Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1906)
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 61 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2970002-2970006--7897-2978593- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
61 sammlung statt zum Zwecke der Gründung einer jüdischen Reformgemeinde, an der in hervorragender Weise Professoren, Ärzte, Juristen und Fabrikanten sich beteiligten, welche zu ihrsn Anhängern angesehene Mitglieder der israelitischen Gemeinde zählen. Der Gedankss der Gründung dieser Gemeinde wächst aus' dem zusehends mit jedem Tage sich steigernden Verfall des Judentums in Frankreich heraus, d^n besonders auch die radicalen politischen Parteien, di^ im Atheismus und Skepticismjus gipfeln, herbeisühren und fördern helfen. Die Reformpartei, die an der Spitze der Bewegung in der jüdischen Gemeinde steht, ist der festen Überzeugung, daß der täglich mehr überhand nehmenden Interesselosigkeit für unsere erhabepe Lehre nur dadurch gesteuert werden könne, wenn die chule, Gottesdienst und der faktisch nicht mehr Grundgedanken des modernen Judentums mehr wie bisher in L Leben zum Ausdruck kommen. Hauptsächlich soll der Sabbat, gehalten wird, durch Verlegung berj Predigt auf den Sonntag, dem Allgemeinen bürgerlichen Ruhetag, wieder in dieser Form dein Volke gegeben werden und solll n die hebräischen Gebete, die von den wenigsten Juden in Frankreich verstanden werden, durch solche in der Landessprache ^um Teil ersetzt werden. Auch sott es als Prinzip erklärt werden, daß die Speisegesetze als solche für die Mitglieder der Reformgemeinde ihre bindende Kraft verloren haben, zumal die Praxis sie bereits aus dem Leben der jüdischen Fanftlien fast ganz beseitigt hat. Die neue Gemeinde will wertlose Formen und Hemmnisse beseitigt wissen und erhofft dadurch bei Jung und Alt eine Kräftigung des Judentums anzubahnen und damit -er Religionslosigkeit, die großen Schaden anrichtet, zu begegnen. Auch soll man in Bezug auf die Mischehe, die immer mehr um sich greift und gegen die gerade von religiöser Seite ein erheblicher Einwand sich nicht erheben läßt, toleranter sein und retten, was dabei zu retten ist. Die Mitglieder dieser neuen Gemeinde wollen von der Pariser jüdischen Gemeinde nicht austreten, sie verlangen auch nicht den Bau einer besonderen Synagoge, sondern wi.rischen nur, daß eine der bestehenden Synagogen, die ohnehin an Sonntagen unbenutzl bleibt, ihnen für ihre gottesdienstlichen Zwecke zur Verfügung gestellt werde. Besorders soll der stets wachsenden jüdischen Arbeiterbevölketung Gelegenheit geboten werden, sich dem Judentum anschließen zu können, wie das ja auch in den „Monatsbläberrr" durch einen jüdischen Arbeiter in so treffender Weise angeregt wurde. Daß da- Bedürfnis nach einem Sonntagsgottesdienst in Paris schon früher vorhanden war, gehl aus der Tatsache hervor, daß der verstorbene Herr Großrhbbiner Zadok Kahn, dem man gewiß destructive Tendenzen in seiner Wirksamkeit nicht zum Borwurfe machen wird, sich im Prinzip für Sonntagsgottesdienst ausgesprochen Und dem Wunsche einiger Genreindemitglieder nachgebend, eine Art religiöser Vorlesung für Sonntag Vormittag eingerichtet hat. Herr Louis G. Levi. bisher.Rabbiner in Dijon, der, wie Sie auch in den „Monatsblätttern" berichteten, an dem religiösen Kongresse in Genf im vorigen Jahre teilgenomyren und dort mit seinen Ausführungen großen Anklang fcind, sott der Pariser Reformgeimeinde geistig vorstehen. Wir werden uns erlauben, Ihne i von dem Werden und Wachsen dieser neuen Gemeinde