Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 8 (26.1.1919)
- Date
- 1919-01-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Grundlage der Beratung werden ein kurzer Entwurf Lloyd Georges und ein ausführlicherer des Präsidenten Wilson bilden, die dieser heute in öffentlicher Vollversammlung derKonferenz vorlesen wird.DieFranzosenhaben ihren anfänglichen Widerstand gegen den grohartigenPlan fallen gelassen, es scheint aber, daß der Preis, den man ihnen, den man vor allem den sehr hartnäckigen und sehr verwöhnten Herrn Clömenceau für die nachträgliche Zustimmung zugesagt hat. recht hoch ist. daß er nämlich in einer wesentlichen Einschränkung und Verschlechterung der Grundidee besteht. In Gegenwart Wilsons, allo wobl auch mit seiner Billigung, dursten in den feierlichen Eröffnungsreden die Führer Frankreichs die Gesellschaft der Nationen als eine .Einrichtung kennzeichnen und ankündigen, die zunächst nur aus den Siegerstaaten und ihrem engeren Anhänge bestehen würde. Deutschland soll, soweit die Absichten der maßgebenden Konferenzteilnehmer schon erkennbar, nicht unbedingt und dauernd ausgeschloffen bleiben, es soll ihm aber eine Art Probezeit austrlegt' werden, und erst wenn es sich während dieser.Frist untadelig aufgesührt, seinen Verpflichtungen aus dem Medensvertrag nachgekommen und im allgemeinen feine Zuverlässigkeit bewiesen hat» würden ihm die Pforten des Tempels eröffnet «erden. Im Inteteffe der Menschheit wäre es tief zu beklagen» wenn es zur Erfüllung solcher Pläne käme. Der Völkerbund» her.uns ha beschert würde, wäre »Ws weiter als > ein ^MglLWckM^Norchrromiß zwischen emeManischem VersohnNgswillen und.'französischer Rachsucht. Wenn ei, nach den Franzosen ginge» dann müßte Deutschland allerdings mit dem unvergänglich eingebrannten Stempel der Paria- Nation in alle Ewigkeit hinter den übrigen Völkern der Erde einherschleichen, müßte es dauemd als eine Nation zweite« Ranges im Kernschatten der Sonne dahinsiecherrp yn der es, mit vielleicht zu ungemesienem, zu ungeduldigem Ehrgeiz einen Platz als Gleichberechtigter^ angestrebt hat. Das hat weder Amerika noch auch England zulasten mögen, aber ihre Zugeständnisse an den französischen Standpunkt werden, so fürchten wir, den aufrichtigen Friedensfreunden in der Welt noch immer als viel zu groß erscheinen müssen. Sie werden finden, daß man Deutschland ohne Ver- Mg in die Familie der Völker emsnehmrn sollte, und daßdamit nicht nur dem allgemeinen Frieden» sondern auch im besonderen den Ententevölkern selbst bester gedient wäre. Man will Deutschland überaus schwere Friedensbebingungen/ außer den Gebietsabtretungen außerordentlich hohe Kriegskosten in der Form der Verpflichtung zu Gutmachungen und Wiederherstellrmgen auferlegen. Wenn: sich diele Bedingungen rnrd Verpflichtungen in erträglichen Grenzen halten, warum sollte Deutschland nicht auch als Glied des Völkerbundes dieselben erfüllen dürfen? Und wird sßin Ausschluß nicht an und für sich dem deutschen Volke als ein Beweis dafür erscheinen müssen, daß die Entente, selbst den Friedensvertrag für Deutschland, Äs unerträglich empfindet und den Völkerbund lediglich als eme Organisation zur. zwangsweisen Eintreibung der Schuld aufrichten will? Die Konstruktion des künftigen Friedens auf der Grundlage eines solchen Völkerbundes leitet sich von der Fiktion ab, die in Deutschland den allein Schuldtragenden am Ausbruch des Weltkrieges erblicken und bestrafen will. Wilsons Formel: .„Kein Sieger — kein Besiegter" ist, zum. allergrößten Teil durch Deutschlands Schuld, nicht zum Durchbruch gelangt. Aber die Formel: „Hier Sieger — hier Besiegter" wäre vom Standpunkte eines Daüerfriehens noch immer bester als die andere, die zwischen Richtern und Angeklagten unterscheidet, einen Verteidiger und eine Verteidigung gar nicht zulaßt und die aus der Friedenskonferenz noch weniger als ein Strafgericht, die aus ihr ein summarisch aburteilendes Polizeigericht macht. Wir haben gehört, daß die neutralen Staaten ihre Unzuftirdenhett darüber geäußert haben, daß sie dir Regeln und Bedingungen für den Eintritt in den Völkerbund fi; und fertig aus den Händen her siegreichen Großmächte empfangen sollen. "Die kleinen Volker, die sich nicht auf Waffengegen die Politik Warnung vor elgerrmSchttgen Okkupationen. Par!-, 24. Jänner. Die Agenee Havas veröffentlicht folgende amtliche Mitteilung: Rach der Brr», sammlung des Obersten KriegsrateS>KrelSenPrLfiderrt WLlfon, die Premierminister und Me Minister des Aenßern Englands, Frankreich- und Italiens und die Vertreter der japanische» Regierung eine kurze Sitzung ab. Sie geuehmigten. die Veröffentlichung und radiotelegraphische AeSermittlung folgender Erklärung: Die Regierunien, die gegenwärtig zu einer K»nfere»z versammelt sind, um einen dauerhaften Frieden zwischen den Rationen zu schaffen, find sehr bewegt von den Nachrichten, die ihnen anverschiedenen Ländern Europas und des Drier^S wiederholt.zukommen, w o n a ch-vo rr d er Gew a lt G e Kr a « ch g ema cht w urd e, nm von Gebieten 'Besitz z n e r g e e i f e n, üSer beren rechtmäßige R ü sk» fordernng die Frieden-SsKferenz zu bestimmen berufen ist.. Pie Re ierrmgen sind der Ansicht,- daß sie die Psticht haben, eine feierliche W«r»««s abzngebe« rrrrd zrr erklArs«, daß jeder Besitz, der mit Hilfe der Gewalt errungen wurde, der Sache derjenigen de» grSßten Schade»' zufügt, die zu solchen Mitteln Kreisen. Diejenige«, die GswalL'' anwenden, lassen die Vermutuns aufkommen, daß sie an der Gerechtigkeit und an der Recht-siltigkeit ihrer ForderuKKe» zweifeln, 'daß sie ihren Besitz an Stelle des Beweises ihres Rechtes zu setze» gedenken, und daß sie ihre-Souveränität wehr anst die Gewalt gründsn wsTe» als auf die nationale oder Raffenzusammen§eh'Srigksit mb aus die von der Geschichte Ksschr-fferre«' natürlichen Bande. Dadurch werfen sie eRren Schatten auf aAe RechtStitel, die sie später geltend machen Wnnten und sie bekunden ihr Mißtrauen gegemibee der FriedenSksnserenz selbst. Hieran-' WynertzMx.die. «nheklvoKften Grgebniffe hervorgeheru Wen« fiZ Mfiiß.fy. rechtigkeit wo'tke müsse« sie a»f die'Anwe«du«g derMewalt-VerMchr leisten und ihre Forderungen in einer Art' und Weise' de«' Mnden -er Frieden auvertrarren, die Seinen Zweifel Über ihren guten Glarrbsn KnrlltklWt. Eine neue Zusammenkunft fand Freitag nachm ttagS um 3 Ahr statt. BauAwolle für die ZeickMiiHte. Mmfterkam, 24. Jänner. (Meldung des Reuterschen Bureaus.) Aus Wrshirrgton gemeldet: Al- AutwsrL auf ein Ersuchen der VcmmhsoTe pstanzsnde« Staaten, daß "»Ce Ausfuhrbehindernngen für Baumwolle «ach de« nichtfeindliche« Lander« aufgeh ob es auch Verschiffungen nach Deutschland und Oesterreich ss-rasch wie «rSgkich gestattet werden möchten, kabelte Präsident Wilson, daß BaumwoNe'jetzt nach allen Ländern in Menge«, die ihrem Bedarf.-, entsprächen, auSKe« führt werden könne. Me Ausfuhr «ach den feindlichen Lünderrr werfe wichtige polWfHe Fragen auf, die von den affoziierterr Regierungen ssr^fMig erwo-en 'würden. - ' macht, die sich nur auf das für alle gleiche Recht stützen können, sind sehr empfindlich, wenn, wo immer und gegen wen immer, Unrecht geübt werden soll. Sie haben Deutschlandseinen Angriff ans Belgien mit Recht übel genommen, in Belgiens Unglück sich selbst getroffen gefühlt, und es ist der gesunde Instinkt der Selbsterhaltung, der sie heute gegen einen schon an der Wurzel durch das Laster einseitiger Rechtsprechung vergifteten Völkerbund mißtrmli-ch macht. Das Urteil der kleinen Völker wird aber auf die Dauer für die ethische Bewertung der neuen Einrichtung maßgebend sein. Denn die Starken schützen am Ende sich selbst: es find die Schwachen, die auf da« Recht angewiesen sind und die durch den Ausdruck ihres unbedingten Vertrauens seine Ehrwürdigkeit auch in den Augen der Großen erst begründen. Auch wir in Deutschösterreich haben allen Grund, es zu beklagen, daß wir von der Pariser Konferenz lediglich als ein Objekt der künftigen internationalen Gesetzgebung angesehen und um unsere Meinung, bisher wenigstens, nicht gefragt werden. Der Einwand, daß wir vorläufig ein Staat ohne Grenzen und deshalb ohne internationale Anerkennung sind, ist nicht stichhältig. So hat die alte Diplomaüe denken und sprechen dürfen, die neue müßte weitherziger sein. Und wenn sie will, ist sie es auch und kümmert sich nicht um überlebtes Regelwerk. So hat es Wilson ducchgesetzt, daß mit den russischen Republiken verhandelt wird, obwohl auch deren Staatlichkeit nach keiner Richtung noch ausgebaut ist, und sogar mit dein Moskauer Bolschewismus, dem Gottseibeiuns ber; gegenwärtigen StaateugesrÜschast. Weirn da« eine möglich ist, rvarrun sollte andrer unmöglich sein, warum sollte da« ehemalige Oesterreich-Ungarn, vertreten durch gleichberrchtigLr Bevollmächtigte der aus ihm entstandenen Staaterk, nicht seinen Platz auf der Konferenz finden, und warum sollte das Werk der Versöhnung und Dusglei^ung, das die Entente öffenbar in Rußland versuchen will, nicht auch unter tätiger Teilnahme der Drttsffenen, an den Nationalstaaten der Monarchieversucht, werben? Es ist nicht gut, daß man die Bergistmtg der Stimmungen ungehindert sich fortentwickeln läßt nnd daß die Frage, ob Anschluß an Deutschland oder Donauföderation, anscheinend über unseren Kops hinweg gelöst werden soll. E« gibt nur ein Heilmittel für die unerhörten Katastrophen, unter deren Wucht bix 5ckaLionalitäLenstaaten Mittel- und Osteuropas zufamme«- gebrochen sind: das volle und ungehemmte Srlbstbrsttmmungsrecht. Möge sich die richterliche Strenge der Siegersiaatrn statt gegm die Besiegten, lieber gegen jene Rationen wenden, die das ihnen gewahrte Selbstbestirmmm-«- rrcht mißbrauchen» um das ihrer Rachbarn oder-der ihnen ansertraut.n nationalen Minoritäten zu vergewaltigen, Wenn solche Uebeltaten verziehen «erdett sollterc, weil die Uebeltater sich bereit erklären, dem. Sieger als Bundesgenossen nachzusolgen, s» wird der Völkerbund das Gegenteil von dem werden, wozu bk Sehnsucht der zivilisierten Welt ihn gemacht -wisse» will: statt einer Sicherung gegen die Gewalt ein Grwaltbund gegen die Sicherheit des Friedens. Das Heil, der Zukunft hängt davon ab, wer in Paris m» Ende siegen wird: ob Wilson, der Assrriä Psinr«^ oder . Wllssn, der Alliierte der Menschheit! , .