester wieder zur Inskription zugelassen werden. Die Bildung von gemeinsamen Hochschulausschüssen ist den Rektoraten aufgetragen worden. Der Tag des Bekenntnisses. —V Wien, 15. Februar. Morgen ist der große Tag, an welchem das Volk Deutschösterreichs von seiner Souveränität den ersten bewußten Gebrauch machen wird. In den Oktobertagen ist dieses höchste Recht des Volkes, das Selbstbestimmungsrecht, elementar zum Ausdruck gekommen. Der.Riese, der so viele Jahrhunderte hindurch von Monarchismus und Militarismus geknechtet war, hatte im ersten Aufbäumen des Zornes und der Empörung über all die Leiden, welche die Mächte des Mittelalters über ihn. gebracht hatten, die Fesseln gesprengt, und' er war nun frei. Morgen wird es sich zeigen,. welchen Gebrauch er - von der Freiheit machen will. Es ist dies eine Schicksalsfrage für das ganze Reich, aber auch für jeden einzelnen Mt Zukunft des Reiches hängt davon ab, wie jeder einzelne die Frage lösen wird. And wenn. diese Zeilen in letzter Stunde keinen anderen Zweck haben, als an jeden einzelnen die Aufforderung zu richten, noch einmal mit .sich zu Rate zu gehen, dann kann uns nicht bange fein, wie diese Schicksalsfrage gelöst werden wird. Heute soll jeder einzelne noch einmal prüfen, was alles er in den letzten viereinhalb Jahren erfahren hat: Die Kriegsschrecken, die wirtschaftlichen Ausartungen, die seelische Pein» den Druck der Militärherrschaft, die immer weiter fressende Korruption, die Ausbeutung der Ohnmacht der Schwachen und die schrankenlose Machtgier der Herrschenden. Eines muß vor allem für jeden feststehen: An der Republik, an d er Eroberung her. politischenMaM. "durch 'Ms'dkK'^AneMLWchk auswWlecht, Vermögen und religiöses Bekenntnis darf nicht mehr gerüttelt werden. Eine Rückkehr der Monarchie und ihrer Schleppträger muß ausgeschlossen sein und wird ausgeschlossen sein. "In zweiter Linie aber handelt es sich darum: Wie soll sich das Leben innerhalb der Republik künftighin gestalten? Das Selbstbestimmungsrecht der einzelnen Volkslieder ist ^nichts anderes als der Ausdruck der Souveränität des Volkes. Was das gesamte Volk für sich in Anspruch nimmt, das darf auch den einzelnen Teilen nicht verkümmert werden. Dieser elementarsten Rechtsauffassung des neuen republikanischen Staates wird die Verfassung, werden alle verfassungsmäßigen Einrichtungen, aber auch die gesamte Verwaltung ent- . sprechen müssen. Männer wie Mataja, Kaup, Steinwender, Pacher, bte mit all ihrem Denken und Fühlen noch in den Auffassungen der alten Monarchie wurzeln und die auch in der freiesten Republik in ihrem innersten Wesen die alten Lakaien bleiben werden, die den Grundsatz der Freiheit und Gleichheit überhaupt nicht erfassen können, weil er ihrer Weltanschauung widerspricht, der Weltanschauung, die dahin geht, daß im Staate gewisse Bevölkerungsklassen kraft ihrer nationalen Abstammung oder kraft der Taufe ein Vorrecht haben. Solche Männer sind für unser kommendes poliüfches Leben unbrauchbar. Für den Republikaner ist es ganz gleichgültig, ob sich ein Privilegium stützt auf den Adelsbrief oder auf den Taufschein. Privileg bleibt Privileg, Sonderrecht einzelner Klassen und damit Rechtsraub . für die anderen, ein Zustand, der mit den primitivsten Grundsätzen einer republikanischen Verfaffung im Widerspruch steht. Vieler Jahr* wird es noch bedürfen an Erziehung und politischer Gewöhnung, nicht bloß der Heranwachsenden Jugend, sondern noch viehMehr der Alten. Vierzig Jahre lang mußten die Iuven durch die Wüste wandern, damit die in der. ägyptischen Sklaverei erworbenen Laster ausgetilgt werden. Ebenso wird es der intensivsten politischen Arbeit einer - Generation bedürfen, um die letzten Reste altösterreichischen Denkens, und altösterreichischer Verderbnis aus den Gehirnen'zu tilgen und den Gedanken der Volksherrschast fest in die Herzen der einzelnen zu verankern. Was ist denn Republik? Republik ist das . Gemeinwesen, ist der freie Staat, in welchem , das Volk als solches Träger der höchsten und obersten Gewalt ist. dessen Wille der höchste Wille im Staate ist. „?«'puli voluntas suprema lex estol" Die wahre Republik hat aber zur Voraussetzung den Republikaner, das republikanische Denken und das republikanische Fühlen. Das, was wir am Schweizer Bürger bewundern, was uns die römische Geschichte mit dem Ausdruck > »Ich bin römischer Bürger!" stets als Ideal vor Augen führt, das, was dem englischen Bürger das sicherste und selbstbewußteste Auftreten in der ganzen Welt gibt, das ist dieses republikanische Denken, das dem Schweizer aus der Zeit der Befreiung von den Habsburgern und dem Engländer aus der Zeit der cromwellschen Revolution überkommen ist. Auch für uns müssen die Oktober- und Novembertage eine Revolutton sein, die nicht bloß das staatliche Leben und die staatlichen Einrichtungen erfaßt, erschüttert und vom Grunde.aus geändert hat, sondern eine Nevolution der Herzen und Hirne. Waren wir früher Untertanen, so müssen wir jetzt mit Scham und Empörung an jene Zeit zurückdenken, „in der wir Knechte gewesen sind dem Pharao in Aegypten". Von diesem Gedanken muß sich jeder Wähler und jede Wählerin heute leiten lassen, dann sind wir nicht mehr besorgt, wie die Schicksalsfrage Deutschösterreichs gelöst werden wird. Wird aber diese Frage gelöst werden im Sinne der Reaktionären, dann wird deren heimliches Sehnen nach der Monarchie in Erfüllung gehen. Dann werden alle die Mächte aus dem Grabe auferstehen, die uns ins Elend getrieben haben, die uns statt Frieden Krieg, statt Leben Friedhöfe, statt Freundschaft Haß und Hetze gebracht haben. Alle Lasten des monarchischen Systems würden dann in das Land der Zukunft verschleppt werden! Intoleranz. Volksverdummung Volksausbeutung und agrarischer Wucher. Die mittelalterliche Staats- und Volksauffassung würde triumphieren, und alles Blut dieses Krieges wäre vergebens geflossen, alle Opfer vergebens gebracht. Die Lifte, die wir den jüdischen Wählern und Wählerinnen empfehlen, besteht aus Persönlichkeiten, von denen wir überzeugt sind, daß sie den politischen Kampf nur jn einem Sinn führen werden: Für Freiheit und Fortschritt, für das Recht des jüdischen Volkes. Geht zur Wahl, jüdische Männer und Frauen und wählt die jüdische Liste! Wählen ist die Ausübung eines Rechtes. Wenn Ihr morgen wühlen geht, dann tut Ihr aber mehr, als was Euer Recht ist. Denn es geht um die Zukunft unseres Volkes, um das Glück unserer Kinder, es geht um Frieden, es geht um Recht! Es geht um ein Programm! Von Adolf Böhm. Der politische'-.Wahlkampf ist. ein Kampf um Prinzipien. Diese Wahrheit wird nur zu oft vergessen, besonders in unserer Stadt, in »der der Kultus der. Persönlichkeit vielfach den sachlichen Ernst in programmatischen Fragen in den Hintergrund drangt. Die Jüdischnationalen traten in den Wahlkampf, weil sie - ein bestimmtes Programm verfechten: eine bestimmte^ Vorstellung, wie die Judensrage, gelöst werden kann/ Ihre Wahlwerber wollen vor allem Sachwalter des.' jüdischen Volkes sein, sie wo.llen ihr Tun und Lassen' in der Nationalversammlung davon bestimmen lassen, was dem jüdischen Volke frommt. Dies ist es, was ihre Haltung grundsätzlich unterscheidet von derjenigen der jüdischen Abgeordneten, die nichtjüdischen Parteien — etwa der „demokratischen" oder der sozialdemokra-, tischen" — angehören. Der Wahlerfolg wird deshalb' ein Gradmesser dafür sein, wie weit die politische Einsicht unter den.Wiener Juden schon vorgedrungen ist, daß die Juden als eine scharf umrissene Menschengruppe, deren. Stellung in diesem Staate, wie überhaupt in der Welt, eine noch nicht geklärte und zudem eine ganz unwürdige ist, eine eigene, eine jüdische, auf die endgültige Stabilisierung ihrer Lage zielende Politik führen müssen. * Der Jude, der heute noch nicht begreift, daß es eine ungelöste jüdische Frage gibt, daß er durch diesen Zustand in jeder Beziehung aufs schwerste betroffen ist, mag er noch so sehr versuchen, sich selbst.darüber zu täuschen, der.ist politisch noch nicht reis. Die Wahl wird daher nicht ein Urteil über die Kandidaten, sondern ein Prüfstein für die Rei'e der Wähler sein. Wenn aber '.rgendeine Zeit, so ist die jetzige dazu angetan, dem jüdischen Wähler die Augen zu öffnen. Noch nie, seit Beginn der liberalen Aera mit ihrer rechtlichen Judenemanzipation, ist es so deutlich geworden, daß der Jude trotz allem heißen Bemühen, sich in die umgebende Gesellschaft einzugliedern und fein Judentum in diesem vergessen zu machen, diesem Ziele nicht nur nicht näher gekommen ist, sondern sich von ihm weiter entfernt bat, als ie zuvor. Darüber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.