Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 2 (20.1.1919)
- Date
- 1919-01-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Poincars, ein Lothringer Kind, hat sich ganz den Empfindungen des Augenblicks hinyegeben und hat die Friedenskonferenz als einen großen Gerichtshof bezeichnet, der aus dem Sieg resthrs die Schlußfolgerungen zu ziehen habe.. Er hat, wie vor zwei Jahren Bethmann-Hollweg, fiu) auf die Kriegskarte berufen, aber auch sowie dieser nur mit dem Recht des.Schwertes. Freilich sieht feine Kriegskarte anders aus wie die des deutschen Reichskanzlers. Präsident Poincar6 führt alle Völker und Staaten an, die sich gegen Deutschland erhoben und es schließlich niedergeschlagen haben: Großbritannien, Japan, Italien, Rumänien, Belgien, Serbien- Griechenland, Portugal, China, Siam, Amerika, Brasilien, Kuba, Panama, Guatemala, Nicaragua, Hatti, Honduras, Bolioia» Peru, Ecuador und Uruguay. Rußland und Montenegro fehlen fn dieser Liste. Wenn man diese Reihe von _ Namen überblickt, ihre politische und militärische Kraft überdenkt, dann kann man nur eines nicht fassen: die diplomatische Unfähigkeit brr Klaffen, von denen Deutschland, Oesterreich und Ungarn beherrscht wurden. Jedes Jahr dieses Krieges brachte ihnen neue Feinde und sie konnten trotzdem nicht den Weg zum Frieden finden. Durch ihre Schuld werden Jahrhunderte lang die Kinder in den Schulen lernen: die ganze Welt stand auf gegen Deutschland! Der Sprechet der französischen Republik hat. es schließlich als Aufgabe der Friedenskonferenz bezeichnet, das SelbstbFstimMmrgsrecht der. kleinen wie der großen Rattomn zm be*. völkischen und religiösen Minderheiten in EuWäng N bringen. Sie soll jenen Völkern, die sich gemäß ihren Überlieferungen von neuem organisieren, die materiellen tmb moralischen Mittel der Ezistenz sichern. Wir nehmen diese Ziclöestimmung der Friedenskonferenz als ein Versprechen auf, daß auch, dem jüdischen Volk sem Recht werden soll auf Selbstbestimmung und neues nationales Leben. Wenn die Friedenskonferenz PolncarSs Wort erfüllt, so wird sie sich in dem Herzen des jüdischen Volkes ein ewiges Recht auf Dankbarkeit sichern, das dann wenigstens den Trost haben wird, daß das Blut seiner Kinder nicht vergeblich geflossen ist. ,• Wilsrm fite. dets Mdlsche ■ PalLWrm. :. ' / Stockholm, M. Jamrar. (Srg.-Bsr.) Das Montstische Bnrsmr in London LelegraphiLrL: Präsident W L L s o n Versprach 2S e i z m « tttt feint AnterstüAnng für dis Etablierung eines ganzen und in feiner Entwicklung ungehinderten („5aN anä uviiLmporoä^ jüdischen Palästina. GleichzeMg sagte Wilson zn, auf der Friedenskonferenz die jüdischen Forderungen in Bezug ans Nation a l e Gleichberechtigung in den Wshnländern vorzutragen. Weizwann Sei Wilson. London, 18. Januar. (Eig.-Der.) W e i z m a r 14. Januar eine stundenlange Unterredw E Wilson. Wilson hörte Weizmanns Vortr M.aufmerksam an und äußerte großes Wohlwoll M die Idee der Schaffung eines wahrhaft Misch Gemeinwesens in Palästina. Di" Zionistenführer dlickea m Wilsons Zusage eine Gewähr des Erfolg Lei der Friedenskonferenz. Günstige Entwicklung der zionistischen Fra§ \ London, 17. Januar. Der Pariser Korrespondi her Times drahtet: In den letzten Tagen ist ein , walttger Fortschritt, nicht nur in der Polenfra londem auch hinsichtlich der zionistischen Frage verzeichnen. Weizmann hatte lange Überredungen t Wilson und Balsour. Poineares Rede. ♦ Paris» 18. Januar. (Meldung der Agenee Havas.) Präsident P o i n e a r 6 eröffnete die Sitzung der Friedenskonferenz mtt einer Rede, in der er Frankreichs Schuldlos i.g k e i t an dem Krieg beteuerte. Cr mißt alle Schuld der Regierung des alten Deutschland zu, das die Hoffnung hegte, die Hegemonie in Europa und die Weltherrschaft an sich zu reißen. Die aneinander gefesselten Zentralmächte haben den gehässigsten Vorwand erdacht um über den Leib Serbiens hinwegzuschreiten und sich einen Weg nach dem Orient zu ebnen. Gleichzeitig verleugneten sie die feierlichsten Verbindlichkeiten, um über den Leib Belgiens hinweg sich einen Weg in das Herz Frankreichs zu bahnen. Nachdem diese zwei Freveltaten die Angriffswege geöffnet hatten, brachen sich zunächst die vereinigten Anstrengungen Englands, Frankreichs und Rußlands an dieser wahnsinnigen Ueberhebung. Wenn nun nach vielen Wechselsällen diejenigen, die durch das Schwert herrschen wollten, durch das Schwert untergegangen sind, haben sie sich die Schuld hieran selbst zuzuschreiben. Blindheit hat sie ins Verderben gestürzt. Angesichts der Klarheit solcher Erinnerungen werden alle Schlußfolgerungen, die Sie, meine Herren, aus dem Krieg ziehen müssen, mit Genauigkeit hervortreten. Ihre Völker haben sich eines nach dem anderen in den Kampf geworfen, in Wahrheit sind sie dem bedrohten Recht zu Hilfe gekommen. ... . G roß b 111 gji nie tu die Dominions und die außerhalb des Streites bleiben dürft, in den das Schicksal aller Länder verwickelt war. Japan entschloß sich, zu den Waffen zu greifen, einzig und allein aus Loyalität gegenüber dem verbündeten England und iri dem Bewußtsein, der für Asien wie stir Europa aus der erträumten Hegemonie der germanischen Kaiserreiche erwachsenden Gefahr. Italien, das von allem Anfang die Begünstigung der deutschen Abitionen abgelehnt hatte, erhob sich gegen seinen Erbfeind, nur um den künstlichen politischen > Kombinattonen zu begegnen, welche die 'Freiheit der Menschheit vollkommen außeracht gelaffen hatten. Rumänien entschloß sich Mm Kampfe, lediglich um seine nationale Einheit zu verwirklichen, der sich dieselben Mächte mit willkürlichem Zwang entgegengestellt hatten. Verlassen, verraten und geknebelt mußte es jenen verhaßten Vertrag eingehen, dessen Ueberprüfung zu verlangen,ihnen obliegenwird.G r i'e ch en l and, das der Feind während langer Monate von seinen Ueberlieserungen und seiner Bestimmung abzuringen versuchte, griff zu den Waffen einzig und allein um, dem Beherrschungsversuch zu entgehen, deren wachsende Drohung das Land fühlte. Portugal, China mrd Siam traten aus ihrer Neutralität heraus, einzig aus dem Grunde, um nicht auch in die Fange des kaiserlichen Adlers zu geraten. Und was soll ich noch sprechen von dem feierlichen Entschluß» den im Frühjahr 1917 die ReMblik der Bereinigte« Staate« unter ihrem erlauchten Präsidenten Wilson gefaßt hat. Was soll ich sprechen von den vielen anderen amerikanischenStaateir, die sich gegenDeutschland erklärten, von Brasilien,Kuba, Panama, Guatemala, Nieara g u a, Haiti und Honduras, oder die wenigstens alle diplomatischen Beziehungen abgebrochen haben, von Bolivien, Peru, Ecuador und Uruguay! Das amerikanische Volk wollte der größten Schmach ein Ende setzen, die jemals in den Annalen des Menschengeschlechts erhört. war: Autokrätische Regierungen,. die in der Geheimkammer ihrer Staatskanzleien und ihrer Generalstäbe das sinnlose Programm der Weltherrschaft vorbereitet hatten. Während sich der Kampf immer mehr über die ganze Erdoberfläche ausbreiiete, drang. da und dort das Raffeln von Ketten an unser Ohr, und geknechtete Nationalitäten riefen uns aus ihren: Jahrhunderte alten Gefängnis zu Hilfe, ja sieentsprangen ihm. um uns zuHilse zu kommen. Das wiedererstandene Polen sandte uns Truppen, die: Tschecho-Slowaken eroberten sich in Sibirien,; in Frankreich und Italien ihr Recht aus Unabhängig- , keit. Die Jugoslawen, die Armenier, die, Syrier und die Araber des Libanon, alle die unterdrückten Völker wurden wieder lebendig, alssie das Klirren unserer Waffen vernahmen, und wandten sich uns zu als ihren natürlichen. Ber-! Leidigem. So wurde der Krieg gegenüber feinem ursprünglichen Gedanken allmählich immer'gewaltiger und ward im vollsten- Sinne des- Wortes ei« Kreuzzng der Menschheit für das Recht.- An Ihnen ist es nun» ans dem ssttständigen Sieg heute im Interesse der Gerechtigkeit rmd des Friedens restlos die Schlutzfolgerungen zp zrehen. Am drefs gewaMge Aufgabe zu gutem Ende zu führe«, haben Sie vor «Lew zu diesem großen Gerichtshof nur die alliierten und asfozierten Völker laden rvolleu und die neutral geblie-eue» nur so weit, als ihre Jntereffe« in Brtracht kommen würden. Sie waren der Meinung, daß die FriedenshLdingunge» festgssteM werden sollten, bevor sie jenen witaeLeilt würden, gegen die wir w srfslßreichem Kampf ZAfammerrgLstLndTN sind.. Sie werden nur die Gerechttgkeit suchen», mrd Lwar . eine Gerechttgkeit, -die keine SüMingle? k^nffjk r den finanziellen Problemen, GerechtigW . endlich, in den wirtschaftlichen Fragen. Was aber die Gerechtigkeit Zuerst fordert, nachdem sie verletzt worden ist, find: Wiederherstellungen und Wiedergutmachungen , für jene Völker und Menschen, die beraubt oder Mißhandelt worden sind. Was die Gerechttgkeit m&« I schließt, ist das Träumen von Eroberung und Imperialismus, die Verachtung des nationalen Willens; und das willkürliche Austauschen von Provinzen unter einzelnen Staaten, als ob die Völker nur Gegenstände oder Figuren eines S6)achspiels wärem Es ist nicht mehr die Zeit» da die Diplomaten sich zusammensetzen konnten, um on einer TWecke durch ihre Autorität die Karte des Kaiserreiches wiedkrherzüstellen. Wenn Sie die Weltkarte zu verändern haben, fs geschieht dies im Namen der Völker und unter der! Bedingung, daß Sie deren Gedanken treu zum Aus-: druck bringen und das Selbstbestimmungs-! recht der deinen wie der großen Nationen achtett^ und es mit dem gleichfalls geheiligten Recht der völkische« und religiöse« Mi«derheite« in Einklang bringen, eine ungeheure Aufgabe,. die die Wissenschaft und die Geschichte, Ihre beiden Beraterinnen, Ihnen zu erhellen und zu erleichten haben werden. Allen diesen Völkern, die sich M Staaten bilden, allen jenen, die sich mit ihrem Nach-! bam vereinigen wollen, jenm auch, die sich in von einander unterschiedene Einheiten teilen, sowie jenen, die sich gemäß ihren wieder auferstandenen Ueberlieferungen von neuem organisieren, allen jenen Völkern endlich, denen Sie die Freiheit gegeben haben oder denen Sie sie bald bringen sollen, die materiellen und moralischen Mittel ihrer Existenz zu sicher^ wird Ihr natürliches Be», streben sein. Die werden sie nicht zum Leben mfen,! um aus ihnen gleich wieder zum Tode Verurteilte zu machen; es wird Ihr Wunsch sein, daß hier wie überall Ihr Werk smchtdar und von Daun sei. Zur gleichen Zeit, da Sie so in die Welt die denk»' bar innigste Harmonie bringen werden,, werden Sie.' gemäß dem 14. Punkt der Vorschläge, welche die vtt» brindeten Großmächte einstimmig angenommm haben, Äen allgewerire« Bund der DSLkev! Ausrichten, der die höchste Bürgschaft gegen neue An», t griLe aul das Völkerrecht lein wird. In Ihrem Sinne >