Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 14 (1.2.1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2979077-2979091--00112-2985367- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Mmeksvrmplarr Nrri« 30 Heller |fr3mtmrration«|»ve{r«: Bient Mll Austellitng i>» ' Haus: Mo»a1Nch. , . .K 7.- Vi-r»-ttSl»rrs - . ^80.- A»lkf.-»I/i-rg.40.- A»nifSi)riK . . . ,. 80.— Mit Postversard: jMonalkich . . . . K 7.50 Kke^ellälrrig. . 38.— S«lWffltsr1rt . . . .. 44.— w»* 88.- G»!«pK»n-: Alkminiftr»- tlon 44088, Rrdnlrlio« 4881S, ab 6 fffft «vsnd» Sir. 16801 '?l+vemplavs Krüer PrStr«m»rätio»«- pvtlfe für ,a» Au»l«»V» MsnaMch . . N 8.— Ui»e-r»ULisrts . ... 84.— >8«ldkSPvi« . . . « 48/—. ©««liiiljvJs ... ,i 90.- Abmr^Wr«» Msn. nr. Ur. t-S Nsstfp«»r K a ss»»-K»ne» Ur. 1S0.SS8 Nr. 14 Wien, Samstag» den 1. Februar 1919 1. Jahrgang Die Uneinige Friedens- I Konferenz. j Wi en, 31. Järmer. - Clemeneeau hgt jüngst in seinem Blatt Der freie Mensch das Geständnis abgelegt, daß er in vielen gründlegenden Dingen seine Anschauung ins Gegenteil umwandeln müsse. Es hätte dieses Geständnisses nicht bedurft, um zu erkennen, daß hinter verschlossenen Türen der Pariser Konferenz größte Uneinigkeit herrscht und daß man vielleicht gerade deshalb die Oeffentlich- Keit ausgeschlossen hat. Man könnte aus der energischen Rede Wilsons und aus der bewegten Debatte, in der die kleinen Staaten Vertretung in den Ausschüssen des Völkerbundes verlangen, erkennen, daß sehr gewichtige Interessengegensätze bestehen und daß sich im großen ganzen zwei Hauptgruppen deutlich von einander scheiden: Auf der einen Sette unter Führung Frankreichs die unversöhnlichen und annexionsgierigen lateinischslawischen Bundesgenossen, auf der anderen Sette das idealistische Amerika und das in einem sehr bedeutenden Maß kriegsmüde gewordene England. An positiven Werten hat die Friedenskonferenz bisher gamichts gebracht, um so mehr aber an negativen, indem sie die Unzufriedenheit der Ententegenossen auf dem Kontinent scharf hervortreten läßt. Deutlich bringt dies der Mailänder Avanti zum Ausdruck» der über den Kongreß schreibt: „Es scheint, daß die Wett für so viel Appetit' M klein ist!" Das Blatt laßt die Wnnschlisten der emztlnen Staaten Revue passieren, und sagt: „Was . will Italien? Der Wunschzettel Italiens enthält das Trentino und Tirol bis zuni 'Brenner, Triest mit Istrien, die Hafenstadt Fiume, Dalmatien, alle adriatischen Inseln, das Protektorat über Albanien und ein Stück Kleinasiens; Auch Tunis wiirde ihm aber gefallen,'»ud «ußerdem hat es wenigLust, Griechenland den Dodekanesds zurück- - mgebem Die Südslawen," .sagt das Blatt , westee, „sind mit emem' sehr kräftigen Gebiß zur Welt gekommen; außer Serbien,. Montenegro, dem Sandschak, Nowlbazär, Bosnien und der - Herzegowina,: Slavomen, Kroatien, Kärnten und SiMerermark möchten sie auch Triest, Istrien, Dalmatien, Frume und die adriatischen. Inseln verspeisen. Frankreich beabsichtigt nach der Wiedergewinnung Elsaß-Lothringen das linke Rheumfer, natürlich mit den Brückenköpfen auf der rechten Seite, zii neutralisieren, das Saarbecken durch ein Plebiszit anzugliedern und Syrien mit den Engländernzu teilen." . . „Damit - ist die Reche der Wünsche noch lange nicht er- Mopst, England fordert die deutschen Kolonien, die astatische Türkei und die Herrschaft über das Meer; Mesopotamien allein", sagt der Avanti, „war der Krieg gegen den Imperialismus wert. Belgien ist Nein und verlangt wenig, aber es möchte doch seine Grenzen mit Limburg und Lnxenlburg abrunden. Rumänien hat auf seine Liste die „Befreiungen" gesetzt: die Dobrudscha, Siebenbürgen, das Banat, Bessarabicn und die Bukowina. Es ist", meint ein Mailänder Platt ironisch, „nicht . unverschämt. Es verlangt nicht den Mond. Und was Griechenland! will, oder wieder will? Den Epirus, Thrcnkcn, die ägäischen i Inseln, die Küstenzone'von Kleinasien und — Konstanrinopel? i Polen will wicht schlechter dastehen als die anderen »md präsentiert seine hundertjährigen Rechte auf Posen, Oberschlesten, Galizien, auf einen Teil der Ukraine, auf Litauen, auf Danzig Pönunern und auf ein Stück de-Z alten Preußens. Daran reiht sich zugute'letzt Tschecho-Slowaben, das neben den zweieinhalb. Millionen Deutschen ein Stück Ungarns uud in Schlesten Gebiete fordert, die auch die Polen für sich rellamiercn. «Desinteressiert" ist. Japan. Es hat bereits K.aunchau, die deutschen Kolonien des Pazifik, die Karol nen- und Maria, neuinseln, dazu auch das Protektorat über Chma. Eavas anderes verlangt eS nicht. Es hat ja für die „Ideale" gckämvft. In dem Reigen fehlen aber auch die Neutralen ncht. Spamen denkt an rin Stück von Marokko und än Gibraltar, Dänemark möchte Schleswig-Holstein zurück haben, Norwegen, das gute, begnügt sich mit Spitzbergen. Die Schweiz'erstrebt einen kleinen Gebietsantril bis zum Rhein, bis Mühlhausen, eine Abrundung des Kankdns Genf' und ein paar Quadratmeter südlich vom Splügenpaß. Versetzt euch nun",- so schließt der Avanti feine Betrachtung, „in die Haut so eines armen Bevollmächtigten, der sich selbst zufcredenstellen, die änderen aber nicht unzufrieden machen soll! Darum: Schließt die Türen! Schließt die Türen!" Angesichts solcher: Wunschlisten ist es begreiflich» wenn man die Arbeiten des Friedenskongresses mit der größtmöglichen Skepsis verfolgt und wenn man insbesondere daran zweifelt, daß diese Verhandlungen hinter verschlossenen Türen tragfähige Grundlagen für einen dauernden Frieden liefern werden. Es sind so viele bewußte und unbewußte Mißverständnisse zu beseitigen, so viele Unklarheiten' aufzuhellen, so -viel Säbelrasseln zu übertönen, daß > es fast unmöglich ist, zu berechnen, wann sich, aus - dieser. Friedenskonferenz der allgemeine Friedenskongreß entwickeln wird, der jä eigentlich auch kein Kongreß - fein wird, sondern nur das Diktat von Bedingungen an - die Überlegenen. Es gibt eigentlich heute außer-den Belegten nur noch eine Gruppe, die den baldigen Frieden wünscht. Das ist die angelsächsische Gruppe und insbesondere Cfnt^ndas durchaus nicht mehr die koristsiidiette j diese: Niederlage der Allnestonisten auf der Friedenskonferenz. Wilsons Standpunkt durchgedrungen. Berlin, 31. Jänner. Der Lokalanzeiger meldet aus dem Haag: Die amerikanische Auffassung hat in Paris gestern den Sieg über die der Annexionisten erzielt. Schriftlich ist das allerdings noch nicht niedergelsgt worden, aber die Fir rer der Opposition geben zu, d a ß Wilson eS verstanden habefeinen Standpunkt dnrchznsetzen. Natürlich bezieht sich das nicht auf Polen, die Tscheche-Slowaken und die Südflawen oder andere Gebenden, wo es sich um Rationalitäten handelt, wohl aber auf Gebiete, auf die man äurein strategischen Gründen oder nm deS Gebietzuwachfes willen Anspruch erhebt. Orlando, Celle re und Diaz haben den italienischen Standpunkt anseinandergesetzt und Italiens Ansprüche auf Fiume, die Ostküste der Adria und die afrikanischen Besitzungen verteidigt. Ihre Beweisführung fand wenig Unterstützung und die Engländer stellen sich auf den amerikanischen Standpunkt. Orlando erklärte in einem Znterwiev über die Ereignisse des Tage-, daß die statistischen Unterlagen, die die Südslawen vorgebrächt haben, mit Recht nachgeprüft werden müßten, wie dies in der Sitzung beschlossen wurde. Die Regierung verschleiert das Wahlrefultat. Obwohl die Wahlen in den polnischen Landtag bereits am 27. Jänner stattgefrm-ien haben, ist es bisher nicht möglich gewesen, eine Nachricht ü b e r i h r Ergebniszn erhalte«. Die Regierung scheint ein Interesse darren zu habe«, die Nachrichten zurückzuh alten. Wie wir von auth entischer Seite erfahren, ist in Krakau der z io n i st i s ch e Kandidat Rabbiner Dr. Osias Thon gewählt worden. Die gleiche Stelle gibt an, datz sich in den großen Städten die Kandidaten des nationalen Blocks und die Sozialisten ungefähr die Wage halten» während auf dem Lande die Sozialisten unterlegen s e i n s o l l e n. Eine Bestätigung bleibt äbzuwarten. unangreifbare Macht ist. die es im Jahre -1914 war. England hat seinen größten Besitz, seine Kapitalsmacht, in diesem Kriege - vertan und verzettelt.; Seine frühere Macht war dadurch entstanden, daß es. sich. von Kouünentalkriegen ferngehalten hak Dadurch, daß es sich jetzt — ob ans idealistischen oder Konkurrenzgründcn.— in den fürchterlichsten aller Kontinentalkriege hat hineiureißen lassen, hat es die Grundpfeiler seiner Macht erschüttert, seine industrielle und kommerzielle Produktivität verringert. Insbesondere ist seine Kohlcnerzeugung stark zurückgegangen ' und damit eine der Hauptstützen der englischen Handelsschiffahrt erschüttert. England leidet genau so wie' Deutschland und wie der armselige Rest - von Oester-! reich, den wir deutschöflerreichische nennen, unter der Krise eines in seinen Machtquellen aufs; empfindlichste getroffenen Staatswesens.' Auch in Engj land sehen wir gewaltige Streiks, die bald im.Berg-! byu, bald im Schiffsbau, bald bei den, Eisenbahnen! austreten, und wenn sie auch nicht auf'politische Ur° i fachen zurückZüstihren sind, so sind sie. doch in' ihren! wirtschaftlichen Gründen^ganz darnach angetan, auch I die ■ englische Gesellschaft in. ähnlicher . Weise - zu j revolutionieren, wie dies in Mittel- und Osteuropa j geschehen ist. Die Times hat vor kurzem ausgerecknet, r baß cher mittlere Arbeitslohn des. englischen^ Kohlen-! Arbeiters von' einem -Pfund: ffünüehn .-Schillingim Jahre 1914 auf drei Pfund zehn Schilling im! Jahre 1918 gestiegen ist. Rechnet man dies unter B.e'ückfichtignng des - heutigen Devisttikurses in unsere Wäyr'>-ng um, so ' ergibt sich ein Wochcnlohn von 262 Kronen, lind stnul ist der Grund der der Kohlenarbeiter. Es ist also ohne weiters leicht verständlich, daß England auf eine Beschleunigung ders Arbeiten des Friedenskongresses hindrängt. Und auch - aus Amerika, das nicht aus lauter Wilsons besteht kommen lante Klagen über das langsame Tempo der Pariser Verhandlungen, über die vielen Konflikte, die.'' sich in Pariszeigen und über die man rasch hinweg-! zukommen, gehofft hatte. - Man ist in Amerika und in England, vielleicht auch in vielen Kreisen Frankreichs und Italiens, sicher aber ' in Mitteleuropa verzweifelt darüber. - daß sich die Grundlagen der Verhandlungen so durchaus geändert haben. Es-hieß einmal, daß der Krieg für die. Kultur, für die Gerechtigkeit, für die Befreiung, der. DWfchheit vom Joch des Militarismus: geführt .werden Auch Wilson hat dies in seiner großen .Rede gesagt Md wie die Pariser Blätter zu berichten wußterr,: hatte Marschall Fach bei diesen Worten bestätigend: 'genickt. . Aber in Wirklichkeit geht es bei den.Pariser-Verhandlungen um nackteste Ländergier, um. Vernichtung des Gegners und um Ungerechtigkeit. Die^ Vertreter Englands und Amerikas haben eine RiefenaUfgab^ zu bewästigen,, wenn sie die kleinen. RausbyM,---die ihren Appetit nicht eindärnmen - können, auch 'das. richtige : Maß zmiickführen .wollen. Deo . ^stärkste.. Gegner, - den.üe zu überwinden. haben, ist aberder furchtbare- Haß in Frankreich,, der von keinem yernüvsichen Kornpromis; etroas wissen will. Gelingt, es nicht hier einzugreifen, dann ist der Dölkubund, .der 'eben erst geboren wurde, zum Ersticken verurteilt. Er wird nicht leben können, -nenn die Besiegten nicht freiwillig nusgeuo'unnen, sondern ausgeschlossen vder^ Nt d en Bund hineinaez:onugen werden.