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Wiener Morgenzeitung · 1919-01-19 · Heft 1 (19.1.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 1 (19.1.1919)
Date
1919-01-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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AKen^ Sonntag' Wlsner'MsrgeWrLMg IS. SSM'liUä ■Seife 3 nv fi-'--—r~- +rJUVLXiZm\7i1 .in»1A Wätf. Vm M,' .7. nalversammkmg einen gewissen Anhang besitzen, o daß die Negierung letzthin durch den Justizminister Dr. S o u k o p ihren Abscheu vor Persekutionen und Einkerkerungen ausfprechen mutzte. Alles in allem jnmß man voll Neid nach Prag blickech > wo sich ein reges politisches Leben zeigt und wo alle Fragen 'in der größten Oeffentlichkeit besprochen werden. Nur in der Oeffentlichkeit liegt der Schutz gegen die Kräfte, die die Gesellschaft untergraben, und nur wenn man das Volk politisch erzieht, es am Aufbau des Staates Mitarbeiten läßt, kann sich ein Staat ent- Vickeür, der Achtung gebietend seine Grenzen sichern Kann. Cs ist freilich nicht gut, daß die tschechoslowakische Republik genau so wie das zusammen- ^gebrochene Oesterreich Imperialismus treibt und ihre Truppen über die Grenze schickt. Daran mag wohl zur LÄ Oberhcu Mglichft lange , lgewiffermaßen die Aufgabe zu übertragen» das Vaterlland zu vergrößern. . Die Wahlen. y? Das Wahlgetriebe fft im vollen Gang und man nuntn nicht sagen, daß das Bild »Wien im Wahl- Meber" schöner gewordm ist, als es vor dem Kriege ftvar. Alle Register find ausgezogen, den Wahlzettel- Pesitzer zu veranlassen, in eine bestimmte Gesinnung 'einzutreten. Und Lerne Gemeinheit ist zu niedrig, keine Dummheit zu lächerlich, als daß man sie nicht — der gegnerischen Partei zumutete. »Leichenschänder , »Wahlräuber", »von Petroleummagnaten bestochene Sozi" — das fft so «ngesähr der Grundtou der lieblichen Wechselreden. Am widerlichsten ist Me Szenerie dort, wo es jüdische Stimmen zu ergattern. Täglich neue schilder neuer Klüngel und Grüppchen, deren berhaupt aus dem Rücken der Judenschaft ins -ersehnte Haus der Volksvertreter getragen werden möchte. Die nationalen Juden treten in den Wahlkampf ei« und ihr heiliges Streben nach Gesundung, Reinigung und Errettung des Judentums verpflichtet sie vor allem: diese» Kamps mit Würde zu führen. Wir sühren nur eine Waffe, die allerdings dm ^rfplitterten, von allerlei Cliquen für dm Wahltag zusammmgetrommettm assimilatorischen Israeliten ermangelt, mrd wir werden nm von dieser guten, einzig zulässigen Waffe Gebrauch machen: Unser Programm. Wir fordem in Deuffchösterreich das Recht auf die eigene Nation für diejenigen Juden, die sich zn ihrem Volke bekennen und überzeugt sind, daß die Judensrage nm aus nationaler Grundlage gelöst rierden kann. Der nationaldeuffche jüdische Sr l-emokrat Friedrich Austerlitz schneb jüngst tm »Kampf", es sei »niedrig und pöbelhaft, sich Nationen anzubieten, die uns hinausgeworfen haben". Warum! münzt er dieses Wort nicht auf die fremdnational orientierten Judm? — Die Judm leben innerhalb des Deuffchtums in einem Ghetto, eine Binsenwahrheit, die man nm ungern wiederholt. Zählt die Arier in deuffchen Parteien und Vereinen mit jüdischen Mitgliedern! Ties beschämend ist dieser unmoralische Zustand der D u l d u n g — mit Rücksicht auf Wahl Zettel, Steuerkraft und Gelegenheitsdienste, unsäglich traurig sind die Folgm dieses Verhältnisses der Deutschen zu ihrer Judmheit „bie man unter den Linden nicht grüßt". Dr. Julius Ofner — der beste Mann unter der nationaldeuffchen Judenschast — sagte in einer Versammlung der »israelitischen Union", der Beruf eines jüdischen Volksvertreters fei der, Judendebatten zu verhindern. Verstehst du es auch recht, Jude, dieses empörende Bekenntnis? Ueber deine Not, über dein Recht, über deine Forderungen in diesem Staate darf der Jsraeltt nicht reden, sein Berus fft, dieJuhensrage in der Oessentlich keit zu verschweigen. Niemals fft die assimilatorische Politik stärker verurteilt worden, als durch dieses Wort Ofners. Taffüchlich haben die deutschnattonalen, polnischnationalen, tschechischnationalen jüdischm Führer seit jeher dieses Rezept befolgt. Die Ofner und Kuranda, Löwenftein und Kolffcher, Diamant und Liebermann könnten das Recht der Judenheit, die sie wählte, niemals fordern, weil ste Hörige stemdnationaler > Parteien waren Es ist mit eine Folge der unseligen I ÄsstmUaffonslüge, daß unsere längst gewährte Gleich-! berechtigung niemals durchgeführt wurde. Nur ernIudhder alsPertreter seines Volkes ins Parlament einzieht, hat die iKraft und die Freiheit, für die tatsächliche Gleichberechtigung derJuden einzus treten . / j Tief durchdrungen sind w-- von der Erkenntnis,! daß gerade unsere Bewegung das gegenseitige Per- - ständnis, die yegenseittze Achtung, das harmonische! Züsamtneuwirken von Deuffchen und Juden im -Staate zeitigen wich. Fort mit der Lüget - Spreche» wir von Volk Zu Volk und wir iwerdenunS verstehen lernen. uns und im i zum Sesen 5 Die Grimdlehren des Judentums schlichen jeden . chWyjnMchM am. MchaßL W uns jener reaktionäre nationale Radikalismus, den;erade die in fremden Lagern stehenden"- jüdischen Politiker aus begreiflichen Gründen üben mußten. Für sein Volk leben und wirken und ihm, dem in Deuffchösterreich siedelnden Teil des jüdischen Vierzehnmillionenvolkes, das Minoritätsrecht sichern, heißt nicht der großen Majorität des deuffchewVolkes, kr dessen Mitte wir wohnen, Abbruch tun. - Seit Monaten strömen die jüdischen Massen in unsere Versammlungen — die Wiener Presse, die nran die „Judenpresse" nennt, hat einträchtig diese begeisterten Manifestationen des Judentums totgeschwiegen.- Nun haben wir die eigene Tribüne und werden uns Gehör erzwingen. Eine gewaltige Bewegung geht durch unser Volk. Die Erlangung der palästinensischen Heimstätte fft greifbar nahegerückt. Unser Werk wird die nach' Palästina auswandernden Massen faktisch, die in den Ländern Europas auch weiterhin siedelnden Juden durch nationale Gestaltung ihres Lebens moralisch erlösen, die Welt aber von einem der größten Uebel befreien — von der die wildesten Instinkte der menschlichen Raubtiernatur aufwiegelnden Judenfrage. Ein Werk der Versöhnung ist es, an dem wir schaffen. Mit diesen Erkenntniffen und Grundsätzen gehen wir in den Wahlkampf. Dr. Otto Abeles. Die Kandidaten der Wiener nationalen Dudenschaft. Der Jüdische Nattanalverein nahm in seiner Dertrauensmännerversammlung vom 15. Januar zu den bevorstehenden Wahlen Stellung. / Der Obmann Ing. Stricker ksgke zunächst gegen die getroffene Wahlkreiseinteilung Pvotestein, welcher auf die herrschenden Parteien zugeschnitten ist und die Minoritäten nicht berücksichtigt. Dieses Wahlnnrecht bringe es mit sich, daß den Wahlkreisen Nord- Ost (2., 20. und 21. Bezirk) gleichsam die Vertretung der gesamten deutschösterreichischen Judenschaft übertragen sei. Noch verdammenswerter sei der Ausschluß der seit August 1914 in Wien wohnenden galizischen Juden vom Wahlrecht. Man müsse festlegen, daß die jüdischen Mitglieder des provisorischen NationalrateS Ofner und Kuranda gegen dieses reaktionäre, antisemitische Gesetz niemals ihre Stimme erhoben haben. In wirtschaftlicher Hinsicht werde der Grundsatz burchdringen: Jedes Gesetz, welches den Zuzug nach Deutschösterreich hemmt, schädigt die Republik, die auf Zuzug angewiesen ist. Der jüdische Mittelstand, das jüdische Kleinbürgertum laufe Gefahr, int Kampfe zwi scheu Großkapital und Arbeiterschaft aufgerieben zu werden. Schon aus diesen Gründen ergebe sich die Notwendigkeit der Aufstellung eigener nationaljüdischer Kandidaten. Nach Abführung einer Debatte stellten die Vertrauensmänner folgende Kandidatenliste für den Wahlbezirk Nord-Ost auf, welche einstimmig angeuom men wurde: 1. Ingenieur Robert Stricker, Staatshahmak. 2. Dr. Leopold PlaschkeS, Advokat. 3. Erna Patak, Erholungsheim-Inhaberin. '• r4. Jakob Pinka §, Kaufmmanu. 5. Isidor Blaß, Zahntechniker. 6. Karl Blume, Obmann des Wischen Hand lungsgehilfenverbandeS. .■< f| 7. David Nebenzahl, Privatbeamter. ’ S. Ingenieur Fedor Ackermann, Oberkommissär. An aAe GLsimwgsgenoffenund Gostimrmgs genossinnen! Eine der grundlegendsten Voraussetzungen für rmsere nationalpolitische Tätigkeit ist die Tlnlegnng eines Katasters, der die gesamte erwachsene jüdische Bevölkerung Dentschösterreichs umsaffen mutz. Da nns kein amtliches Material znr Verfügung steht, müssen wir es durch Kleinarbeit aufbringen. Es, ist eine unanffchiebbare Parteipflicht aller Ges'mmmgsgenvften und genofstnnen, sofort , Vor- und Zuname, > genaue Adresse, Beruf, StaaLsangehSrigkeit, Begm» des Tlnferckhaltes in Kev»i^^?terrM (vor oder nach dem % Arrgnjt 1M4), wsWög- Sich GebnrLsjahr nnd Gefinnnng aller ihrer Verwandten, Bekamen, Hansmitbrwohner nsw. beiderlei Geschlechts, foferne ste das 18. Lebensjahr überschritten haben, auf einer Lifte anfsnschreiben «nd an die Adresse; Kataster des Jüdischen Aatronalper eines: 2„ JirhNSgaffe AS, m senden. Der Jkdischs NatLonalverein Ab GKNeMMLseinladUNg l Die „Wiener Morgerrzeitung" kostet: Für Wien mit ZnsteÄung ins Haus: SKonatlich.. . . . . K. 7.— , Vierteljährig ....» 20.— ' Halbjährig ... . . . » 40.— Ganzjährig.... » 80.— Für die Provinz mit Postversand: Sttonatttch. Vierteljährig « . - n 22.— Halbjährig ........ » » 44.— Ganzjährig ........... « *» 88.— Für das Ansland: Vierteljährig. 24.- Administration der „Wiener MorgenzeiLung": Wie«, 2. Bezirk, Taborstratze Nr. 1—3. Von der Nationalversammlung Die provisorische Nationalversammlung tritt nach! zweiwöchentlicher Pause am 23. d. M. wieder zusammen,; um eitie Fülle von Arbeit zu erleüigen. Die Tages-i ordnung umfaßt.vorläufig nur drei Punkte: die dritte j Lesung über die Abänderungen des Gesetzes betreffend j die Bildung von Geschwornenlisten» wonach auchi Frauen das Amt der Geschwornen übernehme::: Müssen, die Gesetzesvorlage betreffend vorläufiger Be-/ stimmungen über die bewaffnete Macht und die! Staatsraisvorlage über die dringlicherr Forderungen! von Lebens- und Futtermitteln. Diese Tagesordnung wird jedoch noch durch die vom Justizausschuß! erledigte Regierungsvorlage betreffend die Reform des!! gerechtes erweitert werden, welche Vorlage noch in der' Sitzung vom Donnerstag zum Beschlüsse erhoben den soll. Zweifellos wird sich über diesen Gegenstands^ eine sehr eingehende Debatte entwickeln, sodaß daK Haus auch noch am 24. Januar wird tagen müssen., Der Finanzausschuß hat bekanntlich die Renten-! steuer und Kriegszuschläge zn den direkten Steuern,! die Erwerbsnnd Grundsteuer, die Wein- und Bier- , ab gäbe sowie Schaumwein- und Mineralwässersteuer, I schließlich die Erbschafts- und Schenkungsgebühren er-! ledigt. Alle diese Gesetzentwürfe und Reformen müsse«! auch noch in der Nationalversammlung behandelt werj den. Die Verhandlung dürfte sich überdies nicht ganz I glatt gestalten, da insbesondere betreffs der Erbschafts-! steuer in manchen Einzelheiten Meinungsverschiedenj heilen sind. Die Wahlbewegung hat vielfach den Wunsch! \ geweckt, daß die Nationalversammlung mtt diesen} Plenarsitzungen ihre Tätigkeit ab sch ließen möge. j Für die kommende Woche sind auch noch eine \ Reihe von Ausschüssen einberufen. Der Volkswirtschaftliche Ausschuß soll Mittwoch die Anträge Pantz und Schöpfer wegen Erlassung eines Grund gesetzeS über die Eigentumsverhältnisse an Grund und - Boden, die Ablösung der öffentlich-rechtlichen Grund-! lasten und deren Regelung, sowie die Aufhebung der ' JagdrechtsVorbehalte und den Schutz der Landwirtschaft! und ihrer Produktion gegenüber dem Jagdsport ver-! handeln. Der Staatsangestelltenausschuß, wird in die Beratung des Ärttrages Forstner, be-i tteffend die Pragmattsierung der staatlichen Vertrags-! beamten eingehen. Hiebei soll den weibliche« Staatsangestellten das uneingeschränkte Aft:cht der Verehelichung eingeräumt werden. Der Justizausschuß wird gleichfalls am Mittwoch die Errichtung von; Jugendgerichten beraten, während der Heeresavsschutz am Donnerstag das neue Wehrgesetz verhandeln wird. Der Verfassungssusschuß soll am Freitag den Antrag Sever, Forstner und Müller ans A b s ch a fi fung des Adels seiner Titel und Rechte, sowie die, Aufhebung der Orden, weiterbsraten. Derselbe Aus-f schuß soll neuerdings auf den Antrag Kenrstter Wer . Wesenheit der deutschösterreichffchen Republik als deutscher Nationalstaat zurückkommen. Zu beiden Anträge^ werden Entwürfe von der Staats kanzlet vorliege.n> Das der jüdische Volk und Friedenskongreß. 18. Januar. W ist nunmehr als feststehend zusehen, daß die Beratungen des FrLedsnskongreMj in En das Wische Bott interessierenden Fragen m i t^ Hinzuziehung legitimierter Vertreter des jüdischen Volkes erfolgen werben- Als solche! können natürlich nur Repräsentanten der großen dcwo-j krattsche.n Bewegungen m Betracht Lommm. In welcher! Weise die Mitarbeit der Mischen Delegierten erfolgen; wird, ist bis jetzt nicht sicher. Es ist jedoch wührscheinl'M daß die betreffenden Beratungen in den KÄmmffsione«; statt finden werden, welche ohnedies die Hauptarbeftj des FriedenSSyngreffeS zn leisten haben. Das Mische: Volk wird nicht nm M der wichtigsten jüdische» Frage,! der Schaffung einer nationalen Heimstätte m Paläftins,! mitsprechen, sondern auch insbesondere bei Regelung^ der osteuropäischen Fragen, wo die Jude» eine m*\ sehnliche Minorität find. Zur Vorbereitung der Wi< scheu Friedensdelegation wird in den nächsten Drgens tm Z^leg-Ltion Mischer Natiorurlräte in der Schweiz MsaMmentAkE. Vertrete» werden vvrsvSsichLlich sei» die jüdischen Rattonalräte für Polen, Ukraine, Mst-j " len. OstMtzie», de» Lschechs-flowsttschen Ungarn,, AuHvjlisvw».,

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