Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1904-02-01 · Heft 2 (1.2.1904) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
24 (1904)
Issue
Heft 2 (1.2.1904)
Date
1904-02-01
Page
Seite 35 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969988-2969991--7177-2977854
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWWW — 35 — ’mmm* die Verzweiflung. Mein Stiefvater gab wegen finanziellen Mangels das Gasthaus | auf und wählte eine neue Erwerbsquelle und zwar begann er mit Blutegeln zu handeln. Dieses elende Hausiergeschäft war der uralte Beruf der Duna-Szerdahelyer j Familie Fleischmann, wozu sie von den Bauern der Umgebung, die in den ■ Sümpfen gesammelten Blutegel, zu Spottpreise» kauften. Ich konnte daher sehr jung alle Geheimnisse dieses Geschäftszweiges erkennen. Die Blutegel waren, nach ihrer Größe sortiert, in zirka 40 Zentimeter langen Leinensäckchen aufbewahrt; zweimal täglich wurden sie gebadet, wobei wir Kinder behilflich sein mußten. Es kostete mich viele Mühe, bis es mir gelang, den Ekel zu überwinden, den die schlammigen Tiere in mir erregten, mährend ich sie nach Größe ordnete oder die in 1 der Nacht losgekommenen Blutegel vom Fußboden zusammenfing, wo wir, in 1 Ermangelung eines Bettes, schliefen. Oft war der Eine oder Andere von uns aufj geschreckt, als die hungrigen Würmer uns in den Fuß griffen. j Leid und Freud der Familie, die bald auf 4, 6, sogar 8 Mitglieder gej stiegen war, hängte ausschließlich vom Angebot und vom Preise der Blutegel ab. 1 Die damalige medizinische Wissenschaft machte zwar im Allgemeinen. noch 1 Gebrauch von den Blutegeln, war aber in ihrem stürmischen Fortschritte immer mehr ] von der Methode des Aderlassens abgekommen und natürlich stieg das Elend unseres j Elternhauses, so wie das Bedürfnis nach Blutegeln abnahm. So verkostete ich schon s in meinem rosigen Kindesalter von jeder Art der schweren Not, Armut und harten s Entbehrungen. Besonders schwer hatten wir zu leiden, wenn mein Stiefvater auf j seinem Hausierausfluge war und das zuhause gelassene bischen Geld ausging.; Wochen hindurch bekamen wir nichts anders, als schwarzes Brod und Erdäpfel in allerlei Formen. Kaffee und Milch gehörte zu den seltenen Genüssen. . ' Fleisch jedoch bekamen wir nur am Sabbath oder an anderen Feiertagen zu kosten. J Manchmal fehlte es selbst an Brod und ich erinnere mich noch gut daran, wie ich; zu solcher Zeit hie und da zu einem Bissen gelangen konnte. j Unser Haus — eine ärmliche, gebrechliche, gepachtete Hütte — stand am Ende des Dorfes, am Rande eines Feldes, wo wandernde Zigeuner ihre Zelte auf- -j zuschlagen pflegten, als würde ich auch noch jetzt vor mir die schwarze» Kinder \ Indiens sehen, wie sie nackt oder in Lumpen gehüllt, uns Kindern den Begriff de- ■ Nomadenlebens anschaulich machten. Sie gehörten zu den walachischen Zigeunern, j zu jener interessanten Klaffe, die um vieles wilder und ungezähmter ist als die ihr verwandte Musikerrace und vom Diebstahl, von Wahrsagerei sowie vom Schmiede- ' Handwerk lebt. Dieses Volk war so abgehärtet, daß seine Karawanen selbst in der i grimmigsten Kälte im Freien übernachteten. j Neben unserem Hause war ein Weg zuni Nachbardorfe. Hier gingen die 5 Zigeuner und Bettler an jenen Tagen vorbei, da das Betteln gestattet war. Auch heute noch denke ich mit Abscheu auf jenes Bild zurück, welches diese Truppe« >

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.