Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 13 (31.1.1919)
- Date
- 1919-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Entente habe durch ihre schönen Tiraden von Gerechtigkeit nur den deutschen Michel geködert, er sei von ihr zum Narren gehalten worden und möge dies nie vergessen. Sorgsam wird derart an der Erstarkung von nationalistischen und Revanchegesühlen gearbeitet. Aus solchem überheblichen Tone der gekrankten Unschuld, die stets bloß fordert und das ganze Maß der deutschen Verantwortung auch nicht im entferntesten ahnt, spricht das Bestreben, die Kluft zwischen den Völkern zu verbleitem. Dieselben Politiker und Zeitungen sind es auch, die bisher jede ernsthafte Erörterung der deutschen Schuld am Kriege verhindern und Kurt Eisner als einen Agenten Clemenceaus oder als einen von diesem düpierten Ideologen hinstellen. Nun ist es gewiß, daß die Grausamkeit und der Annexionismus der Entente aufs schärfste bekämpft werden müssen; doch, dazu sind bloß jene berechtigt, die von sich beweisen können, daß sie gegen den deutschen Milüarismus und den Eroberungswahnsinn der Aera Ludendorff mindestens die gleiche Festigkeit gezeigt haben. Deutsche, die sich gegen das Verhalten der Okkupationsmächte entrüsten, obwohl Deutschland in Belgien und Nordfrankreich dasselbe und Schlimmeres übte, zeigen, daß sie auch das härteste Schicksal verdienen^ ihr -Hochmut ung-ebrochen blieb und sie bloß die Sprache der Gewalt verstehen. Die Verteidiger des Einmarsches in Belgien, der überstürzten Ultimaten und Kriegserklärungen, der Angliederungen im Osten und Westen, die Förderer des Baltikum, flandrischer Küste und Mitteleuropa dürfen sich über den weiter angedrohten Wirtschaftskrieg nicht beschweren, und jene, die ausgiebige Kriegsentschädigungen verlangten, sollen sich nicht wundern, wenn sie nunmehr selbst jenes Schicksal erleiden, das sie den Schwächeren bereiten wollten. Bloß jene, die stets die Forderung nach Gerechtigkeit, Versöhnung und Völkerbund erhoben, dürfen mit der ganzen Leidenschaft der gerechten Sache die Anwälte Deutschlands sein und dabei zugleich die Anwälte der Völker, und nichts schadet ihren Bemühungen mehr als die Sprache der Besiegten, die ein Recht verlangen, daß sie selbst niemals anerkannt haben. Man muß dies vorausschicken, bevor man sich mit den verschiedenen so peinlichen Aeußerungen auseinandersetzt, die man in der jüngsten Zeit seitens der europäischen Ententestaaten hören konnte. Zur Ankunft Wilsons wurde so ziemlich alles getan, was dem Programm jenes großen und reinen Mannes am schroffsten widerspricht. Im selben Paris, das ihm als den würdigsten Gast zujubelte, faßten die Pariser Hoteliers den Beschluß, nicht bloß keinen Angestellten aus den Ländern des Vierbundes zu beschäftigen, sondern auch keine Bürger jener Staaten als Gäste aufzunehmen, und sie übermittelten diesen Entschluß, der den Haß verewigt und hundert Millionen Menschen der Freizügigkeit beraubt und in den Kerker sperrt, allen Berufsverbänden der Alliierten. Das ist nur als Stimmungssymptom wert, verzeichnet zu werden, aber es malt das Bild unserer Tage. Nirgends ist mit einem einzigem Wort von dem Selbstbestimmungsrecht der Völker die Rede, das doch die tragende Säule des Wilsonschen Gedankenbaues ist^ Die These des Präsidenten, daß keine Kriegsentschädigungen zu zahlen sind, wird dahin beantwortet, daß England durch seinen Premier 160 Milliarden Franken, Italien 100, Frankreich noch unendlich mehr verlangt. Die gehässige und rohe Sprache der Rachsucht, die Freude am fremden Leid und die niedrigste Rachsucht beherrschen alle Aeußerungen der Verantwortlichen, und die französischen Sozialisten, die Wilson als den Bringer der Gerechtigkeit feiern wollen, werden mit Gewalt zurückgehalten. Straßburg erklärt Französisch als Amtssprache und ein Dekret der französischen Regierung hebt die Freizügigkeit im Elsaß auf und teilt die Bewohner dort in vier Klassen. Die deutschen Städte im urdeutschen Nordböhmen erhalten tschechische Verwaltungen, die Italiener Versöhnliche StiMmmg in England. England will Ae deuLschen Wahlen anerkennen. Amsterdam, 30. Jänner. Die Times schreibt: Wir wünschen einen bindend ei« und dauern den Frieden und es liegt in aller Interesse und ist unsere Pflicht, ihn dadurch zu fördern, daß wir dienenen Wahlen in Deutschland so früh wie möglich in jeder möglichen Weise anerkennen. Bisher hatten wir nicht mit direkten Vertretern des deutschen Volkes zu tnn. Die Wahlen werden uns solche Vertreter liefern. An uns Liegt es, ihren RechLsLrLeL anzuerkennen und Leine Zeit darüber zn verlieren. Gibraltar lommt an Spanien. Paris, 30. Jänner. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der Temps meldet: England beabsichtigt» Gibraltar an Spanienabzutreten. Diesbezügliche Konferenzen haben in Paris mit dem Ministerpräsidenten Rowanones stattgefnnden. England erhält als Ersatz für Gibraltar, wie der Terrchs erfahren will, C e n L a als FloLLenftützprmkL. Spanien wird sich Verpflichten, auf die Anerkennung des spanisch-englischen Abkommens Zn dringen, falls dis spanische Zone in Marokko Ln anderen Besitz übergeht. rn Die PoLeir fit Belz. SLanisLan, 30. Jänner. Der ukrainische HeeresbeSM meldet, Ukrainer -gingen in der Richtung auf KryftynopoL zurück. WWerr nördlich DaMmnMnb in Siuiniüicn. 40 Tote in Bukarest. Berlin, 30. Jänner. Der Lokalanzeiger veröffentlicht eine Meldung der Basler Nach«, richten a"- f!* ukare ft, wonach in Rumänien ein großer Bauernaufstand ans« ge -' - e«;, »ei. Sowohl in der Provinz als auch in der Hauptstadt, sollen heftige K ä m p f e WtAindeft: In Bukarest habe es letzten Sonntag 40 Tote gegeben. Die Soldaten hätten mit Maschinengewehren geschossen. Sozialistische Soldaten seien zu den Anführern übergegangen. erklären, das beutfcfjc Südtirol behalten zu wollen, die Jugoslawen wollen sich mit Gewalt Klagensurts bemächtigen und haben Marburg genommen. Die Polen bereiten eine Expedition in die Oftprovinzen Deutschlands vor und arbeiten mit Pogroms, um die nationale Statistik in ihrem Sinne zu verbessern. Der Wahnsinn, der in dem Glauben liegt, man könne große Völker völlig versklaven und dabei doch Ordnung, Frieden und Gesetz in der Welt aufrechterhalten, kommt er tatsächlich niemanden bei der Entente zum Bewußtsein? Das ist zu unwahrscheinlich, um geglaubt werden zu können. Die alliierten Regierungen sind sich natürlich vollkommen klar, daß sie ihr gegebenes Wort, die Wilsonthesen als Grundlage des l ommenben Friedens anzunehmen, gröblich verletzen, u: wir sehen denn auch, daß sie bereits vor seiner An*. c I verbucht haben, in London gegen ihren Retter e U , ionistischen Block zu schaffen. Er ist zu; enbruch verurteilt, wenn der Präsident l ' reit fest bleibt und daran will und r mb zweifeln. Für ihn streiten nicht bl lMümte Vernunft und die Gerechtigkeit, ,^.^rn auch die realsten Kräfte, gegen die keine Imperialisten und Militaristen werden auskomm.n können, wenn er entschlossen ist, seine Macht zu gebrauchen. Verweigert Wilson seine Unterschrift dem geplanten Gewaltsrteden, dann sind in wenigen Wochen, ja vielleicht sogar nur Tagen alle anderen Machthaber fortgefegt. Dann wäre das gewaltige Signal für alle gegeben, die keine neuen Kriege mehr wollen, und Kräfte würden entfesselt, von deren Umfang die Reuter und Havas erschaudern müßten. Wie erklärt es sich, wenn dennoch der verwegene Versuch gemacht wird. die Versöhnung der Nationen zu hindern, den Im« perialismus und die nackte Raubgier wie bei früheren Kongressen entscheiden zu lassen und, den Völkerbund zu verraten? Die Antwort sei gegeben: Es ist die Angst der anscheinenden Sieger, die hinter ihren hetzerischen Programmen steckt. Wie sollen sie die Geister beschwören, die sie losgelaffen haben? Wir denken dabei nicht so sehr an territoriale Begehrlichkeiten, die stets nur einem Kreise bürgerlicher Annexionisten wichtig sind, sondern an die sozialen Schwierigkeiten, die sich furchtbar - auftürmen. Schon hat Orlando die Demobilisierung verweigert. Lloyd George ließ schleunig wählen, bevor das Heer in Ruhe seine wahre Meinung äußern darf/ und der Kunstbau seiner übergroßen Koalition auf de.m Flugsand der Volksminderheit errichtet, ist heftigen revolutionären Stößen bereits preisgeyeben. WelcheProbleme erwartendenndie LloydGeorge, Element' ceau,Orlandound ihre kleinenLeidensgefährten?Millione» von Soldaten kehren heim, der Arbeit entwöhn^ ohne Gelegenheiten zu ihr, brutalisiert und verroht, unter«' richtet, das Menschenleben gering zu schätzen. Ihnen, allen eignet die Ueberzeugung, daß bloß sie das Landgerettet haben, sie Haffen dieses Hinterland, das ruhig weiterexistierte, während ihre Kameraden verröchelten und sie selbst unausdenkbare Leiden erduldeten. Sie möchten nunmehr ihren Lohn erhalten, und er wird ihnen nie groß genug erscheinen. Bequemes Lebe^ wenig Arbeit, das ganze Land ihnen zur Verfügung, das ist es, was sie erwarten, die sich als die kommenden Gebieter fühlen. Die Arbeiter im Hinterlande sind entschlossen, alle Vorteile, die der Krieg ihnen brachte, zu behaupten und noch zu vermehren. Hatten sie vor 1914 anderthalb Wockenlasin und