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Wiener Morgenzeitung · 1919-02-13 · Heft 26 (13.2.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 26 (13.2.1919)
Date
1919-02-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Diese Bestimmung entspricht jenen Grundsätzen des allgemeinen menschlichen Rechtes, die die Grundlagen aller Einschränkungen der Kriegsschrecken seit jeher gebild.t haben. Au keipen Zeiten sind diese Grundlagen so erschüttert worden, wie in diesem Weltkrieg, und zu keinen Zetten hat sich dies so bitter gerächt, wie gerade jetzt. Der Krieg hat uns die Blockade und den H-Bootkrieg gebracht. Es hat Proteste von der einen und Empörung von der anderen Seite gegeben. Und es ist doch aus beiden Seiten soviel gesündigt worden, daß man meinen sollte, es wäre jetzt am Ende des Krieges genug des Schreckens und es müßte als das erste Zeichen der beginnenden Völkerversöhnung die Blockade über Mitteleuropa aufgehoben werden. Niemand ist imstande, die Frage zu beantworten, weshalb denn eigentlich die Blockade noch fottdauert? Es gibt auch kaum eine andere Antwort als das: Wehe den Besiegten! Der v-Vootkrieg. der von Deutschland, als es den Gipfelpunkt seiner kriegerischen Macht Erreicht hatte, in Szene gesetzt wurde, ist auch bei uns, nicht allein in den Ländern der Entente, von allen, gerecht Denkenden und Besonnenen verurteilt worden. Der Protest konnte sich natürlich .infolge der Militärzensur nicht ans Licht wagen, die es als Hochverrat auslegte, wenn man die Maßnahmen Deutschlands irgendwie zu kritisieren wagte. Die öffentliche Meinung lA. immer gefälscht. Aber es hat JSitmmen , gegMy» 'die ■, gegen ,.. MC '/ v$cr '^See-' Krieges/ gehest die Vernichtung des Schiffsraumes, gegen die Beschießung - non offenen Städten und angeblich befestigten Plätzen, gegen die Vernichtung privater Existenzen, gegen die Aushebung von Geiseln, gegen die Verwüstungsmärsche Hindenburgs in Polen und Frankreich erhoben. Aber' all diese strategischen Greuel fanden doch wenigstens eine teilweise Erklärung in dem Kriegszustand mit all feinen geistigen Entartungen. Heute aber, nach dreirnonatlicher Dauer des Waffenstillstandes, nach dem vollständigen Niederbruch der Mittelmächte, gibt es steinen mildernden Umstand für das Urteil, welches alle Freunde der Menschheit über die Fortdauer der Blockade fällen müssen. Vielleicht liegt eine Erklärung für diese Maßnahmen in dem eigentümlichen psychischen Zustand Clemenceaus und der chauvinistischen französischen Prelle, die^ noch immer vor dem deutschen Schreckgespenst sich ängstigt, für die die ganze Revolution in den Mittelstaaten nichts anderes ist als eine Maskerade des Monarchismus.' Für sie regiert in Deutschland noch immer Kaiser Wilhelm, der sich bloß die Jakobinermütze aufgesetzt hat. Und so werden in einer m den Friedenszustand übernommenen Kriegspsychose Millionen und Abermillionen dem Hungertod, der Gefahr der Verrohung und Verwilderung als Maffenerscheinung preisgegeben. Wo find all die Grundsätze von Menschlichkeit, mit denen die Entente, vor allem aber die französischen Staatsmänner die Völker Deutschlands und Oesterreich-Ungarns in ihrem Kampf gegen den „Kaiserismus" für sich zu gewinnen versuchten? Das Ende des Weltkrieges zeigt uns, daß me Hoffmanns und die Tirpitze und die anderen Siegfriedler nicht allein ein deutsches Gewächs sind, sondern überall dort ihr Wesen treiben, wo Chauvinismus und Imperialismus die Geister erfaßt haben. Eine Frucht dieses Geistes ist die Aufrechterhaltung der Blockade. Sie dient nicht mehr dazu, einer feindlichen Heeresmacht die Lebensmittel zu entziehen, sie richtet sich jetzt nach der vollständigen Demobilisierung und nach der Entwaffnung der Zentralst aaten nur mehr gegen die Zivilbevölkerung und in dieser hauptsächlich gegen die wirtschaftlich und psychisch Schwächsten, gegen Frauen, Kinder und Greise. Alle die Verbrechen, welche unsere Stadtchronik täglich verzeichnet, die Kindersterblichkeit, das Elend in den Spitälern und in den Kriegsküchen, der Jammer in den Proletarierkasernen der Vororte, die Verrohung, Heren Opfer unsere Bevölkerung zu werden droht — all das ist heute nur mehr eine Folge der Kriegsblockade. Es hat tatsächlich den Anschein, als ob die An die jüdische Noidost! Groß ist die Verantwortung, welche auf Euch am Wahltage, dem l6. Februar, lastet. Durch eine ungerechte Wahlgeometrle haben es die herrschenden Parteien bewirkt, daß null'/ ein diesem Wahlbezirke (11.. XX. und XX!. Bezirks jüdische Vertreter gewählt werden können. Ihr habt< zu entscheiden, ob die 300.000 Juden Deutsch-./ Österreichs in der Konstituante vertreten?sein werden'' oder nicht. Die ' . 4 Juden sind das einzige DE * in Europa, welches noch nicht das primäre . Recht auf die eigene Nation - erkämpft hat. Die Gesetzgebung in der provisorischen Nationcrlöersammlung war ein Hohn auf unsere verbürgte Gleichberechtigung. Statt den einzig gerechten und modernen Grundsatz ber freien Option bei Erlangung der Staatsbürgerschaft in Anwendung zu bringen, hat man ein antisemitisches Staatsgrundgesetz über die Staatsbürgerschaft angenommen, und auch die Sozialdemokraten haben nichts dagegen getan. Die seit August 1914 hier ansässigen Ostjuden wurden zu politischen Lustmenschen degradiert und vom Staatsbürgerrecht ausgeschlossen. Sorget dafür, daß wir endlich die tatsächliche Gleichberechtigmrg erlangen. . i. 3» die Parlament? Mf dem Gebiete des üsteil Öestchterchs werden ngüoüaMöische. Vertreter einziehen. . Soll Drutschösterreich der einzige S aat sein, in welchem die ansehnliche jüdische Minorität (fast ein Zehntel der Bevölkerung) ohne Vertretung bleibt? Beachtet folgendes: Sonntag den 16. Februar 1919 in der Zeit zwischen 7 Uhr früh und 7 Uhr a b e n d s habt Ihr ohne w e i t e r e V e r st ä ndigung — Legitimationen werden nicht ausgegeben — an jenem Wahlort zu erscheinen, der im-Flur Eures Wohnhauses durch Mauerayschlag bekanntgegeben wird und die j ü d i s ch n a t i o n a l e Liste mit dem zugesendeten Stimmzettel zu wählen. Jede Aenderung, Streichung oderHinzufügung machtdenStimmzettel ungültig und die Stimme wertl o s, da die Liste nach dem Gesetz gebunden ist. Trotz Koppelung mit anderen Parteien dürfen Juden ihre Stimmen nur fur die jüdisch nationale Parteiliste abgeben, well eine andere Abstimmung für die jüdischen Inter- ' essen-gefährlich und die Koppelung ja bloß für die Merk mastige Ermittlung des Gesamtwahlergebniffes .'nckßgebend ist. ' .. .Zur Stimmenabgabe haben alle jüdischen - Wähler und Wählerinnen außer dem jüdischnationalen * Stimmzettel zum Nachweis ihrer Id en- ':¥[ t,.u nbedingt noch eine oder zwei der nacho folgend aufgezählten Urkunden mitzubringen: Geburts-, Trauungs-, Heimatschein, Staatsbürgerschafts- Urkunden, Anstellungsdekrete, Pässe jeder Art, Eisenbahn- und Straßenbahnpermanenzkarten. Gewerbescheine, Lizenzen, Diplome, Matrikelscheine und Meldungsbücher einer Hochschule, Schulzeugnisse, militärische Dokumente und alle unter Beidruck eines Amtsstempels ausgefertigten Urkunden, woraus sich der Personalstand des Wählers ergibt. Vor der W a h l k o m m i s s i o n nennt män dem Vorsitzenden Name und Adresse, zeigt die mitgebrachten Identitätsurkunden und bekonnnt das Wahlkuvert. ' Mit diesem geht Ihr in die Wahlzelle und legt den mitgebrachten jüdlschnationalen Stimmzettel hinein. Das geschlossene Wahlkuvert mit dem jüdischnationalen Stimmzettel übergebt Ihr sodann dein Vorsitzenden, der es in die Wahlurne legt. F ü r ch te t nich t s. d i e W a h b i ft g e h e-Ml % 1 . In der WahlzM' llchm Ur Iüdstlnsnl und'Juden, welche trotz Wer Belehrung den WM» nationalen Stimmzettel zuhause vergessen, amtliche Stimmzettel bereit, worauf alle Listen; gedruckt sind. Auf diesem Zettel habt Ihr bei den Worten ^Iüdischnationale Partei" oder bei einem Nchnen der jüdischnationalen Liste einen Haken zu machen. Aber das Beste bleibt» Ihr bringt den jüdischnationalen Stimmzettel gleich ins Wahllokal mit. Auskünfte erteilen im Wahllokal unsere Wahlzeugen, welche durch ein bla u-w e iß e s Band kenntlich sind. Juden und Jüdinnen! Wollt Ihr Euer Wohl, c Wollt Ihr ein gedeihlichrs Zusammenwirken mit den nichtjüdischen Staatsbürgern, Wollt Ihr das Wohl DentschöfterrÄchs, dann wählet am 16. Februar im Wahlbezirk Nordost: Dis Parteiliste Stricker. Staatsmänner der Entente den Ehrgeiz hätten, sich ebenso verblendet zu zeigen, wie im Jänner des vorigen Jahres Kühlmann und Czernin, die in Brest- Litowslr mit dem Bolschewismus kokettierten, um ihren armseligen Augenblickserfolg zu sichern. Aber zwischen Jänner und Oktober ist diese Welt des Scheins zugrunde gegangen» Czernin und Kühlinann sind in der Versenkung verschwunden, der Friede von Brest-Litowsk lebt nur mehr in der 'Geschichte als eines Der unrühmlichsten Kapitel der Diplomatie der Zentralmächte fort, aber der Bolschewismus ist zu einer Macht geworden, die sich, unbekümmert um Militärkordons, um Grenzen und Meere, über die ganze Welt verbreitet. Immer weiter zieht er seine Kreise und er findet schyn fruchtbaren Boden dort, wo alle Vorbedingungen dagegen sprechen sollten. Er zeigt sich in England, in Italien, in' Frankreich. Die große Debatte, die der Berner Sozialistenkongreß gerade diesem Thema gewidmet hat. beweist, wie tiefe Wurzeln dieses russische Gewächs schon in den Ländern der Entente geschlagen hat. Jeder Tag der Fortdouer der Blockade vermehrt nicht nur bic Not, sondern vergrößert auch die politische Gefahr des Bolschewismus, der sich' mit brutaler Kraft gegen die Menschlichkeit, gegen die Gerechtigkeit, gegen das Selbstbestimmungsrecht und wie alle die Parolen des Krieges Heiken mögen, durchsetzt. Wenn wirklich ein dauernder Friede geschaffen werden soll, und wenn der Haß abgebaut werden soll, dann ist eine der wesentlichsten Voraussetzungen dazu, die Aufhebung der Hungerblockade gegen die darbende Bevölkerung Deutschlands und Deutschösterreichs. Vielleicht hatte es eimnal — militärisch genommen — einen Sinn, den Begriff der relativen Konterbande auf die Lebensmittel auszudehnen. Heute ist es nur mehr ein Unsinn. __ Der Salon der Zurück- . gewiesenen. . Der Führer der jüdischen Assunilatisn in Äivia«, De. Gr o welcher sich stetzum radikalen Polontum mosalschec Konsession bekannte, ist im Wahlkamps -e-en den zionistischen Kandidatai Rabbiner Dr. Thon unterletzeni 8r. vermochte nicht mehr aE 2000 Stimmen auf sich zu vereinen, wahrend die Zionisten in flanz überraschender Weise es bis zu 12.000 Stimmen brachten. Daß dieses Ergebnis in den Reihen der Unterlegenen die größte Erbitterung auSlöscn würde, war vorauszuschcn. Man rüstet sich, um Rache zu - nehmen. Soeben verbreitet das Preßbüreau der polnischen Gesandtschaft, daß Dr. Groß am i. Februar, also vier Tage nach der Blamage des Wahlcagcs, eine Bersammlung der Rcpräsrnlantm aller jener jüdischen Parteien Galiziens einberufen hat, die, wie es m haßvoll-verlemnderischer Weise heißt,, Gegensatz zu den Zionisten" aus dem Boden eines einträchtigen Zusammengehens mit den Polen stehnc. Vertreten waren folgende 'Städte: Lemberg, Krakau, RzeZzow, Dcmbica, Tarnow, Bochnia, Wiel-ezka, Oswieemt, Ehrzanow, JaSlo und Ropcyczü Dr. Groß"

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