Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 22 (9.2.1919)
- Date
- 1919-02-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Gtiyeleremplirrr SS© fidkv Wie«: Mit Zustellung ini " Hau»: Manarlra,. . . . K?.— Hk-t-lsübrig . . .. 80.- Ualbfäl» kg.40.— Gamjat» . . . „ 8p.— , MOPoNversand: äÜUmatiidt. . . .K 7.50 -Dio -teiiäpvig. . .. 22.— SJ«U>}ttltH« . . . .. 44- Wa«,rShrk'' . .... 88.- beloptzone; Adminiftng. ^'iorr 44088, 'ekrtliffoi 48810, ab 0 l'lit abends "r. 168^1 : .. I ■ - I .. Gimeltrsmp!lrVr V«ks vJrürmtttjrotlo»«* ., p?tife f'lr ins ZinslanH äJÄow^r'tldj , , .K 8.— Nis^rrltäisv!» i ... 24.—| i»lbf»Uts-tt . * >, 48.—j ÄnnrM-iS - - -OJv- , , 7 - tis» : ' «sj Wirn. ’ rr?7 ö-ttbprst^gtz, ' V ■' ~ Vvstk'pav!ra8en--K»tttb; ltv. 15 0.098 # Nr. 22 Wien, SonntKg, Den S. Febrüar WLS L. Jahrgang dem ’i Bern, 8. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Im Verlauf der heutigen NachmiLtagstHmtg stellte Verl, Locker (Verbandsbureau der allweltlichen jüdisch-sozialistischen Par^t „P o n l e - Z i o n", Stockholms die Forderungen der jüdischen Sozialisten dar. Er stellte den A n t r a g auf Faffuntz folgenden Beschlusses r Die Konferenz anerkennt den internationalen Charakter d e r I u d e n f r a g e und fordert in Anwendung der allgemeinen Grundsätze des Selbstbestimmung srechtesrhre Regelung auf folgender Grundlager 1. V ö llig e bürg erliche Gl eichb erechtigung i n allen L^ä n d e r n und intern a t i o n a l o n Schutz gegen physische Verfolgung und wirtschaftliche Bedrückung. 2. F re i h e i t d e r E inwand e r u ug u n d A n fi e dll u n in allen Ländern. -3. Nationale Selbstverwaltung und nationale GleiHberechtigung in allen Ländern. 4. Anerkennung des Rechtes des jüdischen Volkes auf Errichtung elnev natio-nalen Heimstätte in Palästina unter dem Schutze des Völkerbundes. Die Konferenz gibt ihrer tiefste n Empörung gegen die in den letzten Monaten stattgefundenen entsetzlichen Pogrome Ausdruck und fordert die Arbeiterklaffe auf, gegen diese Aeußerimgen des Antisemitismus und Chauvinismus anzukämpfen. Endlich fordert der Antrag die R e g elu ng der Zudenfrage in Rumänien auf der Grundlage der sofortigen uneingeschränkten ausnahmslosen Naturalisierung Mer Juden in Rumänien. MMMeußemmg TärNeusI Paris, 8. Februar. (Meldung der Telegraphen-Kompagnie.) Rach einer Meldung des „Temps" bildete die Blockade Dsutschlands den Gegenstand von Bsratungen auf der Konferenz/? Tardieu erklärte Journalisten gegenüber, daß die Alliierten an dem Einfuhrverbot gegenü b e r Deutschland fest halten. 7 Jüdische Wühler, Wühlet jüdisch! Wien, 9. Februar.; Von heute in einer Woche finden die allgemeinen Wahlen zur konstituierenden Nationalversammlung statt. Die bedeutungsvollste Woche im jungen Leben der Republik nimmt heute ihren Anfang. Nachdem 'am Donnerstag der kümmerliche Parlamentsersah, die Nationalversammlung, ihr Leben beschlossen hat, geht nunmehr das Wort wieder an die Wähler zurück. In seinem „corHrat, sociale" behauptet Rousseau, der Vorkämpfer der direkten Demokratie: „Nur während der Wahlen ist das Volk frei. Nach den Wahlen wird es wieder zum Gefangenen der Abgeordneten." Die Erfahrungen.' die man mit dem Parlamentarismus gemacht . hat, sind im allgemeinen keine schlechten. Wo die Vertretung des Volkes ernst und farblich seine Interessen ausfaßt und vertritt, wo sie die Regierung bildet und unter stetiger Kontrolle halt, wo sie da? natü'r-' liche Mißtrauen der Bevölkerung gegenüber jeder Regierung in die richtigen Bahnen lenkt, dort kann man von einer Gefangenschaft des Volkes nicht sprechen. Aber in einem weiteren Sinn ist das olk in der Zeit zwischen den Wahlen nicht frei, sondern gebunden, es übt fein Recht durch seine Repräsentanten aus und kann sie nur moralisch zur Rechenschaft ziehen. Die tatsächliche Abrechnung erfolgt bei pen Wahlen und deshalb sind Wahlen in jedem Staat und zu jeder Zeit Momente gewesen, ans denen man die politische Reist des Volkes,^se'me sittliche und geistige Kraft erkannte. Wir haben in der alten Monarchieverschiedene Stadien durchgemacht, die als Symptome' der politischen Entwicklung' aufzufassen sind... AM/ der Stündevertretuns ist ein ParlMent.vdes ttp freiheitlich zu wirkenbestrebt war. Dann . dehnte sich das Abgeordnetenhaus auf die übrigen ^Völker Nus, öffnete seine Tore dem ärmeren Bürgertum und schließlich mit dem allgemeinen Wahlrecht dem ganzen Holk. Es ist heute mehr als müßig, darüber zu" streiten, ob das Volkshaus Oesterreichs den tatsächlichen^ politischen und nationalen Verhältnissen entsprochen hat. Es steht aber fest, daß es niemals eifersüchtig und mißtrauisch war, es steht fest, daß es seine Hechte nicht zu wahren wußte, daß man mit ihm in der demütigendsten Art verführ und daß man es schließlich, als man das Verbrechen des Krieges auf sich nahm, ■ wie einen lästigen Zuschauer entfernte. Das Parlament hat sich dann wieder durchgestkt. Man hat es wieder gerufen, weil die herrschende Klasse ihrer Sache niht mehr sicher war und ihrer Verantwortung vor der Geschichte und vor dem Volk sich entledigen wollte. -Pas ist nicht gelungen, denn die Monarchie konnte .nicht mehr gerettet werden und verschwand von der 'Karte. j; Das Parlament, . das wir in einer Woche zu wählen haben, wird - ein ganz anderes fein .müssen, als es bisher bestanden hat. Das Volk hat lzum ersten Male feine volle Souveränität. Niemals, auch nicht im Jahre 1848, war es so frei, so vollkommen unabhängig nach jeder Richtung hin. Das Volk Deutschösterreichs hat tatsächlich die Selbstbestimmung nach innen, es kann fein Schicksal entscheiden. Die Dinge sind im Fluß, der Staat i*t im Werden. And er wird sich so gestalten, wie ihn das Volk selbst wünscht und wie es dies durch die Wahlen bestimmen wird. Per kommende Sonntag wird Maßgebend dafür sein, 'rote sich das Volk seine Zukunft umstellt. Er wird maßgebend dafür sein, ob das Volk erkannt hat, wer die öfterreichisch-ungarischeMonarchie in den Krieg getrieben hat, welche Parteien es verschuldet haben, daß so viele Mütter und Waisen, weinen und, er wird erkennen fassen, ob das Volk die Schuldsrage richtig stellt. . Es ■Tiriib ein Tag des Gerichtes sein. , : Sv Die Parteien, die sich um die Wählerschaft bemühen, wollen die Frage verdunkeln. Sie glauben, .daß es nach dem Sturz der Dynastie möglich sein wird, die Verantwortung auf das Haus Habsburg zu werfen. Und das ist doch nur in eingeschränktem Maß wichtig. Wohl hat die Dynastie und die hinter ihr stehende Kamarilla den Krieg herbeigeführt. Aber dies konnte ihr nur' gelingen mit Hilfe einer feilen bestochenen Presse, mit Hilfe eines Parlaments, das in 'seiner Mehrzahl und insbesondere in den Vertretern des deutschen Bügertums aus Lakaien bestand, die in Hyiger Angst drei Jahre lang in de;- tzcke standen und sich vom Grafen Stürgkh terrorisieren ließen. Sie haben noch viel mehr Schuld an dem Untergang der Monarchie, an.der Verschleuderung des Volksvermögens und an der Ueberschwemmung mit Papiergeld. Sehen wir uns diese Parteien heute an, wo sie in einer Koalition die Regierungsgewalt an sich genommen haben! Ihre Republik ist keine Republik, sie ist das alte Oesterreich mit seiner überwuchernden Bureaukratie, mit seiner Schlamperei und . mit seiner Korruption. Das wichtigste Ressort der Volksblldung und Volksaufklärung ist in den Händen eines deutschradikalen Analphabeten, die innere Verwaltung leitet ein christlichsozialer Demagoge, für den Staatshaushalt sorgt ein Steuerexekutor. Alle Parteien sind-über Nacht republikanisch geworden. Aber sie sind im Innern ihres Herzens die alten Byzantiner und sie würden, wenn das Volk ihnen Recht gibt und sie wieder wählt, die Seanungen des Monarchismus wieder heraufbringen. Das wäre dann das Ende der Volkssouverämtät, das wäre die Rückkehr zum Obrigkeitsstaat, der uns vier Jahre lang mit Polizei und Schariricktern regiert hat ... Das Volk hat über die Zukunft des Staates zu bestimmen. Es wird in seinem Votum auch zum Ausdruck bringen müssen, ob es den Anschluß an die deutsche Republik wünscht. Diese so außerordentlich wichtige'Frage ist bisher von den Regierungsstellen genau so behandelt worden,- wie man das Bündnis mit Deutschland seinerzeit behandelt hat. Wir haben die Verträge niemals gekannt, sie sind durch Geheimdrplomatie vorbereitet und aufgestellt worden. Unsere heutige Regierung hat das Volk nicht gefragt, sie Hai sich nicht erkundigt, ob es nicht vielleicht doch gemäß den, wirtschafts- und'verkehrspolitischen Beziehungen, die sich in Jahrhunderten herausgebildet haben, ein Zusammenleben mit den Nationalstaaten wünscht. Wenn man uns heute sagt, , es fei bei den anderen Nationen nicht der Wille erkennbar gewesen, zu Vereinbarungen über eine Donauföderation zu gelangen, so ist das eine lässige. Ausrede. Wann und in welcher Form hat man die anderen Nationalstaaten gefragt? Hat man eine direkt verneinende Antwort erhalten? E§ pmd sich glsy am Hoynsgg in indirekter Form entscheiden, ob das Volk die, Angliederung an die große deutsche Republik wünsche Wird es in seiner Mehrheit die Frage bejahen/ dannwird sich jeder demokratisch Empfindende, diesem Ar-" teil unterwerfen müssen. . Es ist nicht schwer, dem jüdischen Wähler und' der jüdischen Wählerin zu sagen, wie sie sich verhalten sollen. Dort, wo wir in größerer Zahl siedeür/! muß der jüdische Stimmzettel der . jüdischen Partei gehören, der einzigen,' die das Judentum als Volk'- ausfaßt und bejaht. Der jüdische Wähler muß sich denestanschließen. die an ihn denken und von ihm mehr haben wollen als seine Stimme.. Sie wollen sein Herz/ sie wollen seine Person für Las jüdische Volk. Die andern, wie immer sie heißen mögen, wollen ja nur seine Stimme und allenfalls noch sein Geld. Wer vom uns zur Wahl geht, der sehe sich/in den Straßen die Wahlaufrufe an! Ganz öffen- - und ünverhüÜhs vor den Augen der Ententekoimnissionen, die in Wien; sind, wird gegen die Juden gehetzt,- alle Schuld schieben^ die auf uns, die den.Krieg angefangen und verlorew haben, die das Volk ausgebeutet und ausgepreßt haben,-; die heute, bar jeder Würde, das Ausland anbetteln.! die anbeten, was sie gestern verbannt haben. Wer von! uns zur Wahl geht, der denke daran, loic. ftrfj biej heutige Regierung zu uns stellt: Pacher, der Leiter des.Unterrichtsamtes, weist die jüdischen Hörer von! den Universitäten weg; Mataja, der Staatssekretär des- .Jnnern,willdiejüdischenFlüchÜingemdenWinLerjhmauS''i jagen. Vielen Tausenden von uns hat man mit Hilfedes! Juden Ofner das Wahlrecht gestohlen. Die inttt"! nationale Sozialdemokratie, die nach. ihrem von Juden geschaffenen Programm die Völker befreien und zur Gleichheit führen soll, will das jüdische Volk nicht anerkennen, ihre Presse verfällt in den schwersten anch-j semitischen Orgasmus, wenn sie.von uns und unseren! Forderungen hört. j Jüdische Wähler! Braucht ihr eine-Parole? Sie ist sehr kurz: Gegen den Antisemitismus! Für das jüdische Äolk si Jüdische Wähler, wählet jüdisch!