Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 174 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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174 sich die Leute hier nicht sonderliche Schmerzen; hierfür ließen sie — den lieben Vater im Himmel sorgen. Dahingegen hatten sie für die Bedürfnisse der Menschheit ein warmfühlendes Herz. Und mit Recht wurde der Talmud nicht nur eine Hausapotheke genannt mit manch linderndem Balsam für der Menschheit Mühsal, sondern auch ein Arsenal alles Wissenswerten. j Eine der Errungenschaften, auf welche die Gegenwart mit Recht so stolz ist, es ist die achtjährige Schulpflicht. — Die talmudische Pädagogik sie hielt den Knaben, der in Palästina einer gewissen Frühreife sich erfreute, mit 5 Jahren zum Schulbesuch an. Dieser dauerte bis zu seiner religiösen Selbständigkeit seiner Bar-iiizwah, zu 13 Jahren; umfaßte somit buchstäblich dii 8 jährige Schulfrist, welcher sich ebenfalls Niemand entziehen durfte, ohne mit dem öffentlichen, geistigen Wohl zu kollidieren. Den öffentlichen Schulunterricht erachtet der moderne Staat als eine Pflicht der Selbsterhaltung. Guterzogene Kinder werden tüchtige Bürger. Die Länder, deren Schulen Paläste, deren Lehrer die Lieblinge des Volkes bilden, sie haben in der Regel auch geordnete soziale Zustände. Eine jüdische Gemeinde und eine Schule, das waren zweigegenseitig unlösbare Begriffe wie Leib und Seele. Die Lehrer sie nehmen hier die oberste Rangstufe ein. ‘ Sie glänzen am Himmel der jüdischen Pietät, um wörtlich zu sprechen, wie „das leuchtende, strahlende Tagesgestirn". Nicht der Reiche, der Glückbegünstigte, nein der Gelehrt^ er/ bildet hier den Stolz, wie andererseits keine größere Schmach bekannt war als die des Am Hoorez, des Ungelehrten. Was hätte nicht hier Noch in wissenschaftlicher Hinsicht geleistet werden können, wenn das Schicksal nicht so rauh eingegriffen und das elementare Bildungsbedürfnis — wenigstens in vielen Fällen j— auf abgelegene Bahnen gedrängt hätte! Und dennoch — man gehe heute nach jen^n Gegenden, uw unsere Brüder unter unsäglichem äußeren Druck schmachten müssen — ein Wort leuchtet da wie ein Lichtpunkt aus all dem Dunkel entgegen, es ist dii Bezeichnung für die heiligste Stätte für das Gotteshaus — die Schule heißt es daselbst. Das Wort Schule also besagt da den Inbegriff alles Heiligen: des Tempels. Und dabei ist, dies Wort ein trauriger Überrest aus drangsalsvoller, mittelalterlicher Zeit Deutschlands. Es wirft ebenso ein helles Streiflicht nach innen wie einen dpsteren Schlagschatten nach außen hin. Und dasjenige, was diese Schule zum vornehmlichsten Ziele hatte, es war — die Idee des Judentums: Dessen erlösende Aufgabe, oder wenn man will, dessen Auserwähltheit, dessen Messianität. Diese war es, die hier mitten in allem Erdenleid und Wehe den einzigen erhebenden Trostgedanken bildete, die Möglichkeit, daß es sich trotz allem und allem immer wieder zu jener Höhe emporhob, auf der es heute sich befindet. Ich frage nun: Ist es Tatsache, daß diese Idee des Judentums, wie Herr Chamberlain behauptet,' „dasselbe seelisch so tief Herabdrücke und auf seinen besten -Anlagen so schwer laste?"!