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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1906-08-01 · Heft 8 (1.8.1906) · p. Seite 172

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
26 (1906)
Issue
Heft 8 (1.8.1906)
Date
1906-08-01
Page
Seite 172 (sequence 6)
Language
German
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gegenseitig sich deckende unlösbare Begriffe. Das gesamte ägyptische Schulwesen, es lag in den Händen der Priesterkaste und die große Masse des Bottes, von jeglichem Untere richt ausgeschlossenste war eine wilde, von den Priestern gegängelte, mißbrauchte, ausgenutzte willenlose Heerde, die gründlich verachtet war. Nun die Inder: Brahma erschuf die geheiligte Kaste der Priester aus seinem Haupte, das Sinnbild der Gelehrsamkeit; die mächtigen Krieger aus seinem Arme; die reichen Gewerbsmänner aus seinen Lenden' und das niedere Volk — aus seinen Füßen. An dieser geheiligten Ordnung durfte nicht gerüttelt werden. In den Händen der Priester laa also auch hier das Monopol des Geistes, des Wiffens, auf welches sie keinem Nied^ggeborenen ein Anrecht gestatteten. Bei den Griechen uttd Römern war der Lehrerstand in den Augen des Volkes zumal der aristokratischen Familien ein Gegenstand des Abscheus und besserer Leute Kinder, sie hielten es unter ihrer Würde, dem Lehrfache sich zu widmen. Der Unterricht war erbärmlich schlecht bezahlt. Die gehaßten Könige läßt Lucian in der ^Unterwelt Bettler oder Schulmeister werden, woher das geflügelte Wort des Alter- ' tums entstand : „Wen die Götter hassen, den machen sie zum Lehrer". Der römische Schriftsteller Cato der Ältere äußert einmal, er wundere sich, wie ein römischer Priester sich des L a ch e n s erwehren könne, so oft er einem anderen römischen Priester auf offener Straße begegne.') Gemeinti st das Lachen des Einverständnisses ob der geübten Volkesverblendung; eine Verblendung, die noch in späterer Zeit ihren weitverbreiteten Ausdruck fand in dem Worte: „Die Welt will betrogen werden, nun so sei sie denn betrogen." *) Wer will es nun leugnen, daß Nachklänge dieser Kultur des Altertums auch noch in unseren Tagen deutlich vernehmbar sind. Als eine Auflehnung gegen diese Spuren finsterer Zeiten müssen darunr die modernen sozialen Bestrebungen nach Geltendmachung der Bildung auch für die unteren Klassen des Volkes betrachtet werden. Und verkörperte Gestalt gewinnen dieselben in den volkstümlichen Bildungsstätten unserer Zeit, wie z. B.: Volksbildungsheime, populäre Universitätskurse, öffentliche Rede- und Lesehallen u. s. w. . Nun im Lichte unseres! Schrifttumes betrachtet, gelten diese Bestrebungen dem Judentum längst als etwas Wohlvertrautes. Wer kennt nicht den Spruch der Bibel: „Du sollst sie eiyschärfen Deinen Kindern (die Worte der Schrift) und von ihnen reden, wenn Du weilest in Deinem Hause, wenn Du wandelst auf dem Wege, wenn Du zur Ruhe gehst und wenn Du erwachst." Das ist auch in gewissem Sinne ein Volksunterricht, mittelst welchem jedem Vater sein geheiligtes Verfügungsrecht über das seelische und sittliche Wohl seines 'Kindes rechtzeitig gewahrt, er selbst zum berufenen Erzieher desselben bestellt und der Einfluß auf dessen Gemütswell ihm allein gesichert ward. Der Geist für die Schule, das Herz fürs Haus, dieser sozialpädagogische Grundsatz ist es, der hier zur.Geltung gelangt. — *) Bergl. Cicero: De diy}n. 2, 24, 51. 2) miindus vult de dpi, ergo dedpi&tur.

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