Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 23 (1903)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1903)
- Date
- 1903-09-01
- Page
- Seite 194 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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194 viel gewonnen. Das führt höchstens zu Handlungen der Barmherzigkeit, die im einzelnen gewiß nur zu loben aber aus einem höhern umfassenden Gesichtspunkte zu tadeln sind, weil sie 6^i all ihrer erwiesenen Unzulänglichkeit das Gewissen der solidarisch Verpflichteten beschwichtigen. „Je nun, man tut, was man kann!" ist ein bequemer Spruch. Etz gibt vielleicht Leute, die ein ausreichend feines Gefühl der Selbstbefriedigung haben, wenn sie nach der Morgenblatt-Lektüre eines mittelalterlichen Judenmassacres> der Zeitung eine bescheidene Geldspende zum Ausweise schicken. Doch auch wer sich ehrlich nach seinem Vermögen selbst besteuert, hat mit Geld allein nicht genug getan. Das Geld gibt den Toten das Leben, den Verstümmelten ihre Gesundheit den Waisen ihre Eltern nicht wieder Und wie will man mit solchen Almosen das Zittern derjenigen heilen, die zwar nicht am eigenen Leibe getroffen ftnb; aber in denselben Verhältnissen weiterleben? Die haben es noch nicht überstanden. Wir Zionisten gebrauchen eigentlich diese Argumente nur mit innerem Widerstreben. Es geht gegen unser Gefühl, Unglücksfälle politisch auszubeuten und einen agitatorischen Nutzen aus dem Jammer ärmster Geschöpfe zu ziehen. Aber es muß doch von dieser Stelle gesagt werden, mit welchem Schmerz und m itwelcher Entrüstung wir die grauenhaften Vorgänge von Kischinew vernommen haben, und mit welchem Kummer es uns erfüllt, daß Juden unter solchen Bedingungen leben. Arme sorgenschwere Existenzen habe» dort unter Martern geendet. Wir wollen ihr Andenken ehren, uns um ihre Hinterbliebenen kümmern, und dann wollen wir unsere Zeit nicht mit nutzlosen Demonstrationen verlieren, sondern unsere lebendige Sorge den Lebenden zuwenden. Denn die blutigen Tage der bessarabischen Stadt sollen uns nicht vergessen machen, daß es noch manches andere Kischinew, und nicht nur in Rußland, gibt. Kischinew ist überall, wo Juden an Leib oder Seele gequält, an der Ehre gekränkt, am Vermögen geschädigt werden, weil sie Juden sind. Retten wir die, welche noch' zu retten sind. i 4 Es ist die höchste Zeit. Wer überhaupt die sichtbaren Zeichen sieht, muß sehen, daß in der Lage erpe geradezu verhängnisvolle Verschlimmerung eingetreten ist. Wir Zionisten haben diese Verschlimmerung seit Jahr und Tag vorausgesagt — und nun sie da ist, sind wir doch aufs schmerzlichste betroffen. In den letzten zwei! Jahrzehnte» des neunzehnten Jahrhunderts glaubte man in jüdischen Gemeindekreiserl an die Emigration als Allheilmittel. Das ging, wenn wir von allem anderen absehen — vom Elend der Wanderer, von der Grausamkeit neuer Verhältnisse, in die sie unvorbereitet gerieten, voin nationalen Verluste durch immer wiederholte Zerstreuungen und so weiter — es ging doch nur so lange, als die Länder der Emigration sich gegen diesen Zufluß eines verzweifelten Proletariates nicht wehrten. Dies ist die neue Epoche, in die wir eingetreten sind. Die Einwanderungs-