Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 12 (30.1.1919)
- Date
- 1919-01-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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' ^titptartmptan Preis 30 Heller Jteimwtti *«ii<»«opre5re: Wie«: Mit Austestung in» Hans: Mo« all ich . . . .K V.— WsrteliäHris . . SV.-» K«1t>N»»»rig . . . ., 4v.— VanM»?ls.80.— Mit Vvflvkrfard: LNonntNch . ... St 9.50 vt«rreljiiirvks. . .. r!L.- Aollrjirv^ig . . . „ ^1.— «anfjohpig - . . 88.- Teiopvon,: Admintstr«- «on 4L0S6. «edaklio»» 5381V, «b 6 Khv abend» Nr. 16301 renrr Qtm WO Krllerk Nvünnstte.'rattsno» ' ytfcir« f-ic s» Att«landl MorraLllch . . . K 8»— M-rkalsülfris. .> M»— A»tl»kLt»rig . . .. 48.— G««rtaiirtS » m 06»“ -Irvnkri»» n. a5r«rf«1{hp*» tto»:. M»». ’I.?CftVu»pti,«ß< Nr-, t^-ß . N»stkfl»Nkastert-K»«to 5?v„ 150."033 Nr. 12 Wien, Donnerstag, den 30. Jänner ISIS 1. Jahrgang Wien isoliert sich selbst. In der vorgestrigen Sitzung des Wiener Stadtrates ist beschlossen worden, eine öffentliche Warnung gegen den Zuzug Fremder zu veröffentlichen. Die Stadt sei dermaßen in Not geraten, daß sie ihre Kargen Mittel nicht auch noch mit Fremden teilen Könne. Der Antrag wurde von dem Sozialdemokraten Reumann gestellt, der es sich. nicht versagen konnte, deutlich auf die jüdischen Flüchtlinge Hinzuwelsen, die vor den Pogromen nach Wien flüchten wollen. Daß es gerade ein Sozialdemokrat ist, der das Wiener Problem durch das antisemitische Prisma ansieht, nimmt uns nicht weiter wunder. Aber wir möchten doch» ehe wir auf diese Seite der Frage zu sprechen kommen, vom allgemeinen Gesichtspunkt aus uns mit der Wiener Frage beschäftigen. « * * Das zusammenbrechende Oesterreich hat uns nebst vielen anderen Problemen auch noch das Problem Wien hinterlassen, das sich zu einer der schwersten Sorgen der ganzen Bevölkerung auswächst.. Es handelt sich um das Lebensschicksal von zwei Millionen Menschen und um die Geltung Wiens als eine der ältesten Kulturstätten Mitteleuropas. Es ist in schwerer leiblicher Not. Aber nicht diese ist es, die «uif der Bevölkerung so schwer lastet, als vielmehr die Gefahr der wirtschaftlichen Abschnürung und der geistigen Verkümmerung. Die Gefahr ist erkannt worden. Alle öffentlichen Körperschaften, alle Zeitungen beschäftigen sich mit diesen Problemen. Die widerspruchvollsten Vorschläge, wie man die Stellung Wiens sichern könnte tauchen auf: Man spricht von Wien als Kunst und Musikstadt, als Stadt internattonalen Wissens, als Fremdenzentrmn. ein Projekt will spgar aus Wien ,,ein großes Monte Carlo machen. Auf. der anderen . tzeiE beschäWt man Wahrung der nationalen Interessen und des „deutschen Charakters", wie das schöne Wort in unserem Gemeindestatut lautet. Alles in allem vermißt man eine ernsthafte sachliche Prüfung des Problems Wien und man merkt, daß diese Stadt von der gewaltigen Veränderung, die sich über Nachts vollzogen hat, eigentlich innerlich unberührt geblieben ist. Wien hat durch die Revolution seinen stolzen Titel als Haupt-, Reichs- und Residenzstadt verloren. Aber es ist sich noch immer nicht dessen bewußt, daß es aufgehört hat, die Metropole eines großen Staates zu sein, dessen Institutionen, dessen Eisenbahnnetz eigentlich immer nur ^auf die Bedürfnisse der Stadt Wien eingerichtet waren. Die Monarchie ist gegangen, die Republik ist gekommen, aber der alte Geist der Absperrung» der Fremdenfeindschast, die Angst vor der fremden Konkurrenz ist geblieben und verhindert es, daß das Volk dieser , Stadt die wahre Lage der Dinge erfaßt. So wie man! unsere Staatsfinanzen rein mechanisch mit Einnahmen , und Ausgaben verwalten will, so will man der Not! der Stadt mechanisch beikommen. Es sind zu wenig Lebensmittel da, also dürfen keine Fremden herein, j Und dabei füttert man uns täglich mit Depes ' en über j die Lebensmittelaushilfe Amerikas oder der Schweiz > oder Italiens. Die Politik dieser Stadt ist so gej blieben wie sie war, sie wird nach den Interesien von Koterien und Cliquen zugeschnitten und es sind nicht, wie unserStaatsrat immer so stolz sagt, dieBürger, Bauern und Arbeiter, die den Ausbau des Staatswesens auf sich genommen haben, sondern die Deuischnationalen, die Christlichsozialen und die Sozialdemokraten, die sich im Regieren üben. Und so wird das alte Spiel fortgesetzt, das noch im tiefen Frieden aus der großen Reichshauptstadt ein Schilda gemacht hat. eine Stadt, von der man im Ausland nichts anderes wußte, als daß sie den „Heurigen" besitze. .. « * » Ms noch das alte Oesterreich stand, hat es sich einer durchaus unduldsamen. entwicklungsfeindlichen Untemchtsverwaltung erfreut, die den Charakter Wiens als internationale Kulturstätte niemals erfaßte und aus Wien eine Kulturstätte machen wollte. Man hat die großen wissenschaftlichen Institute aus die Stufe von Heimatschulen herabgedrückt, man hat, statt unsere Universitäten uuszugestcllten, statte großzügig Kredite für ihren Ausbau zu gewähren, den Fremdenzuzug «ögewehrt und hat damit erreicht, daß die Intellektuellen des Balkans und des Ostens überhaupt, die von jeher nach Wien gravitierten, nach Paris gingen Tir Flikdknskonfmm. Der englische (Bntwzzl für Lsrr VMerdrmÄ. London. 29. Jänner. (Reuter-Meldung.) Die Blätter veröffentlichen die Umrisse des b ritisch e n E n t w u r f e s für den Völkerbund, der den Grundsatz der Mschließung und des Zwanges gegen einen des schuldigen Staat ausspricht. Die britischen Vertreter setzen ' die Regelung von Streitigkeiten unter den Aufgaben des Völkerbundes an erste Stelle. Man hofft, feine Wirksamkeit auch auf folgende Aufgaben . auszudehnen: Unterstützung von neuen Staaten. Uebermachung des Handels mit Waffen und Munition, Aufrechterhaltung der Freiheit der Verkehrswege sowie regelmäßiger Handelsbeziehungen, . Bearbeitung wirtschaftlicher, gesundheitlicher und . anderer gemeinsamer Fragen. Errichtung einer gemeinsamen Organisation für die Behandlung der internationalen Arbeiterfragen. Der Entwurf sieht' für die allgemeine Konferenz aller Delegierten einen kleineren ausführenden Rat und ein dauerndes Sekretariat vor. D e u tsch l an d s o l l zunächst ausgeschlossen werden, aber nicht unnötig lange. Für die Regelung gerichtlicher Streitfälle muß ein Schiedsgerichtshof errichtet werden bis zur Schaffung eines dauernden Gerichtshofes für die internationale Entscheidung gerichtlicher Streitfälle. Für nicht gerichtliche Streitfälle muß ein Rat oder eine Konferenz zuständig sein. Fälle, bei denen Zwang angewendet werden soll, werden sein: 1. Wenn eine angreifende. Macht darausbesteht, Krieg zu sübren, ohne dem Völkerbund zu gestatten, sich gewisse Erörterungen über den Streit, - n sichern. 2. Wenn eine, der streitenden Parteien sich einem Schiedsspruch * ML und dir . andere PMA sich weigert, itzrkals - entschieden anzunehmen. Für die Oeffentl.ichheiL der Verträge und die Aufhebung gewisser Verträge, die den Grundsätzen des Völkerbundes zuwiderlaufen, wird Vorsorge getroffen werden muffen. Hinsichtlich der Abrüstung ist man der Auffassung, das; die Abschaffung -der allgemeinen Wehrpflicht nicht genügt. .Man denke an die Aufstellung des Grundsatzes, daß kein Staat das Recht hat, bewaffnete Kräfte von einer Stärke z n halten, die auf Angriffsabsichten schließen läßt. Weitere Veratrmaen über die deutschem Kolonien. Paris. 29. Jänner. (Havas-Weldung.) Der Präsident der Bereinigten Staaten, die Premierminister und die Minister der auswärtigen Angelegenheiten der Vereinigten Staaten. Englands, Frankreichs und Italiens sowie die Vertrete^ Japans hielten gestern zwei Sitzungen ab. Es wurde zunächst die Frage der deutschen Kolonien in Afrika erörtert. Die Vertreter der Dominien wobnten beiden Sitzungen, der Vertreter Chinas der. Vormittagsitzung,^der italienische Bevollmächtigte der Nattynittagsitzung*' bei. In der Vormittagsitzung wurden die Delegierten von Australien.. Neuseeland, Japan und China angehört. Am Nachmittag brachte der französische Kolonienminister S i m o n die Ansichten seines Departements über dis Kolonialfragen zum Ausdruck. - « Außerdem wurden die Grundsätze des Völker-, bund s selbst und deren Anwendung in Erörterung, gezogen. Die PalüftinafsrdsrunZen ds§ jüdischen Volkes« London, 29. Jänner. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Reuter meldet: Me Zionistische Organisation Englands stellt fest, daß jüdische Kongresse oder jüdische Nationalrate, die die Gesamtheit den jüdischen Bevölkerung in den Bereinigte« Staaten von AMerUa,Parastina,P.olen,Tfchscho- ÄowaAen, Dentfch'öfterreich, BÄowiNa- Oft* aalizlen, Rußland, SalsnM und Mraine darstellen, dre Forderung arrffteMerr, daß die: FriedenSZonferenz Palästina innerhalb seiner historischen GrenKe'« unter solche politische, adnriuistratitze und Stonvmische BeZirrgunge« ftsLle, die feine Entwicklung zneinem jndi sch e nG emei n w ese n sich e t «♦ SHe jüdischen ■ Kongresse der Ver er nigte » Staaten und der Tschecho-SlowÄter Haben .zud"nr den Wunsch ansgesprsche«, Palästina.durch die UelGdenskonseseuZ^nnter b r.iL f s ch e - S aMh> ßti e r sH a f */ HsfteKt, werden anoge. Es sei hier auch festgestellk» daß auch der unlängst statigesundene Delegierientikg der deutschen Zionisten ganz gleichklingende Forderungen ausstellte. HsKsnds Stellungnshme znm Völkerbund. Haag, 29. Jänner. (Korrespondenz-Bureau.) Der Minister des A e u ß e r n teilt folgendes mit: In diesen Tagen wird der niederländische Gesandte in Paris beauftragt werden, der Pariser Konferenz und dem Präsidenten Wilson von einem Bericht Mitteilung zu machen, der die Grundsätze, die dem Völkerbund zügrundegelegt werden,, behandelt. .Der Minister lekundet hiermit unter Vorbehalt der Stellung der Regierung zu den Einzelhetten die Absicht, ein Zeichen des Interesses der Niederlande zu geben und das in dieser Frage vorhandene Material zur Verfügung der Konferenz zu stellen. Der Konferenz ist schon früher zur Kenntnis gebracht worden, daß die niederländische Regierung erwarte, daß."falls die tragen oder Angelegenheiten behandelt werden, die Niederlande angehen oder Staaten als solche im allgemeinen betreffen, Holland zu den Beratungen zugeläffen werde. 1 und dort den Geist in sich ausnahmen, dessen Auswirkungen wir in allen Gliedern spüren. Man hat durch diese Universitätsvolitik auch den großen internationalen Ruf der Wiener Schule beeinträchtigt und durch das Sparsystem alle hervorragenden Gelehrten abgesMeckt, nach Wien zu kommen. So hat man die Kultmstellung Wiens untergraben. Heute aber, wo eine vernünftige Politik die Pflichten erkennen müßte, die Wien aus feinen Ueb'erliejerungen und aus seiner geographischen Lage an dem bedeutendsten Strom Mit eleuropas erivachsen, wo es unbedingte Slotwendigkeit wäre, Wien zur internationalen Handelsstadt zu gestalten und durch - intensivste Pflege von Wissenschaft und Kunst hier ein bedeutendes Fremdenzentrmn zu entwickeln, tut nian-gerade das Gegenteil: Man wirft überzählige Beamten auf das Straßenpflaster, man veranstaltet Razzien auf alle nicht hier Zuständigen oder Gebornen, män möchte am liebsten nach dem Beispiel des russischen Zarismus mit Maffenausweistmgen Vorgehen und um .die Stadt Graben und Wälle ziehen, -damit nur jäkein Fremder hereinkommt. ' ' Die Staatsform hat ihre FTrüger, die alten sich 'gewandelt, christ'üch sozialen oder derttschnaüonalen Politiker sind geblieben., die verständnislos dem Niedergang ihres eigenen Volkstums gegenüberstehen und in ihrer politischen Entwicklung über die Phraseologie eines „bemoosten Hauptes/' nicht hinauskommen. Wien müßte ein Weltmarkt werden, eine Stadt, in der sich gerade der Ausländer, gerade der Fremde wohl fühlen müßte. Aber Wien , ist kleinlich, verräunzt und trägt sein Unglück ohne Würde, es ist die Tragödie des plötzlich verarmten Parvenüs, der aller Welt die Löcher in seinem Rock/zeigt. Wenn Wien auf diesem Weg bleiht,. wenn es seine wiffenschaftlichen Einrichtungen nicht zu einem Äirziehungspunkt für fremde Forschung ausgestaltet, rvenn es die landwirtschaftliche Produktion feiner andersnatiynälen! Umgebung durch handelsfeindliche Bestimmungen..ab- > schreckt, wenn es den Geist der FremdenferMchast' nicht mit Stumps und Stil ausrottet, dann wirb es zugrundegehen. und wird zu einer Stadt am Ad- . Hang des Wienerwaldes werden, in der dir Ziegen spazieren gehen. Es wird" dann auch keinen Prost darin finden, daß cs die Juden, die im Kriege für Wien ihre Wohnungen im Osten verlassen mußten, zum Dank beschimpft und sie durch seine heimischen Wucherer ausgebeutct hat./ *