Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1919)
- Date
- 1919-01-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Insbesondere halten wir es für nutzlos und unwürdig, beständig solchen Anklagen gegen das Judentum wortreich zü begegnen, welche aus rein demagogischen Gründen erhoben werden und von deren Haltlosigkeit die Ankläger selbst überzeugt sind. Wenn. es einem Narren zu sagen beliebt: „Weil jeder Esel ein Tier ist, ist jedes Tier ein Esel", suhlt sich kein vernünftiger Mensch zur Führung des Gegenbeweises verpflichtet. Wenn ein Antisemit aus dem Umstand, daß der Jude T. wegen Kuppelei verurteilt wurde, die Folgerung zieht, daß alle Juden Kuppler sind, so überlassen wir es gerne anderen, ihn .abzufertigen. Wenn wir aber fühlen, daß der antisemitische Ankläger an die von ihm vertretene Sache glaubt und daß er uns nicht mit erheuchelter, sondern mit ehrlicher j Entrüstung gegenübertritt, dann stehen wir ihn: Rede '! und Antwort. I Ein solcher Fall liegt jetzt vor. In der deutschösterreichischen Nationalversammlung ist 'der Antrag auf Reform des Eherechtes im Sinne der Lösbarkeit katholischer Ehen eingebracht worden. Der betreffende Gesetzentwurf wurde vom getauften Juden Dr. Neumann-Walter als Berichterstatter vor dem Plenum vertreten, und der Jude Dr. O f n e r, welcher mit Recht als Führer der Ehereformbewegung gilt, hat in der Angelegenheit das große Wort geführt. Die Christlichsozialen sind darüber empört und rufen die christliche Welt zm Rache gegen die Juden auf, welche sich frivoler Weise in Angelegenheiten der katholischen Kirche einmengen und in einer Hache,, die letzten Endes doch nur katholische. Christen betrifft, 'Entscheidungenprovozieren,' welche Millionen von Katholiken in einem heiligen Gefühle verletzen. Wir Iüdischnationalen verstehen diese Entrüstung, sie ist ehrlich und zwingt uns zur Stellunguahme. Die jüdische Ehe ist lösbar, und wenn Mann und Frau durchaus nicht miteinander leben können, dann gehen sie voneinander und jchec Teil kann wieder sein Glück in einer neuen Ehe suchen. Wir halten diese Einrichtung für gut und wenn Katholiken für sich dasselbe verlangen und dafür kämpfen, so können sie unseres Verständnisses sichere fein. Mir halten es aber für durchaus unzulässig, daß Juden in diesem Kampfe aktiv Partei ergreifen und wenn sich sich gar, wie im vorliegenden Falle, als Vorkämpfer und Wortführer aufspielen, begehen sie einen Akt derAufdringlichkeit und Auflehnung gegen jedes Schamgefühl, der nicht hart genug zu verurteilen ist. Wir erklären in diesem Falle den antisemitischen Anklägern, daß das Recht auf ihrer Seite ist und nicht auf Seite des Juden Ofner und des Halbjuden Neumann. Wir Nationaljuden können auch darauf verweisen, daß wir die Art des Doktor Ofner, sich bei Leopoldstädter Juden das Mandat für; die Neformiererei in katholischen Ehesachen zu holen, seit Jahren kennzeichnen und bekämpfen. Es ist uns bisher leider nicht gelungen, die Elemente von der Art der Ofner und Neumann aus den jüdis!,en Vertretungen zu verdrängen. Und unsere Antisemiten mögen sich jetzt gesagt sein lassen, daß ein guter Teil der Schuld hiesür an ihnen liegt. Ihre wüste Art der Iudenbekämpsung hat es dahingebracht, daß der Jude blind jedem Gefolgschaft leistet, der in einem politischen Gegensatz zu den antisemitischen Pürieren steht. Der geängstigte Jude fragt nicht nach Weltanschauungen und Programmen, er fragt nur nach dem Verhältnis des Wahlwerbers zu den antisemitischen Parteien. Wenn nur dieses ein recht schlechtes ist, dann verschreibt er sich an Tod und Teufel. So ist der jüdische Wähler in die merkwürdige Rolle des Förderers aller möglichen Programme geraten, mit denen er gar nichts gemein hat. Alle politischen Spekulanten wissen das und nützen es gründlich aus; der durch die rohe antisemitische Taktik verängstigte Jude ist ihnen eine leichte Beute. Wenn sich die Antisemiten das nur recht vergegenwärtigen könnten, dann würden sie sich nicht so sehr darüber wundern, daß jüdische Fabrikanten sozialdemokratisch wählen und orthodoxe Vethausjuden den aetaujten Neumann und den Ehe- und Schulen- .pürnier Dr. Ofner. vt. lungen in Ostzalizie». ra?ca--ii- Wien, 24. Jänner (Tel. der Wr. Morgenztg.) Dev ukrainische Pressedienst meldet r Zn Beginn dieser Woche fanden im Kampfraum von Lrm">rrg in Anwesenheit einer e n g l i schfranzösischen Mission polnisch-ukrainische Verhandlungen über einen Waffe n st i l lst an d bis znr Entscheidung der Grenzfrage durch die Friedenskonferenz statt. Der polnische Generalstab verlangte die Näuntzung Dftgalizi-'nS bis zur Buglinie, die als vorläufige Demarkationslinie gelten sollte. Von ukrainisch '^ wurde das polnische Verlangen als unerfüllbar bezeich et, so daß die. Verhandlungen wieder einmal infolge der Aebertrieberchrlten der polnischen Forderungen ergebnislos geSliebon find. Der Kampf geht also weiter. rar rTO'M mm Uli mm Mil*!* NM44-1 N e w - V o r k, 23. Jänner. (Telegramm d. „Wr. Morgenztg.") Der New-Vorker Sun wird aus Paris gemeldet, daß auf der Fiedenskonferenz auch die Frage der Beschränkung der Nüstungen besprochen wurde. Lloyd George erklärte, daß die englische Flotte nicht v e rminpert werden könne. Clemens e a u vertrat dis Anschauung, haß Frankreich eine Armee größer denn je zuvor haben müsse. - - . AKzIuden werden Staatsbürger. .; Kopenhagen» 24. Jänner. (Origmaltelegramm der Mr. Morgenztg") Mr britische GMupie in Bukarest depeschiert : Die rumänische Iudenfrage kann als gelöst betrachtet werden. Die rumänische Negierung Veröffentlicht ein Dekret, wonach allen Fremd en, die sich picht selbst als Au Ständer betrachten, das Heimatsrecht gegeben wird. Ausgenommen find nur die wegen Spionage, Derfertion, des Hochverrats verurteilten oder in Untersuchung befindlichen Personen. — Da die Juden bekanntlich bisher als „Fremde" angesehen wurde«, steht setzt ihrer Naturalisation nichts mehr im Wege. \ Die Neichspost hat dieser Tage bewegliche Klage dariiber .geführt, daß her jüdische Staatssekretär Dr. Otto Bauer sich einen Stab von ausschließlich jüdischen Mitarbeitern für die Bearbeitung von wirtschaftlichen und finanziellen Angelegenheiten des Staatsamtes fist Aeußeres auserwählt habe. Der Staatssekretär ließ eine Erklärung veröffentlichen, daß der eine von den in Frage kommenden Herren (Kautskh) kein Jude sei, die anderen aber anerkannt tüchtige Fachleute wären. * Die Jüdischnationale sind stets dagegen aufgetreten, daß sich Juden.im Staat an Stellen exponieren, in denen sie als Sachwalter des deutschen Volke) austreten müssen. Damit schaden sie dem Amt, daß sie innehaben. imd den Juden. Denn was immer sie tun, w'.rd den Juden als Gesamtheit angerechnet, und andererseits nicht als die richtige Vertretung des Willens des deutschen Volkes angesehen. DieS gilt aber natürlich nur für politische Stellen, wie zum Beispiel diejenige eines Staatssekretärs des Aeußern. Ganz anders aber verhält es sich mit solchen Posten, die reine Nachstellungen sind.' Hier kann dem Staate natürlich nur dann genützt sein, wenn der Tüchtigste die betreffende Stelle erhält. Dadurch, -aß den Juden, dieser intelligenten und begabten Nation, stets die schwersten Hindernisse in den Weg gelegt wurden, wenn sie staatliche Beamtenstellcn anstrebtcn, hat sich der österreichische Staat nur selbst geschadet. Ein gleiches Verhalten würde für den um soviel schwächeren Staat Deutschösterreich geradezu katastrophal werden. Nicht im Interesse der Iahen, sondern im Interesse des Staates liegt es, daß er im Bereichs seiner Funktionen dem Tüchtigen freie Bahn gibt, ohne darauf zu sehen, ob er Jude ist oder nicht. Wie sehr dies in seinem Interesse liegt, zeigt sich schon heute. Weder die deutschen, noch die jüdisch-assimilatorischen Minister haben Neigung, gerade Juden für staatliche Funktiorwn heranzuziehen. Trotzdem blieb ihnen in vielen Fällen, wo sie'nach den fachlich Tüchtigsten suchten, nichts anderes übrig, als in den säuern Apfel zu beißen und sich der Hilfe von Juden zu bedienen. So geschah cs bei allen wirtschaftlichen Verhandlungen, in Prag, in Budapest, in der Schweiz — wohin sogar die antisemitische Gemeinderatsmaiorirät euren Juden entsenden mußte. Das gleiche gilt für bie erwähnten Berufungen int Staatsamte des Äußern. Der Sektionschef Dr. Schüller! (längst gerauft) ist mm (mural der hervorragendste Zolltarifkenn er und -Unterhändler, den Oesterreich besitzt, ebenso sind die; Professoren Dr. Mieses und Dr. Somarhri die ersten Wähnmgs--- theoretikrr unseres Staates, alle brci Männer von internationalem! Ruf. Man hat der jüdischnativnalcn Politik gesemiber den Ein- : wand gemacht, daß der Staat bei Anstellung der Beamten, falls die jüdische Nation anerkannt werden würde, die Prozentnorm e'msühren könnte. Nun wäre es noch gar kein-Verlust fürdie Juden, wenn zum Beisptel in Wien nur 5 bis 7 Prozent der,. Beamten, Lehrer usw. Juden sein konnten, denn bisher sind sie in den städtischen und provinzialen Aemtern und Schulen gar-; nicht, in den staatlichen nicht mit 2 Prozent vertreten. Aber. so gottverlassen kann nicht einmal unser Drutschösterreich mit seinen kümmerlichen Möglichkeiten sein» daß es wirklich durch dir Prozentnorm verhindern wollte, daß der tüchtigste Staatsbürger an die richtige Stelle kommt. Wie die eben erwähnten Vorfälle' der jüngsten Zeit beweisen, ist schon jetzt, wo die Nationalversammlung eine antisemitische Majorität hat. die Regiemng gezwungen, mehr Juden heranzuziehen, als dies im Verhältnis beim alten österreichischen Staat der Fall war. Und so wird es bleiben müssen, solange immer wieder Juden es sein werden, welchr' irgendeinem Fache die Tüchtigsten stellen. So wurde zum Beispiel» als die Schaffung eines Staatsanites für Statistik erwogen wurde, als vermutlicher Leiter der beste Fachmann unseres Staates genannt, es war em — allerdings getaufter — jüdischer Professor. Die Iüdischnationalen fordern nicht nur, daß der Staat m seinem eigensten Interesse bei deu Anstellungen, die er zu vergeben hat, einzig und allein auf die Tüchtigkeit des Bewerbers sehe, sondern auch, daß der Zustand aushore, daß Iuden nur daun in hervorragende Stellungen gelangen können, wenn sie sich taufen lassen. Der Zwang, den der alte Staat diesbezüglich ausgeübt , hat, ist ein unmoralischer. Er vergiftet das Verhältnis zwischen; Juden und Nichrjudcii, ohne daß sich die - einen oder - .die anderen darüber täuschen, daß der Täufling aus seinem Stamme doch nicht austcelen kann. Die Forderung deS Taufscheines für Juden, die eine staatliche Anstellung anstrebrn, ist zudem eine Verletzung der gesetzlichen Glecchberechtigmig1 aller Staatsbürger und ein Gewissenszwang. Em Staat, der ihn ansübte, hätte damit den Anspruch verloren, sich als Hort der Freiheit, der Moral und des Rechtes zu geben und-die ethische Be-, rechtignng, dem Völkerbund anzugehörcn, vmvlrkt.