Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 4-5 (1.4.1906)
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 75 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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w 75 — denen es die schiefe Ebene des Partienlarismus hinunterglitt, so daß es in der Folge an dem Aufbau der Weltreligion in Zukunft mitzuarbeiten untauglich wurde. Friedländer fährt in seiner Darstellung fort und gelangt zu der Ansicht, daß es dem Pharisäismus nicht gelungen ist, den Universalismus des Judentums, wie ihn die Propheten lehrten, überall zu unterdrücken, besonders nicht bei den seiner Machtsphäre entrückten, in der Kulturwelt lebenden Massen des jüdischen Volkes, die an Zahl und Intelligenz ihren Volksgenossen in Palästina weit überlegen waren. Und auch in Palästina fanden die Pharisäer Widerstand bei der Adelspartei, die die Sadducäer vertraten und bei dem Landvolke „Am ha arez“ das darum von den Pharisäern so sehr gehaßt wurde, weil es sich in seinem gesunden Sinne nicht einem Joche beugen wollte, das seine Väter und Vorväter nicht gekannt haben. Nach Friedländers Ansicht enveist sich der Pharisäismus als ein ungestümer Eindringling in das bislang von dem Geist der Propheten und Weisheitliteratur beherrschte Judentum. Er durchbrach dessen bisherige Entwicklung und dämmte es in einige künstlich aufgeführte Gesetzesschranken ein. Folgerichtig hält darum Fviedländer auch den Satz, welcher uns die Kette der Überlieferung von Mose bis auf die Männer der großen Versammlung zeigt, für falsch, dc^der lichte Geist des Judentums vielmehr von den Propheten auf die Weisheitslehrer und von diesen auf die führenden Geister des Judentums in der griechischen Diaspora übergtng. Der Geist Esras, der schon! früher einmal durch die Zeitverhättnisse begünstigt von den Propheten ablenkte und das Gesetz betonte, konnte nur auf einem Seitenwege abseits von der Reichsstraße des geschichtlichen Geschehens durch den erwachenden Nationalismus von Neuem gefördert in der nachmakkabäischen Zeit zu seinem Ziele gelangen. Dieser Weg aber führte in eine Sackgasse, aus der das durch Entfaltung der nationalen Fahne, seiner Weltmission entfremdete pharisäische Judentum, den Ausblick ins Freie und Weite nicht wieder gewinnen konnte. Wir haben die Anschauungen Friedländers hier zn Worte kommen lassen, weil sie 'getragen sind von dem Geiste der Ehrlichkeit, des Freimutes und der inneren Überzeugung, der wohl ein Recht hat, gehört und beachtet zu werden. Wir sprechen aber den Wunsch ans, daß vorläufig aus dem Kreise unserer Leser über diesen euchn Punkt Stimmen für und wider zu Worte kommen mögen. Hier an einer Wurzelfrage, an einer Grundfrage, deren Beantwortung auch für das praktisch religiöse Leben der Gegenwart, für die Entwicklung der Reform des Judentums in unseren Tagen von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist, in welcher sich tiefgreifende religiöse Umwandlungen vorbereiten.