Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 11 (29.1.1919)
- Date
- 1919-01-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Diese Feststellung kann nicht nachdrücklich genug erfolgen, weil verschiedene Faktoren, insbesondere aber die suzialdem okratischen Führer in Deutschösterreich, bemüht sind, die Sache als eine endgültig erledigte hinzustellen. Sie verweisen hiebei auf den bekannten, im November 1918 gefaßten Beschluß der Nationalversammlung, welcher die Angliederung an Deutschland ausspricht. Es ist klar, daß die provif o r t f d> c Nationalversammlung, in welcher auch nicht ein Träger eines giltigen Mandats sitzt, nicht zu einer solchen Entscheidung berufen war. Man kann dieser Versammlung alles andere eher zu erkennen, als den Charakter eines Volksparlaments, eines Organes des Volkswillens. Sie war keines, als die Mandate der Abgeordneten noch gültig waren, denn das Wahlrecht im alten Oesterreich war wohl ein allgemeines, aber kein gleiches. Zweitausend Wähler im Wiener Parkoiert'el wählten einen Abgeordneten und fünfzehntausend in Ottakring und dreißigtausend in Buezacz auch nur einen. Es ist ein widriges Schauspiel, wenn nunmehr Sozialdemokraten, well es ihnen aus parteipolitischen Gründen so paßt, die Heiligkeit eines im Umsturztaumel gefaßten Beschlusses dieses provisorischen Privilegienparlaments proklamieren und „Hochverrat" und nach der Polizei schreien, wenn der gesunde Menschenverstand die Unumstößlichkeit dieses Beschlusses anzuzweifeln wagt. Mit dieser Taktik wird man im Inland -nicht viel ausrichten und dem Ausland gegenüber kann sie zur gräßlichsten Blamage führen. Es istauch verwerflich und fruchtlos, alle diejenigen, welche gegen den - sofortigen Anschluß an Deutschland' Bedenken hegen und den Plan von der Bildung einer Donauföderation nicht ohne jeden Versuch verwerfen wollen, als Knechte der monarchistischen Reaktion oder der Schwerindustrie und des Bankkapitals hinzustellen, wie das, in ganz sonderbarer Auffassung seiner Stellung, unser sozialdemokratischer Minister des Aeußern Dr. Otto Bauer tut. Bauer hat dem Berichterstatter Lederer des Berliner Tageblattes erklärt: „Die Gegner des Anschlusses sind die reaktionären Monarchien, dann aber auch gewisse (?) Kreise der Industrie und der Banken." Das ist bewußte Fälschung der Sachlage. Bauer weiß ganz gut, daß weite Kreise aufrichtiger Demokraten, arbeitender und bescheiden verdienender Deutschösterreicher in banger und ehrlicher Sorge um die wirtschaftliche Zukunft des Stgates undinsbesonderederMillionen- Jjt a b t 2B i e n nicht ohne weiters der Unterbindung jahrhundertealter Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zustimmen wollen. Aus ehrlicher Besorgnis heraus, nichtaus Liebedienerei für die reaktionäre Monarchie, nicht aus Kriecherei vor dem Großkapital und vor der Entente. Siebenhundert Jahre hallen dreizehn Völker in Oesterreich neben- und untereinander gelebt, trotz aller Reibungen innigen Verkehr gepflegt, siebenhundert Jahre war dieses Reich die Brücke zürn Osten. Man kann wahrlich ein ehrlicher Demokrat bleiben und doch der Ansicht sein, daß dieser österreichische Völker- und Staatenbund, wenn auch natürlich in freiheitlichen, ganz anderen als den alten Formen, eine europäische Notwendigkeit jst und seine völlige Zerschlagung eine Balkanisierung Mitteleuropas und somit eine Gefahr für bic Zivilisation bedeutet. Man kann ein freier, aufrechter Mensch und doch der Ansicht sein, daß es weder gut noch möglich ist, auszulöschen, was ein Werk jahrhundertelangen Zusammenlebens ist. Man braucht, kein wüster Reaktionär und Anbeter des Pölizeiregimes zu sein, und darf doch zwischen der alten österreichischen Staatsform und dem Gedanken des Bundes der Donauoölker unterscheiden, zwischen einem verrotteten absolutistischen System uitb einem wohltätigen und notwendigen Ineinanderleben von sonst isolierten Völkern, welches unter diesem System zwar gelitten, aber doch bestanden hat. Man ist deshalb auch noch lange kein V e r- 131 f*T am Deutschtum. Die sozialdemokratischen Führer sind auch mit diesem Vorwurf allzu rasch bei m Land. Pie Herren Bauer, AusterliH, Pick und Berlin, 38. Jänner. (Tel. der ,,Wr. Morgenztg.") Aus Paris wird auf rKhiotelegraphifchern Wege gemeldet, daß Wilson den Antrag gestellt hat, die Friedenskonferenz möge.einen dahingehen'sn Entschluß fassen, wonach alle von den kleinen Nationen mit Gewalt besetzten anderssprachigen Gebiete sofort §n räumen sind. Die AnfrechLerhaltung der Or nnng sollen amerikanische Truppen übernehmen. Gegen diesek Vorschlag protestierten die Tschechen, Jugoslawen nnd Rumänen. England unter st ritzt den AnLrrg, wobei Ctemeneeau eine Vermittlung versucht. Ein e Entscheidung ist noch nicht gef allem London, 27. Jänner. (Tel. der „Wr. Morgenztg/) Offiziell wird ge meldet: Die Bolschewiken haben ihren Druck gegen die Front von Sko nkursk fortgesetzt. Am 22. und 23. Jänner find sie, nachdem sie die Stellungen der Alliierten drei Tage lang beschossen hatten, mit ansehnlichen Streitkräften zum Angriff übergegangen. Ansere Streitkräfte, die in der Hauptsache aus Alliierten, Amerikanern und Russen bestehen» wurden hierauf in ihre Stellungen von Skonkursk znriickgezogen, wodurch vermieden wurde, daß fie von der feindlichen Aebermacht in der Flanke angegriffen wurden. Später wurden d i e €51 a dt und ihre Berteidigungswerke ger ä n m t eine Kürzere-Li^ie eiirgeupmmKn . In der gestrigen Sitzung des Stadtrates wurde auf Antrag des sozialdemokratische« Grmeinderates Reumann beschlossen» in einer öffentlichen Kundmachung vor dem Zuzug von Flüchtlingen nach Wien zu warnerr. Von Represfiomaßnahmeu wird Abstand genommen. Doch soll der Patzzwang für Reisen nach Wie« eingeführt werden. Die Angelegenheit wird zur letzten Entscheidung dem Gemeind erat vorgelegt. ihre Freunde sollten doch bedenken, daß ihre Stimmen nicht die alleinige und reinste Vertonung des deutschen Volkswillens sind und der Schlag ihrer Zungen nicht der Herzschlag des deutschen Volkes ist. Tirol ist gegen ein Alldeutschland und zeigt wenig Neigung zum Anschluß an Berlin, und Vorarlberg hat sich vorgestern im Wege der Volksabstimmung.gegen eine Vereinigung mit Deutschland erklärt, es will zur Schweiz, trotz ihrer Italiener und Franzosen. In Deutschland selbst sind Franken, Schwaben. Sachsen und Friesen, die Sozialdemokraten inbegriffen, emsig am Werk, das. Reich zu zergliedern und möglichst selbständige Teilstaaten zu schaffen. Der elementare Sehnsuchtss r;tel nach Deutschösterreich ist drüben noch immer nicht erklungen, trotz der Bemühungen Bauers und des Gesandten Hartmann. Die Herren Austerlitz, Pick und Bauer werden nun folgerichtig den Tirolern, Friesen. Sachsen und Vorarlbergern die Fähigkeit, deutsch zu empfinden, absprechen und sie als Verräter am Deutschtum verdonnern und verfluchen müssen: was , zwar sehr erheiternd, aber wenig überzeugend wirken wird. Respekt vor dem Willen, dem Selbstbestimmungsrechte des großen deutschen Volkes! Jeder muß und wird sich seinem unzweideutigen Ausdruck beugen. Aber dieser Ausdruck muß erst zustandegebracht werden. Was die sozialdemokratischen, urplötzlich übernational gewordenen Einpeitscher hier in Deutschösterreich verzapfen und uns marktschreierisch anpreisen und gewalttätig aufdrängen wollen, ist nicht dieser ersehnte, unverfälschte Ausdruck des Willens des Volkes in Deutfchösterreich. Es ist notwendig und muß verlangt werden, däß die Frage systematisch behandelt werde. Durch Verhandlungen mit den verantwortlichen Faktoren des Deutschen Reiches und mit denjenigen der neuentstandenen Volksrepubliken sind vorerst und ob-, jektiv die Möglichkeiten einer Verbindung sestzustellen. Die Verhandlungen sind öffentlich zu führen und ihre Resultate sind fortlaufeyd bekanntzugeben.. Sie dürfen nicht tendenziös zugerichtet und verschleiert werden. Durch rückhaltlose Aussprache über alle Vor» und Nachteile der möglichen Staatenbildungen vor dem breiten Forum des deutschösterreichischen Volkes muß dieses befähigt werden, ein selbständiges Urteil zu fällen. Dann muß die Urab ft immun g einge leitet werd e n. Keine unter dem Druck der Parteiverhältniffe entstandene oder gar durch Zufälle geschaffene Majorität irgendeiner Körperschaft kann in dieser Frage entscheiden, nur das Volk selb st undun in ittelbar. Man muß auch darauf bestehen, daß alle Hinder-. niffe, welche der Bildung des unverfälschten Volksurteiles im Wege stehen, beseitigt werden. Ein solches Hindernis ist unser Staatssekretär für auswärtige Angelegen h eiten Dr. O t t o V a u e r. Bei' aller Wertschätzung dieses. Mannes muß ausgesprochen'werden, daß sein Blechen jede Verständigung mit den neuen Republiken aus-/ schließt. Bauer ist auf den Anschluß aus Deutschland, unbedingt emgeschworen und geht in der Verfolgung dieses Zieles Wege, welche ein deutschösterreichischer» Geschäftsträger und ehrlicher Makler vor getroffener Entscheidung nicht gehen darf. Es wurde bereits er-i wähnt, daß er durch seine Organe im Ausland die' Auffassung fördert» sogar konstruiert, daß nur die. reaktionären, gewinnsüchtigen und unehrlichen Elemente Deutschöfterreichs Gegner des sofortigen und unbe-> dingten Anschlusses an Deutschland und Freunde esner Donauföderation sind. Das heißt doch, jede andere Möglichkeit untergraben. Aber er geht noch weiter, Er läßt das Berlins