Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 11-12 (1.11.1906)
- Date
- 1906-11-01
- Page
- Seite 276 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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| — 276 — schätzbarem Werte war, entwickelte sich ein System, das das früher begründete Vertrauen zp einer Persönlich eit auch gegenwärtig unerbittlich für sich in Anspruch'nimmt, unbeschadet darum, daß wohl so manche Voraussetzung für dieses Vertrauen langsam im Laufe der Zeit geschwunden war. . Aus der Schar, die lechzend nach Worten des Trostes, vor den Fußtrit en shrer barbarischen Mitbürger, zu ihrem Rabbi flüchtete, wurde eine Palladinenschar, die mit unerweichlicher Konsequenz an den übernatürlichen Fähigkeiten ihres Rabbi 'esthält. Aus denkenden, kulturfreundlichen Menschen wurde eine oft fanatische Schar, die zufrieden mit ihrem Geschick, durchaus nicht ihre Mission darin erblickt, Neuerungen Eingang zu schaffen. Ein kleiner Staat, mit selten gern ertragener Autokratie. E n Herrscher in diesem Gemeinwesen ist nun gestorben. Der Person des Rabbi Friedrrann speziell wird Güte, Milde und vor allem Einsicht nachgerühmt. Als ein Mann der in die geheimsten Herzensfalten tausender von Menschen gedrungen, der den Kummer und Schmerz tausender von Menschen kennen gelernt, der somit wie kein anderer Gelegenheit hatte, den Menschen in seiner ungeschminkten Wahrheit ganz kennen zu lernen, er verstand den Lauf der Zeiten . . . Dort draußen, außerhalb seines Reiches, drängt die Masse nach vorwärts, unbarmherzig alles niederstoßend, was sich ihm in den Weg stellt, unbarmherzig jeden hilflos zurücklassend, der nicht mitkann. Rabbi Friedimann dürfte, vielleicht auch schon gedacht haben: Es dauert nicht lange, so ieht dieser Strom über mein Reich, alles mit- oder niederreißend .... Tausend« von Menschen wallfahrten auf sein Schloß. Das was sie keinem Menschen mitteilt« n, das eröffneten sie ihm, dem Wunderrabbi. Er riet, wo er raten konnte, er half, wl er helfen konnte. Und wo menschliche Einsicht und Klugheit auch beim Rabbi ihre Grenzen hatten, machten den Hilfesuchenden die Worte glücklich: „Gott wird helfen" . . . Und der Glaube machte viele seelig . . . Gegen 10 Uhr abends verschied der Rabbi. Seine letzten Warten waren: „Genesung, Genesung, Genesung", aber sie kam nicht. Ein tiefer Jammer und ein lautes Wehklagen ging durch Sadagora. Alles, Uchen Tonarten wurden und schlugen sich an die sah man eine lange Reihe Trauerhaus umstehen. Sv herzerschütterndes Jammern was in Sadagora lebt, war tief ergriffen. In allen mög- Klagelieder angestimmt. Männer schluchzten, Frauen heulten : Brust. Kaum hatte der Rabbi den Geist aufgegeben und schon wurden die Vorbeteitungen für das Leichenbegängnis getroffen. Alle Anwesenden, die im Zimmer wären, enthrntün sich. Nur zehn von den intimsten und gottesfürchtigsten Anhängern blieben zurück, um Gebete zu verrichten. Draußen sammelte sich mittlerweile eine tausendköpfige Men chenmenge an. Man wartete auf das Leichenbegängnis. Um 3 Uhr morgens wurde Rabbi Friedmann zu Grabe getragen. In der Zwischenzeit von Weibern und Männern klagend und jammernd das verging die Nacht. Gegen 3 Uhr morgens kündigte ein und Weinen den Beginn des Leichenbegängnisses. Ohne (Sarg, in ein weißes!Lein!en gehüllt, trug man den Rabbi auf zwei Brettern zum Friedhof. Endlos war die Menge, die,der Leiche folgte. Jammern und Stöhnen!