Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1905)
- Date
- 1905-02-01
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 29 selbständige philosophische Systeme geschaffen. Maimonides ist von dem griechischen Philosophen Aristoteles abhängig, den er allerdings nicht im Urtexte, sondern in arabischen Übersetzungen gelesen hat, Mendelssohn von Leibnitz — Wolff. Beide Männer stehen auf der Höhe der Bildung und der Wissenschaft ihrer Zeit, beide waren edle, felsenfeste Charaktere und bei der größten Denkfreiheit treue Anhänger des Judentums. Betrachten wir nun diejenigen Punkte, in denen Maimonides und Mendelssohn übereinstimmen und in denen wir, ohne uns einer Arroganz schuldig zu machen, die S u p e r i o r i t ä t der jüdischen Religion und ihre Bedeutung für die Zukunft ersehen können. Dahin gehört in erster Linie die Glaubens- und Gewissensfreiheit. Schon die Definition, die Maimonides vom „Glauben" gibt, beweist, daß keine andere Religion sich der gleichen Glaubens- und Gewissensfreiheit rühmen kann wie die jüdische. Maimonides bemerkt hierüber: „Nicht die bloße Behauptung, sondern die mit der Erkenntnis in der Seele verbundene Überzeugung, daß es sich auch so verhalte, wie man es sich vorstellt, macht das Wesen des Glaubens aus . . . . In Wahrheit kann von Glauben nur nach vorhergegangener Erwägung die Rede sein, denn erst die Überzeugung, daß das, was der Verstand denkt, auch außer ihm sich in der Wirklichkeit so verhält, wie er es sich gedacht, macht das Wesen des Glaubens aus. Den Namen Wahrheit verdient aber der glaube nicht eher, als bis das klare Bewußtsein sich mit ihm verbindet, daß sein Gegenteil schlechthin unmöglich ist, eine Widerlegung desselben von Seiten des Verstandes überhaupt nicht vorhanden sein, ja auch nur die Möglichkeit seines Gegenteils vernüfiftigerweise nicht angenommen werden kann". *) Darum konnte nur im Judentume ein frommer und gesetzestreuer Anhänger des jüdischen Glaubens, wie es Maimonides war, auftreten und erklären: Wenn die Anschauung des Aristoteles sicher erwiesen wäre, daß die Welt seit Ewigkeit existiert, so müßte man die Verse derselben in diesem Sinne deuten, denn die Thora darf einer erwiesenen Wahrheit nicht widersprechen. (More Nebuchim a. a. O. 2. Teil, Kap. 25). Maimonides kennt keine'Herabsetzung des menschlichen Denkens im Interesse des Glaubens, j Wie ganz anders spricht sich Albertus Magnus, der wegen seiner großen Gelehrsamkeit der ..doctor universalis'* genannt wurde, aus! Albertus Magnus entscheidet nach dem Gesichtspunkte, ob eine Meinung ketzerisch ist oder nicht. Daher bemerkt er sehr oft: Diese oder jene Meinung kpnn nicht angenommen werden, uni» baereticnm est dieere, weil es ketzerisch wäre, so zü sprechen. Für Maimonides aber gibt es keine ketzerische Wahrheit. Maimonides verwirft den blinden Glauben. Der ganze 1. Teil des „More Nebuchim“ bemüht sich, jene falsche Anschauung iw widerlegen, die sich Gott als einen Körper denkt oder ihn mit menschlichen Eigenschaften und Leidenschaften ausstattet. Wenn scheinbar auch in der Thora von Anthropomorphismen und Anthropopachien die Rede sei, d. h., wenn die Thora Gott auch menschliche Eigenschaften und Affekte beilege, so müsse hier in Betracht gezogen werden, was bereis der Talmud sage: „Die Thora spricht in der *) Bgl. Mose Maimonides Stellung zum Aberglauben und zur Mystik von Dr. Ist. Finkelscherer, Breslau 1894 S. 6 f.