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Wiener Morgenzeitung · 1919-02-02 · Heft 15 (2.2.1919) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 15 (2.2.1919)
Date
1919-02-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nur im deütschösterreichischen Parlament hat sich — fast möchte Mn sagen: wie zu erwarten — nichts gerührt. Die beiden jüdischen Abgeordneten Ofner und Kuranda schwiegen in gewohnter Knechtseligkeit, ihr Untertanenverstand verbietet ihnen, die kostbare Zeit ihrer arischen Köllegen für Judensachen in Anspruch zu nehmen. Die große sozialdemokratische Fraktion, die sonst ein Patent aufs verteidigen der Menschenrechte hat, schwieg gleichfalls, nicht etwa zufällig, sondern absichtlich. Hatte sie doch auch dem sozialdemokratischen Abgeordneten Glück l, welcher in einer von jüdischen Sozialisten wegen der Pogrome einberufenen Protestversammlung sprechen wollte, die Teilnahme an der Versammlung verboten. Diese Partei hat sich nun einmal entschlossen, dem im Kriege starker gewordenen und auch in Arbeiterkreisen überhandnehmenden Antisemitismus durch Entgegenkommen Rechnung zu tragen. Sie will nicht als Judenschutztruppe gelten. Während sie sich aber bisher damit begnügt hat. die jüdischen Pogromopfer zu ignorieren, ist sie nunmehr zum tätigen Angriff auf diese unglücklichen Juden übergegangen. Im Wiener Stadtrat hat der sozialdemokratische Dizebürgermeister R e u mann endlich von den Pogromen gesprochen. Er hat mitge- Leitt, daß die Pogromangst Juden aus dem Osten in hie Richtung nach Wien treibt, und hat verlangt, daß soifM alle Maßregeln getroffen werden, um diesen UngluMichen das Betreten Mens unmöglich zu machen. Natürlich unter Hinweis aus denNahrunysmgngel. Man kann sich die.' Freude der christlichsozialen und deutschnationalen Antisemiten leicht vorstellen. Maßregeln gegen jüdische Flüchtlinge! Trotz aller Begierde wagien sie bisher nicht davon zu sprechen, weil sie doch nicht in den Ruf von Unmenschen kommen wollten. Und nun sagt es der Sozialdemokrat frank und frei heraus! Sie haben sich wie wfld auf dieses gefundene Fressen gestürzt und ZusatzayLrage eingebracht, wonach auch die bereits in Wien weifenden Flüchtlinge anszuweisen und, wenn sie nicht gehen wollen, von der Beteilung mit Le b e n s m i t t e l n a u s z u s ch I i e ß e n sind. Die Anträge wurden angenommen und den Sozialdemokraten. welche jetzt vor dem starken Echo ihres antisemitischen Weckrufes Angst bekamen, gelang es nur,' eine neuerliche Vorlage der Anträge an den Gemejnderat durchzusetzen. Es ist notwendig, die derzeitigen Machthaber Deutschösterreichs und Wiens auf die Wirkung ihres jüdenfeindlichen Verhaltens aufmerksam zu machen, insbesondere über aus die Folgen/ die unbedingt zu erwarten sind, wenn der Wiener Gemeinderat die Anträge gegen die jüdischen Kriegs- und Pogromflüchtlinge bestätigt. Es ist roh. einem gehetzten Tier die Zuflucht zu sperren, es ist herzlos und schreit zum Himmel, wenn man den vor wilden Mordbuben flüchtenden Menschenbrüdern die Tür vor den flehenden Händen zuschlägt. Aber von allen guten Geistern verlaßen scheinen jene, die s e l b st i n a Her Welt um Hilfe und Beistand betteln und bitten, und dabei die Stirn haben, solch unbarmherzige Beschlüsse zu fassen, wie es sich die Sozialdemokraten und Christlichsozialen im Wiener Stadtrat erlaubt haben. Ja, was bilden sich denn diese Herren eigentlich ein? Sie scheinen ganz daran zu vergessen, daß sie unter strenger Kontrolle stehen, daß sich die Ententeländer und neutralen - Staaten nicht gerade darum reißen, ihre Rohstoffe und Lebensrnittel den deutschradikal tuenden Wiener Sozialdemokraten und Christlichsozialen zu Füßen, zu legen! Die Lust zum Geben ist leicht verdorben, besonders wenn sie so gering ist, wie bisher. Den geehrten Machthabern zur eindringlichen Lehre sei hier ein Bericht erstattet, den die Jüdischnänonalen bisher aus Gründen des Taktes verschwiegen haben. Wenige Tage vor dem Eintreffen der. Schweizer Lebensmittel in Wien erhielt der Wiener Jüdische Natianalrat vom Schweizer jüdischen Lebensmittelkomitee die telegraphische Aufforderung, einen Vertreter in die Wiener Verteilungsstelle zu tsitsrnderr, damit die gerechte Beteilung Der Versöhnungsstiede auf dem L2eg. Wilson und Lloyd George einig. RMerdaur, 1. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg/') Der Pariser Korrespondent des Nieuwe Rotterdamfchen Courant gibt einen Uebexblick über die diplomatischen Kämpfe auf der Konferenz, die sichtlich die Aeberlegenheit Wilsons dartun und fährt sodann fort: Es ist Tatsache, daß die Entschlossenheit der letzten Rede Wilsons und deren Unterstützung durch Lloyd George eine außerordentliche Bedeutung bekommen hat. Wie sehr der Kampf aus dem Höhepunkt steht, geht daraus herpor, daß unter anderem viele englische und amerikanische Finanzleute eine lebhafte Tätigkeit ent-! wickeln und die Finanzkreise davon überzeugt sind, daß ein Versossnungsfriede eine1 wirtschaftliche Notwendigkeit ist. Auch von seiten Wilsons wird stark mit einem derartigen Argument gearbeitet, und daß eine Nichtbefolgnng der Wrlfonfchen Bedingungen, unter welchen Deutschland den Waffenstillstand zu unterzeichnen habe, die Alliierten aus den Standpunkt des „Fetzen Papiers" bringen werde. er Mkklbmld — das Pmlilmnt dek Bern, 1. Februar. Times erhärt aus Konferenzkreisen folg rüde DarstellrmZr Der Völkerbund steht im Konserenzprogramm voran. Er bedeutet die Garantie der t e r r i t o t i* alen Integrität sein er Mitglieder, eine progressive Verminderung der Nüstungen, eine Kontrolle über Prrvatnnternehmüngen der NüstunMrrduftrre, eine Organisation von Zwangsmitteln gegen^ene Nationen, die den Weltfrieden selbstsüchtig stören wöN», und hie Aushebung der gsheickey Bsindniffe. ' Das Blatt fügt als redaktionellen Kommentar folgendes hinzu: Wie die Alliierten de» Sieg dadurch errangen, daß sie sich schließlich unter ernheitliches Kommando ftellten, so muß die zivilfsierte Welt sich unter die Leitung einer Friedens exekutive der Groß» Mächte stellen. Die Großmächte bilden ein inneres Kabinett im Parlamerrt der Nationen, das gegenwärtig die Friedenskonferenz ist und spater der Völkerbund sein wird. Die Gründung des Völkerbundes ist die sicherste Garantie für die kleinen Nationen, weil ein Grundsatz des Völkerbundes lautet, daß auch die mächtigste Negierung nicht berechtigt sei, daS Schicksal eines Landes außer in Asbersinstimmung mit den Wünschen seines Volkes zu entscheiden. Ein zweiter Grundsatz des Völkerbundes ist die Identifizierung von Frieden mit Gerechtigkeit. Der Völkerbund ist keine heMge Allianz, die hinter Friedenseifer die Politik der Unterdrückung jeder nationalen Aspiration verbirgt, sofern diese nicht in ihr Schema hineinpaßt. Zm Gegenteil, wird der Völkerbund die weitestgehende Diversitat der nationalen Typen fordern, aber nur unter der Bedingung, daß keine Nation, groß oder klein, dadurch die Rechte ihrer Nachbarn verletzt. Der Völkerbund wird sich nicht überall elmneugen, sondern bloß in zwei Fällen r 1. Wenn eine Nation einen Krieg beginnt, ohne sich an die Vermittlung der internationalen Kanzlei des Völkerbundes gewendet zu haben, und 2. wenn nach Anrufen dieser Vermittlung die eine Partei sich der Entscheidung nicht fügt. Schließlich entwickelt die Times die Theorie der T r e u h ä n d e r s ch a s L für das Verhältnis des Völkerbundes zu den kleinen oder neuzuschaffenden Nationen und sagt, der Völkerbund werde als deren Treuhänder wirken. Sollten Protektorate geschaffen werden, so werde die Souveränität beim Völkerbund liegen, die Schutzherrschaft oder Treuhanderschast beim Beauftragten des Völkerbundes. der in Wien lebenden I u d e n g e s i ch e r t werde. Der Wiener Nationalrat hat telegraphisch geantwortet, daß er auf die Kontrolle verzichte, weil die Verteilung bisher immer gerecht erfolgt ist. Er hat die Abschriften der Telegramme dem Bürgermeister Weiskirchner übermittelt. Welch gute Folgen versprachen sich die Herren Stadtgewaltigen davon, wenn nun im Ausland, auf dessen Gunst Wien angewiesen ist, die unmenschlichen, auf Aushungerung von Juden gerichteten Anträge der „Gewaltigen" im Wiener Stadtrate bekannt werden? Glauben sie etwa; daß das die Eebelaune fördern wird? Ja. wenn draußen lauter offene Antisemiten, wie die Christlichsozialen, und lauter verkappte, wie die Wiener sozialdemokratischen Führer, süßen, dann schon. Aber glücklicherweise ist das nicht der Fall und die Menschen da draußen haben für die Aushungerung und Vertreibung von gehetzten Juden kein Verständnis. .Das sollten die in Judensachen wirklich etwas übermütigen Wiener Stadtväter bedenken. Wenn sie es nicht tun. wird die arme Vevölkertmg die Kosten ihrer dummen, antisemitischen Spässe zahlen müssen. Den Herren Wiener Stadtvätern roter und schwarzer Coul.urs sei auch hiermit bekauntgegeben, daß die Juden ein Vierzehnmilli» onenvolk und daß die von i hnen mißhandelten Kriegs- und Pogromflücht l r n g e ein wesentlicherBestand« t e i l. d i e s e s großen Volkes sind. D er Krieg hat auch die jüdische Nation erweckt und die Solidarität aller ihrer Teile befestigt. Wer den Juden' hierzulande Unrecht tut, der muß damit rechnen, auf, der ganzen Welt, wo eben Juden wohnen, Ankläger.' zu finden; Juden, die bereit sind, ihren verfolgten' Brüdern Genugtuung zu schaffen. Die Wiener Politiker sollen sich ja nicht durch das Blld täuschen lassen, welches die paar, demütigen Wiener Assimila« tionsjuden bieten, die jeden arischen Fußtritts mit einem verbindlichen Lächeln quittieren. Die zum nationalen Bewußtsein gelangten Juden sind wehrhaft geworden, und wer sie schlägt, muß mit Gegenhieben rechnen. Wien und Deutschöstcrreich haben es gerade jetzt nicht notwendig, die Gegnerschaft eines großen und einflußreichen Volkes und die Kritik der ganzen zivilisierten Welt herauszufordern, und nur; deshalb,. weil es einige politische Macher für not-' wendig finden, den antisemitischen Instinkten einiger Wählergruppen zu schmeicheln. st».

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