Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1908)
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 89 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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89 die Phantasie nur so weit wirken läßt, wie es mit der Erkenntnis übereinstimmt. Besonnene Belehrung, Erweckung des logischen Elements, Erfassung der Lehrwahrheiten mit dem Verstand ist eben für das Judentum typisch. Die ewigen Muster für religiöse Erweckung, die Propheten, haben mit Logik operiert, vermöge des Verstandes auf das Gemüt gewirkt. Und weil dem so ist, deshalb ist auch jene Institution, die der Förderung und Vorbereitung der Kenntnis der Religion gewidmet ist, so alt wie das Judentum selbst. Unter allen religiösen Anstalten und Humanitären Instituten, die die edlen Zwecke verfolgen, das geistige und leibliche Wohl und Heil der Menschen zu fördern, gebührt nach der Anschauung unserer Weisen der Stätte der Lehre der erste Preis. Kanzel und Katheder überragen im Judentum seit jeher alle anderen Anstalten, weil durch das Lernen und Forschen, durch die Kenntnis der Religion das Herz der Jugend wie der Erwachsenen veredelt, das Gemüt angeregt und für das Große und Erhabene empfänglich gemacht wird. Die Phantasie ist die Mutter des Aberglaubens. Sie ist es, die den Menschen in den Begriffen der Vernunft und in den Empfindungen seines Herzens keine Befriedigung finden läßt, die ihn in ein schrankenloses, übersinnliches Reich hineintreibt. Die Phantasie bevölkert den unermeßlichen Raum zwischen Mensch und Gott mit den mannigfaltigsten Wesen, Geistern und Engeln. Die Phantasie knüpft immer wieder geheime Beziehungen zwischen den Menschen und dieser Geisterwelt an und sucht sie, in wahrnembaren Mitteln imb Operationen verwirklicht,, faßbar zu zeigen. Die Phantasie umgibt deshalb alle wichtigen Momente des menschlichen Lebens mit abergläubischen Vorstellungen und Zeremonien, teils um günstige Erfolge zu erzielen, teils um schädliche Einflüsse zu beseitigen. Wo daher die Phantasie in einer Religion oder in einer ihren Phasen die Oberherrschaft erlangt und eine fast ungezügelte Wirksamkeit übt, da gerät diese Religion in die äußersten Abwege. Daher tritt das Judentum dem alleinigen Walten der Phantasie von .Beginn an in entschiedenster Weise entgegen. Die Religion ruft dem Israeliten immer wieder in Erinnerung : „Du hast keine Gestalt gesehen an dem Tage, da dir das ewige Wort der Lehre und des Gesetzes verkündet wurde." Im Judentum herrschte stets eine lebendige Regsamkeit; eine unaufhörliche Geistesfriktion gab dem Studium immer neue Nahrung. Und überschaut man das Ganze des Judentums und seinen Entwickelungsgang, so wiegt neben dem tiefften innigsten Glauben eine scharfe Verstandsrichtung vor, das Judentum von dem Einherschreiten auf den Stelzen einer Ekstase bewahrend. Da das Judentum keine Geheimnisse hatte, so war der Zutritt zum Studium von selbst jedermann geöffnet, bedurfte es nicht einer besonderen Weihe, um die heiligen Vorhöfe zu betreten. So bildet das vernunftgemäße Denken ein so starkes Element des Judentums und es ist der Schöpfer eines so energischen Bewußtseins, daß wir seine Wiederkehr in das Judentum nicht hoch genug anzuschlagen und fest genug zu Hallen haben. Nur die tiefe Überzeugung und die aus ihr fließende Gesinnungstüchtigkeit schafft eine wahre