Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1908-06-01 · Heft 6 (1.6.1908) · p. Seite 144

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
27 (1908)
Issue
Heft 6 (1.6.1908)
Date
1908-06-01
Page
Seite 144 (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2970027-2970033--8330-2979043
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 144 _ Wonnen. De? Rabbiner von heutzutage ist nicht mehr wie in guter alter Zeit der Führer — er ist bloß „Meschubad" ein Untergebener des Gemeindevorstandes. Während der Reiche nach seinem Tode durch den Rabbiner einen bestellten Nachruf erhält, wird die Proletarierleiche' ohne Rede ohne Sang und Klang beigesetzt. Wie oft wird ein Wucherer als Helfer in der Not gepriesen, ein Geizhals, als Wohltäter, ein Protz als Muster der Bescheidenheit: Der Verfasser, gibt auch zu erwägen, ob es nicht angezeigter wäre den Gottesdienst in den Synagogen in der Landessprache abhalten zu lassen. Darf man ja nach dem Talmud (Berachoth 13a) sogar das „Schema das Hauptbekenntnis in jeder Sprache, die man versteht ablegen. R. Jehudah Chasid der Fromme aus Speyer (13. Jahrh.) sagt in seinem Buche der Frommen (N. 588): „Man ' soll nur in der Sprache - beten, die man versteht". Rabbi Menachem Asarjah aus Fano (17. Jahrh.) in seinem Werke „Zehn Aufsätze" (1. N. 31) meint: Ein Gebet in nichthebräischer Sprache aber mit Verständnis und Andacht vorgetragen hat den Vorzug vor einem Gebete in hebräischer Sprache, das verständnislos gesprochen wird, wie es den^ schon in unserm alten Schrifttum Heißt: Ein Gebet ohne Andacht gleicht einem Körper ohne Seele. Im fünften Abschnitt ergeht sich der Verfasser ausführlich über das populärste, über das Kaddisch-Gebet und sind seine Ausführungen über dasselbe sehr belehrend. Zur Zeit da R. Jsaac aus Wien (erste Hälfte des 13. Jahrh.) der als erster den Brauch des Waisen-Kaddisch in den Rheinlanden verzeichnete, war dasselbe in Frankreich noch nicht eingeführt. Das Kaddisch-Gebet hat vom 16, Jahrhundert ab auch im Morgenlande immer mehr Boden gefunden. Der Grund für den Brauch des zwölfmonatlichen Kaddischsagens hängt mit der talmudischen Anschauung zusammen, daß das Strafgericht des Bösewichtes in der Hölle zwölf Monate dauere. Im Laufe des 16. Jahrhunderts wurde diese Zeit von 12 auf 11 Monate herabgesetzt mit der Begründung, .daß „die Eltern nicht den vollständigen Bösewichten gleichgestellt-werden sollten, deren Höllenpein 12 Monate dauert" (R. Mosche Jsserles in seinem Glösson zum Schulchau Aruch II. 376). R. Mänasse den Israel (gest. 1657) der berühmte Amsterdamer Rabbiner nennt das Jahrzeits-Kaddisch ehre Schmähung für das Andenken der Eltern. Der Ausdruck Jahrzeit selbst für den ^Sterbetag der ,Eltern ist kirchlichen Ursprungs. Das Jahrzeitbuch war ein Verzeichnis solcher Tage trn Jahre wo Seelenmessen gelesen wurden. Auch das Jahrzeitsbuch zur Erinnerung an Verstorbene ist christlichen Ursprungs. Eine besondere wenig liebevolle Behandlung erfährt von Seite 132 ab das sogenannte „Fürther Kaddisch" mit welchem ein israelitisches Waisenhaus in dieser Gemeinde einen schwungvollen Großbetrieb geschaffen, der einzig dasteht uch den der Verfasser unter dem Gesichtspunkte einer Art von Ablaßhandel stark geiselt. Das israelitische Waisenhaus in Fürth ist ein Großunternehmen für Versorgung Seelenheilsuchender 'mit Kaddisch und die indifferenten Reformjuden, die sich an das Kaddisch als an letzten Notanker klammern, sind die besten Kunden der mit Waisenunterstützung verbrämten Kaddischverkaufstelle. Wir hoffen dem wackeren Herrn Verfasser, der in unser gesinnungsarmen. Zeit noch den Mut seiner Ansicht hat, noch oft zu begegnen. Wir haben seinen Ausführungen, die wir weiteren Kreisen empfehlen mit großem Interesse, gelesen und empfehlen somit sein Buch auf's wärmste. Inhalt: Deutsche und Osterr. Vereinigung..zur Förderung liberaler Bestrebungen im Judentum. — Bewegungen in Österreich. — Die moderne Zeit in ihrer Beziehung zur Religion überhaupt und zum Judentum insbesondere. — Polnische Juden Eine Ausstellung jüdischer 'Kunstdenkmäler. — Die Mitgliederversammlung der Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands. — Tie alte Synagoge in Eger. Referate und Mitteilungen. Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber l)v. Adolf Pr ul 1; Druck von H. L. Brönuer's Druckerei (F. W. Breidenstein), sämtlich in Frankfurt am Main.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.