Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1905)
- Date
- 1905-11-01
- Page
- Seite 247 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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247 Die Versammlung eröffnete Samens der Einberufer der Vizepräsident der Israelitischen Union, kaiserl. Rat Anninger. * Sodann nahm Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann das Wort zu folgenden Ausführungen. „Hochgeehrte Versammlung! Es sind gerade sechs Jahre her, da waren wir in einem großen Saale so wie heute versammelt, und er war wie dieser bis auf den letzten Platz gefüllt. Es war ein außergewöhnlicher Vorgang, und was gab dazu Veranlassung? Es galt, feierlichen Protest zu erheben gegen die Beschuldigung, daß die Juden zu rituellen Verrichtungen Menschenblut gebrauchten und zu diesem Zweck Christenkinder mordeten. Wir haben damals nachgewiesen und mit einem feierlichen Eid beteuert, 8aß an dieser Blutbeschuldigung kein Fünkchen Wahrheit, sondern daß sie eine Ausgeburt des Aberglaubens und der Lüge istz Was uns heute hier zusammenführt, ist ebenfalls vergossenes Blut, aber leider kein erdichtetes und erlogenes, sondern das in erschütternder Wirklichkeit zum Himmel schreiende Blut unserer unglücklichen russischen Glaubens- und Stammesgenossen. So seltsam; sind die Wege des Schicksals! Bor Jahren mußten wir uns verteidigen gegen die Beschuldigung des Mordes. Heute aber sind viele tausende unserer russischen Gtaubestsbrüder selbst von ruchlosen Händen hingemordet. Die Rollen sind vertauscht: statt wie früher als Verteidiger könnten wir jetzt als Ankläger auftreten. Aber das sei ferne. Wie die Blutbeschuldigung, so heftet sich die Beschuldigung an unsere Fersen, daß wir nach dem Gott der Rache rufem Beides mit gleichem Unrecht. Unsere Religion lehrt uns Unbill leiden und nicht erwidern und den göttlichen Richter nach seiner Weisheit walten zu lassen. Sollen wir menschliche Hilfe, die Hilfe der Staatslenker anrufen? Es liegt allerdings die Frage nahe, ob sie sich selber helfen können? Zu keiner Zeit ist das Psalmltwrt so wahr gewesen, wie heute: „Vertraut nicht auf Fürsten, auf den sterblichen Menschen, bei dem keine Hilfe ist." Soviel ist zudem gewiß: das Unglück der Juden an sich wird die Diplomatie nicht in Bewegung setzen. Daß diese für das vergosiene Blut der russischen Juden aus eigenem Antriebe Rechenschaft fordern sollte, wie es in änderest Fällen geschehen ist und geschieht, dazu müßte erst das messianische Zeitalter oder jeher Zustand der Menschheih angebrochen sein, den unser verewigter Landsmann und Glaubensgenosse Mosenthal so schön mit den Worten schildert: „Und alle werden einen Kott verehren, der sie schuf, und Christ und Jude werden Menschen sein." Bis dahin wird man zwischen beiden immer einen großen Unterschied machen, nicht bloß bei ihren Lebzeiten, sondern auch wenn sie totgeschlagen werden. Islmsomehr ist es notwendig, .daß wir das Defizit an Liebe und Gerechtigkeit, das die Welt unseren verfolgten Glaubensbrüdern schuldet, aus Eigenem bestreiten. Man macht uns unsere Solidarität zum Borwurf. Schlimm genug, daß man sie uns nicht vielmehr als Tugend anrechnet. Noch schlimmer, daß die Solidarität der Juden nicht i