Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1906)
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2970002-2970004--7828-2978522- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
der Menschheit und sein Werk, deren nioderne Bibel, die höchste Potenz literarischen (Schaffens u. s. w.. sei. Diese superlativen Ergüsse braucht ein nüchterner Literaturkenner noch lange nicht ohnie Weiteres zu unterschreiben, um trotzdem für Cervantes und seinen Don Quijote genügend Bewunderung übrig zu haben. Freilich muß zugegeben Werden, daß ein gut Teil hes Schönen und Erhabenen, das aus jenem Werke zu uns spricht, nur demjenigen vo!tl und ganz zum Bewußtsein kommt, der des Spanischen mächtig ist und die wunderbare Sprache des Originals auf sein ästhetisches Empfinden ipirken lassen kann. Denn darüber sind sich alle Beurteiler einig, daß der Don Quijote ejin sprachliches Denkmal vofi unvergänglichem Wert für die spanische Literatur darstellt. Doch wir wollen hier mehr an den Inhalt, besser gesagt, an die Idee des Werkes änknüpfen. I Max Nordau hat neülich in einem einer hiesigen Zeitung eingesandten Artikel über denselben Gegenstand has Paradoxon aufgestellt: es gäbe Werke, die mehr sagen, qls ihre Autoren ursprünglich durch sie äußern wollten und der Don Quijote wäre ezins von diesen. Er enthielte eine Welt von Ideen, die sozusagen ohne die Absicht seines Schöpfers in ihn hineingetragen sind und deshalb wäre er auch eine unerschöpfliche Fundgrube für jeden Denker, der sich in ihn zu vertiefen verstände. Unwillkürlich l^iäre Cervantes von der ur prünglich höchst prosaischen Absicht der Persiflage verblöden Ritterromane zu der hochpoetischen Idee hinübergeleitet, einen Roman, ja den Roman der trostlosen Tragik unseres Lebens zu schreiben. In unserem scheinbar notwendigen und selbstverständlichen Streben nach Vervollkommnung und Verbesserung der Lebensbedingungen entdeckt der tiifer Blickende sehr bald einen unüberbrückbaren, traurigen Gegensatz zwischen Ideal uitb Wirklichkeit. Das Gute scheint überall so nahe zu liegen, daß man nur die Hand danach auszustrecken hätte, um dessen teilhaftig zu werden; man braucht es mit andereil Worten nur zu wollen und es ist da. Auch darüber, was gut und was böse ist, sind im Grunde genommen die meisten Menschen unter einander emig, so daß auch von dies rin Gesichtspunkte aus keine Schwierigkeiten den Weg zur Glückseligkeit verlegen. Um) dennoch, wie weit entfernt, wie unerreichbar ist diese in Wirklichkeit! So weit, da; derjer.ge, der in seines Herzens Einfalt den Glauben an hieselbr fest und unentwegt in die Tat umsetzen möchte, nicht allein sein Streben unerfüllt sehen, sondern noch obendrein unfehlbar dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen muß, , wenn er nicht gelernt hat, der Theorie und der Logik Zwang anzutun, indem er tor gewissen, wenn auch noch so natürlichen Konsequenzen bei Zeiten Halt macht. Das Alltägliche ist nun ein für.allemal der geschworene Feind des Idealen und noch nicht einmal ein großmütiger Feind, der für die Vorzüge seines Gegners wenigstens einen Hiest von Achtung sich bewahrt hat. Keineswegs; die prosaische Wirklichkeit scheint dem idealistischen Träumer bei jedem Mißerfolg mit geradezu teuflischer Schadenfreude c rinsend anzüsehen und froh kann er sein, wenn er, gebrochenen Herzens am Boden liegend, nicht noch einen Fußtritt bekommt, oder — was noch schlimmer ist — wenn