Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 24 (1904)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1904)
- Date
- 1904-02-01
- Page
- Seite 33 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Zeremonialgesetz für die Gemeinde als nicht mehr in Kraft, also als abgetan, dann - beschämt sie sich selbst, wenn sie ihren modern gebildeten Rabbiner als Toteni Wächter dazu hinsetzt. , Wer aber muß sich hier fügen, die Lehre von einst oder das Leben von jetzt? Diese Frage hat eigentlich nur noch akademischen Wert, denn in der Praxis ist sie längst entschieden, hat das Leben längst obgesiegtx) Das Leben mit seinen Ansprüchen war stärker und hat diesen, in früheren Entwicklungsperioden so wichtigen Teil des Judentums dem allgenieinen Naturgesetze untergeordnet, nach welchem ausnahmslos Alles, was leben und gedeihen will, sich den bestehenden Lebensverhält- \ nissen anpassen muß. In nicht offizieller Weise haben die modernen Juden fich j auch bereits durch stillschweigende Ignorierung des Zeremonialgesetzes dem Leben angepaßt. Freilich, der Herr Rabbiner hat's nicht ausdrücklich sanktioniert, aber j daß die so mit der alten Lehre dem modernen Leben nachhinkenden Rabbiner nicht \ an Ansehen gewinnen, ist selbstverständlich. ' Warum aber nachhinken? Warum dem offiziell immer noch bestehenden Konflikte zwischen Lehre und Leben für die modernen, entwickelten Juden nicht.mit mutvoller Offenheit ein Ende bereiten? j Ich stelle deshalb als Konsequenz alles Gesagten die Forderung auf: Eine internationale Synode aller diesen Prinzipien zustimmenden jüdischen j Gelehrten und Rabbiner soll eine zeitgemäße Revision des jüdischen Zeremoniell- ] gesetzes durchführen, das Erhaltbare und Notwendige aus demselben als bindendes j Zeremonialgesetz für die Gemeinden des entwickelten, modernen Judentums aufstellen. ] woran dann Gemeinden und Rabbiner in gleicher Weise sich zu halten haben. .j Ich kann und will es nicht glauben, mein Vertrauen auf Israels Zukunft, | seine Fähigkeit und seinen Willen zur Weiterentwicklung bäumt sich dagegen auf, j daß die von Lazarus bei Eröffnung der 2. israel. Synode in Augsburg am 11. Juli i 1871 zitierten Prophetenworte, daß „das Herz fett geworden ist und dumpf das i Ohr und stumpf das Auge", heute noch tiefbeschämende Anwendung finden sollten, : heute, da der Ruf nach Klarheit und Übereinstimmung zwischen Lehre und Leben ein Notschrei geworden ist. Ich greise vielmehr auf jene Hoffnungsfreudigkeit zurück, die Lazarus am Schluffe der 1. Synode in Leipzig erfüllte, da er unter dem j Beifall der Versammlung ausrief: „Unsere Synode ist das Fundament der künftigen | Synoden. "2) 4 Die Erfahrungen früherer Synoden werden der künftigen zugute kommen, J die in jenen ausgesprochenen Gedanken und gefaßten Beschlüsie dieser als ideelle ') Man lese Lazarus' treffende Ausführungen über den „krankhaften Konservatismus" in „Treu und Frei", S. 46 ff. *) Treu und Frei, S- 14.