Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 24 (11.2.1919)
- Date
- 1919-02-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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,/t J "reis SB® Heller Peanum-rrtt-rrrpretler &iea: Mit Zustellvnz ins Hau«: i*j .-««itich. . / renrr WieddfShtifi . tulbfaif lg . . Älöbrjaif i>- . . L 7.— .. 80.- » 40.- .. 80.- Mil Postversin'd: sLiouaUich. . , .TZ 7,50 «tts7<-!ttsilvrs. . .. LS.-?>»rtbfLl,rr« ... . . „ 44.— •^onRä.ljf}'* . . . „ 88.— <'elepirone r Admknlkta- M*tt 44088. (eboliUtm 44310, ab ü jM/ff abritb# 3*r, 10801 Gimsle»emptar r Preis SO Heller Prämimäpatton** ptilfe für jm Au»lattd: Monalttch « 8.- &i*rf»USIrrig . . „ 84»— 1 «lbfStzrkq . . . „ 48.— Gankskibrkü. . . „ VS.— rr»>«btton ».A.smittlstt'r-- tion: ' H.lrabvrstt'irll« 1—4 Postspa»!raNe».psnt>> Är. 1' / •"% Nr. 24 Wien, Dienstag, den 11. Februar ISIS 1. Fahrgang. m Prinzipien jüdischer Politik. tscrd. Wien, 10. Februar '* Die aktive jüdische Politik/ deren prinzipielle Grundlagen seit dem Auftreten Theodor Herzls jedem Mitblickenden jüdischen Politiker klar sind, hat in oiirsem Krieg gewaltige Fortschritte gemacht. In der allgemeinen Welterschütterunglösten sich nicht nur in detzWelt der Dinge, sündern. auch in der Welt der H^danken alt ' eingewurzelte Bindungen; Völker, W man verachtete hatte, : wurden ebenso zu Machtfäktoren wie Ideen, die man verspottet hatte. England hat als erster / die Bedeutung des /jüdischen Volkes als politischen Faktors' erkannt und hat durch feiy großzügiges Eingehen, auf die zionistischen Pläne, in denen die zweitausendjährige Sehnsucht, des apsamten jüdischen Volkes. -sublimiert ist, die Hhmpathie und den Dank der Judenschaft der ganzen. Welt gewonnen. Diese jüdische Stimmung 'gehört auch zu den Imponderabilien, die den Krieg entschieden. haben. Für die Zeit des beginnenden Neuaufbaues der Welt gillnoch in weit höherem - Myße, daß das jübif^e-> als ©efamt^eit pvljüsch aktiv werden muß> um die Forderungen ..durchzusetzen, die für sein Leben unerläßlich sind. Das ganzejüdische Volk, welches ethnisch, national, religiös eine Einheit bildet, muß auch politisch eine Einheit bilden. Jede jüdische'Grupp., rvo immer sie lebt, muß im bewußten Willen ein Teil der nationalpolitischen Einheit des jüdischen Volkes sein. Durch diese Tatsache ergibt'sich eine eigentümliche Doppelstellung für jeden Splitter des jüdischen Volkes. Er-gehört zwei politischen Gemeinschaften an. Der politischen Gemeinschaft des Staates/' in dem er lebt, unU der Gemeinschaft des jüdischen Volkes. .. Seme Genöch 8ic jedoch ttckemarcher ' keinerlei Berühruuas-.! .punkte haben. Diesen Umstand ststzuhalten, ist außerordentlich, wichtig. Es wird immer von allen möglichen Seiten, teils aus Unverständnis, teils aus Böswilligkett und Uebelwollen gegen die Juden der Vorlyurf erhoben, daß sie als Angehörlge des jüdischen Volkes nicht volle Staatsbürger sein können. Diese .Einwendung zeugt -nur von einer .bedauerlichen Oberflächlichkeit der Beurteilung. Die politischen. Ziele., des jüdischen Volkes stehen in keinem Zusainmen- Hang, .geschweige denn in einem Konflikt Hiitt den Zwecken dech Staates.. Jeder sich zum Mdischen' Volk zählende .Staatsbürger wird pflichtgemäß' dem Staate geben was des Staates, ist' Er wird an dem wirtschastlichen und kulturellen Leben im Staate Anteil nehmen, an allen territorialen Verwaltungsangelegenhetten. interessiert sein usw. Dem widerspricht aber nicht, daß er den unlöslichen Zusamenhang mit dem jüdischen Volk als eine lebendige und verpflichtende Kraft empfindet und die Gesamtforderungen des jüdischen Volkes sowohl, als auch die Forderungen des jüdischen Volkssplitters im Staate, in sein politisches Wirkungsgebiet aufnimmt. -So lebt der deutschvsterreichische Jude gewissermaßen Mx zwei Sphären, als Glied des jüdischen- Volkes, -Hessen Zentrum in Palästina ideell stets gelegen ist -Imd materiell jetzt entstehen ' wird, und als ^Glied des deutschösterreichischen Staates, an .'/dessen^ Aufblühen er tätiges Interesse nimmt. Die ''Hüben haben als nationale Minorität eine ganz andere /Stellung als andere nationale Minoritäten. In anderen '/Fällen stößt gewöhnlich die Politik des Volkes, das , /Minorität, ist, auf einem a n b e x e n Gebiet unter ' änderen äußeren Krästoerhällnissen mit der desStaats- - Volkes zusammen; es ergeben sich Jnteressenkonflikte aller Art, zum Beispiel territorialer, wirtschaftlicher, /sprachlicher, nationaler Natur. Die nationale Minorität dient auf diese Weise als Kampf- oder Kompensation^ . übjekt.- Alle diese Konfliktstoffe fallen bei den Juden ■ weg, welche keinerlei territoriale Aspirationen in Europa haben, keinerlei „strittige Grenzgebiete" etwa mit - Deutschösterreich, in unseren 'Gegenden auch keine wirtschaftlichen Sonderwünsche und keine eigene Sprache. Die Juden können am SLaatsleben vollen und ungeschmälerten Anteil nehmen, sie können dem Staate durch ihre > Intelligenz und ihre Arbeitskraft viel nützen. Zugleich werden gerade die nationalen Juden, die sich offen gu ihrem Volk bekennen, als ein charaktervolles Element auch. in Menschlicher Beziehung die sittlichen Grundlagen emer auf Ehrlichkeit und Äusrichiigkeit äusgebäuten Geselllchajt stützen. ilsons Abreise. Paris, 10. Februar. (Tel.-Komp.) Wilson schifft sich am 15. Februar nach New-Vork ein. Der Präsident richtete ein Telegramm an den König der Belgier, in dem er sagt, seine Anwesenheit sei auf dem Friedenskongreß unumgänglich, weshalb er seinen Besuch in Brüssel für den nächsten Aufenthalt in Europa verschiebe. ■ t: ilson legt das Statut des VöllekbmM Mailand, 10. Februar. (Tetz-Komp.) Der „Seeolo" meldet aus Paris: Präsident W ilson beabsichtigt, dem amerikanischen Kongreß die V e r f a s s u n g des B ö l k e r b u n des am 4. März zur Ratifizierung vorzulegen. Nach Friederrsschluß wird eine außerordenLÜche Session des Kongreffes einberufen werden. de« Haudel mit der London, 10. Februar. (Tetz-Komp.) Dfsiziell wird gemeldet: Die Negierung hB/beschLoffM, rn Äebrrelnfiimmung mit den allnertsn und affoziierten Negiernygen,--mit NüchsiHt Ms HN Hilfe, die den T sch e ch o - S l o w a § y n für die Wiederaufnahme' des Handels mit England zu - gewähren ist, vom 8. F e b r u. a r a n de Hand et w it d e-r.T s che ch o - S^l o iv akei ' Handels Lew ill in der Tsch^cho-SlowäLet,. - -die Vermittler für Firmen in Deutschland, DeÄtsch'österreich sMr Angarn sind, auf Grund des GssrtzZs, das den Handel mit den Feinden verbietet, untersagt bleiben. Dennoch darf nicht übersehen werden, daß sich aus der Sonderstellung der Juden als Volk auch in' gewissen staattichen Fragen bestimmte. Konsequenzen /ergeben. Dies gilt für alle jene Fragen, die nicht Ereilt staatlicher, territorialer oder «wirtschastlicher Natur sind, sondern bei denen das nationale Gefühl des Staatsoölkes mitzusprechen hat. Hier gebietet uns! schon derTakt eine gewisse Zurückhaltung; darüberhinaus! aber haben wir, die für uns in nationaler Hinsicht das! volle Selbstbestimmungsrecht in Anspruch nehmen, volles Verständnis für die Empfindlichkeit eines Volkes in seinen nattonalen Angelegenheiten. Es - ist selbstverständlich, daß wir . auch in solchen Fragen als Menschen, die mitten im Getriebe leben, nicht abstinent und stumm bleiben können. Aber unsere Anschauung wird von ganz anderen Voraussetzungen ausgehen: sie wird versuchen müssen, sich in die Situation und das fZefühl des anderen. Volkes hisseinzuversetzen, , ohne sich mit ihm zu identifizieren; dann mit völliger Objektivität nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit urteilen m. ssew Dies allein können die Gesichtspunkte sein, die die Haltung der jüdischnationalen Politik bestimmen. Meim wir etwa ein Beispiel aus der aktuellen Polittk nehmen wollen, so brauchen wir nirr an die vielumttrittene Frage des Anschlusses Deutschösterreichs an Deutschland zu denken.. Diese Frage läßt sichvon wirtschaftlichen,juristischen,finanziellen und ähnlichen Seiten betrachten. Gerade wir National- ' juden müssen jedoch Verständnis., dafür haben, wenn als ausschlaggebend einzig und allein der natio na!e Gesichtspunkt angenomw^n wird. Das nationale Ge-, fühl des deutsttien Volkes soll entscheiden; wir haben daher immer den Standpunkt vertreten, daß eine Volksabstimmung fiattflnben soll und die übereilten Beschlüsse einer nichtgewäblteir Nationalversammlung nicht am Platze waren. Wir können es nachfühlen, wenn ein Volkssplitter den innigen Zusammenhang mit seinem Volke empfindet und betont,' und wir verkennen auch nicht, daß diese nationale Einheit am. sinnfälligsten durch staatliche Einheit repräsentiert'wird, obwohl gerade wir Juden gelernt haben, daß es möglich sein muß, auch außerhalb der staatlichen Verbundenheit den n/'-onalen und kulturellen Zusmmnenhang mit seinem Volke aufrecht zu erhalten. Ob aber, wenn die Möglichkeit dazu besteht, die Vereinigung auch territorial durchgesiihrt werden soll, oder aber andersgeartete Interessen stärker, sind und aus praktischen Gründen die territoriale Scheidung aufrechterhalten bleiben soll, ohne darum die national kulturelle Einheit zu beeinträchtigen^ darüber muß das deutsche Volk selbst entscheiden undnvir wissen, daß bei solchen Entscheidungen auchnicht zu viel nüchterne Erwägung, sondern vielmehr Imponderabilien mitsprechen. Der jüdischnationale Politiker hat auch in der Hirrsicht volles Verständnis,/daß er den Primat der ideellen. Beweggründe über die materiellen anerkennt. , Die ganze Geschichte des jüdischen Volkes war ein Kampf der Idee gegen die Materie, und in der Geschichte der Neuzeit ist der Zionismus das eklatanteste Beispiel für eine aus reinem Idealismus, allen materialistischen Bedingungen zum Trotz, geborene Bewegung. In allen den staatlichen Fragen also, m welchen das nationale Gefühl mitzureden Hatz haben wir Juden. Zurückhaltung zu üben, ebenso wie wir in allett Gebietsstreitigketten unbedingt neutral sind. Wir bleibeüäber darum nicht unbeteiligt. Im Gegenteil, gerade durch unsere Funktion des objektiven, gerechten Beurteilers untt'durch unser tiefes Verständnis für jede Regung nationaler'Sehnsucht, jeden Wunsch nach nationaler Freiheit" und Vollentfaltung, sind wir geeignet, auch ün Völkerstreit eine vermittelnde und versöhnende Funktion.auszuüben. Wir werden jeden chauvinistischen und aggressiven Nationalismus bekämpfen; wir -> werden stets die Partei des ungerecht Unterdrückten nehmen; wir werden aber die kulturelle Entfaltung jedes Volkes tätig fördern und das Zusammenwirken der Völker für die Menschhest erstreben. Charakteristisch ist es, daß gerade das Organ der englischen Nationaljuden es war, das mit allem Nachdruck hegen die auf der Friedenskonferenz zu Tage. getretenen Tendenzen,' Dentsch- - land aus dem. Völkerbund nuszuschließen, •: ausgetreten ist. Demgegenüber steht die verwerfliche Haltung der assimilatorischen Juden aller Länder, welche meinen, sich als Ueberpatrioien und chauvinistische Naüonalisten gebärden zu müssen und dadurch- .zur. Völkerverhetzung nur beitragen. Dies widerspricht dem Geiste des Judentums und ist ein übler Dienst, den sie dem Vaterland erweisen. Auch für den Staat ist "um das nationale Judeittum, dessen Politik auf den hier skizzierten Prinzipien beruht, ein wertvoller Faktor.