Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 143 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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143 in deutscher Sprache enthält viel Interessantes über das Ghettoleben M Mähren und ist kulturhistorisch äußerst interessant, erhöht den Wert der nachgelassenen Schrift bedeutend, die von jedem mit großem Interesse gelesen werden wird. — Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten von Karl Emil Franzos. Mit einem Porträt Stuttgart und Berlin IG. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger 1905. Dieses bsreits im Jahre 1903 vollendet gewesene Werk, das erst nach dem Tode des Verfassers im Mo sse'sehen „Tageblatt" erschienen, liegt als Buch vor. Komik und Tragik berühren sich in diesem Werke, das zu den besten Schilderungen aus dem galizischen Ghetto gehört. Mit einem großen Aufwand von Geist und Witz werden uns Typen aus der Gasse vorgeführt und bekundet dabei der Verfasser ein fesselndes Erzählertalent. Der Pojaz ist das beste, was Franzos in diesem Genre geschrieben und wird als schriftstellerische Leistung auch von kulturgeschichtlicher Bedeutung sich lange einen dankbaren Leserkreis erhalten. In Bezug aus das Referat über das Buch * (Jahrg. 1908 Nr. 1.): Modernes Judentum, im Morgen- und Abendland von Prof. Jakob Obermayer, sei hier im Folgenden auf einzelne besonders interessante Punkte hingewiesen. Im zweiten Abschnitt ist die Schilderung, der süddeutschen Orthodoxie (2. 14—16) sehr zutreffend, die auf der einen Seite peinlich die Gesetze beobachtet und sich durch Taschentuchumwicklung und Regenschirmenthaltung am Sabbat durch Käppchen und Scheitel bei Männlein und Weiblein bemerkbar macht, und auf der anderen Seite durch Vergnügungssucht, die selbst vor verbotenen Tanzunterhaltungen nickt zurückschreckt, ihre ganze Hohlheit dartut. Viel Wahres und Beherzigenswertes enthält der dritte Abschnitt überschrieben: „Der Totenkultus im modernen Judentum." Interessant sind in demselben die Mitteilungen über den. Gebrauch des Kabbalistischen Werkes „Sohar" bei den orientalischen. Juden. Dieses Buch ist zur Litanei geworden, die inan herunterleiert, um sich da -it das Seelenheil zu sichern,,, „die Soharleier ist ein Instrument, das überall in den Kreisen der Juden des Orients ertönt, bei Freud sowohl als bei Leid. Man wird damit in die Wett eingeführt und nach dem Tode von seinen Tonwellen ins Jenseits begleitet. Es gibt in Bagdad gegen hundert Soharleser von Beruf, die bei gegebenen Anlässen gegen freie Kost und ein oder zwei' Francs per Tag in die Häusev gehen um dort zu lesen. Das Soharlesen ist eine Einrichtung wie das Rosenkranzbeten bei Christen und Mohammedanern. Der Verfasser wendet sich in seinem Buche and} gegen die im Übermaße besonders in Österreich erst seit einigen Jahrzehnten übliche Totenfeier »Mascir^, die im Judentum in dieser Ausdehnung wurzellos ist und schildert uns i S. 66) eine Totenfeier im Wiener Tempel am Schemini-Azereth-Feste, bei dem der Rabbiner die Namen aller derer verliest, die sich bei Lebzeiten in der Synagoge eingekauft haben, wobei natürlich die mit hohem Preise eingekauften zuerst und die mit niederem, billigerem zuletzt an die Reihe kommen. Erst wenn dies geschehen, kommt die Reihe an den Plebs mit Kadisch-Gebet zum Schluß. Sich in die Synagoge einkanfen ist natürlich in Wien teurer als in der Provinz. In manchen Synagogen hat sich die Zahl der verstorbenen Eingekauften so stark vermehrt, daß die Verlesung der vielen hundert Namen oft über eine Stunde in Anspruch nimmt. Nur die Reichen können sich diese Assekuranzprämie gegen die Folgen der Entgleisung/ in dieser sündhaften Welt leisten, aber die Armen können dieser Wohltat der modernen Mascir-Unternehmung nicht teilhaftig werden. Die Allerreichsten werden dann zur Thora aufgerufen und wird ihnen unter schmeichelhaften Titulaturen der besondere Segen gespendet wofür sie sich sofort durch reiche Geldspenden für die Synagoge und deren Funktionäre dankbar erweisen. So wird die Synagoge eine Pflanzstätte der Überhebung, des Großtums und Protzentums. In dem vierten Abschnitt: Rabbiner und Vorbeter einst und jetzt hebt der Verfasser hervor: Für ein Geschenk, das Volk nennt es „Trinkgeld", irr der Türkei heißt es „Backschich" redet der Rabbiner, singt der Cantor. Die Ausnützung der Religion zum Geschäft, die Vorliebe für Geschenke hat dem Rabbiner naturgemäß jede Autorität über die Geister ge-