Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 25 (1905)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1905)
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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26 sind gewiß .Nardinalsätze des Judentums, aber immer nur formbildende, in die die Erfahrung des Menschengeschlechtes reichen Anwalt legt. Vorschriften und Pflichtenlehren, der zweite Teil der Offenbarung, sind anderer Art. Sie verlangen Handlungen und diese hängen nicht wie unsere Anschauungen von uns und unseren Erkenntnissen allein, sondern auch von unserer Umgebung ab. Jede unserer Handlungen ist nach außen geeichtes und bedarf des Objektes. Dieses Objekt, die äußere Umgebung, verändert sich unaufhörlich und vieles, was früher möglich war, ist bald darauf unmöglich geworden, das Unmögliche möglich, das Notwendige überflüßig und schädlich, das Überflüssige notwendig und nützlich. Neue Verhältnisse machen nene Handlungen nötig, an die man früher gar nicht dachte. Diesem Wechsel der äußeren Objekte stehen aber die offenbarten Vorschriften unwandelbar gegenüber. Unwandelbar, aber nicht starr, sondern biegsam, sich den jeweiligen Verhältnissen anschmiegend, indem man sie deutete, und aus ihnen Folgerungen zog: Das ist das Werk der Seiten, die mit dem Tage begannen, an dem das religiöse Gesetz seine unwandelbare Gestalt in Form der Niederschrift gefunden hat. Das geschriebene Gesetz ist die unverrückbare Grundlage, auf dem sich das Weitere erhebt,, bis wieder ein Ereignis einen Abschluß macht, von dem aus wieder neues hinzngefügt wird. Im Judentum heißen die Abschnitte: Bibel, Talmud, und rabbinisches Schrifttum.. Man begreift, daß alle Abschnitte mit einander im Einklang stehen, da der Talmud als eine durch die Verhälnisse notwendig gewordene Folge der Bibel, das rabbinische Schrifttum die notwendige Folge des Talmud bildet und mir können uns heute trotz aller geschichtlichen Quellen nicht besonders leicht vorstellen, daß jene biblischen Vorschriften, die noch heute geübt werden, lvie zum Beispiel die Vorschriften über Sabbath- oder Festtagsrnhe je anders als jetzt gehandhabt wurden, obgleich die Tradition doch sehr scharf von der Bibel unterschieden wird. Der Darstellung des Wesens des Judentums kommt die Einheit zugute. Es muß nicht befürchtet werden, daß das Judentum in seinem Wesen je ein anderes war. Diese Einheit des Judentums aller Zeiten tritt noch klarer in seinem Sittengesetz hervor. Die Moral, die die Propheten lehrten, ist bis heute ganz unverändert und unwandelbar geblieben. Sie steht ans einer Höhe, die auch heute nur von wenigen Menschen erreicht wird. Sie ist vollendet wie das Auge des Menschen schon vor Jahrtausenden vollendet war. M.an kann sagen, daß die fortschreitende Kultur den Menschen zur biblischen Moral erst heranbildet und geeignet macht und daß das Wesen des Judentums dann besteht, die Menschen zu dieser Höhe hinanznfnhren. Inhalt: Jum 1. Januar 1905. — König Hiskia und die eherne Schlange. — Schriftliche und mündliche Thora. — Juden und Judentum. (Die Geschichte einer Cbeirrung, — Über die wissenschaftliche Darstellung des Judentums. Verantwortlicher Redakteur und Herausgeber Di*. Adolf B rn l l: Für den Inseratenteil verantwortlich: Moriz Jsaae & Co., Annoncen-Burean: Druck von H. L. Brönner's Druckerei (F. W. Breidenstein), sämtlich in'Frankfurt am Main.