Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1906)
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 50 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Vater Gabriel Riesser's Er stand an der Spitze eines großen jüdischen Rabbinats mit eigener Rechtspflege. Als er alle diejenigen Juden in den Bann tat, welche Moses Mendelssohns Übersetzung der Bücher Mosis lesen werden — da ahnte er wohl nicht, daß der Geist der Schönheit, der Klarheit und des Geschmackes, in dem Mendelssohn die Bibel übersetzte, vereint mit der Unbeugsamkeit, Unerschütterlichkeit und Unerbittlichkeit des Rechtssinns und der Richterwürde, die ihn selbst beseelten, in seinem Enkel Gabriel zu so herrlicher Blüte sich vereinigen werden. Raphael Kohn, von der dänischen Regierung als einer der tüchtigsten Richterim Lande anerkannt, legte Räbbinat und Richteramt 1799 freiwillig nieder, als ihm diese dänische Regierung das Recht des Synagogenbannes entzog. Er verheiratete seine Tochter Frommaid mit dem Sohne des Rabbiners von Oettingen, dem Talmudisten Lazarus Jacob, der aus-dem Ries (jetzigen Rezatkreis in Bayern) stammte und sich deshalb Riesser nannte. Dieser Lazarus Jacob Riesser war Gemeindesekretär in Altona. Er hat scharfsinnige Rechtsgutachten in hebräischer Sprache verfaßt und zu Gunsten des im deutsch-israelitischen Tempel zu Hamburg eingeführten Gebetbuches bereits im Jahre 1819 eine Schrift! veröffentlicht unter dem Titel: „Sendschreiben an meine Glaubensgenossen in Hamburg. Eine Abhandlung über den israelitischen Kultus". Er war ein feingebildeter Mann von wahrhafter Frömmigkeit. Er hatte fünf Kinder; sein jüngstes, sein Lieblingssohtt Gabriel, wurde ihm am 2. April 1806 am ersten Sederabend während der Mahlzeit geboren. In den Hagadah-Bprträgen dieses Passah-Abends findet die Sehnsucht der Gedrückten und Bedrängten nach besseren Tagen ihren Ausdruck. Manche der alten, mit curiosen Holzschnitten versehenen Hagadah's, die sich von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, war getränkt nicht nur mit den Spuren vergossenen Weins, sondern auch mit Tränen der am Befreiungsfeste nach Befreiung Schmachtenden. Mochte der beglückte Vater bei der Freudenbotschaft von der Geburt dieses seines Jüngsten wohl ahnen, daß es ihm beschieden sein werde, Wandel zu schaffen von Dunkelheit zu Hellem Lichte, aus Trauer zur Freude, aus der Knechtschaft zur Freiheit? Die Liebe, mit der' er ihn hegte, die Erziehung, die er ihm angedeihen ließ, spricht dafür, daß der Vater auf diesen seinen jüngsten Sohn große Hoffnungen setzte. Und sie wurden reich und herrlich erfüllt! Aber wie erwiderte auch der Sohn diese Liebe des Vaters! Welch' ein reines, glückliches und beglückendes Familienleben durchdrang Riesser's Elternhaus! Mit der Amtsniederlegung Raphael Kohns gab auch der Schwiegersohn seine Stelle auf. Er lebte als Kaufmann in Hamburg, wurde aber im Jahre 1813, als Hamburg von den Russen blockirt wurde, ausgewiesen, weil er verarmt war. Er ging nach Lübeck und pachtete dprt mit zwei Hamburgern auf zwei Jahre die Stadtlotterie. Sein Sohn Gabriel bezog das Katharinen-Gymnasium (1817). Nach Ablauf der Pacht mußte Riesser (1819) Lübeck verlassen, das keine Juden duldete.